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Jüdisches Volksblatt · 1904-03-11 · 11 (11.3.1904) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
11 (11.3.1904)
Date
1904-03-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Lrd«tto»r H/8. Lsopoldsgasse 49, GPrechW«»e«1 *■ »oi-mlagm »DU 4 Btl 6 Uhr nachmittagf. P<|Utnft > USXfchel «fUMbitt, »1««» II |8. V,schv»»r»«» «eoen »i nif dringend. — Steter oder gar nicht erfolgter guPellnn^eröMev «tr erttite t»et»e» »ß«t puckckg Vostlparcasieu-Loat» J470R7. I» daß »domtement kamt «an täglich eintreten. Grslheint jede« Keitay mü»r Mttwrrkmlg drr vom lüvrvyrn volk»- vrrrtu rrwShüe» VrrMommlsfto». Jnfernle »vernehmen dir Firmen r g. Danneberg, «. DukeS, Haajen» Sei» » Sogler, «udolf «ofse, «. vppelil. «. Pozsonyi, «. «chalek in «im. ferner alle Atmoncew-LrpedUwnen im luflande. M»zel-Nrr««er 1« Wie« I« Heller. XdminiNratton r n/3. Leopoldsgsye 49. relephott-vr-. 147»» »bo««e«e«tSpreiSr TelePhon.Nr. 147»» Für »len k, Oefterreich'llngarn lammt Francozuftellung. 3»Lg rig Ihrig Kr. 8.— „ 4- ».— Für baS gesammte UuSlmi» sammt Francozustellung. Ganzjährig ... Kr. Ist.— «SW.-.:: . - Za Nr. 11 Wien, 11. Mär? 1904 (24. Adar 5664). VI. Jahrgang. «aa MwawiwimnTraw m j hu mumwiiiMivjai Bnröaei. Der nationale Wahnsinn feierte wieder Orgien in Prag. Die Früchte der systematischen Verhetzung der Nationalitäten und Rassen, welche von den chauvinistischen Wortführern auf tschechischer und deutscher Seite gehegt und gepflegt werden, von der beiderseitigen Chauvinistenprefse berufsmäßig betrieben werden, traten nun als nicht genug zu brandmarkenden Prager Straßendemonstrationen zutage. Wir, welche selbst auf n a t i o n a l e m Boden stehen und für die nationale Gleichberechtigung aller Volksstämme des Donaureiches eintreten, begreifen und achten nationales Fühlen bei jedem Volke, aber gerade darum müssen wir den nationalen Fanatismus, die abscheuliche Intoleranz gegen andere Nationalitäten als Fälschung und Korrumpierung des nationalen Gedankens in der schärfsten Tonart verurteilen. Wir klagen insbesondere die meisten Prager und Wiener Blätter, mit der „Neuen Freien Presse" an der Spitze, an, daß sie in rührender Uebereinstimmung die Volksmassen belügen, ihre Herzen vergiften, die Geister blenden und widereinander entflammen. Auf der einen Seite wird in dem Aufmärsche der „BurZa ei", der Burschenschaften in den Straßen Prags eine Provokation, eine Gefährdung des tschechischen Charakters der „glorreichen Hauptstadt des Königreiches Böhmen" erblickt, auf der anderen gelten die bunten Kappen der vielfach als „Deutsche" sich markierenden verkappten Juden als Symbol deutscher — Bildung und Kultur! Es wäre zum Kranklachen über diese „nationale" Politik der beiden kulturell entwickeltesten Völker Oesterreichs, wenn nicht unter diesen nationalen Borniertheiten die ganze Monarchie und die gesamte Bevölkerung leiden würde, wenn nicht gerade die assnmilatorischen Juden eine traurige Rolle auch bei diesen chauvinistischen Komödien spielen würden. Die Assimilanten geben sich in Prag zu Bundesgenossen derselben deutschnational-antisemitischen Burschenschaften her, welche an der Wiener Universität — wohlgsmerkt ohne Provokation seinerzeit eine Judenhetze veranstalteten und auch in Prag eine scharfe Scheidung zwischen judenreinen und verjudeten Burschenschaften machen, sie opfern sich also für ein Deutschtum, das gar nicht anerkannt wird (man erinnere sich nur an