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Jüdisches Volksblatt · 1904-04-01 · 14 (1.4.1904) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
14 (1.4.1904)
Date
1904-04-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Anläßlich QuartalZwechsel laden wir unsere Freunde *unt Bezüge des „Iüd is chen Volks blatte s" ein. Das „Jüdische Volksblat t" wendet sich an alle diejenigen, welche das jüdische Volk aus seiner Erschlaffung wecken und die Selbstüefreümg der Juden.' aus national-sozialer Basis vorbereiten wollen. Es sind die politischen Idealisten, die wir rufen. Das „Jüdische Volksblatt" hat sich nach verhältmsmäßig kurzer Zeit einen großen Kreis von Lesern mb Freunden geschaffen. Wer noch immer stehen große Massen des Judentums beiseite, teilnahmslos, fremd gegenüber dem eigenen Volke. Das „I ü di sche Volks blatt" ist kein auf Gewinn ausgehendes Unternehmen'. Es ist ein AgAmvnswerckzerrg für die nationale Eigenart, stir die nationale Einigung unseres arg geschmähten Volkes. Es ist eine Waffe — und wie es sich erwiesen hat — eine wirksame Waffe gegen unsere Feinde ringsumher. . Das „Jüdische Volksblatt" hat stets das nationale Pro'gramm in seinem' vollen Umfange und mit ganzem Freimute vertreten und hat die Genugtuung, daß die Prinzipien, die ess eiit! sei ner Grü nd ung verficht, trotz Hindernisse aller Art schrittweise zur A n erkennung g el ang en. ■ . Das „JüdischeVolks bl att" verfolgt mit fe fpndever Aiffmeükfamkeit die Angelegenheiten der jüdischen E^sgemeinden. EsWhtm^ÜWltusgemeiichmrdiebescheidenen, aber viel veffpriechÄwen Äjrfänge einer Autononrie des jüdischen Volkes. Es wird nach Kräften zum Ausbaue der Kultusgemeinden-Verfassung beitragen. Darunr kamr und soll jeder Freund unseres Volkes das „I ü d i s ch e V o l k s b l a t t" verbreiten! Helsen; jeder Leser, den er zusührt, ist bald eine Streitkvast für imsere heilige Sache. Eine Kampfgem-einschast, die schon das s e ch st e Jahr Sonnenschein rmd Sturm miteinander trägt, tritt vor die jüdischie Leserwellk. Inden, leset« und verbreitet das „I ü d i s ch e B o l k sblatt"! Verlanget das „Jü d ische Volksbla tt" in allen« Lokalen! Die Redaktion des „Jüdischen Bolksblattes". Der Weg zm Freiheit. J. Kr, Daägyptische Kapitel in der Geschichte Israels war von jeher Gegenstand der schärfsten Kritik unserer arischen Gegner. Die Konservativen, die an die Bibelwunder glauben, erklärten den Auszug der Israeliten aus Aegypten für ein durch Betrug erschlichenes freies Geleite; die Humanisten und Naturalisten unter ihnen halfen sich damit, daß sie die Aegypter als Opfer ihres Aberglaubens hinstellten, welche die einfachsten Naturerscheinungen für Strafen eines grollenden Gottes ansahen und aus Angst vor diesem Unsichtbaren, Israel aus dem Lande ließen. Und die Moralisten fanden in der Befreiung Israels aus egyptischem Frohndienste überhaupt etwas Erniedrigendes, weil Israel nicht für seine Befreiung gekämpft, sondern wie ein unmündiges Kind aus der Sklaverei hinausgeführt wurde. Ich will es offen bekennen, daß der letzte Gesichtspunkt mir, ohne seine Folgerung annehmen zu wollen, am meisten gerechtfertigt erscheint. In der Tat weiß die Bibel selbst nichts von einer „Befreiung" zu erzählen und auch