Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1904-02-19 · 8 (19.2.1904) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
8 (19.2.1904)
Date
1904-02-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2432763-2433023-2433031--2303-2436154
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

11/3. LeopoldsgaWe 49. Ö1p«5£»iPWM>«» » ff« üst^rdtcgra „ÜN 4 bis 6 Nhr nachmittags. - NSdifÄ«» «»««»alt. «ie», ll[8. jedes Freitag »3{tt?ü;trfcirt wegen x inf sringmd. *• »ktetrr oLa jsj -tickt erfolgter Zustellung ervitten »«» «ng not «kjtfeeUete »«eben Kickt rurüügefteüt. -»Dparcaffm-Sont» »470S7 An ka» Khomre^ent kann man täglich eintreten. ’m<rmr&mw vrr krrn jsmwrrn Vvttr»' >.,»<vvt 8r«ZätzN«l» Am». K»7»r«»c i-r»<rnrr.-men ote Atrmrn: r>. Lv«.irb«s» M. Dukes. Haalrn' }y.i. » V.cgift,?-:«SoIf O.'vstr, SL Otöjeiß, 5Ä. »os^nst, 8. Schal«! in -I'iri,. «r-rr:.->7 civ 3.mso.!trw• ccbttlpr;?n l«t KuSIaub«. j? m Wie« 16 Heller. Ä; 11/3 LeopvldsgaNe 49. Telephon-Nr. 1478» Ab0A«eme«tSpreiS: Telephou-Nr. 1478» Für «Ste» tu Qrfterretch-Uugarn Für das gelammte Ausland lammt ^rnu^^iikrllung. lammt Francozustellung. »anzjährig . . Kr. 8.- Ganzjährig ... Kr. 10.— Halbjährig . . , 4.— BikrteljäSrig . . . „ 8.— . •. : Sü Ur. 8 Wien- 19. $tbxmv 1904 (3. Adae 5664). VL Jahrgang. Säk Erweckung eines Volkes. Von Dr. W . . . . Gegen die moderne Kolonisa-tionsike der Zionisten wird unter anderem eingewendet, daß noch keiir geschichtliches Beispiel vorliege, nach dem der größere Teil eines Volkes auf ausschließlich friedlichem Wege in einem fernen Benthe besiedelt worden wäre, lind gegen den modernen jüdischen Nationalisnins wird eingewendet, daß ein in Schlaf gefunken,cs Volk nicht in einem Menschenatter erweckt werden könne. Ersterer Einwand ist richtig. Wer der Mangel eines geschichtlichen Vorbildes macht die Kolonisation der Inden Mw schwieriger, aber nicht unmöglich. Und dieser Mangel mahnt auch zur besonderen Vorsicht, welche wieder zum Gedanken einer V o> r k o l o n i s a t i o n führt. Wenn nun auch E geben Herum Dr. T r i e s ch's Projekt einer Vorkolonisation in C y p e r n Bedenken mancher Art Vorgelegen sein möchten, die von ihm als erstem ausgesprochene Idee einer' jüdischen V o r k o l o n i s a t i o n, Ulnd noch dazu in kt Nähe P> alästina s, war unter asten Umständen eine fo bedeutende, daß sie die a u f m e r ks a m st >e B e a ch t un g verdient und, verbessert und umgestaltet, einen Markstein in der Kiolonstations-bewegung gebildet hätte. Als ich die Trieschi'sche Idee — ich bemerke, daß ich Herrn Dr. Triefch nur einmal gesehen und niemals, vor- oder nachher, mit ihm kon-versiert habe — vor zirka vier Jahren in einer von mir einberusenen Bezirksvereins-OLmänn>erversmnmlang, gestjützt auf eine gelvisse praktische Erfahrung in der Frage, von dem ihr bestimmten Untergänge retten wollte, hat die HcMung der anwesenden Aktionskomitee-Mitglieder und sonstige Vorkommnissemich veranlaßt, mich von dem zionistischen Partei leben zurückzuzieheir. Ichbegrüßte daher das O st a f r i k a p r o j e k t als eine, wohl erst nach Jahren, eingetretene Umkehr des Aktionskomitees zur Idee einer Vorkolonisation (in: Ihrem geschätzten Blatte) auf das freudigste. Der Umstand, daß man bei Ablehnung d-es- Cypernprojektes, die Wichtigkeit einer Vorkolonisation, ganz übersehend, allzusehr kn. Anschauungen der „Misrächt" genehm zu sein, bestrebt war, hat die Opposition! gegen das Ostasrikaprojekt förmlich großgezogen. Und daß man sie jetzt als „klerikal" usw. verschreit, wird für die Ausklärring, der Notwendigkeit einer Vorkolonisation wenig nützen. Die C h a r k o w e t Vorkommnisse und die U n k e