den Streit zwischen der „Saxonia" und „Allemannia", der vor einigen Tagen in allen Zeitungen sich breitmachte). Die Assimilanten fehlen aber andererseits Feuilleton. „Schach dem König." Von Rub. A Brandes. Aus dem Hebräischen von D. Rothblum. (Schluß.) IV. Der alte Hartmann war noch nicht ganz besänftigt. Das Exempel des Bauers, der aus seinem Schlupfwinkel hervorkriecht und dann zur größten Macht gelangt, gab ihm keine Ruhe. Des Nachts schreckten ihn böse Träume, des Tags sah er überall sich bewegende Schachfiguren mit dem vielgefürchteten Bauer. Sogar im Bethause verfolgten ihn seine Visionen. Er fürchtete, den Verstand verlieren zu müssen. Am Ende wurde er krank. In der Stadt lachten viele über diese Ereignisse, manche nahmen sie aber ernst. Es wäre unerhört, sagte man, daß so ein verdienter Präsident gestürzt werde, es sei rabiat und obendrein unjüdisch noch dazu. Es sei die reinste Geschichte vom Bauernkleppel, sagten die Leute, welche von der Aeußerung Hartmanns beim Schachspiel gehört hatten. So etwas sollte in einer alten jüdischen Gemeinde gar nicht Vorkommen können... Hartmann kam jedoch nach einigen Tagen zu sich und richtete mit Hilfe seines Advokaten einen Rekurs an die Statthaltersi, der nichts weniger als die Nichtigerklärung der Wahlen verlangte. Die Hoffnung auf einen guten Erfolg machte ihn stark. Er achtete nicht auf die Anspielungen, die seine Bekannten über die „Bauernaffatre" machten. „Ganz richtig", sagte er ernst, „dieses Spiel ist revolutionär ..." „Das ist aber doch der Weltengang", wendeten die Freunde ein, „die alten scheiden und die Jungen erscheinen, eine Welle geht und die andere kommt . . ." auch nicht auch nicht auf Seite jener fanatisierten jungtschechischen und national-radikalen Menge, welche russophile Lieder singend gegen Deutsche und — Juden losstürmte. Und schließlich kann es sich nicht bei den skandalösen Exzessen in Prag, welche zur Intervention des Militärs führten, darum handeln, wer im Rechte ist, sondern welcher von beiden Teilen mehr Unrecht hat. Prag ist keine exklusiv tschechische, allerdings viel weniger noch eine exklusive deutsche Stadt, sondern eine österreichische Stadt, in welcher gleiches Recht für Tschechen, Deutsche und — Juden gelten sollte. Von diesem Standpunkte aus sind Lieder wie „Deutschland über Alles", die „Wacht am Rhein" ebenso provozierend, wie „Hrom a peklo" und diverse — russische Lieder. Andererseits ist es zur „Rettung des Deutschtums" nicht notwendig, daß am Prager Altstädterring arische oder jüdische „BurZaci" mit Kappen herumlaufen und ebensowenig besteht eine „Gefahr" für das tschechische Volk, wenn dies — doch geschieht. Wohl aber besteht eine Gefährdung der wirklich nationalen Interessen beider Volksstämme und wahrhaft nicht am wenigsten der jüdisch-volklichen, wenn nicht endlich eine Emanzipation der Völker vom nationalen Komödiantentum und politischen Jesuitentum erfolgt in Cis- und Transleithanien. Gerade den.Zusammentritt des Reichsrates, der zum Gespötts für das In- und Ausland geworden ist, hat das national-fanatische Fexentum sich gewählt, um in Prag jene sinnlosen ExzeM aufzuführen, die ein würdiges Seitenstück zu der albernen Obstruktion in Wien und Budapest ist. Die Völker der Monarchie müssen mit ihren blutig erworbenen Steuergroschen die Diäten jener Gaukler bezahlen, die in Wien und Budapest, anstatt wirtschaftlich zu arbeiten, obstruieren und damit das erbitterte Volk diese Herrschaften mit