die „Zehn Worte" betonen es ausdrücklich: „Ich bin der Ewige, Dein Gott, der Dich herausgeführt hat aus dem Land- Egypten...." Nichts von einer Befreiung! Wie die Bibel überhaupt mit den Ausdrücken für „frei" und „Freiheit" kargt! Es gibt keine absolute Freiheit. Sie ist bei den ursprünglichsten Naturvölkern nicht vorhanden und Kultur Zivilisation haben ihr immer mehr und immer engere Schranken gesetzt. Heute ist der Vogel in der Luft,, das Wild im Urwalde nicht «kehr frei und der Mensch ist Sklave der Kultüri : ■ Die Verfasser der Bibel, die sich durchwegs^- fvtvru^ulÄ diii ^Textr un^ versehrt erhalten blieben — einer Präzision des Ausdruckes befleißigen, mochten daran gedacht haben, als sie den Ausdruck der Freiheit vermieden. . Der inneren Beschaffenheit, oder wenn der anachronistische Ausdruck gestaltet ist, dem Grade der politischen Reife des damaligen Jsrckel entsprach das „Herausführen" ant besten. „Sie zogen aus... und zogen ein", „Sie brachen auf. .. und sie lagerten", diese typische», in der Geschichte Israels so häufig wiederkehrenden Merkmale einer hastigen, überstürzten Befreiung gegen den Willen und gegen das Verständnis des zu befreienden Volkes sind d.ie traurigsten Symptome unserer an Schmerzen überreichen Geschichte. Und ein gleich trauriges, und ebenfalls bis heute noch nicht überwundenes Symptom der Krankhaftigkeit unseres Volkes ist die sich stets wiederholende Erscheinung, daß diejenige Generation oder diejenige Volksmaffe, welcher die Befreiung gelten sollte, welche aus dem Elende herausgeführt wird, selbst nicht zum Ziele geführt, der Freiheit nicht teilhaftig gemacht werden kann, weil sie nicht frei sein will, weil sie sich an den Fleischtöpfen Egyptens, an welche sie unter Rutenhieben det Aufseher getrieben werden, am wohlsten fühlt, weil sie angekränkelt von den Eigenarten ihrer Peiniger, Nichtfreiwerden kann. Und so ward die zu befreiender Generation das Opfer der Befreiungsaktion, sie starb an der F eiheit, die ihr neues Leben bringen sollte. „Und sie zogen aus... und sie zogen ein!" Und sie brauchen auf... und sie ruhten aus!" Das ist die Geschichte unseres Volkes bis zum heutigen Tage geblieben. Wie reich ist doch unsere Leidensgeschichte an Ruhepunkten, weil wir so unzählige Male aufbrechen mußten! Und auf dieser langen Wanderung haben wir so manches gefunden, das unseren Weg erhellte, was uns die Mühsale des Manderns tu träglich machte; auf unseren Wegen ließen wir ewig glänzende Spuren zurück, an denen sich unsere Verfolger ergötzten, aber das Phänomen, dem wir zustrebten, jene Lichtgestalt, die stets vor uns einhergeht: die Freiheit des Volkes erreichten wir nicht. Nein, die Freiheit halten wir auch damals nicht, als unsere Könige auf dem Thron säßen! Nicht nur die Freiheit zu erkämpfen, sondern sie zu erhalten, macht den Ruhm eines Volkes aus. Und das konnten wir nicht. Unsere mildtätige, von Dankbarkeit leicht Überströmende Natur verstand' es nie, es bei der D uldun g fremder Freundschaft wie dies uns gegenüber stets geübt wurde -tt- : bewenden zu lassen; wrr brachten es uleüber uns,, aus Egoismus uns gebotene Vorteile auszunützen,, und sie mit entsprechender Münze.zu. Bezahlen, was uns gegenüber auch nicht immer der Fäll war : Für einen selbstsüchtigen Freundschaftsdienst gaben wir alles, uns selbst hin und wurden zu Sklaven. Und es ist bis heute nicht anders geworden. Die Geschichte unserer Brüder im Osten liest sich wie eine Geschichte der Wüstenwanderung in der Bibel. „Und sie brachen auf, um — irgendwo zu lagern. Keine Befreiung, nur ein Auszug und zwar ein moderner, ungeregelter, planloser Auszug. Und im Westen? Da gibt es wohl manchen Ruhepunkt, aher ähnlich jenen Stationen, von denen die Bibel erzählt: es sind Lagerplätze, in denen wir uns nicht sicher fühlen, in denen man uns das Leben erschwert, wo uns weder Liebe noch Freundschaft umgiebt, wo uns nur noch die Staatsraison, dieses, jedes wärmeren Gefühls bare, allermodernste Naturgesetz erhält. Feuilleton. Ahasver. Von Leo S o f e r. Der Saal, geschmückt mit der Barocke heitern Bildert,, Erstrahlt in einen! Meer von siebenfarb'gem Licht. Das Gold der Wände funkelt hell und glitzert Und die Gesellschaft tanzt, lacht laut und schrnachtet, kichert. Vornehm gekleidet, Sammt lind Seide, Edelsteine, Die willig all den Glanz zurück auf alle werfen. Wenn leise erst, dann laut anschwellend Weisen klingen, Bald ernst, bald heiter, sinnberückend und verlockend Des Walzers Neigen schlingen sie und feurig faßt Mit zärtlicher Geberde des Mannes starker Arm Des Mädchens schlanken Leib. So schweben sie dahii,, Als wär der Himinel blau und nirgends eine Wolke... Auf einmal steht auf hoher Brüstung hingezaubert Ein Manu halb Wehmut und halb Zorn in fernem Antlitz. Der graue Bart reicht bis zum Knie, das Auge düster, Ein grauer Mäntel wallt zur Erde, der entfaltet Die Hellen Lichter alle anszulöschen droht, Sich wie ein Schatten über ihre Häupter breitet Und auf dev bleichen Tänzerinnen weißen Nacken Bald Wölken grauen Staubes schonungslos ausschüttet. Ein Wort schreit er mit hohler Stimme in den Saal, (Sin Wort, — und sie zerstieben... Ein ivüstes Durcheinander. Der Saal ist öde mm, kalt, finster, stumm und leer. Man höret nur der Mäuse leis'geschäftges Nagen Und im Gebälk des Totenwurmes stetes Knistert! Erew-Pessach. ' Von Schalem-Aleichem. Autorisierte Uebersetzung von I n l i e G o l d b a u m. 1. Es war vor Pessach. Der Bug war übermütig geworden. Den ganzen Winter schläft er, der alte Bug, unter seiner silberweißen Schneedecke, festgeschmiedet in seinem Eispanzer ruht er unter der kalten Glashülle; rpan sieht ihn nicht und man hört ihn nicht von außen, drinnen, aber unter dem Eise kocht und brodelt es, das Wasser fließt, die Fische schwimmen, sie schweben hin und her und auch alle anderen Lebewesen, welche in den Tiefen des Flusses Hansen, jagen einander, kämpfen miteinander, fressen einer den anderen bei lebendigen) Leihe auf, wie es seit Weltenanfang Brauch und Sitte ist. Oben aber, auf dem Eise, herrscht Stille, mau hört von dem Flusse keinen Laut; zu dieser Zeit gehet) die Menschen ganz sorglos auf dem Bug hin und her, mau fährtSchlitteu, Kinder laufen ans Schlittschuhen, tollen ans dem Eise herum. Er ruht, er schläft, der alte Bug. Wenn aber die Zeit von Erew-Pessach kommt, dann erwacht der alte Bug; er bläht sich auf, fängt an zu knistern, zu krachen, seilten Glaspanzer 31t spalten und zu sprengen, er zerreißt seine weiße Decke in Stücke, reckt sich in die Höhe, streckt die berschlafeneti Glieder, beginnt. 