Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 15 (8.4.1904)
- Date
- 1904-04-08
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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' Seite 6 Wien, Freitag Jiidieeheg YoUnbktt. 8. April 1904 Nr. 15 ihnen nicht zumindest ein Unit Juden rituell verspeistes christliches und zwar recht schönes Mädchen aufgetischt würde. Zu diesen Kreisen gehört auch die „Budnucuost", dasOrgan des Brunner katholischen Gesellenvereines. Sie schreibt: In Jglan und Umgebung ist das Gerücht verbreitet, das; der Jude Aron Grün seid eine große Kiste erhielt, in welcher sich ein sehr schönes, ungefähr 18 Jahre altes Mädeben befand. Ihre Hände waren gefesselt und in ihrem Munde stak ein Knebel. . Die freisinnigen Blätter nehmen natürlich den Juden in Schutz. Würde man so etwas über einen Kaplan oder Pfarrer (arme Unschuld!) verbreiten, sie ivürden es sicherlich nicht als leeres Gerede hinstellcn." Jüdischer Religionslehrertag in Galizien. De» jüdische Religionslehrerverein für Galizien veranstaltet am 22. und 23. Mai d. I. in Lemberg einen Religivnslehrertag. Auf der Tagesordnung stehen unter anderen folgende Referate: 1. „Die materielle Lage der Religionelchrcr." Ref. Dr. B. Hausner und D. Terner. 2. „Lehrplan und Leitfaden für den Religionsunterricht" a) für Volksschulen, Ref. N. S z y p e r und S. B a u m g arten; b) für Mittelschulen, Ref. Dr. S. S ch o r r und Prof. W e i ß b e r g; 3. „Der Religionsunterricht der Schule und die häusliche Erziehung^, Ref. Dr. M. Brande; 4. „Die Unabhängigkeit der Lehrer", Ref. M. Bala ba n. Ein ausführliches Programm wird in nächster Zeit ausgegeben werden. Juden und Polen. Aus S a m b o r wird uns berichtet : Am 20. v. M. fand unter Vorsitz des Dr. Tom aczewsky eine polnische Versammlung statt, in welcher ein Herr P spiel einen Vortrag über „Das Verhältnis der Juden zu den Polen" hielt. Popiel führte zunächst aus, daß die Lage der Juden in Polen mit sehr geringen Ausnahmen eine gute war. Am besten beweise dies die „Tatsache", daß die Juden „aus Dankbarkeit für die erhaltenen Wohltaten" sich in den polnischen Städten des ganzen Handels und Gewerbes bemächtigten, welche sie auch heute noch beherrschen. Auf die heutige Situation der Juden in Galizien übergehend, stellte der Redner die Behauptung auf, daß eS für die Lösung der Judenfrage in Polen nur zwei Möglichkeiten gebe: entweder müssen sich dieJuden assimilieren, oder das Land verlassen. Da die Assimilation der Juden zufolge ihrer nationalen Hartnäckigkeit äußerst schwer durchzuführen ist. so müsse er die Aufmerksamkeit auf den andern Weg lenken. Das Referat wurde mit großem Beifalle ausgenommen. In der hierauf stattgehabten Diskussion wurden „die assimilierten Juden als ebenbürtige Mitbürger" anerkannt, während jeder Redner darauf hinwies, daß das „Gravitieren der Zionisten über die Grenze drs Landes" für das Land äußerst schädlich sei. Es sei noch die beschämende Tatsache konstatiert, daß, obgleich der Ver-j sammlung eine große Anzahl der „jüdischen Intelligenz" au-', wohnte, kein einziger den Mut fand, daß arg geschmähte! Judentum in Schutz zu nehmen. j 'Die Jndenexzesse in Uhnow. Ans Lemberg wird uns gej schrieben: Der Prozeß wegen der Judenexzesse in