Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 9 (26.2.1904)
- Date
- 1904-02-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Rrdnetion: H/3. Leopvldsgastr 49. COttANtAni 8n Nrchmlagr« von 4 bir b llhr nachmMaa» Ao»«««Hci Mi»tfche« «»««!««, ««-», H|3 »slchwrvd»« mc«« C«NiStet« ob« gar nicht «sokgt« Zustellung «Sitte« »ft na« drtngmb. - ««mserwte «er»«» mich« zorSSaefteM« Dvst1varrafi«»Lonto »170«?. An da« Nboimement kann «an täglich etntretm. 4 Uschemt jede« Freitag «ä?s? MkkvrtrMMg Iw* vom jüdiMrrn VolUch^ VSV8-L MwätzWm W^ssrvMMts?wn. AUfcEEte übernehmm die Air«« r I. Lannederg. M. Duke«. Haas«» H>cfo * «aalet, Sttbolf Moste, «. Oppelit. M. Bozsonyi, «. Schalek i» «im, f«n« alle Knnoneen-Srpedttion« im Sutlande. -K«W«er itt Wie» 16 Heller« Äöurintßraiton; n/8. Leopoldsgaste 49. relcpho«.»». 14738 Elbo»rrre«e»tSpre1S r Telephon-Nr. 14738 Für Wien m. Oesterreich-Ungarn lammt Francozustellung. »anzjSyrig Hawmhrtg viertelsährig «r. 8.- Für baS gelammte AuSlan» lammt Francozustellung. GaaztShrig ... Sh. 10ßS&fl' ' 3.50 Hmmiiiiiiiwio»' nr iimnimM N». s Wien, 86. Februar 1904 (10. Abar 8664). VI. Jahrgang. Reichsnot und Judennot. Wien, Ende Februar. Die Tagung der Delegationen, des sogenannten gemeinsamen Reichsparlamentes, geht ihrem Ende entgegen, um den beiden Legislaturen in Wien und Budapest Platz zu machen. Die Hoffnungen, welche sich an den Zusammentritt des cis- und transleithanischen Parlamentes knüpfen, sind Null; in Wien und Budapest wird die O b st r tt f t i o n ihre Wiederauferstehung feiern, falls nicht im letzten Momente eine unerwartete Wendung eintritt. Die Einberufung der beiderseitigen „Volks"-Vertreter kann jedoch nur einen formellen Wert haben, nämlich den, auch den hartgesottensten Optimisten zu beweisen, daß das Donaureich mit seiner jetzigen Verfassung, milden alten abgewirtschafteten Parteien und ihren überlebten Programmen weder diesnoch jenseits der Leitha konstitutionell regiert werden kann. Die Hoffnung des Ministerpräsidenten K o e r b e r, die Obstruktion der Jungtschechen im Reichsrate werde schon mit Rücksicht auf die Obstruktion der „deutschen Linken" im böhmischen Landtage aufhören, hat sich bisher nicht realisiert. Es ist wahr, die Bevölkerung ist müde der sterilen staatsrechtlich-nationalen und Rassenkämpfe, umso mehr, da ihre dringendsten wirtschaftlichen Interessen darunter empfindlich leiden. Aber so wert sind die Dinge in Oesterreich leider noch lange nicht gediehen, daß die Bevölkerung der verschiedenen Volksstämme daraus die Konsequenz zöge, vom chauvinistischen Demagogentume sich zu emanzipieren und bei etwaiger Auflösung des Abgeordnetenhauses und Ausschreibung von Neuwahlen, Anhänger der nationalen Verständigung und der wirtschaftlchen Reformarbeit zu wählen. Das ist die Achillesferse der Politik des „Aus hungern s" und des Abwartens. Die politische Lage ist durch den russisch-japanischen Krieg und auch am B a l k a n derart e r n st für Oesterreich geworden, die Not der produzierenden Stände der Monarchie ist so gewachsen, verschiedene unaufschiebbare Volks- und Reichsbedürfnisse erheischen so gebieterisch einer Erledigung, daß nicht gewartet werden kann, bis die Obstruktion in Wien und Budapest von selbst aufhört. Durch dieselbe schalten sich gerade in einem Momente die „Volks"-Vertreter in beiden Reichshälften von der Mitarbeit aus, wo die wichtigsten Fragen der inneren und äußeren Politik des