Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 7 (12.2.1904)
- Date
- 1904-02-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Wisches Dolksblntt I / Krtldeint jeden fteitan Lrd«t1o»r 11/3. LeopolvssaM 49. •imMhuttatt tu »ich«»««« * *on 4 btt 6 Uhr nachmtttaa». piDihtfii «»»«««, «le», N,S. »«s«hv»rvd-» wtitn »eMüteter oder ,« Sicht erfolgter Zustellung «SM« »tr ss» dringend. - M«mserU»1e »erste» »tcht zmckNaefteM. Y»st1pareaste«.»o«t, ««70»». g» da» «oasemeut rasa «an tSglich eiatretea. Meint jeden Frettas «»Irr MMvirkmug drr vom jüdtlüssn Voltts^ Verein erwShldm VrefsrommirNon. NUfrrst« übernehmen die Firmen: I. Danueberg, SDt DuteS, ©aafen* Rita * «ogler. «Adolf Moste. «. Oppelil. m. Pozfonht. «. Schaler t« Wies, ferner alle «snoaem-Sxpeditionen im ««»lande. GL»zel-R»««er in Wie» 16 Heller. VdNktntllrstton: n/8. LeopoldsgsNe 49. relephomsrr. 147»» «bo»neme«tSpreiSr Telephoa-Nr. 147»» Für «Sie» ». Oesterreich.U»gar« lammt Francozustellung. »anzjLhrtg vierteljährig. t»r. 8.— Für staS gelammte AuSlamst fammt Francozustellung. Ganzjährig ... Jfc. 10- ^erteljährig' " »SV Ur. V Mies. 12. Februar 1904 (26. Kchebat 5664). VI. Jahrgang. Roch einmal die Christlichsozialen. Löbliche Redaktion! Ihr Artikel über die Wiener christlichsoziale Partei hat nicht verfehlt, viel Aufsehen nnd wenig Verständnis zu erwecken. Der Umstand, daß sie es unternahmen ganz nüchtern die in dieser Partei bestehenden Strömungen festzustellen, genügte, um in vielen Gehirne«, die durch die jahrelange« Angriffsartikel der liberalen Presse ganz verwirrt sind, den Glauben zu erwecken, als ob Sie mit diesem Artikel irgendwelche Sympatien bekunden wollten. Das sind dieselben Kreise, die anläßlich der jüngsten Krise in der deutschen Volkspartei eine solche zärtliche Fürsorge für diese Partei entwickelten, als ob es sich um das Wohl und Wehe des Judentums handelte und nicht vielmehr uw den Bestand einer Partei, die ihrem Programm nach antisemitisch ist. Nicht nur ihrem Programm nach. Dreiviertel der Partei stimmten seinerzeit für die famose I^ex-Herzog. Und für diese Partei wagt sich die „freiheitliche" Presse zu entusiasmieren, spaltenlange Leitartikel zu bringen, ohne einen Massenabfall ihrer jüdischen Leser zu befürchten. So freigebig aber diese Presse in ihrer Liebe zu den deutschnationalen Antisemiten ist, so sparsam ist sie in ihrem Eintreten für jüdische Interessen. Das „Neue Wiener Tagblatt", eines der freiwillig deutschvolklichen Blätter erteilt im Briefkasten vom 4. Februar folgende Antwort: „S. L. Es wäre ganz zwecklos, sich heute über die Praeterieruug der israelitischen Lehrer zu.ereifern (sie.). Di» Sache ist oft besprochen worden (im „Neuen Wiener Tagblatt" aber noch nie! „Anm. d. „I. B."), geändert wird derzeit durch noch so viele Erörterungen nichts . ." Wir haben schon in dem Artikel „Christlichsozial" darauf hingewiesen, daß diese „Freiheitliche" die Juden glücklich in eins Sackgasse hineingehetzt hat, und jetzt, da die Folgen ihrer Taktik offenbar werden, sie gleichmütig im Stiche läßt, ebenso wie die Herren Chefredakteure des „Neuen Wiener Taglatt" und der „Oesterr. Volkszeitung" für ihre Person das Judentum im Stichs gelassen haben. Daß ihr Artikel von richtigen Voraussetzungen ausging, bewiesen diefolgenden Ereignisse. Die Spaltung der christlichsozialeu Partei in eine reformatorische und radauantisemitische fordert ihr erstes Opfer. Gregorig blieb nicht; er mußte der Koalition der unbedingten Luegerianer, also der Gemäßigten weichen, und wurde aus dem Bürgerklub, also aus der. chrtstlichsozialen Partei ausgeschloffen. ES wäre ebenso verfehlt dieses Ereignis zu unterschätzen, wie zu überschätzen. Die christlichsoziale Partei ist heute eine