Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1904-04-08 · 15 (8.4.1904) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
15 (8.4.1904)
Date
1904-04-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2432763-2433023-2433038--2366-2436224
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

L»d«tio«: n/8. Lropoldsgastie 49» Gtz«chW»te»r I» Sochmlagm ton 4 Btt 5 Uhr nachmittag», »»tsch«» «NM» H|8. Brsrhwrrdi» Regra »«ttottdet oder gar nicht erfolgter 8»kt«U««g erSMen mir an» dringend. — «tanfttttte »«He» »ßcht »«»lkgefdellt. Hidfispareaffen-Tonto »47vr7. In da» Abonnement kann «an täglich eintreten. MM jedes KM- ««!»? Mwvttkmng ton vom jüdimpen Vom», drrrt» «WSHlttn Vrrpsroymttrstvn. NNftgNte äbernehmm di« Firmenr I. Lmmrberg, M. Duke», -aasen» «et» ch Vogler» «udols «osse. «. Oppelil» ft Pozsonyt. «. Schal« in Men» ferner alle Saaoneen-roiedittonea t» Auslände. Gi»zel-»r«»«er i» Wie« I« Heller. LdmiErarwn; U/S. Leopoldsgastr 49. SEeleMotuffl*. 14788 Avom»e«e«t8pre1r r«l«Ph0tt-Nr. 14788 Für Wie» n* Oefterretch-Ungar» sammt Fraacozustellung. G«Nl»hrlg . . Ar. 8>— Srtg . ... 4.— jährig. . . . „ 8.- Für daS gesavrmte NuSlan» sammt Franeozustellung. »an,jährig ... Ar. 1» - I li» Zalbj»! lierteli lhrt, Ijäh rig Ar. IS Mim. 8"AprU 1804 (33. Ms«« SS64). VI. Jahrgang. Jude». Liberale and Sozialdemokraten. W i e n, 6. April. Die Oberflächlichkeit, welch« den Zusammenhang der verschiedenen Streitfragen Oesterreichs außer Acht läßt, zeigt sich besonders dramatisch in der Auffassung der sogenannten „Wiener Frage". Jude n wie Nichtsuden schien die christlichsoziale Strömung als eine lokale Erscheinung auf Wiener, resp. niederösterreichiischem Boden an und, glaujbm das Entstehen und Ausbreiten der Christlichso-zialen durch den — Judenhaß und die Förderung von Seite der Klerikalen genügend zu erklären. Nun ist allerdings der A n t i s e m i t i s m u s> der K i t t der heterogenen Elemente der christlichsozialen Parier und ein Teil derselben ist auch tatsächlich klerikal, aber darin allein das Glaubenslbekenntnis aller Christlich- Sozialen zu «Micken, wäre ein grober Irrtum. gibt zahlreiche Anhänger Dr. Luegers, die zu seiner Fahne stehen, nicht weil sie Antisemiten und Klerikale sirrd, sondern, trotzdem sie b e i d e s n i chN sind', wohl aber g r o ß L st e r r e ich i s ch gesinnt und Anhänger einer „christl i chen" Soli a lreform sind. Man muß sich über diese Tatsache besonders' unt'er der Iudenschaft gerade jetzt klar sein, einerseits weil es im Lager der Ehristlichsozialen gewaltig gart und weil andererseits die Christlichsozialen auch in B ö h m e it, Mähren, Sch I e s i e n, Steiermark und K ä r nt e n i rn b i s h e r i g e n d e u t s ch n a t r o n a l e n Besitz st a n >d e F o r t s ch r i t t e in der letzten Zeit zu verzeichnen haben. Der Antisemitismus bildet nun die Brück« von den Deutschnationalen. zu den Christlich- Sozialen. Des. ch a u v i n i st i s ch e n Nationalismns ist der produzierende Mittelstand eben müde und en wendet sich jenen Christilichsozialeni zu, welche ihm S o z i a l r e f o rm e n versprechen, den .Nationalitäten Hader verurteilen und sich als S ch w a r z g e l b e präsentieren. Der Ekel der Bevölkerung von den all- und ostdeutschen, sowie deutschvolkli'chlm Politikern und! der M a n g e l an einer österreichisch! und w i r t s ch a f t l i ch gesinnten Partei erleichtert in Böhmen un'd. Mähren, Schlesien,, Steiermark und! Kärnten den Christlichsozialen die Arbeit. Es vollzieht sich eben in diesen Kronländern Feuilleton. Erew-Peffach. Von Schalem-Aleichem. Autorisierte