Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 10 (4.3.1904)
- Date
- 1904-03-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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LeLnetüm: II/8. Leopoldsgaflie 49« GP»echN«ch«»t S» «»chmtage» ,o« 4 dir K llhr nachmMagt #>.«*»»•«» »»»Ische» «-»«um, «i«. »iS »»s«r,wrrde« ia,,eu »rrlp Steter »der -ar nicht rrsolatrr 8-stklluna eröMrn «to ml dringend. - MiumfcviMc »erde» Aichs »«UlkgesteM. S»ß!porcaffen-r»nto t»7«7 Ja da» »»oaaaaeal kann «an täglich etatretra. Erschmt jedeu Freitag «Mir ««rvttrkmrs der vmn M-fttzen Vom» ver»tu srwShttrn PrefseommIkNmi. A»s»»air »deraedmen die »tonten: g Dannrbrrg. St Dult», daaien' labt « »oqler. «nboTf «So^. «. Oppelik. M Pozlonyt. «. Schal«! t» Dien, ferner alle <nnouee»»Erpe0tttonen im Auslände. Ei»zei.-r««mev t» Wie« 16 Heller. »*.»w*wwi«.wwrw>t»it .utwuijim iiimiüUiWUMmWMU!) Ur. 10 Wien. 4. MSrr 1904- (17. Adar 5664). »vminMratton; II/3. Leopoldsgalle 49« Telephon,«». 14798 Abo»ue«e»tSpreiS: Telephon««». 14798 88» «len n. OefterretchoUngarn lammt Francozuftellung. «anzjährig Halbjährig «ierteljSHrig Kr. 8 — ' L- 88» das gelammte Anßla»» lammt Francozustellung. Ganzjährig . . . Halbjährig . . . Bierteljährig . . . Kr 10 - *. uw VI. Jahrgang. Königgrätz Nr. 2. Sowie im Jahre 1866 bei Königgrätz das absolutistische Regime zusammenbrach, scheint allmählich dasselbe Schicksal dem dualistischen Scheinkonstitutionalismus und seinen Repräsentanten bevorzustehen. Den Chauvinisten und Antisemiten wächst der Chauvinismus und Antisemitismus über den Kopf und die Wählerschaft beginnt zwar sehr allmählich, aber schließlich doch des unfruchtbaren Kampfes aller gegen alle im Donaureiche überdrüssig zu werden. Ein solches Symptom ist die Wahl des Grafen Sternberg, eines „Wilden", zum tschechischen Abgeordneten trotz der wütendstenGegenagitation aller Gegenparteien, der feudalen Jungtschechen, Agrarier und Nationalradikalen der verschiedenen Schattierungen. Graf Sternberg selbst erklärte auf Grund eines wirtschaftlichen Programmes für den Ausgleich und gegen die Obstruktion gewählt worden zu sein. Ist dies nicht eine totale Niederlage der verschiedenen anderen tschechischen Fraktionen und speziell der Jungtschechen, die von den vielen tausenden Stimmen nur 45 erhielten!!! Die Jungtschechen gehen denselben Weg und demselben Ende entgegen, wie ihre altschechischen Vorgänger und einstigen Antipoden. Sie zogen aus als eine demokratische sozialreformatorische Partei und endeten als Schleppträger des Feudalismus, Chauvinismus und Antisemitismus. Jene, welche Massaryk als ihren schlimmsten Gegner bczeichneten und täglich neue Bannflüche gegen die realistische tschechische Volkspartei schleuderten, werden jetzt von den Baxa, Klofac und Konsorten, (den Arrangeuren der Demonstrationen für die russische Knute, gegen Deutsche, Juden rc.) als „nationale Verräter" abgetan. Ganz dieselbe Entwicklung, die wir im deutschbürgerlichen Lager erlebten!! Die „Freisinnigen", „Fortschrittlichen", „Liberalen", welche Fi sch Hof und Walterskirchen meuchelten, sich später mit den Klerikalen koalierten, haben die antisemitischen deutschnationalen Ost- und Alldeutschen großgezogen, die von S l a v e n- und Judenhetzerei leben und deren Ideal die Zustände im preußischen Junkerreiche der Tugend und frommen Gottesfurcht sind. Nicht nach der Schweiz oder Amerika, wo verschiedene Nationalitäten friedlich Zusammenleben unter Feuilleton. Taufe« Die