Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 6 (5.2.1904)
- Date
- 1904-02-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Kchebat 5664). VI. Jahrgang. «MS» Hainseld. Wien, 4. Februar. Der eben in Hainseld stattfindende niederösterreichische sozialdemokratische LandeKparteitag veranlaßt nicht nur die m a r x i st i s che n SoziabdemloLvaten zu historischen Betrachtungen, sondew auch die übrigen Sozialisten, überhaupt alle jene, welche Verständnisfür das soziale Problem und die v e r s ch i e d e n e n Strömungen im S o z i a l i s m u s haben. Speziell die Juden, deren größerer Teil der nichtbesitzenden Klasse angehört, müssen schon mit Rücksicht daraus, daß die Judenfrage (soweit sie wirtschaftlicher Natur ist) mit der sozialen Frage organische verbunden ist, die Entwicklung der österreichischen Sozialdemokratie aufmerksam verfolgen. Die Entstehung und E ntwick lung: der ö st e r r e i ch! i s ch e n S o z i a l d e m o k r a t i e ist! aber untrennbar verbunden mit denn sogenannten Hainfelder Programme, welches sich die Marxisten auf ihrem e r st e n Parteitage zu Hainfeldgaben!. Bo r Hainfeldtrug die sozialistische Bewegung keineswegs die marxistische Marke, und ob sie dieselbe nach weiteren 15 Jahren tragen Wird-, obdie! Differenz zwischen den Sozialisten der Gegenwart und! denen der Zukunft nicht noch größer sein wird als denen zwischen heute und einst, können wir n i ch t prophezeien, aber als wahrscheinlich! cmnehmen. ■ Heute bereits sind die P r o l e t a r i e r gerade \ in den fortgeschrittensten Staaten, in A m e r i k a, in der S ch w e i z und im E ngla n din ihrer Majorität keine M a r x i st e n, sondern B o d e n r -e f o r m e r, freie G e n o> s s e n s ch a f t s s o z i a l i st e n, I n d i v i d u a - l ist Gewerkschaftler usw. undnur in den politisch 'v ü ck st ü ir d i g e n Staaten-, wie Deutschland, Oesterreich usw. wird noch der S oz i a l i s m u! s mi-t- -d-cm M a r x i sm u s identifiziert, weil die Wortführer der sozialdemofratifcfjtcm Arbeiterscha-ft Marxilsten sind und weil bisher noch keine größer -e! rrich-tm-arxistische sozialistische Organisation speziell in Oesterreich existiert. Aber a-uch in diesem. Lande, wo jaalle Parteien a-u s n a h m s l o s auf s ch w a n k e n d! e m! F u n d a m e n t e st e h e n, wo jode einzelne Partei die h -e! t e r o g e n st e n Gruppen, umfaßt, gibt es verschiedene Schatiierung-en im Sozialismus, wenn auch die Differenzen nicht soscharf zutage treten, wie: seinerzeit -der Gegensatz zwischen „G-emäßigtcn" und Ra-dikaleu Var donr 1. Hainfelder Parteitage. Feuilleton. Zur Rassensrage. Gegenüber der momentan in Wien mit Eifer betriebenen- Abschlachtung der Rassentheorie wirkt es erfrischend und ermunternd ans dem Munde eines der ersten modernen Maler in Deutschland, ausdom- Munde L i e b e r - man ns, ein ungeschmin-ktes Urteil darüber zu hören. Mar Lieberman-n äußerte sich, wie in der „Franks. Jtg." Arthur Ro-eßlor mitteilt, als Berufener falgendermaßen: Nls ich dieser scharfen Aburteilung der mir liebgewordeneu Wiener Kunst entgegenreden wollte, wehrte der Künstler rasch ab: „Nein, nein, das ist ineine Meinung. Für die Kunst geht die Sonne im Westen anf. Ans Frankreich empfangen ivir in Deutschland die grasten Anregungen, die ivir eigenartig