Uhnow sollte Mitte Mai vor dem Lemberger Strafgerichte stattfinden. Angektagt sind 112 Personen, vorgeladen 251 Belastungszeugen, außerdem viele Entlastungszeugen. Die Verhandlung sollte zirka vier Wochen Lauern und die Zeugenkosten würden sehr große sein. Deshalb suchte das hiesige Strafgericht beim Justizminister an, daß diese ' Verhandlung in Uhnow vor einem dorthin delegierten Lemberger Strafgericht stattfinde. Bisher ist noch keine Antwort eingelangi. Mangels eines geeigneten Lokals würde die Verhandlung in Uhnow in einer Scheune stattfinden. Den Vorsitz des Gerichtshofes wird Landesgerichtsrat Koerber führen.! Podwoloczyska. In der hiesigen Toynbee-Halle veranstaltete der hiesige zionistische Verein „Degel Jehuda" Sonntag am 3. April einen musikalisch-deklamatorischen Abend, der überaus gelungen ist. Die geräumigen Lokalitäten waren voll gestopft, so daß man gezwungen war, den Kartenverkauf einzustellen. Der Abend wurde durch einen markigen Vortrag des Vizepräsidenten Herrn Isidor Preczep über den „Talmud" eröffnet, der reichen Beifall brachte. Der wohlbekannte junge Musiker Herr Viktor Goldring spielte einige Konzertstücke, die allgemeinen Beifall fanden. Fräulein Olga Eichenkatz aus Skolat deklamierte „Jehuda" von Ben Israel und wurde mit Recht stürmisch applaudiert. Herr Präsident Sch. Günsberg hielt eine überaus interessante'jargonische Vorlesung „2-110 '2V* von Abraham Singer und erntete lohnenden Beifall. Hierauf wurde durch Absingung des nationalen Liedes «Od le owdu Tikwuhthenu" der schöne Abend beendigt. Um das Gelingen dieses Abends haben sich besonders die Herren Sch. Günsberg, Isidor Preczep, Emanuel Kanczyker, David Denenbaum, Chaim Kohn und Moritz Schlehen ausgezeichnet; es sei cm dieser Stelle denen, so wie dem Fräulein Olga Eichenkatz aus Skalat und Herrn Viktor Goldring besonders der innigste Tank ausgesprochen. Rzeszow. Wie „Naprzod" meldet, starb vor einigen Tagen im Rzeszower Militärspital der Ulan Feldbaum an einer Gehirnhautentzündung und wurde ins Militärspital überführt. Der Stabsarzt Dr. Frisch erklärte, daß Feldbaum die Krankheit simuliere. Auf Grund dieser Aussage mußte Fetdbaum strafweise marschieren und alle Uebungen durchmachen. Inzwischen stieg das Fieber und als Feldbaum unfähig war, den Dienst weiter zu verrichten, wurde ihnt auf Anordnung des Dr. Frisch die Zwangsjacke angelegt und er wurde an das Bett gebunden. Zwei Tage nach dieser Behandlung starb Feldbaum. Dieser Todesfall soll in der ganzen Stadt große Erregung hervorgerufen haben. Einweihung. Das S i e ch e n h a u s der P e st e r C h e w r a K a d i s ch a war am 3. April l. I. der Schauplatz einer erhebenden Feier aus dem Anlasse, daß die drei Annexe, um welche ° die Anstalt vergrößert tvuvde, der Benützung übergeben wurden. Der verdienstvolle Präsident der Chewra, Jakob Boschan, der Generalsekretär und Anwalt Dr. Franz Mezey, der Präsident des Siechenhmrses Karl Gomperz, der Oekonom der Anstalt Philipp Back, der Oberarzt Dr. Ludwig Somogyi ulid der Verwalter Bernhard Flesch geleiteten die Gäste durch das weitläufige Gebäude, in welchem 120 Pfründner und Pfründnerinnen Unterkunft finden können, und zeigten die Speisesäle, Schlafsäle, Lesesäle, Badezimmer ufu>. Nach dem Rundgange begab