Kardinale bauten Scheiterhaufen, Der wilde Pöbel plünderte und stach; „Wollt ihr zum Wasser oder Feuer laufen?" So kam der Priester, Henker kamen nach, Bereit zum Sengen, so loie er zum Talifeu. Jedoch die Jude» all, die schmerggebeugteu, Sie wollten ninuner plliristenseligkeiten, lind da des Abends Fit liehe sich geigten, Erlohten Menschenfaekeln weit und breit; Man brannte Mütter, welche Binder säugten-■ Und t)o11t V Vianin kann der Bube sich gedulden, Bis seine piergehn Jndenjahre um; tlnd dann —~ ein kleiner Titel, ein paar Gulden, Und. forlgeiveihranch, ward das Judentum —• Man hat ja schließlich Ehrgeiz oder Schulden. Die Kämpfe gaben Böllern ihre Besten, Die Kiiechtschaslsmnste ist für sie der Tod.- Mein armes Judenbolk! Tn kannst dich trösten, Der Kampf beginnt, die Besten koiumenl Kot Soll anderswo die reine Luft verpeste»! Beda. „Schach dem König." Bon Ruh. A. BraudeS*). Aus dem Hebräischen von D Rothblnm Wer au jenem Tage die Aufregung und das Getümmel der Juden in der Stadt K. nicht sah, der hat überhaupt in seinem Leben keine Aufregung gesehen. K. ist eine galizische Stadt, und an jenem Tage fanoeti in derselben die Kultusgemeindewahlen statt. *) Anläßlich der Grabsteinsetzung im Wiener Zenlralsriedhof. modernen bundesstaatlichen Einrichtungen, sondern nach Rußland, wo alle Nichtrussrn vergewaltigt werden und nach Preußen, wo alle Nicht deutschen germanisiert werden, blicken jene National radikalen, die nicht müde werden, immer von neuem den verheerenden Brand der Nationalitäten und Rassenhetze zu schüren. Vergebens mahnt der Abgeordnete Stein wender, der sich rühmte, der älteste Antisemit zu sein, zur Besonnenheit, zur nationalen Verständigung, jene Extrem- Nationalen, deren Lebenselement die Nationalitätenhetze und der Antisemitismus ist. Es kracht im Baue der „Deutschen Volkspartei" bedenklich und Herr Dr. Steinwender, einer ihrer Gründer, aber schon längst aus derselben ausgeschieden, sieht nun die bereits vor Jahren prophezeite Parlamentsdämmerung immer mehr herannahen. Und Herr Dr. G e ß m a n n mag wieder seine Freude erleben an Gregorig und Konsorten, die nicht ohne heftigen Widerstand das Feld räumen werden. Es gibt eine rächende Nemesis auch im Leben der politischen Parteien. Die eine wird früher, die andere später weggefegt. Das mögen sich auch die Juden Oesterreichs merken und doch endlich davon erblassen, mit jüdischem Gelds und jüdischen Stimmen Parteien zu fördern, die dem Untergange geweiht sind, für das gesamte Reich und alle seine "Völker, in erster Linie die Juden aber stets verderblich wirkten. Aus Rußland. (Orig.-Korr. des „Jüd. Volksblatt".) „Wir brauchen Helden", diesen Stoßseufzer kann man in der „Nowoje Wremja" in allerlei Variationen lesen. Dieser Ausruf erinnert frappant an die Klagen eines armen Schluckers, der da schreit. Ich brauche Geld! . . . Es ist eben leichter, wehrlose Judeuweiber und Greise umzubringen, als gegen Torpedos und Kugeln sich zu wehren. Die „Nowoje Wremja" antisemitelt wieder; das ist ein Zeichen, daß man mit den Kriegskontributionen der Juden in allerhöchsten Kreisen nicht zufrieden ist. Man wirft den Juden vor, sie seien zu wenig patriotisch. Schreien sie denn zu wenig U r r a h?! Allerdings kommt es ihnen nicht aus dem Herzen; das „Urrah" liegt ihnen in der linken Paje, wie der russische Jude sich ausdrückt. Es erinnert mich an folgende Anekdote: In einer russischen Kleinstadt war die Ankunft des Gouverneurs gemeldet. Der