Dreschflegeln nicht davonjage, verhetzt man, wie es in Prag geschieht, die Massen gegeneinander. So kann aber in dieser Monarchie nicht weiter gewirtschastet werden. Was in Prag, Wien und Pest auf der Straße und in den Parlamenten sich abspielte, ist ein neuerlicher Beweis dafür. Die «mtijüdische Bewegung in Ungarn. B u d a p e st, 1. März 1904. I. Es läßt sich nicht leugnen, es gibt eine solche und sie wird immer kräftiger. Eigentlich sind es verschiedene Nüancen und Strömungen, die sich sonst in den verschiedensten Dingen „Gemeindesachen sind kein Naturgesetz", sagte Hartmann energisch. „Und es wird noch einen Kampf geben, mein Lieber, einen Kampf zu Gottes Ehren." V. Während der Vater von einem Amt zum andern wanderte. arbeitete der Sohn fleißig an der Veranstaltung des nationalen Abends. Und alles ging wie am Schnürchen. Die Zentrale versprach einen Redner zu senden und die ganze Stadt interessierte sich für die Sache. Große Plakate verkündeten es und kleine Gruppen besprachen an den Straßenecken das kommende Ereignis. Hartmann war wohl mit der eifrigen Tätigkeit seines Sohnes nicht sonderlich zufrieden, er mochte aber nicht in diesen schweren Zeiten seinen Hausfrieden stören. Empört über diesen Agitationsabend war Chelemnizki. „Ja, was sollen denn nur unsere polnischen Brüder über diesen Bruch sagen", jammerte er, „über diesen schnöden Verrat an der polnischen Heimat!" Doch seine Tochter schien ihn gar nicht zu hören. Und so kam der lang herbeigesehnte Abend. Der Saal war überfüllt. Alle Klassen waren vertreten, die frömmsten und fortgeschrittenen, und auch alle Altersstufen. Der aus der Hauptstadt entsandte Redner hatte einen vollen und starken Erfolg. Dann sprach noch Sofie Chelemnizka. Sie wendete sich an die Frauen, wies hin auf die Stellung der Frau im Judentume, auf die Rolle, die sie einst in der Geschichte spielte und auf ihre heutige Indifferenz. Sie sprach offen und frei, mit einer ernsten Neberzeugung, die unfehlbar wirkte. Man applaudierte ohne Ende, man rief die junge Rednerin bei Namen und jubelte ihr zu. Jeruchem hörte sie von der Ferne an. Da kam es ihm vor, als wenn das Mädchen doch gar nicht so häßlich wäre. Im Gegenteil. Ein idealer Zug legte sich in ihr erregtes Gesicht. Und wie sie so dastand und begeistert sprach! Jeruchems Herz begann laut zu pochen . . . unterscheiden, aber eben in ihrer Gegnerschaft gegen das Judentum und seine Anhänger Zusammentreffen. Wir charakterisieren diese einzelnen Parteiungen am besten nach ihren publizistischen Organen. Da ist vor allem die „Volkspartei" mit ihrem Hauptorgane, dem täglich erscheinenden „Alkotmüny". Die Partei zählt im Lande ziemlich viel Anhänger und es dürfte, nach dem Verlaufe der in der letzten Zeit stattgefundenen Abgeordnetenwahlen, insbesondere in Bodajk, die Zahl der bisherigen 23 Abgeordneten einen nicht unbeträchtlichen Zuwachs erlangen. Das Blatt wird in Budapest selbst nicht viel gelesen und bezeichnender Weise konnte ich — als ich einmal ein Exemplar, in welchem meine „Statistik der Juden Ungarns" aus dem „Egyenlöseg" besprochen wurde, in acht Trafiken der Andrässyutcza, die ich der Reihe nach aufsuchte, zu meiner großen Genugtuung das Blatt nicht erhalten. Ueberhaupt muß der Budapester Judenheit anerkannt werden, daß sie die antisemitische Presse in keinerlei Weise — eine kleine Anzahl „Auch"-Juden ausgenommen — fördert und das man hier nicht das in Wien übliche Bild findet, wo in den Kaffeehäusern