sich die Gesellschaft in den im 2. Stock befindlichen Tempel, wo die Einweihungsfeier stattfand. Oberkantor Professor Adolf Lazarus leitete dieselbe mit dem Vortrage eines Psalmes ein« wobei der Tempelchor ihm assistierte. Dann hielt Rabbiner Dr. Samuel Kohn die Einweihungsrede. Vor fünfunddreißig Jahren hat er das bescheidene Hans eingeweiht, Ivo fünf Greise eine Unterkunft für den Abend ihres Lebens fanden. Nach zwei Jahrzehnten eröffnete die Chewra eine größere Anstalt, in welcher schon sechzig Pfleglinge Aufnahme fanden. Jetzt hat sie dieses Alyl so weit vergrößert, daß 120 Pfründner Raum haben. Mit Dank und Pietät gedachte der Redner der in Gott ruhenden Wohltäter S. W. Schosbcrgec und Hermann Kann, welche mit großem Eifer die Chewra bei, diesem edlen, humanitären Werke unterstützten. Zutn Schlüsse flehte \ er den Segen des Himmels herab auf das Hans, auf den Prüftdenteu, Leiter und Mitglieder der Chewra, welche durch ihr Wirkeit wahrhaft den Namen „Heiliger Verein" verdient hat. Mit einem andächtigen Gebet des Oberkantors und der versammelten Gäste schloß die weihevolle Feier. Aus dem liberalen Ungarn. Am 31. März, mittags, provozierten bei der Assentierung irr Mattersdorf bei Oedenburg Rekruten einen Streit mit jüdischen, der arge Dimettsionen aunahm. Fünfzig Kroaten drangen johlend in die Judengasse ein, bombardierten die Judenhäuscr und Judengeschäfte mit Steinen, wobei viele Fenster eingeschlagen wurden. Die Kroaten gingen mit Messern los, verletzten mehrere, darunter den Tempeldiener Samuel Oesterreichcr. Die Juden mutzten flüchten. Die Geschäfte wurden geschlossen. Jüdisches Geld für katholische Bibelforschrrrrg. In Budapest wird ein Legat verwaltet, welches den Namen „Brüder Bernhard und HeinrichLackenbacher- Stiftung" führt. Zweck dieser Stiftung ist, die biblische» Wissenschaften hauptsächlich in linguistischer und archäologischer Richtung zu fördern und für O e st e r r e i ch-U n g a r n eine vorzügliche Lehrergeneration für die Bibelforschung zu sichern. Die Lackeubacher sind eine alte, in Oberungarn äußerst angesehene, jüdische Familie, deren meisten Mitglieder noch heute der k» n s e r v a t i v e n Richtung angehören. Mehr erstaunlicher sind die Bedingungen, an welche die Erlangung dieses, von den Zinsen der Stiftung in diesem Jahre zur Verteilung gelangenden Reisestipendiums geknüpft sind. Diese Bedingungen lauten: Um dieses Reisestipendium können sich nur römisch-katholische Seelsorger bewerben. Als Studienplätze sind ausersehen: a) R o m, b) L o n d o n, e)dieBeiruther Akademie derJesuiten, 6) die Schule für biblische Wissenschaften der Dominikaner in Jerusalem. Die letztgenannten zwei Städte bilden gleichzeitig Ausgangspunkte für wissenschaftliche Reisen. Arrsland. Das englische Fremdengesctz. Die Vorlage betreffend die Einwanderung nach England, über welche wir schon des Oefteren berichteten, wurde am 20. März eingebracht und in erster Lesung angenommen. Sie richtet sich vor allem gegen Verbrecher, Prostituierte und deren Zuhälter. Pol iZ t s ch Verfolgten wird England nach wie vor offen stehen. Immerhin werden sich die Bes ch ränkun g en in int angenehmer Weise s ü hlbar machen, da auch die Mittellosigkeit ein Grund der Z u r ü ck w e i s u n g i st. Zur