Bürgermeister, der alle Ursache hatte, den Gouverneur günstig Es ist wohl nicht der erste Wahltag in der Stadt, denn die Juden wählen schon seit lange her ihre Oberhäupter in Erfüllung ihrer von der Regierung ihnen auferlegten Pflicht, jedoch wurden bis auf den heutigen Tag die Wahlen in größter Ruhe und Ordnung „gemacht": Herr Gabriel Hartmann wußte stets die Wähler für sich zu gewinnen und Herr Josef C h e l e m n i ck i half dem Gemeindepräses wacker mit. Der Gemeindesikcetär war sich ebenfalls seiner Pflicht bewußt, und cs kam die zahmste Wählerversammlung zustande, in der die „gewöhnlichen" Vorstände und an ihrer Spitze der „gewöhnliche" Präses gewählt wurden. Das war schon so Brauch m der Stadt K. und der Tag der Gemeindewahlen sah ganz jedem anderen ähnlich und es siel gar keinem Juden ein, sich über den Ausgang der Wahlen irgendwie den Kopf zu zerbrechen. So hatten sich die Gemeindeväter ihre Stellung durch die Reihe der Jahre fast „ersessen". An jenem Tage kam aber die Sache ganz anders. Herrn Hart m a n n erstand in der Person des Jsak Sch owach ein grimmiger Gegner. Dieser war ein persönlicher Feind des Präsidenten, dessen Herrlichkeit er ein für allemal ein Ende zu machen beschloß. Er bildete eine Gegenpartei, bestehend ans den radikalen Chassidim, denen er klar machte, daß sie in ihrer Stimmzahl eine Macht besäße», die sie zu ihrem Vorteile ausnützeu könnten, und den jungen Demokraten, unter denen sich auch die akademisch Gebildeten befanden, welchen er zum bitteren Vorwurf machte, daß sie die größen Mißstände in der Gemeindeverwaltillig ruhig dulden und an den Mißbräuchen der Gemeindeväter gar keinen Anstand nehmen. Diese Koalition führte er ins Gefecht. Er ließ große Proklamationen an den Straßenecken aubringen, was in K. einen noch nie dagewesenen Anblick bot. Und da auch die Hartmann'sche Partei eine heftige Gegenagitation einleitete und aller möglichen und unmöglichen Mittel sich bediente, nm ihre Kandidaten durchzusetzen, kam es in dem sonst sehr friedlichen Städtchen zu einem solchen Aufrnhr, daß alle vom heftigsten Wahlfieber ergriffen wurden. Man zankte sich und stritt, zu Hanse und auf der offenen Straße, es sah ans wie eine Revolution. zu stimmen, stellte das ganze Städtchen, Jud und Christ, auf die Beine, und ließ sie im Laufschritte „Urrah" rufen. Ein alter Jude rief dabei: „So, so sollst du leben, wie ich Lu st habe zu rufen Urrah. Allerdings hörte man nur den Schluß. Also, die Juden sind zu wenig patriotisch! Besonders den Kischenewer Juden wirft die „Nowoje Wremja" vor, daß sie ihre Kapitalien bei der Reichsbank zurückzvgeu, und gesagt hätten: die Russen sollen mit ihrem eigenen Gelbe Krieg führen. Die „Nowoje Wremja" unterschlägt aber die Tatsache, daß Kaufleute aller Konfessionen ihre, Kapitalien zurückziehen, ja, daß sehr rechtgläubige Christen dir Kriegslage benützen, um einen besonderen Profit herauszuschlagen. So verlangten die Restaurateure auf den Stationen der transsibirischen Bahn, die sämtlich Christen sind, so exorbitante Preise von den durchfahrenden Soldaten, daß sie oft ihre ganze Monatsgage ausgeben mußten, um nicht hungrig weiterzufahren. Es bedurfte erst eines strengen Erlasses seilendes Ministers, um diesen Unfug abzustellen. Wie benimmt sich aber „Väterchen" Czar und „Mütterchen" Rußland gegen die Juden? Eine kleine Probe. Bekanntlich genießen diejenigen Juden, die einen akademischen Grad erlangt haben, das Privilegium, außerhalb des