Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 12 (18.3.1904)
- Date
- 1904-03-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Uijan 8664). VI. Jahrgang. MSrzstürme. Wien, 15. März. Den skandalösen Vorgängen in Prag sind nun ebenso entschieden zu verdammende Exzesse der nationalen Tobsucht in Wien im Parlamente und auf der Straße gefolgt. Und wieder müssen alle dabei beteiligten Elemente, Studenten, Abgeordnete, Presse und vor allem die assimilatorischen Juden verurteilt werden. Die ganze Schmach dieses krankhaften, vollständig entarteten Parteiwesens, mit welchem dieses gerade in den Märztagen 1904 sich beladen hat, tritt besonders drastisch zu Tage, wenn diese mit den Märztagen des Jahres '1848 verglichen werden. Damals wurde gekämpft in Oesterreich für die Gleichberechtigung aller Oesterreicher unter der Fahne der Völkerverbrüderung, heute für die nationale Unterdrückung fremder Nationalitäten und Rassen im Zeichen der wüstesten Nationalitäten- und Rassenhetze. Welch ein Unterschied auch zwischen Adolf Fischhof dem Vorkämpfer des Jahres 1848 und den derzeitigen parlamentarischen Pygmäen von „rechts" und „links"? Adolf Fischhofs Lebenszweck und sein ganzes Programm gipfelte in einem Völker versöhnten, durch die Freiheit verjüngten Oesterreich, dem derzeit tonangebenden nationalen Demagogentume ist die Aufstachelung des Nationalen Fanat i s m u s und antisemitischen Rassenh asses Selb stzweck. - Wie in Prag der tschechische Chauvinismus sich gegen Deutsche und Juden äußerte, so wendete sich in Wien der deutsche Chauvinismus zuerst gegen die Juden und nun auch gegen alle anderen Nichtdeutsche, Slaven, Italiener rc. Es fällt uns gewiß nicht ein, irgendwie die slavischen Studentendemonstrationen in Wien zu beschönigen und noch viel weniger heißen wir deutschfeindliche Beschimpfungen gut. Im Gegenteil, wir verurteilen sie aufs s ch ä r f st e. Aber nicht minder bekämpfen wir die famose Theorie, daß im „deutschen Wien" und auf der „deutschen Wiener Universität", Juden und Slaven, kurz alle Nichtdeutsche Gäste (!) sind, welche die Herren Alldeutschen und übrigen deutschen Chauvinisten nach Belieben insultieren können. Wien ist vor allem die Metropole eines vielsprachigen Reiches und die Wiener Universität in erster Linie eine ö st e r r e i ch i s ch e Universität, die aus Feuilleton. Die Repatriierung der spanischen Juden. Bon Dr. Angel Pulido. Aus dem Spanischen*) von Jakob KrauSz. Der spanische Reisende, der den größeren Teil der europäischen Staaten durchkreuzt, oder auf seiner Reise in den Orient gelangt, wird oft bei seinem Eintritte in einen Eisenbahnwagen, in den Salon eines Dampfer», oder in den Geschäftsladen irgendeines fremdstaatlichen Kaufmannes auf das angenehmste überrascht, ferne von seiner Heimat, inmitten fremder Sprachen und fremder Sitten, plötzlich Persönen zu begegnen, welche anfangs seiner an das Spanische erinnernden Aussprache des fremden Idioms mit sichtbarem Interesse lauschen, bald darauf aber mit sympathischer Unmittelbarkeit, sich tu etwas holperigem, aber durchaus verständlichem Spanisch mit allen Zeichen der Freude als Landsleute aus dem Orient vorstellen, um dann in sichtlicher Erregung ein anregende» Gespräch über Rassenmotive, Geschichte und Nationalität zu führen. Es sind dies spanische Juden, die in aller Welt verbreitet sind, um deren Existenz und Schicksale in unserem kurzsichtigen und leichtlebigen Lande sich Niemand, weder Negierung noch Gelehrte, weder Historiker noch die Kaufleute oder Publizisten kümmert. Ich sage wohl nichts Neues, wenn ich behaupte, daß unter den meisten Völkern Europas spanische Juden leben: die» wurde schon oft betont und verschiedenartig kommentiert. Bon großer Wichtigkeit wäre eS jedoch für uns, diese Materie einer eingehenden Prüfung zu unterziehen,- ihre Tragweite und aktuelle Bedeutung sestzustellen, den Zusammenhang zwischen dem Steuersäckel aller Nationalitäten erhalten wird, hier darf nimmer alldeutscher Hochmut und Terrorismus die Gleichberechtigung täglich mit Füßen treten und eine unerhörte Schmach ist es, daß