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Jüdisches Volksblatt · 1904-03-25 · 13 (25.3.1904) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
13 (25.3.1904)
Date
1904-03-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Wien, Ende März. Wir haben die Eröffnung der Session mit folgenden Worten begrüßt: „Die Einberufung der „Volks"-Vertreter kannjedoch nur einen formellen Wert haben, nämlich den, auch den hartgesottensten Optimisten zu beweisen, daß das Donaureich mit seiner jetzigen Verfassung, mit den alten abgewirtschafteten Parteien und ihren überlebten Programmen nicht konstitutionell regiert werden kann." Der Verlauf der Ereignisse hat unser Urteil bestätigt. Das Parlament wurde vertagt, ohne daß auch nur die geringste positive Arbeit geleistet worden wäre und der § 14 tritt wieder seine Herrschaft an. Es ist ganz klar, daß die resultatlose Vertagung des Hauses nicht zur Stärkung der Position Koerbers beiträgt. Die Po len haben es schon seit lange schmerzlich empfunden, daß ihr Einfluß in den Regierungskreisen, seit der Aera Koerber bedeutend abgenommen hat. Sie benützen daher gerne die Gelegenheit, um in der Rolle der „ehrlichen Makler" — wer lacht da nicht — dem Ministerium ein Bein zu stellen. Wie in den schönsten Zeiten des „eisernen Ringes" tagen die Schlachta, die Feudalen und die „freisinnigen" Tschechen gemeinsam und ein Ministerium Jaworski, Kramarsch, Sylv a-Tarouka zeigt sich ferne, am Horizont. . Aber das ist nur eine Luftspiegelung. Die Zeiten des eisernen Ringes sind endgiltig vorbei und was die Regierungskunst und Diplomatie Koerbers nicht vermag, das wird das Wiederaufleben der alten parlamentarischen Schacherkompangie sicyer nicht vermögen. Diese Koalition würde einer Obstruktion begegnen, gegen die die jetzige ein Kinderspiel ist. Und wer sind die Jungtschechen? Eine Partei, die eine Wahlniederlage nach der andern erleidet, die ihre Prinzipien sowie die Deutschliberalen verraten hat und der dasselbe Schicksal bevorsteht. Wir gehören durchaus nicht zu den unbedingten Verehrern Koerbers und beklagen es aufs lebhafteste, daß er seine Politik des Fortwurstelns und Fortfrettens auch auf die Judenfrage erstreckt. Der unerhörte Rechtsbruch und die krasseste Rechtsverweigerung, die den Juden täglich und stündlich begegnen, haben in ihm keinen Reformer gefunden. Auch unter seinem „modernen Regime" wird Abfall mit Anstellen belohnt und Charakterfestigkeit findet Feuilleton. Die große Frage. Von H. S. Frau Dr. Korinther gab sich aber in dieser Debatte nicht gefangen. „Es hängt allerdings davon ab, aus welchen Gründen man seinen alten Glauben ablegt, ob aus ethischen oder materiellen. Wir haben die Aufgabe, die alten Nebel zu beseitigen, ohne Rücksicht auf persönliche Leiden. Nur so kann man die Massen vorwärts bringen, das Proletariat erziehen." Zum erstenmale sprach die Wöchnerin ein Wörtlein drein. „Ich bin gar nicht gegen das Judentum. Wir tun es aus Liebe zu unserm Kinde. Wie kommt so ein herziges Baby dazu, einen alten Fluch, ein altes Vorurteil mitzuschleppen? Was hat das Kind getan, daß Jeder es für schlecht halten darf, für minderwertig? Wir, mein Mann und ich, wir bleiben in Gottesnamen, was wir sind, aber unser Bubi soll sich frei entwickeln können." „Wir haben es ja alle der Kinder wegen getan!" riefen die Damen Feilchenfeld, von Lieben und von Pollak. „Ach was, ich hab's auch meinetwegen getan! rief die kleine Frau Charas, indem sie temperamentvoll vom Eouchü aufsprang. Sie wissen doch, daß meine Kinder sehr jüdisch aussehen?" Die Damen blickten betreten zu Erde. Keine wollte diese stadtbekannte Tatsache jetzt zugeben. „Ach was, Faxen!" rief Frau Charas. „Sie sehen sehr jüdisch aus. Bei meinem'Mann verdeckt der Bart sehr viel aber meine, Jungens mit der großen, gebogenen Nase, den dichten, schwarzen Augenbraunen und mit den starken Lippen alle Drei noch dazu krauses Har! Jüdigeschlossene Türen. Auch unter seinem Regime darf eine zügellose antisemitische Presse täglich das jüdische Volk beleidigen, verleumden ^nd in den Staub ziehen, ohne daß der Staatsanwalt seine Pflicht tut. Aber auch in der österreichischen Frage kann