Uebersetzung von Julie Goldbaum. (Fortsetzung.) IV. Fischel kam zum Bug auf einem Banernwagen am Donnersiag abends an, nach seiner Berechnung aber hätte er schon Dienstag in der Früh dort ankommcn sollen, denn er hatte Sonntag nach der» Markte Balta verlassen!. Der Teufel selbst hatte ihm den Gedanken eingegeben, auf den Markt zu gehen und sich dort nach einem »ach Chatschewata zurückkehrenden Wagen zu erkundigen. Wäre er doch lieber mit Jankel Scheigetz, dem Baltaer Fuhrmann, auf dem Hinteren Sitze gefahren, mit dem Gesichte nach rückwärts und die Füße iii der Luft baumelnd, lmb wenn es ihm dabei auch die Seele herausgeschüttelt hätte, er wäre dafür schon längst gu Hause und hätte an die schone Fahrt schon wieder vergessen. Er aber wollte eine billige Fahrt haben, und das ist ja eine alte Regel, daß das, was billig ist, auch teuer ist. Joine der Schicker aber, der Baltaer Fuhre,wermittler, hatte ihm gesagt: »Folgen Sie meinem Rat, Herr Vetter, zahlen Sie lieber ztvei Rubel, dann tverden Sie bei Jankel unter der Plache wie ci» Kaufmann sitzen, denken Sie an meine Worte: spielen Sie nicht mit dem Feuer, es ist Erew-Jom-Tauw." — Da hat ihm aber der böse Geist einen bekannten Bauern aus Chatschewata zugeführt. »He, Rabbi, möchtest du nicht vielleicht mit mir nach Chatschewata fahren?" — „Gut, wieviel wird es aber kosten?" — Fischel fand es für nötig, zu fragen, wieviel cs kosten würde, ob er ihn aber ausPessach nach Hause bringen würde, das kam Fischel nicht einmal in den Sinn zu fragen, denn selbst Wenn man zu Fuß hiuter dem Wagen gehen und dabei kleine Schritte machen müsste, tvürde man doch auch zu den Feiertagen nach Hanse ankommen können. derselbe Prozeß, dm wir lange früher in Niederösterreich und speziell in Wien erlebten, wo seinerzeit K. H. Wolf die Christlichsozialen bei den Gemeinderatswahlen unterstützte und! selbst Schönerer durch Schürung der Judenhetze dm Boden für die Christlichsozialen präparierte. Diese Tatsachen allein beweisen, wie töricht jme assimilatorisch-jüdische Politik ist, welche bei den Wahlen sich, mit! den deutschnationalen Antisemiten gegen die Christlichsozialen verbündet, aus Gründen des „Freisinns" und aus „antiklerikalen" Motiven. Gerade der unfruchtbare nationale Chauvinismus und der aus ihm resultierende Rassenantisemitismus bahnen ebenso wie der Schei n liberalismus bei allen Volksstämmen des Don a u r e i ch es dem! Klerikalismus dm Weg. Sv ist es der Fall in den Alpenländern, so ist es auch in den Sudetenländern. In Schlesien sind ganze ehemalige deutschnationale Gemeinden in den klerikalen Besitz übergegangm und dev Bankerott der deutschvolklichen Gemeindewirtschaft. in Graz und das vollzogene Bündnis der Ehristlichsozialen und Klerikalen in Steiermark ist ebenfalls ein Vorbote für einen bevorstehenden Umschwung in dieser „deutschesten" Stadt. Mrgmds also in D'Lutschösterreich sind die Deutschnationalen der verschisderMi. Schattierungen und ihrer scheinliberalen Anhängsel ein Bollwerk gegm Alt- und Neuklerikale, überall aber sind die Deutschnationalen die radikalsten A n t i s e m i t e n und die Platzh a l t e r der von ihnen bekämpften . „k lerikalen Reaktionäre". Durch n a t i>ona l e U nd u l d s a m k e i t u nd Vernachlässigung wirtschaftlicher Reformen ist die altliberale Partei zugrunde gegangen, an diesen Erbsünden werden auch, ihre deutschnationalen Sprößlinge, sow!ie die t s ch e ch. i s ch e n Antipoden verbluten und der lachende Erbe wird der — Klerikali sm u s sein. Die Hypergescheiten' unter dm Juden geben allerdings mit uns die Liberalen