Macht und wie die Sanktionierung des Gesetzes betreffs der Einhebung von Taxen von Ausländern für die Erlangung des Heimatsrechtes, selbst nach Ersitzung, beweist, eine Macht, die Feuilleton. Verschiedene Sprachen. I. Tschernobyls^. Deutsch von Julie Goldbaum. Es war ungefähr 1 Uhr nachts. Benzion Kuperstein, ein junger Mann von 22 Jahren, kehrte aus einer bekannten Familie, bei Ivelcher sich etwa zehn junge Leute versammelt hatten, nach Hause. Sie hatten aufgeregt gestritten, geschrien und einer den andern unterbrochen. Alle tvaren erregt auseinander gegangen. Hier hatte cs keine Besiegte gegeben, alle hielten sich für Sieger, doch waren sie den Besiegterl gegenüber grausam und äußerst feindlich gesinnt. Es war finster. Schwarzer, klebriger Kot, untermischt mit geschmolzenem Schriee, bedeckte die Straßen und die halbverfallenen Brettertrottoirs. Bon oben fiel etwas Gefrorenes herab — waren es Regentropfen, kleine Eiskügelchen, oder Schneeklümpchen? Eine an der Ecke dev Straße stehende einsame Straßerrlaterne, tvelche man auszulöschen vergesse>r hatte, tvarf drrrch die schmutzigen Scheiben gelbliche Lichtstreifen und spiegelte sich in der Pfütze als dunkler schwarzer Fleck wieder. Alles war still, bloß hie und da klapperten nichtgeschlossene Fensterläden und knarrten schlecht befestigte Schilder. Krrperstein ivar es abscheulich zunnrte. Eine schwere Last drückte ihn. Er ging gesenkterr Hauptes, in seinem Kopfe schwirrten abgerissene Sätze aus dem soeben erfolgten Streite. Eirre kräftige, von irgend jernand herrisch in die nächtliche Finsternis hingeschleuderte scharfe Phrase durchtönte schrill die Dunkelheit. Lkuperstein erbebte urrd drehte sich um — er hatte die Stimme erkannt. Alls dem gegenüberliegenden Trottoir erblickte er zwei Schattengestalten. Er sah es ganz deutlich; es war Klara sich der Unterstützung der ersten Faktoren des Staates erfreut. Darüber müssen sich die Juden klar werden. In der Politik darf man sich nicht von Gefühlen und Sentiments beeinfluffen lassen. Hier entscheidet nur die Erkenntnis, wer der Stärkere ist. Allerdings wäre die Sanktionierung wahrscheinlich nicht erfolgt, wenn nicht Hofrat M a r ch e t im Namen der L i b e r a l e n seine Zustimmung zu diesem Gesetze ausdrücklich erklärt hätte, so daß der Beschluß als einmütige Willensmeinung des niederösterreickischen Landtages erschien. Das ist der Dank der Liberalen an die Juden! Dafür exponieren sich die Juden Wiens bei jeder Gelegenheit für diese verkrachte Partei. Und dieser Liberale M a r ch e t ist zugleich Vorstandsmitglied der deutschen Fortschritts — Partei des Reichsrates. Das ist bezeichnend für die Klubgenossen des Herrn Rosenfeld aus Czernowitz. Die Christlichsozialen tun nun einmal vielen ihrer Kritiker, die sie bei dem Radau-Antisemitismus Schneiders landen sahen, der an die niedrigsten Instinkte der Masse appelliert, nicht den Gefallen, diese Bahn einzuschlagen und wir Juden müßten wirklich borniert sein, wenn wir dies nicht zur Kenntnis nähmen. Allerdings nicht in der Art und Weise der „Arbeiterzeitung." Dieses edle von Juden gefütterte Organ entblödet sich nicht, der radau-antisemitischen Richtung Schneiders und Gregorigs ihre Sympathien auszudrücken. Sie sagt über den Fall Gregorig wörtlich folgendes: „Er repräsentiert mit Schneider die radikale Seite des Antisemitismus, sozusagen das Prinzip. Und ist in seiner bornierten, aber wenn das Wort nicht zu schroff klingt, ehrlichen E i n f ä l t i g k e i t (!) unter dem Chor der Streber und Kleber immerhin ein vereinzelter Typus." Solche Erscheinungen sollte man glauben, werden endlich die Juden bewegen sich nicht mehr als Sturmbock im politischen Kampfe gebrauchen zu lassen, wobei höchstens