n n t n i s, ob die englische Negierung oder die zionistische Parteileitung, an der Idee noch Feuilleton. Spinoza. Von Dr. Pauk Weise n g r ü n. U eberall in deutschen Landenwird jetzt Immanuel Kant gefeiert. Freilich besteht zwischen den Feiernden und dem gewaltigen Denker, der dem erkenntnistheoretischen Grundproblcm zur Weltherrschaft im Gesamtbereiche der Kultur verhalf, keine innere und innige Beziehung. Um endlich besser ist es allerdings seit dem Jahre 1781 geworden —!vo kaum, ein Halbes Dutzend Köpfe im damal igen Deutschland dem, strengen Gedankengange der „Kritik der reinen Vernunft" folgeit konnte. Eine Anzahl erkenntnistheoretisch geschulter Gelehrter vermitteln heute die Weltweisheit des großen! Königsb-ergers, und gar inancher Laie hat schon einen Blick in die Reclam-Ausgabe von Kant geworfen. Trotzdem aber ist der Vater des Kritizismus nicht in die Masteselbst der 'Höchstgebildeten eingedrungen, er ist kaum den- Intellektuellen! Deutschlands seelisch angewachfen-. Kant ist noch immer heute ein äußeres Zivilisationsreg uisit, kein innerer Kulturwert, und ntan muß dabei stets an das Wort Lastalles denken, der davon sprach, daß die Deiüfchen wohl die Feste ihrer Denker und Dichter feiern, ohne ihre Werke zu, kennen und zu verstehen!. Allerdings haben es die Philosophen bei den Deutschen viel bester, wie bei den meisten anderen Völkern. Von -den Juden behaupten selbst die einsichtigen Antisemiten, daß sie eine mit Intellekt förntlich gezüchtete Nation bilden. Auch sie besitzen einengroßen Philosophen, zu dem aber das Gros dev Nation nicht einmal eine lose äußere Beziehung hat, die trotz alle,dem und alledem die Deutschen vermach zu Kiainti haben. Die Juden f ernnew Spinoza nicht. festhalten, lassen, es aber zwecklos erscheinen, mich heute über diese Fragen weiter auszusprechen. Was nun die zweite Frage anbelangt, so liegt ein geschichtliches Beispiel sogar aus unseren Tagen vor, nämlich die Erweckung des tschechischen V o l k e s. Der Kataster-Referent hat der kaiserlichen Negierung im vorletzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts dahin berichtet, daß „in Böhmen ein Bauernstand im eigentlichen. Sinne des Wortes gar nicht besiehe, sondern eine unwissende, in ebenerdigen Gelassen häufende, betmmte Masse, welche sich den Vermessungsarbeiten. widersetze, da sie sie, trotz Belehrung, nicht begreifen, könne". Und nun. sehe man, sichkit tschechischen Bauer von heute an-! Er überragt an Bildung selbst den deutschen, konkurriert diesfalls mit dein Engländer und wird nur vom. Finnländer! übertroffen!! Und seit wann datiert der jüngste Umwand-lungsprozeß? Seit dem Jahre 1848, also nicht einmal ein volles Menschenalter! Der sozialpolitische Umschwung in: Böhmen ist aber noch viel jünger. Noch vor weniger als 60 Jabre!n hatten die Tschechenselbst in ihrer Land-eshauptstadt kein Landestheater. Einmal inder, Wo-che nachmittags wurde im deutschen Landestheater eine tschechische Vorstellung gegeben^ Der Bauer und Gewerbetreibende konnte zumeist nur mit deutschen Lettern. Gedrucktes oder Geschriebenes lesen. An d>er Universität in: Prag dozierte auf der! juridischpolitischen Fakultät ein einziger Dozent in tschechischer Sprache. Das damals wichtigste 'tschechisch^-politische Organ erschien in d e w t f dj'e r Sprache. Von tschechischen Salons, Ausstellungen!, von einer tschechischen „GeMschaft" war keine Rede. Und heute? Die tschechische Oper in Prag genießt Weltruf. Alle bildenden! Künste! werden in hervorragender Weise auch durch! Tschech,en betrieben rmd eine dem V r ch l i c k y gleichkommende Dichtergröße läßt die iwdeine Dichtkunst so nrancheir alten: Kri-lturvolkes vermissen. Die soziale und literarische „Gesellschaft" ist in- Prag überwiegend tschechisch. Nun blicke man aber zurück auf die Erwecker des tschechischen Volkes. Wie wenige waren sie und wie wenig materiell oder sozial in un>abhängiger Stellung! Und wie spröde war das- Volksmaterial und wie groß und mächtig die- Gegner des Tschechentrnns! So ungünstig, wie die Verhältnisse für das tschechische Volk vor dem Jahre 1848 lagen, liegen sie zum Teile heute nicht stir die westlichen Juden!. Soviel Intelligenz, Organisatio!nskraft haben dantals die Tschechen nicht aufbieten können, wie es die lvestlich-en Juden heute könnten. Jawohl, „könnten"! Und auch d-ie Führer der Tschechen waren damals an Zähl rmd sie verehren und feiern ihn nicht einmal. Und es ist nicht besser gelvorden, sondern schlimm:er. Heute, woeine R-enaissance des Judentums sich! langsam, undallmählich, vorbereitet, taucht im Bewußtsein, der Intellektuellen des Volkes jeder Name viel öfter a.-uf, als gerade der Nante Spinozas und man: kan,u ruhig sagen, daß die Juden mit der seichten! Aufklärun-gsperiode -eiin-es Moses Mendelssohn viel inniger verknüpft waren-, a!ls mit dem, größten Sohne der Nation!. Es erscheint darum, wohl angebracht, in diesen Tagen der sehr berech-tigten Kant-Feier einige allgcineine Wd-rte über den größten- Deuker unter den Juden, über den größten Juden unter den Denk-erirzu: sagen,. Ich will hier nicht über den Substanzbegriff, nicht über den Fortschritt Spinozas, über Descartes hina-us, nicht über seine Stellung in der Geschichte d-es> rnen-schlichen Den-kens sprechen. Spinoza ist von Hans ans ein autierkenntuistheo-retischer Kopf gewesen-. Es trieb ihn gar nichit danach, die Grenzen und Schranken der menschlichen Vernunft überhaupt zu untersuchen-, eine Analyse des unmittelbar Gegebenen war ihm! nicht Herzensbedürfnis. Als den echtesten Sohn des RaUonalismus beherrscht ihn: die mathematifche Method-e so stark, daß essich! in feiner Philosophie in erster Linie stets um die Verknüpftmg der allgemeinsten Beziehungen! handÄte. Wie -^Kant „Dias Ding an sich" schuf, so gestaltete Spinoza in seiner ewigen, allumfastenden Substanz den „Begriff an sich" rmd stempelte ihn zum obersten Grundsatz des Philofophierens. Die Frage entsteht nun-, warum übt noch heutzutage diese Philosophie auf Ms einen fast unerklärlichen Zmiber aus? Wir sind keine Dogmatiker mehr. Wir glauben nicht, daß man die Rätsel der Welt in geometrische Sätze bringen kann, daß man die Leidenschaften und Empfindungen wie Flächen und Linienzu betrachten vermag. Wir sind nicht inehr verliebt in jene rein fonnale Methode, die durch eine Welt von Beziehrmgen mit der Schlolasttk ver- Bemfswahl noch schwächer, als die heutigen Führer der nationalen Juden, von den G-egnern des jüdischen Nationalismus, den Assimilanten und Manchester-Liberalen gar nicht zu reden. Und der Abstand zwischen ihrer Bildrmg und dem Niveau ihres Volkes war größer, als der zlvischen jüdischen Führern und dem Volke nt Westeuropa. Was taten nun die tschechischen Führer? Sie entrollten zunächst auch -eine politische Fahne, die des böhmischen Staatsrcchts. Aber vom ersten Augenblicke an haben sie es nicht bloß theoretisch erkannt, sondern praktisch betätigt, daß politische Erfolge nicht vor Jahrzehnten, nationale und s o! z i a le aber sich bedeutend schneller erzielen lassen.. Politisch oder diplomatisch, wie man jetzt manchenorts dm Begriff falsch! wiedergibt, waren die tschechischen Führer auch, aber ihre Politik hat die Tschechen nicht zum Ziele, nicht oft zum Siege, nichjt seltenzum Mißerfolge geführt. Ihre sozial-nationale Tätigkeit jedoch führte von