auf; sie suchen aber ihr Heil in der S o z i a l d e m o k r a t i e. Wir haben wiederholt ausgefüh'vt, daß sie damit weder der sozialdemokratischen Partei, noch, dm Judennützen; die sozialdemokratische Partei bringen sie in.den Ruf, daß sie „vevjudet" ist und infolgedessen entsteh schon deshalb bei ihr die.Neigung zu „antisemiteln", um die Grundlosigkeit der Angriffe der Kaum tvar Fischel ans der Stadt heransgcfahren, da bedauerte er auch schon, dieses Fuhrwerk gemietet zu haben, obzwar er sehr bequem und ganz allein wie ein Graf drin säst. Er hatte bereits begriffen, daß er bei dem langsamen Trotte des Pferdes nicht weit werde kommen können, denn xr fuhr und fuhr einen ganzen Tag und lvar noch gar weit von dem ersten Dörfchen nach Balta. Wie sehr er auch den Bauern quälte, er möge ihm sagen, ob es bis dorthin noch weit sei, der Bauer hatte ihm kein halbes Wsrt geanttvortet auszer: „Wer kann es wissen?" — Gegen Abend wurden sie mit Peitscheilknall, Gepsiff und Geschrei von Jankel. Scheigetz mit seinen vier feurigen mit Schellen behängten Rappen und mit dem Wagen mit dem grasten Dache eingeholt, der Wagen war hinten und vorrie mit Passagieren dicht besetzt. Als Jankel Scheigetz Fischel den Melamed in dem Frihrwerk des Bauern erblickt hatte, hatte er mit seiner Peitsche in der Luft geknallt, hatte beide, den Kutscher und seinen Fahrgast, nach Kräften ansgeschimpft, hatte sie initsamt dem Röhlein ausgelacht, so wie er, Jankel, es versteht, dann hatte er, nachdem er borbeigefahren tvar, dem Bauern mit der Hand auf ein Rad gezeigt und ansgerufen: „He du Gevatter, da schau nur her, eines von deilien Rädern dreht sich!" Tpr—nt—ul Der Bauer hielt an und kroch mit dem Melmned aus dein Wagen; sie. begannen beide den Wagert zu untersuchen, der Bauer kroch unter den Wagen, suchte herum, konnte aber nichts, finden; jetzt erst begriff er, dast Jankel ihn zum Narren gehalten hatte; er kratzte sich hinter den Ohren und fing au, Jankel und die gesarnten Jndeit mit solcher! Schmähworten zu fluchen, lvie Fischel solche noch nie in seiner.» Leben gehört hatte; seine Stirmne wurde immer lauter, sei» Zorn irnmer gröher. „Der Teufel soll dich holenI Du sollst kein gutes Ende» nehmen! Du sollst nicht erlebe,» nach Hause zu kommen, du sollst zu Grunde gehen, du und dein Pferd und deine Frau mw deine Tochter und deine Onkel und deine Tanten und deine Vetter und deine Basen und — und — und —> und alle eure verdammten, trnglünbigen Juden!" Antisemiterv zu erweisen. Die Juden stehen andererseits in konservative Kreisen, die trotz der Leitartikel des' Herw Austerlitz in dev „Arb.-Ztg." eine große Macht sind und wenigstens bis auf weiteres der entscheidende Faktor in Oesterreich bleiben, als Umstürzler und Revolutionäre da, die siewirklich nicht sind. Die politischm Köpfe unter dies en Freunden der Sozialdemokratie sollten auch! aus den letzte n W a h l n i e d e r l a g e n der Sozialdemokrat^ in Deutschland die Lehre ziehen, daß auch die s o z i a l demokratischen Bäume nicht in dm Himmel wachsen; sie können daraus ersehen,^ wie töricht es ist, Hilfe irgendwo anders suchen, als bei sichselbst. Die Fortschrittsfryunde. m. n. Nichts ist für die Charakter- und Geschlechtslosigkeit der Assimilationsjuden bezeichnender, als ein von der „freisinnigen" Tagespresse sorgfältig verschwiegener Vorgang, der sich am 22. März l. I. in der liberalen, sich großmäulig als „Verein der Fortschritts freunde" bezeichnenden Tischgesellschaft, in Brusattis Restauration in der Sckauflergasse zugetragen hat. Man diskutiert über die be vorstehenden