Reiches entschieden werden müssen. Die Monarchie steht heute vor einer ähnlichen Situation, wie am Ende der Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts. Wie damals der Einmarsch der österreichischen Truppen in Bosnien-Herzegowina mit den ärgsten parlamentarischen Wirren, und speziell mit dem Sturze der deutsch-,,!i be r a l en" Partei zusammenfiel, ebenso fällt auch momentan die ernste Situation am Balkan mit dem Höhepunkte des parlamentarischen Wirrwarrs im Gesamtreiche zusammen, obwol es nach der jetzigen Sachlage ausgeschlossen ist, daß Oesterreich kriegerisch einschreitet. In Zisleithanien wird nun der § 14 seines Amtes wieder walten, aber in Transleithanien ist ja nur eine parlamentarische Regierung möglich, so lange nämlich — der parlamentarische Apparat — fungiert. Wenn aber die Obstruktion im ungarischen Reichstage fortdauert oder wenn auch ohne Obstruktion die „liberale^ Partei des ungarischen Reichstages immer mehr abbröckelt, dann herrschen nicht nur dieselben traurigen Verhältnisse drüben, wie hüben, nein, das Chaos ist dann jenseits der Leitha noch größer, als in Zisleithanien, weil eben in Ungarn kein — § 14 existiert. Aber auch mit einseitigen Konzessionen an den magyarischen Chauvinismus wird man den verfahrenen Karren in Ungarn nicht aus dem Moraste ziehen, weil dies nur die bereits vorhandene Gährung in Kroatien-Slavonien Und unter den übrigen Slave n, Rumänen und Deutschen Transleithaniens auf das äußerste Maß steigern wÜide. (Angesichts der Zustände am Balkan, doppelt gefährlich.) Ein wahrhaft düsteres Bild der Zerfahrenheit und Verwirrung, welches dieses alte Donaureich uns bietet. Zustände, welche gerade für die Jude n doppelt empfindlich sich fühlbar machen, als Juden und als österreichische Staatsbürger: Nicht etwa nur, daß Industrie und Gewerbe stockt, die Arbeitslosigkeit zunimmt und die Leu ren Wohnungen und Lebensmittel in gar keinem Verhältnisse stehen zu den Einkünften der Bewohner, Verhältnisse, unter welchen die Juden ebenso empfindlich leiden, wie die gesamte übrige Bevölkerung der Monarchie, macht sich für die Juden stets in steigendem Maße der Antisemitismus, nicht etwa nur in gesellschaftlicher, sondern auch in wirtschaftlicher Hinsicht fühlbar. Allen physisch und geistig Feuilleton. Der kopflose Knltnsvorstand. (Ein Pnrimspiel im Sitzungssäle.) J. Kr. Die Sitzung ist eine gewöhnliche, d. h. eine nichtöffentliche. Anwesend sind sämtliche Vorstandsmitglieder mit Ausnahme derjenigen, welche dnrch dringendere nnd wichtigere Geschäfte am Erscheinen verhindert sind. Solche Geschäfte sind: Sitzung des Nettungsaktionskomitees der Deutschen Volkspartei (dieses Geschäft ist schon deshalb dringend, weil die Galgenfrist der jüdischen Verehrer der Deutschen Bolkspartei rasch ausgenützt werden muß). Sitzung der ZuschußbemeffungS-Kommission der »Zeit". „Arbeiter-Zeitung" und anderen „Morgenzeitungen", Sitzung des NeubelebungSaktions-Komitees der liberalen Partei (dieser Entschuldigungsgrund wird nur von älteren, schwächlichen Herren akzeptiert), Vertretung des Kultusvorstandes bei Ab, schiedöfestlichkeiten anläßlich de- Austrittes aus dem Jndentume re. re. Es besteht nun die Gepflogenheit, diese dringenderen und wichtigeren Geschäfte so einzuteilen, daß immer nur ein Teil der Vorstandsmitglieder abwesend sein muß, während die anderen sich unwillig opfern. Dieser Turnus ist eine sehr löbliche Einrichtung, denn wenn er nicht