31t brummen, zu grollen und zit rauschen, er jagt große, ungeheuer große Eisblöcke vor sich, und von der Ferne schon Hort Mait ein fürchterliches Setöse, ein Aechzen aneinaitderpralleitder Stenie, eilt verworrenes Knarren zahlloser Räder. Schön, herrlich schön ist dann der' Bug anzuschauen, wenn mau, auf einer Brücke stehend, oder von einer dlnhöhe aus beobachten kann, wie.ein uugehetler großer Eisblock iu einer Ausdehnung von einer halben Werst sich losreißt, sich fortzubewcgeit beginnt, sich hin tind he^sckiankelt und wie ein lebendiges Wesen, lvie irgend eilt Rieseitilitstktüm, lvie eine Art Elefaitt dabvugleitet. Diesem Ullgeheuec 'folgt auf den« Fttße ein zweites Ungeheuer, es versucht sofort das erste zri erklinimell, gibt' ihm eitlen Ruck, fährt in dasselbe hiueilt, dami bleiben beide ein Weilchen stumm stehen, spieleti miteinander," wie ' der Leviathan mit dem Schor' Habor. und bei diesem Spiel zerspalten sie sich beide auf Stücke und diese Stücke zersplittern sich in immer kleinere undkleinere Stückchen Mtd sie schwimmen unb jagen und treiben eitler den anderit, hinter sich auf den blauen Wasserfluten einen weihen Schaum zurücklassend, und das Wasser hebt sich, es treibt sie, schlägt sie, spaltet sie, zerbröckelt sie, verwandelt sie in einen Brei, fließt mit dieseur zusammen über alle Ufer, überschreitet seine gewöhnlichen Greitzen, überflutet alles, was ihm in den Weg kommt, schont nichts lind itiemandeit, weder Ästensch itoch Gebäude und richtet grettzenlosen Schaden au. Weint der Bug einmal übermütig wirdbauu überfällt eine Äugst alle armen Leute, ivelche an den Ufern des Flusses wohnen, und auch alle Juden des Städtchens Chatschewata, beim, abgesehen von dem gauzeit Schaden, den ei^ aurichtet, wird Chatschewata daun voll der ganzen Welt nbgeschnitten, man kann weder aus noch ein, mit der Fähre kann man ilicht hiliüber und tvenil tnan sich eitlem kleineit Aachen aiwertraut, riskiert man das Leben. Und wann trifft dieses Ereignis ein? Gerade am Erew-Pessach, gerade dann, weult Fischet der Melnmed von Balta nach Chatschewata zu den Feiertagetl nach Hatlse fahren lvill. U. Zlveimal des Jahres mit der Regelmäßigkeit einer Uhr, im Moliate Nissan und im Monate Elul, führt Fischel der Melamed voll Balta nach Chatschewata nach Hause zu Weib tind Kindern, zu Pessach und zu Sükoth. Beinahe sein ganzes Leben ist es ihm beschiedeti, bei Weib tmd Kinder bloß ein Gast, wenn mrch ein sehr erwünschter, doch nur auf kurze Zeit, so lange der Feiertag währt, zu sein. Ist der Feiertag einmal vorüber, danti marsch zltrück nach Balta, zurück zum „Si'iu'flat" (Unterrichte), zurück zum Rohrstabe, ztl der Gemara, zu deit blödeit, vernagelten Köpfen, 311m Berlassensein, zum öden Lebeit in der Fremde imb zu der stilleit Sehnsucht »lach Hmise. Kommt aber Fischel „ach Hause, daun ist er — ein König: Bath-Sehelva, seilte Frau, kommt ihttt eittgegen, das Kopftuch verschoben, das Gesicht feuerrot und sie fragt ih»t so im Vorübergehen: »Wie befindest dir dich?" Und er antwortet ihr: „Wie befindest b ti dich?" Und Ephroimke. feilt Sohlt, begrüßtihn, und der Vater

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