ihre eigenen Köpfe zugrunde gehen. Wir müssen den geehrten Scharfmachern in den freiheitlichen Lagern schon die Ehre des Vortrittes überlassen. Die Wahlen in den ersten Wahlkörper stehen bevor und die Liberalen beginnen in großmäuliger Weise ihre Agitation. Und was wird der Schluß sein? Die Wahlkörper, welche eine jüdische Majorität haben, werden „deutsch-fortschrittlich" wählen, die anderen christlichsozial. Warum werfen denn die Juden nicht die Maske ab und kandidieren offen als jüdische Kandidaten? Hochachtungsvoll Dr. P—. Die Jude« im Türkischen Reiche. Von D. E. Graf von Müllinen. Das in dritter Linie nach den Orthodoxen und Armeniern in Betracht kommende, denselben jedoch an Zahl wie Bedeutung weit nachstehende Millet ist dasjenige der jüdischen Kahan und Chaimowitsch; sie gingen auch nach Hause. Lange und gierig blickte er, bis die Finsternis sie verschlang, dem Pärchen nach. Sein Herz preßte sich zusammen — es dünkte ihm, als wäre in dev Tiefe der Finsternis etwas, das ihn: sehr nahe und teuer wav, versunken. Er fühlte, daß sich zwischen ihm und Klara etwas Unüberwindliches gelegt hatte. Jetzt eben int. Eifer des Streites hatte sie seine Idee reaktionär, spießbürgerlich genannt. Wie? Seine Idee, tvelche darnach strebt, ein ganzes Volk zu befreien, seine Idee, welche dem unglücklichen, obdachlosen Wandervolke einen Winkel schaffen will, wo es von den.bitteren Leiden, Qualen, Kränkungen ausruhen könnew soll, diese Idee wäre reaktionär, spießbürgerlich? Er lächelte. — „Was ist es?" dachte er. „Hartherzigkeit oder ein knechtisches Gefühl? Doch sie hat ja eine liebende, empfindliche Seele. Sie war es ja — er erinnerte sich daran — welche mit Tränen in den Augen ihm einmal von der Not und vom Hunger eines ihr fremden Volkes gesprochen hatte. Weshalb sollte ihr also das Unglück des ihr verwandten, noch tausendmal mehr leidenden Volkes fremd sein? — Uebrigeus: sie sind ja alle so! Sie schweben in Wolkensphären und haben sich eine falsche Wirklichkeit geschaffen, ohne dasjenige zu sehen, was so klar, so einfach vor den Augen liegt. Werden sie es jemals verstehen?" — Der scharfe Wind schleuderte ihm nasse Schneeflocken ins Gesicht, doch er fühlte sie nicht und ging langsam in seine düsteren Gedanken versunken weiter. * * * Kupersteiu war erst vor kurzem in fein heimatliches Städtchen zurückgekehrt, um dort von dem Lärm der Großstadt auszuruhen. Ein beruhigender Hauch umfing ihn in der ersten Zeit — die Stille des kleinen Ortes liebkoste ihn. Doch bald wurde ihm diese sanfte Ruhe zutvider, er sehnte sich nach Bewegung, nach Tätigkeit. Er begann, sich in seiner Umgebung umzuschallen und fand zu seiner Freude Gesinnungsgenossen. Sie wurden bekannt, traten einander näher, bildeten einen Kreis. Rayahs (Yahudi milleti oder Milleti musevie). Es setzt sich nur zu« kleinsten Teile auden seit alter Zeit in Palästina und Babylonien verbliebenen Jude» zusammen; die Hauptmasse wanderte seit dem 15. Jahrhundert au- Spanien (die noch heute einen spanischen Dialekt sprechenden Sephardim) «nd aus Polen (die jüdisch-deutsch redeuden Aschkenazim) ein n«d verbreitete sich über die größeren Städte, namentlich der Balkanhalbinsel. Die zahlreichsten Gemeinden sind diejenigen von Konstantinopel und Salonik, in welcher letzteren Stadt sie den Hauptteil der Bevölkerung bilden. Nach ihrer im Jahre 1865 gesetzlich geregelten Organisation ist ihr geistliches Oberhaupt, der Oberrabbiner (Chacham baschi) in Konstanitnopel, mit der Anrede „Eminenz", auch politisch der Vorgesetzte sämtlicher jüdischen Rayahs in der Türkei; er muß das türkische Jndigenat besitze«. Gewählt wird er durch den großen Bolkskonseil, worauf die Pforte ihn bestätigt. Seine Wahl erfolgt auf