bestünde, und jeder Vorsteher nur seinem inneren Triebe uud nicht der Not gehorchen könnte, so würde bei den Sitzungen höchstens Dr. Markus Spitzer erscheinen, und da dieser nicht immer beschlußfähig ist, ans welcher Seite die Majorität sein werde, so könnte auch in diesem Falle keine Einmütigkeit erzielt werden. Erster Vizepräsident Dr. Alfred Stern eröffnet die Sitzung und bemerkt, daß auf der Tagesordnung mehrere wichtige Angelegenheiten stünde«, so z. B. die Verlesung der Statistik der Getauften, ferner die Präsidentenfrage. Erbitte nun die Anwesenden, zur Debatte das Wort zu ergreifen, bemerkt jedoch zugleich, dß er jedem, der sich über die Getauften in schärfere Ausdrücke auslassen würde, das Wort entziehen müße, „denn,, ruft er mit juristischem — Pathos „wir stehen, wie man zu sagen pflegt noch im Judentume (allgemeines Seufzen!), die sehr geschätzten Herren Austrittler aber sind vom Judentume abwesend und es schickt sich nicht über Abwesende sich abfällig zu äußern, umsoweniger als auch Anwesende sich dadurch getroffen fühlen könnten (Leopold von Lieben errötet — nicht). Ich selbst denke mir manchmal, eS müßte vielleicht doch etwas geschehen, um die Verbreitung der Taufen zu verhindern. Aber bedenken Sie meine Herren, welch koloflale Arbeit das wäre; zunächst müßten wir selbst eS wollen, dann müßten wir unser ganzes Erziehungs- und Unterrichtswesen gründlich ändern, was einerseits mit großen Kosten verbunden wäre, weil wir da den größten Teil unserer Religionslehrer und den Herrn Oberrabbiner selbst pensionieren müßten, und andererseits den verheirateten Herren Vorstehern unliebsame häusliche Szenen verursachen würde, da sich bekanntlich unsere Damen von ihrer christlichen, französischen Gouvernante. ihrem getauften Musiklehrer, und von der katholischen Klosterschwester nicht lossagen wollen. Kurzum über Nacht geht so etwas nicht! Aber (mit gehobener Stimme) der Anfang ist gemacht! Können wir auch nicht die Verbreitung der Taufen verhindern, so verhindern wir die B e r b r e it un g der Statistik der Taufen. Wir müssen überhaupt. — um gleichzeitig unseres große» Philosophen Kant zu gedenken — einen Unterschied mache» zwischen den Tanfen als Ding an sich (Prof. Ehrmann: Ich bitte ums Wort!) und den Taufen als Ding in der Erscheinung. Die Taufen an sich können und sollrn wir nicht verhindern. Dies würde unserer liberalen Auffassung über die freie Religionsbetätigung widersprechen. Aber auch sonst würde die Einschränkung der Taufen der Durchführung unseres liberalen Programmes hinderlich sein. arbeitenden Juden wird der harte Kamps ums Dasein noch bedeutend erschwert durch die Folgen der antisemitischen Hetze und des antisemitischen Boykotts, von denen die jüdischen Lehrer und Beamten, die jüdischen Handwerker und Arbeiter gleichmäßig getroffen werden. So gesellt sich denn, wie für den Blindesten ersichtlich, für die besitzlosen jüdisch en Volksschichten zur allgemeinen sozialen Not, noch die Judennot. Zu alledem kommt noch der Umstand in Betracht, daß die in allen g e m i s ch t sprachigen Teilen des Reiches umsichgreifende Nationalitätenhetze überall auch den Rassenantisemitismus als Begleiterscheinung hat und daß die Chauvinisten aller Volks st ämme trotz der heftigen gegenseitigen Befehdung immer einig im Kampfe gegen die Juden sind. Sowie aber die assimilatorischen Führer der Judenschaft sich nie zu einer gesunden, wirklich modernen jüdischen