assimilatorische jüdische Akademiker auch .bei diesen Demonstrationen auf Seite der antisemitischen, alldeutschen Burschenschaften standen und die — „Wacht am Rhein"!!! sangen. Diese Alldeutschen aber ließen sich die Unterstützung der deutschnational-j ü d i s ch e n Studentenvereinigungen ebenso ruhig gefallen, wie die Bundesgenossenschaft der — Klerikalen!! Es ist eben dieselbe Gemeinbürgschaft auf der Straße gewesen, welche wir so oft im Parlamente fanden, wenn es galt, angeblich die „Rechte der Deutschen" — gegen „slavischen und jüdischen Uebermut" zu verteidigen. Diese famose „Gemeinbürgschaft" unter Führung der Herren Stein, Herzog rc. existiert aber nicht etwa seit gestern und vorgestern, sie ist die würdige Erbin der „Vereinigten Linke n", es sind die Sprößlinge jener Scheinliberalen, die Adolf Fischhof gemeuchelt und auch seinerzeit im Wiener Gemeinde rate der Stadt Wien die B e g h,ü ckwünschung Adolf Fischhofs zu seinem 70. Geburtstage ablehnten, wegen seines Verrates am Deutschtum!!! Diese Sippe aber hat nichts gelernt und alles vergessen, ihre Organe haben wieder mit der „Neuen Freien Presse" an der Spitze anläßlich der letzten Exzesse in Prag und Wien in der niederträchtigsten Weise jenen nationalen Brand wieder geschürt, von dem schon Adolf Fisch Hof prophezeite, daß er in den Antisemitismus münden und zum Hinauswurfe der Juden aus den ander snationalen Parteien führen werde. Aber die assimilatorischen Juden haben ebenso wenig wie die deutschen und tschechischen Wortführer die Mahnungen und Warnungen Adolf Fischhofs beherzigt; die Früchte ihrer Politik haben wir an den Exzessen in Prag und Wien nun gesehen. Aber damit sind die Herrschaften noch immer nicht zufrieden. Auf der einen Seite wird die maß- und ziellose tschechische Obstruktion, der sich nun auch die südslavischen Abgeordneten anschließenwollev, fortgesetzt und auf der anderen Seite will man mit Gewalt von der deutschen Linken aus die Obstruktion brechen. Das nennt man eine Sanierung. Seit Jahr und Tag wiederholen wir immer und immer wieder, daß es nur eine einzige Sanierung gebe, daß die bis in das Mark verdieser Erscheinung und dem großen Eifer herauszusindeu, mit welchem die bedeutendsten, in gegenseitigem Jnteressenkampfe stehenden Völker, wie die Deutschen, Engländer, Franzosen und Italiener das Studium der verschiedensten Sprachen betreiben und dann zu beobachten, wie diese Völker die Konsequenzen einer dramatischen Begebenheit in unserer heimatlichen Geschichte zu einer Quelle des allgemeinen Wohlstandes in ihren Ländern, zum Mittel für die Ausbreitung ihrer nationalen Machtstellung umwerteten. Ich schätze die Wichtigkeit dieser Frage so hoch, daß ich mir Vorbehalte, die vielen, gelegentlich gesammelten Daten an geeignetem Orte — vielleicht in Form eines Buches — vorzulegen. Ich beschränke Mich heute auf die kurze Skizzierung dieser Gesichtspunkte. Meine Leser werden mir wohl darin zustimmen, daß diese Angelegenheit kulturelle, sprachliche und auch Fragen unserer internationalen Beziehungen in sich schließen, und daß unsere Staatsmänner, Gelehrten, Publizisten und Kaufleute gedrängt werden müßten, sich mit ihnen zu befassen und zum Nutzen und Ruhm unseres unglücklichen Vaterlandes zu lösen. Was mich betrifft, kann ich versichern, daß ich mit meiner Interpellation, welche ich in der Nachmittagsfitzung de» Senates vom 13. November vorige» Jahres an den Staatsminister Grafen San Bernardo richtete, ebensowenig di« Absicht hatte, ein« spekulative, literarische, linguistisch« oder nur episodenartige Frage vorzubriugsn, wie dies jetzt durch die Publikation dieses Aufsatzes der Fall ist. Mir handelt es sich vielmehr um eine Angelegenheit von viel positiverem Interesse und von großem Vorteile für unsere Nation, und ich habe die Absicht, in dieser Frage die unzulänglichen Grenzen eines mehr oder minder interessanten Zeitvertreibes zu überschreiten, uin ein wahrhaft patriotisches, um nicht zu sagen göttliches Werk, in Angriff zu nehmen, dessen Nutzbarmachung uud Weiterentwicklung anderen Persönlichkeiten obliegt. .