antisemitische Preßerzeugnisse die ständige Lektüre einer großen Anzahl jüdischer Besucher bildet und gerade um dieser halber gehalten werden — in den meisten Kaffeehäusern Budapests liegen „Alkotmäny" und Konsorten nicht auf. Am auffallendsten ist dieser Boykott beim zweiten klerikalen Blatte, dem täglich erscheinenden „Uj Lap", welches für zwei Heller auf der Straße verkauft wird. Während nun die anderen Zeitungsverkäufer laut und nachhaltig den Namen des Blattes verkünden, wird beim „Uj Lap" stets der Namen verschwiegen und nur eine der unwahren sensationellen Neuigkeiten ausgerufen und auch auf ausdrückliches Befragen erfährt man nur, daß es eine „Extraausgabe" sei, uud so gelingt es, einem ahnungslosen Passanten den Kreuzer zu entlocken. In der letzten Zeit ist aber das Publikum bereits gewitzigt und so verschwindet das Blatt fast ganz aus dem hauptstädtischen Getriebe und hat auch sein Erscheinen statt wie bisher zweimal täglich, nur auf eine Abendausgabe beschränkt. Aehnlich ist ein anderes Kolportageblatt, „Magyarsüg", das sich auch in den bissigsten Ausfällen wider die Juden gefällt. „Magyar Allam" ist ein Tagblatt für kirchlich-katholische Interessen, hauptsächlich unter der katholischen Geistlichkeit verbreitet, das eigentlich die Juden nur selten augreift und sie in der Regel ganz ignoriert. Eine eigenartige Spielart, und vielleiust die gefährlichste in Judenhaß arbeitende Gruppe sind die Agrarier mit ihrem Hauptorgane „Hazünk". Aus diesem Lager ist auch dieser Tage eine Broschüre, betitelt „Die jüdischen Grundbesitzer und Gutspächter in Ungarn", erschienen, welche Herrn Geza Petrassevich zum Verfasser hat, das jetzt von den erwähnten Blättern getreulich rekapituliert wird. VI. Chelemnizki war der Einzige der ganzen Stadt, der mit diesem Abend unzufrieden war. Er konnte den „Bruch" mit dem Polentum nicht verschmerzen. Er machte auch seiner Tochter die bittersten Vorwürfe wegen ihrer Anteilnahme an diesem Verrat. „Es ist eben die Suche nach neuen Göttern", sagte er vorwurfsvoll, „und dieser Weg kann mir nicht gefallen". „Es sind keine neuen Götter, Vater", sagte das Mädchen, „es sind die alten, die uns seit den urältesten Zeiten beschützen. Ist es nicht der Messiasglaube, die Hoffnung der einstigen Rückkehr in das gelobte Land, die uns in diesen vielen Jahren des Leidens am Leben erhielt?" „Jawohl, der Glaube an Gott, aber nicht an eine Handvoll Jünglinge und Mädchen!" „Jeder Gedanke, der im Herzen des Volkes Wurzel faßt, stammt von Gott. Gott handelt durch die Menschen!" „Der Gedanke ist eben zu neu, mein Kind." „Was verschlägts? Du kennst doch am besten das Wort Hartmanns! Der konsequent vorschreitende Bauernbursche gibt „Schach dem König". Das ist eine tägliche Tatsache im Leben der Völker und auch in der ideellen Welt der Gedanken und Ideen. In der Aufklärungsepoche rief man: Schach den Traditionen! In der Assimilationsepoche schrie man für kurze Zeit freilich: Schach der hebräischen Sprache und Literatur, Schach den heiligen Statten Israels! Und nun rufen wir mit aller Energie: Schach der Haskalah- Aufklärung! Schach der Assimilation! Und euere Furcht vor dieser neuen Idee beweist am besten ihre wahrhafte Stärke, ihre Macht! Wohl hat unsere Idee erst die Rolle eines Pioniers iune, doch sie schreitet vorwärts mit festen, unabwendbaren Schritten, und bald wird sie die alleinige Herrscherin im ganzen Judentum sein!“

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