verwerten, und erst ans dem Umwege über uns bekommen die Wiener Teile davon ab, die sie jedoch nicht zu Eigenem zu berarbeiten imstande sind." „Und worin erkennen Sie die Ursache dieses Zustandes des Argen in Wien?" „I n der Nass e, oder besser dem Rasse n - g e m e n g s e l. Es' mag ja auch sein, dast die Wiener blost ein zn altes Volk sind, das den Höhepunkt seiner kulturellen Entwicklung bereits überschritten hat, das abstirbt. Denn Völker wachsen und sterben ebenso wie Individuen. Aber ich bin eher geneigt, anzunehmen, dast an der österreichischen Verrottung, wie schon gesagt, der N a s s e n m i s ch m n s ch Schuld trägt. Die Wiener haben zu sehr zusammengepnuschtes Blut und bertveichlichte Nerbeu. Sie sind mir auch zu sentimental, während es mir lieber wär', sie wären zynisch. Im Zynismus liegt doch wenigstens noch Kraft, wenn auch eine mehr zersetzende als mlfbaueude, aber im Sentiment ist nur Schlväche. Ich halte die Vermengung anderer Nassen mit der jüdischen für nachteilig. Notabene: i ch meine f ü r d i e I u d e n. I ch b i n I u d e u n d i ch b i n st o l z d a ra u f, rassereiner Jude z n sein. Ich gl a u b e, d i e jüdische Rasse verliert ihre guten Eigenschaft e n, wenn s i e s i ch mit anderen Nassen v e r m i s ch t. D i e b e i d e n v e r s ch i e d ene n H ä l f t e n ergeben eben Auch heute gibt es im österveMschon Proletariote verschied-ene Meinungen über den Wort, respektive Unwert des österreichischen Pvrlamentarismus für die soziale Befreiung. Die D i f f e r >e n z, ob man durch, Eroberung der politischen Macht oder durch wirtschaftliche Organ i s a t i o n die Gegenwartsfordemn-gen und das Endziel des Proletariateserreichen könne, ist d-urchi die Anwesenheit so-zialdemokratischer Abgeordneter im Wielner AbgeordnetMhause, ihre Wirksamkeit und die des gesamten Parlamentes mit seinen ständigen O b st!v uktionsk o m ö d i e n n i ch t ans der Welt gesch-asst word-en. Schließlich gibt es in N i e d e r ö st e r r e i ch, Böhmen u nd den A l p e n l ä n d e r n aulchj heute no ch freisozialistisch e Organisationen! und- Blätter, welch-e das Hainfelder Programm n i ch t anerkennen und die marxistische Taktik, sowie das marxisüsche Endziel, den autorita-erkommunistischen Staat -auch heute ebenso verwerfen, wie vor Hainseld. Unddiese Strömnn!g im Sozialismus erhält von allen jenen modern-en Sozialisten und- Sö-ziolo-gen> Verstärkung, welche Anti-Marxisten sind- und in dieser oder jener Richtung mehr oder weniger eine R e v i s i o n des S o - z i a l i s m u s fordern-. Daß die Revisidnsbestrebnngenim Sozialismus Wohl mit Bernstein beginnen, aber bei ihm nicht enden werden, steht heute bereits außer allem Zweifel. Die massenhaft -anwachsende a n t i marxistisch>e, wo-hlgemerkt sozialrsttsche Literatur ist der beste Fingerzeigdastir. Allerdings sind wir der Meinung, daß die Revisiion des Sozialismus sich nicht nurans dasökon-omisch!e Gebiet allein beschränken! darf, sonderndaß auch der Sozialismus feimö Stellung zu einer Reihe vo-n. anderen! Fva.gen, vor allem zur I n d e n frage, ändernmuß. Wenn intern-atio-nal und anation-al respektive antinational n i.ch t identische Begriffe: sind-, national und! international sich n i ch t ausschließen, sondern einschließen, dann gilt dies n i ch t nur für