Ansiedlnngsrayons wohnen zu dürfen und mit ihnen ihre Frauen und Kinder. Anläßlich des Krieges sind nun eine große Anzahl jüdischer. Aerzte, Advokaten und Ingenieure einberufen worden. General K l e i g e l S von Kiew erließ nun gegen die F r a u e n die s e r z u m aktiven Militärdienste Ein berufenen den Ausweisungsbefehl. Oh, über diese undankbaren Juden! Es wäre zu verwundern, wenn die Drahtzieher Rußlands nicht auch jetzt mit erprobten national-russischen Mittel und , Mittelchen f arbeiteten. Ich meine nicht nur den berühmten stereotypen einen Todten von Sebastopol. Derselbe ist schon in einem offiziellen Berichte des General Pflug - aufgetaucht. Ueberhaupt wird man bald bemerken, daß die Russen bei Angabe ihrer Verluste die 0 nicht kennen; ihre Verluste gehen höchstens bis 9. Klassisch ist das Vorgehen Rußlands in Bezug auf die Zensur der Kriegstelegramme. Es ist sonst überall Sitte, selbst in den liberalsten Staaten, eine strenge Zensur der Telegramme aus leicht begreiflichen Gründen zu handhaben. Rußland ist aber so liberal, daß cs überhaupt jede Zensur der Telegramme aufgehoben hat. Man bedenke nur, das barbarische Japan zensuriert, das humane Rußland aber nicht —!? Ich müßte wirklich lächeln, als ich diese Nachricht in den Blättern des Westens las, Rußland braucht einfach keine Zensur, da es nur erstens regierungs- Und doch war das nicht ein ernster Pcinzipienftreit, vielmehr ein persönlicher Hader. Im Grunde genommen, drehte sich alles nm die Person des Hartman«. Die Chaffidim freuten sie schließlich, Leben in die Stadt, wenn auch nur für einige Tage, hinetngebracht zu haben, und die jungen Demokraten möchten einmal eine Abwechslung in den Gemeindevätern sehen. Und es war im allgemeinen ein offenes Geheimnis: Schowach wollte sich an Hart mann rächen. Jsak Schowach war nämlich armer Leute Kmd. Sein Vater ernährte sich und seine Familie durch seiner Hände harter Arbeit und wenn er überhaupt in der Stadt, wenn auch nur als minderwertiger Bürger galt, so hatte er es einzig und allein seiner Rechtschaffenheit zu verdanken. Sein begabter Sohn Js.f bildete seine Lebensfreude. Er besaß schon als Knabe eine besondere Art zu sprechen und als Beth- Hamidrasch-Jünger erfreute er sich des Rufes eines fleißigen und fähigen Bachurs. Hartman« aber, der Vorstaud des Beth-Hamidrasch. mochte den stolzen, selbstbewußten Jüngling, der schließlich doch nur der Sohn eines Handwerkers war, nicht sonderlich ausstehen und er ließ daher keine Gelegenheit unbentttzt vorüberstreichen, lvenn sie die Möglichkeit bot, dem armen Bachur eins am Zeuge zu flicken. Jsak hinwiederum schliff sich sein Zünglein an der Persönlichkeit des Herrn Vorstandes, des „aufgeblasenen Truthahnes". Und so bestand zwischen beiden ein ewiger Krieg. Fast wäre der junge Schowach einmal vor die Thür gesetzt worden, hätten sich nicht viele angesehene Mitglieder für ihn eingesetzt. Er ging aber selbst einige Jahre später freiwillig. Als ihm nämlich ein wohlhabender Pächter seine Tochter zur Frau gab, mochte er nicht mit H a r t m a n n im selben Hause beten. Ec bezog ein anderes Beth-Hamidrasch, sein Haß gegen H a r t m a n u ward aber dadurch nicht geringer. Und nun sollte am Wahltage die große Schlacht geschlagen werden. Hartmann sollt« um jeden Preis durchfallin. Schowach arbeitete mit größtem Kraftanfwande. Schon die Koalition der Chassidin mit den extremen Demokraten war ein großer Erfolg. Die ganze Sippschaft sollte gestürzt werden.