Realpolitik aufraffen, sondern immer hin- und herschwanken zwischen der Heeresfolge an offen und verhüllt antisemitische Parteien und dem Kokettieren mit einer beschaulichen Abstinenz, ebenso lassen die Stäatslenker und Gesetzgeber der Monarchie entweder alles drunter und drübergehen oder sie entwickeln eine direkt reichs- und volksverderbende Tätigkeit. Rur hie uyd da taucht ein weißer Raabe mit vernünftigen Vorschlägen auf, wie z. B. jüngst der Abgeordnete Prade, ein Wortführer der Deutschen VolksWtei, der sich für eine nationalautonomistische Verfaffüngsreviston aussprach; allerdings nur unter dem deutschtschechischen Gesichtswinkel! Das ist freilich eine verfehlte Politik, wenn die Fraktionen der »Deutschen Linken", was sie für Böhmen erstreben für die A l p e n l ä n d e r verwerfen!!! Nationale Autonomie nur für Böhmen, der status quo aber für die Alpenländer, ferner die Sonderstellung Galiziens (durch welche noch mehr als bisher die Ruthenen und Juden) polonisiert werden und schließlich noch eine Personalunion (!) mit Ungarn (auf Grund welcher die magyarische Minorität noch mehr als bisher die deutsch-slawisch-rumänische Majorität vergewaltigt), sind unvereinbare Gegensätze. Solche Forderungen sind überhaupt nicht realisierbar und wenn ja, führen sie zu neuen und gesteigerten staatsrechtlich-nationalen Kämpfen in der Monarchie. Nur ein einheitlich und konsequent durchgeführtes Programm, welches die Autonomie allen Wir stehen auf dem Standpunkte der allgemeinen Verbrüderung aller Menschen, wir wünschen ein brüderliches Zusammengehen mit unseren lieben christlichen Mitbürgern; da aber unsere arischen Brüder nicht mit uns gehen wollen (Redner bricht in Thränen aus), so müssen wir die Nichtjuden, die mit uns gehen wollen, s e l b st züchten. (Dr. Spitzer und Dr. Berger werfen sich mitleidsvolle Blicke zu.) Dr. Maxim. Steiner: Der Herr Vorsitzende hat wieder einmal zu viel geredet, und ich kann es nicht ausstehen, wenn ein — anderer redet. Zum reden bin i^ch da. Sie wissen, daß ich sehr konservativ bin und jedem das Seine zu kommen lasse. Wenn Sie's nicht glauben, so fragen Sie Dr.Bloch. Was die Taufen betrifft, so liegt die Hauptschuld für ihre Verbreitung darin, daß Sie mir nicht folgen, und nicht einen Religionsinspektor mit großem Gehalt anstellen wollten. Was soll nun der Arme machen? Was werden Sie tun, wenn er sich tauft? ... Prof. E h r m a n n: Ich schließe mich bezüglich der Taufstatistik den Ausführungen des Herrn Vorsitzenden au. Uebrigens haben die armen Konvertiten wenigstens in erster Zeit auch viel Spott zu ertragen. Da war ich z. B. jüngst auf einem „interkonfessionellen Kostümballe". Auch der getaufte Bruno I e i t e l s o h n war mit seiner arischen Gattin in Kostüm erschienen. Sie stellte eine Aktie dar und er einen Kupon. „Massagen Sie zu diesem sinnreichen Kostüm?" frug ein neben mir stehender Arier seinen Freund. »Wär' ja ganz nett", erwiderte der andere, »wenn nur der Kupon nicht schon längst abgeschnitte» wäre!" (Allgemeine Heiterkeit.) Theodor Ritter von T a u s s i g: Meine Herren, ich sehe schon, ich muß eingreifen, sonst vertrödeln Sie mit diesem dummen Zeug meine ganze teure Zeit. Sie sprechen von Konvertiten. Ich gehe diesbezüglich so weit, daß ich bei der Nordwest bahn nicht nur von den Angestellten verlange, daß sie sich — konvertieren, ich habe, um keine Zweifel über meine Gesinnung aufkommen zu lassen, sogar die Aktie