Erfolg zu Erfolg. Nun sehenwir uns die Arbeit ft'irs Judentum z. B. in Oesterreich an! Dev Zionism-usbesteht in der jüdischm Studentenschaft schon fast 12 Jahre. Als der tschechische Nationalismus inder Situdenteitfchast geweckt worden war, haben viele undaber viele, w-elche in der Volksschule fast ebensowenig tschechisch^ konnten, als die heutigen jüdischen Studenten hebräisch, in viel weniger als 12 Jahren nicht bloß tschechisch fühlen, sondern formvollendet tschechisch sprechen undschreibet erlernt. Die jüdischen Studentm könnm hebräisch aber auch nicht radebrechen. Wo sind trotz der nicht kleinen Anzahl der, übrigens den durch Farbentragen usw. nicht zum Besten nachgebildeten jüd-ischen Couleurs die Studenten, welche, falls sie nicht in den Chedevim oder zum Rabbinevberufe es erlernten-, durch Arbeit ansich selbst es so weit brächten, daß sie in freier Rede hebräisch sprechen könnten?! Und gerade d-ie Zionistlen und die jüdischen Nationa-len sollten das Sprachmolnent besond-ers betonen. DeM manche von ihnenbehaupten!, daß das (mosaische) G l a u b en sbekenn t n i s für den Nationalismus der Juden nicht ausschlaggebend fei, daß der eine in Juden-versanunjlungen ganz überflüssigerweise, osfensichtig die Speisegesetze verletze, während der andere sich gegen den seinerzeitigm- Vorschlag der Veranstaltung -einer Trauerandacht für die Kischeuewer Opfer dahina-ussprecheit konnte, daß er für seine Person aus UeberzeugMgsgvündeu kein Bethaus besuche unddergl. mehr. Nun-, ichwill hier nicht erst auseinanders-etzen, wie wichtig die Betonung des religiösen Momentes für jedes Volk ist, und daß der knüpft war. Spinozas Denken hat eben trotz der ( antierkenntnistheoretischen- Grundlage einen großen Wirklichkeits-Wert. Er vo-r allein lehrt uns, daß man ein strenger Dogmatiker! sein kann! rmd doch! wertvolle Bausteine für eine moderne Weltanschauung zu liefern vermag. Während aitd-ere Dognratiker — mau denke nur an Hegel — mehr indirekt, mehr durch Schüler, trotz der verfehlten Grundlage ih-res Systems d-ie einzelneit lvissenschastlichen Disziplin-en und die verschied!en'M geistigen Richtungen, die zum Teil aus ganz anderen- Quellen entsprrmg-enwaren, beeinflußten, stammt diese Einwirkun-g direkt aus den vielen richfigen Sätzen, aus den vielen klaren Formulierungen-, dieSpnrozas Hauptwerk „Die Ethik" selbst enthält. Sein Begriff der beseelten! Natur kann selbst d-em: erkenntnistheoretisch Doiu kenden heute wertvoll sein und könnte auch in unserenTagen die Dichter p herrlichen Versen begeistern!, wenn sie Goethes weiten Blick besäßen. Und viele seiner psychologischen Maximen, seine Erkläm-ngender menfchjlichen Leidenschaften klingenwie Leitmotive zrr ganz mo-dernen Whandlungen. Steht doch bewußt der moderne psychologische Roman eines,S t e n d h a l und B o u r g e t unter spinozistischcin Einflüsse. , , Gewaltiger und erhebender zugleich als die Denkkraft Spinozas Nnrkt arif uns seine Persönlichkeit. Da erhebt ev sich zu monuntentaler Größe. Leute, die ihrer Philosophie gelebt haben, hat es manche gegeben-, auch vornehme Charaktere imter den Philosophen sind nicht so selten. Spinoza ist mehr als ein edler Meitsch, der mit, besonderein Scharfsinn beMbt ist. Nie zuvor und nie nachher hat ein Mensch seine Jn-dividualität so atlsgebildet, ohne eine einzige Schattenseite, die sonst starken Persönlichkeiten eigenist, zu zeigen. NW nach der Seite harmonischer A-rrsbildung etwa scheint Spinoza bewunkrrmgstoürdig, denn hier sind die meisten großen! Männe-v dev Renaissance viel voMldlichev. Der jüdische Denker aber hat es vermocht, ohne

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.