Begründung der Vorlage sagte der Sekretär des Innern: „ . . . Die Zahl der Fremden hat in den letzten zwanzig Jahren stark zugenommen. Im Jahre 1831 belief sie sich auf 135 000; im Jahre 1891 auf 219 000, im Jahre 1901 auf 2'9l) 000. Die Fremden zeigen unglücklicherweise die Tendenz, sich in wenigen Plätzen zu konzentrieren, wodurch sie zu großen Unannehmlichkeiten den Anlaß geben. Vier Fünftel aller Fremden wohnen in vier bis fünf Ortschaften. Im Bezirk S t e p n e y (Ost-London) gibt es 54 000 Fremde. In diesen Plätzen haben sie die Eingeborenen ganz verdrängt. Ebenso gibt es in Schottland eine große Fremden- Kolonie, über die die Gewerkschaften sich bitter beklagen. Die Beziehungen zwischen den Eingeborenen und Fremden werden so gespannt, daß die öffentliche Ordnung bedroht ist. Sie nimmt vielmehr zu. Ebenso wachse die Kriminalität unter den Fremden ..." Gegen die Vorlage wandte sich in wirklich freiheitlichem Sinne Sir Charles Dilke, der u. a. erklärte: „Meine Opposition gründet sich auf der Befürchtung, daß diese Vorlage die Opfer der politischen und religiösen Verfolgung in empfindlichster Weise treffen würde . . . England müßte imstande sein. 250 000 Fremde ohne Schaden zu absorbieren . . . Mit einem solchen Gesetze hätten wir mehrere hervorragende Franzosen ausgewiesen, die im Jahre 1871 als Kommunards die englische Gastfreundschaft suchten. Es waren unter ihnen bedeutende Künstler, große Politiker, edle Männer, aber sie waren mittellos. Und Mittellosigkeit ist nach der Vorlage ein Grund der Zurückweisung. Wir haben unter uns den Fürsten Peter Krapotkiit, der ebenfalls ohne Mittel nach England kam, da ihm die russische Regierung alles konfiszierte. Die russischen Juden, gegen die die Vorlage besonders gerichtet i st, kommen hierher als Handwerker und s i n d u n s e r e m Lande nützlich. Sie verließen ihre Heimat infolge der Unduldsamkeit Rußlands. Der englische Historiker Mr. Lecky meinte in dieser Beziehung: „Die russische Verfolgung ist eine ganz b e s o n d e r e Erscheinung infolge ihres großen Umfanges und ihrer Wildheit." Uebrigens schickt auch England mittellos e A u s w a n d e r e r i n d i e we i t e W e l t. — Die Annahme der Vorlage ist leider trotz aller Anstrengungen der freiheitlich Gesinnten gesichert. Aus Dresden. (Pastor S e g n i tz.) Ueber die Zukunftspläne dewegen seines moralwidrige« Verkehrs mit der Iran eines Kirchenbediensteten hier abgesägten antisemitischen Pastor- Segnitz erfährt man, daß er eine Redakteurstelle bei einer antisemitischen oder konservativen Zeitung sucht. Bei der letzten Reichstagswahl war der Mann bekanntlich liier von antisemitisch-kartellparteilicher Seite als Kandidat ausgestellt; einige Zeit vor der Wahl trat er aber zurück und zwar wegen seiner schon damals in manchen Kreisen bekannten sittlichen Verfehlungen. Trotzdem brachte eS S e g n i tz fertig, noch kürzlich in einem hiesigen ordnungsparteilichen Verein feine antiisemitische Ueberzeugung mit sittlichem Pathos darzulegen. 