sich Koerber zu keinem entscheidenden Schritt aufraffen. Nach der Lehre seines Meisters Ta affe erschöpft sich seine ganze Kunst darin, mit kleinen Mitteln und Mittelchen den Tag zu fristen. Aber diese Mittelchen reichen oft nicht einmal für den Tag aus. So glaubte er dadurch, daß er die deutsche Obstruktion im böhmischen Landtag an die Wand malte, die Jungtschechen zum Aufgeben der Obstruktion zu bewegen. Aber diese Hoffnung war, wie wir voraussagten, trügerisch. Wir kennen also wohl die Schattenseiten des Regimes Koerbers. Trotzdem müssen wir sagen, daß er seinen Gegnern doch um einen Schritt voraus ist. Er sieht wenigstens ein, daß es so wie bisher nicht mehr weiter geht, während seine Gegner noch immer mit den abgebrauchten Finten des parlamentarischen Kuhhandels arbeiten, die ihnen allerdings einmal goldene Berge eintrugen. Aber diese Zeiten sind vorüber. Wir kennen ein Mittel, daß alle diese Mittelchen aus dem Felde schlägt und wirklich die österreichische Frage lösen kann. Das ist die Proklamierung der nationalen Autonomie für alle Völker Oesterreichs, also auch für die Juden. Wir sprechen aber, denen,, die nicht den Mut zu diesem heroischen Schritt Habens öder denen das nötige Verständnis dazu fehlt, das Recht ab, dem Dr. v. Koerber seine Mißerfolge vorzuwerftu. Diese billige Kritik würde sich unsterblich lächerlich machen in dem Momente, in der man ihr die Möglichkeit böte, selbst die Zügel der Regierung zu ergreifen. Gewisse Ansätze für eine objektive Behandlung der nationalen Frage sind allerdings vorhanden, aber man muß sehr bescheiden sein und sehr scharf, schauen, um sie zu entdecken. Die nationale Kreiseinteilung, die bereits auf dem Kremsierer Reichstag vom Jahre 1848 einmütig beschlossen, durch die nachfolgenden Krisen aber vereitelt wurde, hat endlich Aussicht nach einem halben Jahrhundert in Böhmen — nur langsam voran — durch - geführt zu werden. An dieser einzigen Tatsache kann man die ganze Misere der österreichischen Verhältnisse ermessen. Man kann wirklich nur sagen — in Oesterreich sind die führenden Politiker und die führenden Blätter in ihrer Verständnislosigkeit einander ebenbürtig. 8. scher man schon nicht mehr aussehen kann. Auch meine Helene sieht mehr ihrem Vater ähnlich als mir." „Dabei sieht sie aus wie drei Jüdinnen," flüsterte eine Dame dem Doktor zu. „Hier in'Wien ist die G'schicht' noch gegangen — aber auf'm Land — oje! Jedes Jahr haben wir eine andere Sommerfrische gesucht, überall sind uns die Gassenbuben nachgelaufen, und überall hat's Verdruß gegeben. Ich Hab' oft geweint vor Wuth. Wie kommen die Kinder dazu, Hab' ich immer geschrieen, und wie komm' ich dazu, mir jeden Sommer zu verderben? Dann ist die antisemitische Zeit gekommen, alle meine christlichen Freundinnen sind mir ausgeblieben. Ich Hab' mir nicht zu helfen gewußt. Schließlich, ich kann doch den Buben nicht das Gesicht Herunterreißen! Einmal vor vier Jahren draußen in Mariental, da Hab' ich wieder eine Sommerwohnung gesucht. Bei den schönsten Wohnungen steht: „Nur für christliche Familien!" Ich fahr' zurück nach Wien, pack' meine vier Kinder zusammen, geh' zum Herrn Pfarrer, mein Mann kommt nach, und vier Wochen d'rauf sind wir als christliche Familie in Mariental eingezogen. Ich Hab' mich auf nichts so gefreut wie auf die Frohnleichnamsprozession, schlohweiß Hab ich sie angezogen, die Kinder, damit ihr dunkler Teint recht absticht. Und wenn das ganze Dorf vor Wut in die Luft geht — wir sind katholisch, marschieren obenan in der Prozession, knien vor jedem Altäre und damit basta!" „Also eine Trotzchristin", meinte Herr Conty, verlegen lächelnd. „Sagen Sie, eine „Jnstament-Christin". Aber meine Ruh' Hab ich seitdem, und Sommerwohnung such' ich nur mit einem großen Kreuz auf der Brust." Frau von Feilchenfeld, Frau von Pollak und Frau von Lieben zwangen sich zu einem Lächeln. Frau Dr. Korinther blickte überlegen drein, der Herr Doktor reichte der Frau Direktor den kühlenden Trank. . . Das Gespräch war zu laut geworden; die arme Frau Direktor Konty lag sehr Roch einmal das Ostasrika-Projekt.*) (Ostafrika und die politische Mafsenkolonisation.) Von Dr. A. Nossig. 