* faulte Dezrmberverfassung und das vermorschte zisleithanische Parlament endlich aus der Welt geschafft werde und daß ohne eine neue national - aut ono mistische Verfassung die Herstellung des Völkerfriedens in Oesterreich u nmögltch ist. Beweist nicht jede Sitzung der Volksvertretung immer von neuem, daß das österreichische Parlament und die gesamte Verfassung reif für die Sichel ist. Ungemein albern aber ist es, wenn man vom Ministerium K o e r b e r fordert, nach demselben Rezepte den Reichsrat zu heilen, welcher daZ Ministerium Tisza betreffs des ungarischen Reichstages angewendet hat. Abgesehen davon, daß das momentane Aufhören der ungarischen Obstruktion noch lange nicht die Lösung der ungarischen Frage, die Konsolidierung der transleithanischen Verhältnisse bedeutet, standen sich im Budapester Reichstage nur magyarische Parteien, überdies bloß Vertreter der privilegierten Klassen gegenüber, während im österreichischen Abgeordnetenhause die Obstruktion nur eine Folge des Kampfes verschiedener nationaler Partien ist. Wenn aber in Ungarn in letzter Linie doch die Furcht vor einer Wahlreform und dem Aufmärsche deutscher, slavischer und rumänischer Deputierter im ungarischen Reichstage zur Verbrüderung der magyarischen Reichstagsparteien und zum Aufhören der Obstruktion führte, so kann auch in Zisleithanien die Obstruktion dauernd nur niedergeschmettert werden, wenn durch eine Verfassung sreform die Obstruktionisten weggefegt werden. Die heutigen parlamentarischen Parteien wollen die Ratschläge Adolf Fischhofs nicht beherzigen, sie wollen nicht die nationale Streitaxt begraben, es muß also über ihre Köpfe hinweg Ordnung geschaffen werden. Aber die Juden Oesterreichs mögen endlich in zwölfter Stunde die Zeichen der Zeit verstehen, sich emanzipieren von den alten Parteien und dem Rate Adolf Fischhofs gemäß sich organisieren und betätigen: Als treue Söhne ihres jüdischen Volkes, ihres österreichischen Vaterlandes und der modernen sozialen Zeit. Der Liberalismus und das Judentum. L ö b l i ch e R e d a k t i o nl In Nr. 53 (1903) Ihres gesch. Blattes wurde der jüdische Herr „von" Pollak, der Präsident des Gremiums der Wiener Kaufmannschaft, als tatkräftiger Helfer dev antisemitischen Partei ES war am letzten Augusttage des Jahres 1883. Ich befand mich, mit meiner Familie plaudernd, auf dem B«rdecke eines jener niedlichen Schiffe, die zwischen Wien und Budapest verkehren, als sich uns eine Gruppe bestehend aus drei Mitreisenden näherte. Einer von ihnen, ein bereits älterer Mann, etwas beleibt, mit weißem, gestutztem Bart«, einem Schirm in dar Hand, trat auf uns zu, grüßte in korrektent Spanisch, und frug: „Entschuldigen Sie Herr, Si« sind Spanier?" „Jawohl, mein Herr", antwortete ich. „Aus Ihrer Frage zu schließen, sind Sie es wohl auch." „Ganz richtig. Doch bin ich nicht Spanier aus Spanien, sondern ein Spanier aus dem O r i e n t." Diese Antwort überraschte mich. Noch hatte ich des Rätsels Lösung nicht gefunden, als ein zweiter von den drei Passagieren, ebenfalls in vorgerücktem Alter, der bis dahin respektvoll abseits stand, sich entschloß, an dem Gespräche teilzunehmen, und meine Ueberraschnng noch steigerte, indem er sprach: „Auch ich bin Spanier, jedoch zuständig nach Serbien." „Gestatten Sie meine Herrelk, Ihnen zu erklären, daß ich dies« Ihre „Zuständigkeit" nicht recht verstehe", erwiderte ich, »och immer nicht begreifend, obgleich ich schon oft solche Antworten zu hören bekam. „Wir find spanische Juden!", fügte der erstere dann hinzu. „Ach so! dann ist die Frage erledigt!" rief ich in ununverfälschtem spanischen Dialekt. Bald gesellte sich auch der dritte Jude — ebenfalls Spanier — zu uns, und nachdem wir uns, unserer vier, meiner Familie angeschloffen hatten, bildeten wir einen Kreis von sieben Personen, in welchem sich alsbald eine lange und lebhafte Konversation herausbildete. Tausende von Fragen wurden aneinander gerichtet, über die Lebensweise, über herkömmliche Gewohnheiten u. s. w. Durch unsere Unterhaltung zog ein eigen* *) „La IUußtraoion EspagnoJa y Americana 1904, Nr, V.