Gemeinderatswahlen des ersten Wahlkörpers. Ein jüdischer Advokat, dem wir durch die Nennung seines Namens nicht die erwünschte Reklame verschaffen wollen, der sich aber sehr gerne reden hört und dadurch in Versammlungen seiner' Standesgenossen panischen Schrecken verbreitet, so oft er das Wort ergreift, warnte vor der Wahl jüdischer Kandidaten. Er begründete seine Ansicht in der den Assimilanten eigenen feigen Weise damit, daß dadurch den Antisemiten Gelegenheit zu weiteren Angriffen auf die Liberalen gegeben würde. Da sich keiner erhob, um dem Schwachmathikus die gebührende Antwort zu geben, meldete sich Herr Fried, ein Bürger vom Alsergrund zum Worte. Er hat sich, obwohl seit langen Jahren Anhänger der Fortschrittspartei, ein jüdisches Herz bewahrt und durch den Besuch der Versammlungen des jüdischen Volksvereins im IX. Beznke auch den erforderlichen Mut erworben, solchen Expektorationen entgegenzutreten. Er protestierte energisch gegen die zu dem Wesen des Liberalismus in direktem Gegensätzestehenden Ausführungen seines Vorredners. Die mannhaftem Worte, des würdigen alten Herrn fanden den Beifall der anwesenden Christen. Sekretär G e r h a r t vom kaufmännischen Vcreine stimmte denselben sogar ausdrücklich zu. Anders die Juden. Als deren Wortführer sprach Donat Zifferer und erklärte, sich der faurosen Warnung des ängstlichen Advokaten an schließen zu müssen.' Es dauerte lange, bis sich der Bauer wieder in den Wagen gesetzt hatte; er konnte sich noch immer nicht beruhigen, er hörte nicht auf, Jankel den Fuhrmanrr und alle Juden zu fluchen,.bis sie zur Nachtstation in das Dörfchen Sarschinetka angelangt tvaren. Sie übernachteterr in Sarschinetka; am nächsten Morgen stmrd Fischel bei Tagesanbruch ans, betete, las sein gewöhnliches Quantum Psalmen, frühstückte und tvar bereit, die Fahrt fortzrrsetzen. Leider aber war Feodor (so hieß sein Fuhrmann) nicht zu sehen, er war mit einem Gevatter in der Schenke sitzen geblieben, hatte getrunken und gezecht und hatte dann den ganzen Tag und einen Teil der Nacht verschlafen, dann erst hatte er sich wieder auf den Weg gemacht. „Was soll das heißen?" harte Fischel, schon im Wagen sitzend, zrrm Bauern gesagt. „Ich habe dich doch gedungen, damit du mich zu den Feiertagen nach Hause bringen sollst. Der Teufel soll deine Mutter hole»! Wo ist Gott? Wo bleibt dein Gewissen?" lind Fischel überschüttete ihn mit noch andere,! Ausdrücken und er hörte nicht ans, ihn in seiner Sprache zu beschimpfen, halb auf russisch, halb ans jüdisch und den Rest durch Geberden mit den Händen. Feodor hat ganz grrt verstanden, was Fischel meint, hat ihr» aber gar nichts, nicht einmal ein halbes Wort geantwortet, er hat tvahrscheinlich gefühlt, daß Fischel im Rechte ist, und er tvar sanft, wie ein Kätzchen, bis er am vierten Tage jenseits Pestschany Jankel Scheigetz begegnete, tvelcher von Chatschewata mit Johlen, Pfeifen und Peitschenknall zurückftrhr und tvelcher Fischel und feinem Fuhrmanne eine frohe Botschaft mitteilte: „Ihr könnt schon nach Balta trmkehren, ans dem Bug hat sich das Eis losgerissen!" Fischel war es, als er diese Worte vernahrn, als tvürde sich ettvasün seinem Herzen losreißen, Feodor aber glaubte, daß Jankel ihn wiederum zur» Narren halte, und so sah er sich veranlaßt, die ganze Flut von Flüchert und Verwünschungen nochrnals über Jankels Haupt zu ergießen, und er hörte damit erst Donnerstag spät abends, als sie zum Bug errdlich ankamen, auf. Sie fuhren sofort zu Prokop Baranink, dem Fühnnann, um ihn zrt fragen, wann er wohl

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.