1 Die Juden im Heere. Die „Reuter'sche Korrespondenz" berichtet: „Die Veröffentlichung einer! Korrespondenz zwischen dem DeuWen Kaiser und einem jüdischen! Rechtsanwalt, die aus der Beschjttrerde des letzteren entspwn daß seinem Sohne dev Weg zum Reserveoffizierskorps dur seine Religion verschlossen worden sei, hat in England großes Aufsehen erregt. Die Juden in England glauben allerdings zn wissen, daß diese Verhältnisse, wie sie der betreffende Rechtsanwalt schildert, den Tatsachen entsprechen. Ein Londoner Rabbiner äußerte sich folgendermaßen: „Ich muß mit Bedauern sagen, daß derartige Verhältnisse in Deutschland bekannt sind. Im toleranten England gibt es Über 40 aktive jüdische Offiziere in der Armee, während die Miliz und die Aeomanry deren 26 besitzen und 12 als Offiziere in, der Marine tätig sind." — Dev Vizeadmiral i. D. Paschen veröffentlicht in der „Deutschen Revue" Skizzen aus seiner Dienstzeii! in der österreichischen Marine. Da heißt es: „Ich gedenke noch einer letzten Episode meiner österreichischen Dienstzeit. Der Herbst des Jahres 1860 brachte durch den Abzug der französischen Garnison aus Rom die Freiheit des Papstes in Gefahr. Man befürchtete eine Nevoultion und Oesterreich entsandte znm Schuhe des. Papstes die Korvette Erzherzog Friedricir, zu deren erstem Offizier ich eruaimt worden war, nach Civitavec ckia. Mit Hinblick auf die Heiligkeit des Zweckes, aber in der Eile und in den Wirren nach dem verhängnisvollen Kriege war die Auswahl des Stabes bezüglich der Konfession in wenig sorgfältiger Weise erfolgt. Nur die Minderzahl bestand aus Katholiken, ja der .Kommandant war.— horribile dictn — glaubensfrendiger Ji'^e, ich, der nächste, lutherisch, dann gab es noch mehrere Protestanten und einen Griechen. Wir geben uns indessen der Hoffnung hin, daß Seine Heiligkeit Pins der Neunte hiervon nichts bemerkt hat und sich im Falle der Notwendigkeit einer Flucht in unseren Armen vollkommen sicher gefühlt haben würde." Heinrich von Kleist und Saul Ascher. Bisher nahm man vielfach in literarischen Kreisen an, die gehässigen Aufsätze, welche nach dem Tode Heinrich von Kleists in dem „Stuttgarter Morgenblatt" erschienen sind, seien von dem bekannten jüdischen Schriftsteller Saul Ascher verfaßt. Von den betreffenden Artikeln ist namentlich in dem Schlußkapitel des Kleistbnches von Reinhold Steig die Rede. Der Annahme der Autorschaft Steigs, die sich auch aus dem uns erhalten gebliebenen Bruchstück eines Briefes von Arnim ergeben sollte, steht freilich der Umstand entgegen, daß im zweiten jener gehässigen Aufsätze Saul Ascher selbst in antisemitischem Sinne angegriffen und verspottet wird. Aber das nahm man — überaus findig! — für einen Kniff, durch den Ascher seine Autorschaft maskieren wollte, um desto sicherer ans den: Hinterhalte seine giftigen Pfeile abschnellen zn können. In einer kürzlich abgehaltenen Versammlung der Gesellschaft für deutsche Literatur setzte nun Dr. H. H. Houben in seinem Vortrage über das Urteil der Zeitgenossen über den Selbstmord Kleists die Erklärung entgegen, daß Saul Ascher mit jenen Schmähaufsätzen nichts zn schaffen hatte, und daß die letzteren von dem Redakteur und Hauptmitarbeiter des „Stuttgarter Morgenblattes", F. Weisser, herrühren, einem Mann, der nicht nur von „reinster" christlich-arischer Abstammung, war, sondern sich auch mit Vorliebe in antisemitischen Eingriffen und Spöttereien erging. Der Vortragende zeigte in der Sitzung auch gleich ein unwiderlegliches Beweisstück für diese