D> e u t s ch e u n d T s ch e - ch e n, Polen und R u t h e n e n, I t a l i -e n e r und M a g y a r e n, sondern auchfür — die Juden. Der süd-ische Proletarier, der nicht nur einer bedrückten Klasse, sondern auch einem bicdrückten Volke augehört, muß so wie jeder a-nd-eve! Proletarier, das Recht haben, seine soziale Lage zu verbessern-, u n b e s ch a d e t seiner n a t i on a l e n I n d i v i d u al i t ä t. In >c-iner wirklich mod-ernensozia>listisch-en Bewegung muß eben Platz sein für hie freie Entwicklung: jedes Volkes und jedes I n d i v i d u u m s uud nur eine solche sozialistische Wirtschiaftso-rdnung ist nröglich, welch-e aus d e r n i e e i n h a r m o n i s ch e s G a n z e. I n d e r K u n st w e n i gst e n s waren n ur raff c u r eine Jude n s ch ö p f e r i s ch wahrhaft bedeutend. Denken Sie an Israels b e i s p i e l s w e i s e." Wir glauben, das geuügt. Jur Zusammenhänge, damit verweise ich aus meinen' Artikel „L'a r t j u i v e" in Nr. 4 des „Jüd. Volksblatt" 1902. Darinsage ich: „Die Rasse kommt inder Kunst zur Anerkennung-. Endlich erkennt man an, daß eine rafsenlose Kmrst, die ihre Herku-n-ft vom- Blute verleugnet, auch blutarm und blutlos, ein blasser Sch-emeu- — vielleicht eine effektvolle Draperie ist — aber sicher nicht das- Kuustlverk, das den Sn-chenden erlöst undd-en Belad-eueu befreit. So nrußt-e die mode-ure Kunst auch eine jüdische Kunst schaffeu-, somußte die jüdische Kuu-st modern sein-. Sie schöpft aus de-r u-nerfchöpflicheu Fnudgrllbe d-er semitischen Rasse und ist sich ihres Ursprunges belvußt." L. S o f e r. An Carmen Sylva. Voir Jvfef Kiss. (Aus dem Ungarischen übersetzt von Jakob Krauß.) Madame! Nicht ohne Befangenheit lese ich das neueste Produkt Ihres poetischen Geistes, die Beschreibung jener denkwürdigen Nacht, welche Ihrem 60. Grbnrtstage voranging. Eure Majestät kehrte 1 Uhr nachts vom Theater heim (in Bukarest beginnen die Theatervorstellungen um 9 Uhr) noch trunken von dem Spiele Novellis, der an jenem Abend im -König Lear" brillierte. Als Sie Ihre Appartements betraten, empfingen Sie die süßen Töne einer weichen, ins Herz schleichenden Musik. Die Luster Ihres Boudoirs erfüllten die trauten Räume mit herrlichem Glanze. Bald kamen auch Ihre Zofen, beladen mit A f s o z i a t i o n f r e i e r Individuen basiert und nicht den Untergang des vorhandenen kümmerlichen Restes der individuellen Freiheit bedeutet. Zu diesen Betrachtungen werden gerade die modernerr, die sozial-kritischen Juden und insbesondere die jüdischen P r o l e - t a >v i e r gedrängt, wenn sie -darangehen, ihre Stellung zum Sozialismuszu präzisieren, wozu gerade jcht der sozialdemokratische Parteitag in Hainseld ei'nerc Anlaß bietet, indem er alle Reminiszenzen ins Gedächtnis ruft, die sich an den Ort Hainseld- und die rnarxistische PioUtik seit Hainfeld knüpfen. Wir können uns keine Renaissance unseres Volles und der Kultuvmenschheit überhaupt ohne -.radikale soziale Reformen denken-, aber soziale Reformen sind nicht firr eine Klasse allein, sondern für alle produzierenden Schichten notwendig. Von deren Solidarität hängt der soziale Fortschritt ab. .... „ Im Streben nach sozialem Fortschritt sind wir „j u - d i s ch, ie> Moderne n" aber einig mit den Modernen aller übrigen, Volksstimmen. Bilder ans Galizien. (Orig.