Lebenszeit, doch muß er nach vollendetem siebzigstem Jahre zurücktreten, falls er nicht noch die zur Erfüllung seiner Amtspflichten erforderlichen körperlichen und geistigen Kräfte besitzt. Er vertritt sein Millet der Pforte gegenüber; er verteilt die Geschäfte an die beiden ständigen Konseils und wacht über die Ausführung der Beschlüsse derselben. Eventuell ist er befugt, eine Revision der letzteren herbeizuführen; jede weitere Jngerenz ist ihm untersagt. Seine Absetzung wird, wenn erforderlich, von dem vereinigten geistlichen und weltliche» Konseil bewirkt, indem er, nach vorgängiger Benachrichtigung der Pforte, zur Abdankung gezwungen wird. Der große Bolkskonseil besteht aus 60 Laien, Abgeordneten der Bevölkerung der Hauptstadt und 20 Rabbinern und ergänzt sich zum Zwecke der Wahl des Oberrabbiners durch 40 Vertreter der jüdischen Gemeinden von Adrianopel, Brussa, Salonik, Bagdad, Kairo und Jerusalem, Außer der Wahl des Oberrabbrners liegt dem großen Volkskvnseil die von der Pforte zu bestätigende Wahl der Mitglieder des geistlichen und des weltlichen Konseils aus seiner Mitte ob. Ddr geistliche Konseil wird von sieben Rabbinern gebildet und hat für die Bewahrung der Glaubenslehren und für die Riten, sowie für die Ueberwachung der Prediger und die Beschaffung von Unterrichtsmitteln für die Schulen Sorge zu tragen. Es ist unzuläffig, Beschlüffe gegen die Ansicht des Vorsitzenden zu fassen. Das Recht, die Exkommunikation (Oberem) zu verhängen, steht «ur dem Oberrabbiner, dem Vorsitzenden des geistlichen Konseils und seinen beiden Adjunkten zu. Der weibliche oder Laien-Konseil besteht aus neun Laien und hat die weiblichen Angelegenheiten des Millet, namentlich dessen Kasse zu leiten. Von Anfang an erstanden diesem Kreise Gegner, welche ihm entgegen zu arbeiten begannen. Doch er fürchtete sich nicht: er liebte den Kmnpf und erblickte in ihm das Leben. Der stehende Sumpf des Provinzstädtchens geriet in Bewegung; überall wurde „für" und „Wider" die neue Strömung gesprochen. Einen besonderen Widerhall fand seine Idee in der Jugend. Doch auch unter den Jungen fand er Gegner; es waren mehr oder minder gebildete Männer, tvelche gar keine jüdische Erziehung erhalten hatten urrd welche seit ihrere Kindheit in allgemeinen Schulen unterrichtet worden tvaren. Dem Judentum fern, konnten sie die Pflege der hebräischen Sprache und Literatur nicht begreifen. Zu ihnen gehöre arich Klara Kahan. Sie hatte vor kurzem erst das Gymnasium verlassen und glaubte, mit dem wirklichen Leben wenig vertraut, fanatisch an das baldige Herannahett eines goldenen Zeitalters der allgemeinen Brüderlichkeit und Gleichheit. Alles Nationale betrachtete sie als etwas lieberlebtes, Barbarisches, das bald verschwinden umsse. Die Bestrebungen der Jüdischnationalen schienen ihr verbrecherisch. sündhaft, dem Fortschritt gegenüber. Sie, die gläubige, hingebungsvolle Enthusiastin, wurde eine fanatische Gegnerin von Kuperstein. Kuperstein hatte sie bei einem gemeinschaftlichen Bekannten kennen gelernt, bei welchem sich die junge Welt der entgegengesetzten Lager und lleberzeugnngeu zu versammeln pflegte. Hier waren die Zionisten, vertreten durch Kuperstein, durch den jungen Boruch Salzburg, einem ehemaligen Jünger einer Religionsschule, gegenwärtig aber außerordentlicher Universitätshörer, welcher beständig schwieg utib mit seinen großen schtvarzen Augen träumerisch vor sich blickte, durch den jüdischen Lehrer Solomon Renin, einem leidenschaftlichen Politiker und wütenden Alchänger Achad-Hamns, und durch noch einige junge Leute, Mitglieder des dortigen „Vereines". Die Repräsentanten der Assimilanten-Fortschrittler tvaren: der Apothekergehilfe Chaimowitsch, ein nervöser Mensch, tvelcher mit