seine Behanptnng, nämlich die gesammelten Aufsätze von F. Weisser, in denen die Schmähanfsätze gegen Kleist als Abdruck aus dem „Morgenblatte" enthalten sind, also ein Buch, in dem sich Weisser so offiziell wie möglich zur Autorschaft dieser gehässigen Nekrologe bekennt. Man darf wohl darüber staunen, 'daß diese nicht eben allzu versteckte Tatsache den berusungsmäßigen Kleistforschern bisher entgangen irar. Sa steht Saul Ascher völlig gereinigt von einem antisemitischen Verdacht da, der vor fast einem Jahrhundert auftauchte und kürzlich wieder breit in die Erscheinung trat; ein Stück „mythenbildender Substanz." des literarischen Antisemitismus hat sich wieder in eitel Dunst aufgelöst. Der Präsident der amerikanischen „Bnei Brith". Für den vor kurzem zum Präsidenten des jiDischen, Ordens der „Bnei Brith" erwählten Honvmble Simon Wolf, dev während seiner ganzen erfolgreichen Laufbahn andauernd in jüdischem Interesse tätig gewesen ist, bildeten weder seine Abstammung noch seine jüdische Tätigkeit ein Hindernis, zum Vertreter der Vereinigten Staaten in Aegypten ernannt und der intimen Freundschaft mehrerer Präsidenten Mr Vereinigten Staaten, Staatssekretäre, Senatoren usw. gewürdigt zu werden. Einige Monate vor seiner Wahl uüid vor dem Baltimorer Brande hat er vor seinen Glaubensgenossen in Baltimore einen Vortrag gehalten, in welchem er allerlei Reminiszenzen aus seinem inhaltsreichen Löben zum besten gab. Uns interessiert namentlich der Schluß seines Vortrages. „In jedweder Stellung — so etwa sagte Wolf — die ich während vierzig Jahren bekleidet habe, in meinen amtlichen und persönlichen Beziehungen, beherrschte mich stets vor alletn das eine Gefühl, den Nichtjuden den Beweis zu liefern für die absolute Ungerechtigkeit ihres Vorurteiles, die Juden selbst aber anzuspornen zri einer höheren Auffassung ihres Bürgertums, die jungen Leute zu ermutigen, daß sie fest, mutig und überall loyal seien. Wenn es mir gelungen ist, irgendwie nur den zehnten Teil dieser meiner Bestrebungen zu erreichen, bin ich über und über belohnt. An jeder Entwicklung der Hauptstadt und an der Wohlfahrt der Nation habe ich teilgenommen und stets hatte ich, wie nachgewiesen werden kann, nur ein Ziel im Auge: der Welt zu zeigen, daß die Inden unter allen Umständen zur Erfüllung der weltlichen Pflichten befähigt und geeignet seien und daß die Trennungsmauer, die Neid, Bosheit und Bigotterie errichtet haben, mit Freunden, nicht mit Feinden besetzt werden sollte ... Ich weiß, daß mehrere Mitglieder der jüdischen Presse in ihren Berichten über meine Reden zn schreiben pflegten: „Wolf war, wie gewöhnlich, ganz und gar Amerikaner und Patriot." Ich verlange keine bessere Grabschrift. Als solches Vorbild möchte ich für alle Zeiten den Menschen gelten." Simon Wolf wurde in Hinzweilev in Bayern am 28. Oktober 1836 geboren nnd kam mit seinen Großeltern nach Amerika. In Cleveland, Ohio, studierte er Jn>ra und wurde im Jahve 1801 als Rechtsanwalt! bei Gericht zugelassen. Bon dev Bundesarmee angeworben, mußte er bald wieder wegen schlechter Angen entlassen iverden. Er ging nach Washington, lvo er 35 Jahre hindurch lebte. Der Präsident Grant ernannte ihn im Jahve 1809 znm, Syndikus des Distrikts von Kolumbien. Wolf verblieb in