-Korr. d. I. B.) Wenn im österreichischen Reichsrate galizische Zustände geschildert werden, dann horchen alle Abgeordneten auf, als würden sie Klagen aus einer ihnen ganz fremden West vernehmen. Wie von einem drückenden Alp befreit werden die Deputierten, wenn der Redner den letzten Pinselstrich an sein krasses Situationsgemälde anlegt. Sie staunen und glauben daß eine solche Unmasse von Brutalitäten, eine so stupide Ignoranz in ihrem geliebten Vaterlande nicht möglich ist. Auch die Minister, die es doch eigentlich wissen sollten, wie es in dem von ihnen. regierten Staate aussieht, starren befremdet auf den Sprecher und erfahren, daß sie eigentlich für eine Unzahl von Greueltaten mitverantwortlich sind. Die Stanzschicken winden sich unter den Knutenstreichen des Tribunen und schicken dann einen Sprecher ins Treffen, der mit tonloser Stimme, mit vornehmen Handbewegungen alle Ausführungen zu Lügen flygmatisiert. Ein großer Teil der galizischen Bevölkerung jedoch ist heute bereits soweit fortgeschritten, daß er eher an die Hungerdörfer eines Daszynski, Breiter und Koß als an die „potemkinschen Dörfer" glaubt, die ihm Jaworski und Abrahamowicz vordemonstrieren .... * * * Tritt man in eine schmutzige polnische Schenke, sieh man heruntergekommene, vom Schicksal niedergeschlagene Menschen^ den schönsten Blumenkörben, auch Ihre Lieblingskätzchen erschienen mit Bändern festlich geschmückt und auch der Gothaer- Almanach, mit welchem man Eure Majestät alljährlich zum Wiegenfeste aus Ihrer deutschen Heimat zu überraschen Pflegt, lag bereits auf Ihrem Tische. Und all' dies hat Eure Majestät in nicht geringe Aufregung versetzt! Ihr königlicher Gcmahl schlief inzwischen, nachdem er die Embleme des Königstums: den Königsmantel, das Szepter, den goldenen Apfel und die Sandalen niedergelegt Hatte,^ in seinem Himmelbette den Schlaf der Gerechten. Ihn interessierten weder Novelli, noch die Kätzchen und auch nicht die Musik der Spieluhr; er pflegt eben Punkt 9 Uhr, sozusagen mit den Hühnern schlafen zu gehen. Es ist ein Beweis für das überaus große Zartgefühl Eurer Majestät, daß Sie Ihren königlichen Gemahls nicht in seiner Ruhe stören wollten und es vorzogen, auf dem Sofa Ihres Arbeitszimmers sich ein Nachtlager betten zu lassen. Aber Eure Majestät konnten keine Ruhe finden und hatten die ganze Nacht schlaflos verbracht. Es sind dies liebliche, anmutige Intimitäten, welche die bekränzte Dichterin Carmen Sylva hier verrät und gewissermaßen über die Königin von Rumänien ausplaudert. Aber es ist nicht ratsam die inneren Angelegenheiten der Könige und Königinnen dem Volke zu verraten und nicht immer ist es empfehlenswert es über die irdischen Schwachen und Unzulänglichkeiten der königlichen Staubhütte aufzuklären. Wozu auch? Welchen Nutzen könnte es auch bringen, wenn wir es bemerken würden, wie von nnter der Krone der Zipfel der Schlasmütze hervorlngt? Und wozu es auch verraten, daß gekrönte Häupter auch oft schlaflose Nächte verbringen, genau so wie die gewöhnlichen Sterblichen? O. diese schlaflosen Nächte! Errre Masestät erzählen blos von einer schlaflosen Nacht. Aber Sie vergessen uns Rechenschaft zu geben darüber, womit und in welcher Form Sie die träge, dahinschleichenden nächt- . J i:: -i: 'l t ■ii -i.: i:V' .1 r 5 "i - fr ■? ’ t