1. Nun aber stellen wir die Frage: Worauf gründen die Anhänger einer sofortigen Massenkolonisation mit autonomer Grundlage ihre Zuversicht, daß diese Methode zu guten Ergebnissen führen würde, wie können sie es wahrscheinlich machen, daß ein jüdisches Staatswesen in Ostafrika gedeihen könnte? Aussichten der Massenkolonrsatiou. Jede neue Ansiedelung in einem unbekannten und noch dazu in einem subtropischen Gebiete ist ein wirtschaftlich und hygienisch riskanter Versuch. Durch alle Blgtter geht die Nachricht, daß in Uganda ein Uebel mit tödlichem Ausgange, die sog. Schlafkrankheit, endemisch sei, die jährlich viele Tausende von Eingeborenen dahinraffe. Im letzten Sommer sollen 50 000 Schwarze daran gestorben sein. Zum Glück waren es n o ch n i ch t j ü d i s ch e N e g e r . . . Beginnt man in kleinerem Maßstabe, so fallen zum mindesten wenig Opfer. Wirft man aber — das bemerkt auch Oppenheimer mit vollem Recht — Millionen von Stadtproletariern in ein landwirtschaftliches Gebiet hinüber, so mutz das ein Chaos ergeben, das nur mit beispielloser Not enden kann, und das die Ueberzähligen durch Hunger, Typhus und Cholera ans dem Wege räumen muß. Wert der Autonomie vor der wirtschaftlichen Besitzergreifung. Die moralische Befriedigung, daß man über politische Rechte verfüge, daß man sich einer gewissen nationalen Autonomie erfreue, kann unter solchen Umständen wenig helfen. Uns erscheint dieses ganze, System, das mit der Autonomie beginnt, bevor ein Staat existiert, das aller historischen Erfahrung direkt zuwiderlänst und' die natürliche Entwicklung sozialer Gebilde auf den Kopfe stellen will, höchst bedenklich. Ein um die Palästinakolouisation hochverdienter Mann hat cs einst damit verglichen, wie wenn ein Architekt beirn Bau eines Hauses nicht mit dem Fundament, sondern mit dem Dache beginnen wollte. In der Geschichte war zuerst immer ein Volk da, das von einem bestimmten Gebiet Besitz ergriff, dann erst entstand ein Staat. Aber zuerst auf dem Wege der diplomatischen Uebereinkunft die leere Form des Staates gründen, hieraus erst das Land erwerben und mit einem Schlage ein Volk darauf ansiedeln —■ daß eine solche Schöpfung gelingen sollte, das kann - -.— _ > y ' •’$ *) Da das Ostafrika-Projekt neuerlich aktuell geworden ist, so zitieren wir aus der soeben erschienenen Broschüre Dr. Alfred Nossig: „Das jüdische K o l o nisa ti o ir s p r o g r am m", B e r l i n, I ii d. Verlag, Liesen Teil. Anm. d. Red. erschöpft auf ihren kostbaren Polstern. Ihr Gatte beugte sich besorgt über sie. Der Arzt kontrollierte die Thermometer und den Puls der Patientin. Die Damen benützten diese Gelegenheit, um sich zu empfehlen. Herr Direktor Conty geleitete sie hinaus. Das Stubenmädchen half den Damen in ihre Pelze und Umhüllen, der Herr Direktor verbeugte sich nochmals, und im Vorzimmer ward es ruhig. In dieser Ruhe machte sich ein verlegenes Räuspern hörbar. Diesem folgte ein schüchternes „Sie entschuldigen Herr Direktor." Direktor Conty sah ein kleines Männchen vor sich stehen dessen schmales, bekümmertes Gesicht ihm den Zweck seines Kommens verrieth. In seiner hervorragenden Stellung kamen ihm täglich viele neue Menschen unter, und an Gesicht und Haltung erkannte er bald, was man von ihm wünsche. Das war ein demüthig Bittender, er wusite es, ohne daß Jener ein Wort sprach. Gestalt mager, Kleider reinlich, peinlich sauber, aber viel getragen, Gesicht wehmüthig — ein zugrunde gegangener Geschäftsmann. Je nun, an solchen Tagen ist man in Geberlaune — der Mann bringt außerdem eine warme Empfehlung von einer bekannten Philantropin — er soll nicht vergeblich bitten. Das kleine Männchen greift in eine Ledertasche und zieht ein kleines, wohlgeformtes Packet heraus. Das hält er verschämt vor sich hin. „Nur eine Kleinigkeit gnädiger Herr," sagt er schüchtern. „Kaufen Sie mir ein bisserl Thee ab." Conty stutzte; ihm waren schon so viele Formen der Bettelei vorgekommen, daß er neugierig auf die Pointe wartete. „Ist das alles?" frug er zögernd. „Und wenn er den Herrschaften schmeckt, dann bitt' ich um gütige Rekommandation." „Was kostet so ein Packet!"

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