Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 3 (15.1.1904)
- Date
- 1904-01-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Lrd«ttvn: U/S. Leopol-sgaflie 49. ftrnliimiMl Kr »-»«mag« son 4 Bil 6 tu» nachmittag«. «»««UM. «itte», II|8 Otfötwxeften «eg« »«Mäteter oder <ar nicht ofofgtet gaficOttm «ötttca «tt ni dringen». - Stex* *f«xV»it taextra Nicht «»»SgeskM« N»yiparc«fie«'»onto 8470*7 An da» «rotmemeni kau» »«, täglich rintrete». N». 3 mir,r MUwrrrruUA btx mm '.ÄMMrrrr V«M» )Ertu NevrStzlk«« ^Ns!m:oMMtfKon. »*frea»i? »d«netzm«t St« gttartt: I. Daauefierg, M. Lukes. vaaienfttfct * Wogtet, «ttbol» Liofle. Ä. Oppelik. «. do^onql. ». Schal«» to M«, ferner alle «mroncn^itxpeditiouen tat »UÄ1 anfit Gj»ze1 N«««er in Wie« 16 Heller. .. Ä'nviüjrUti U/S. Leopoldsgsür 49« TelephomN». 14733 «bo»»eme«tSpretSr TeleHhom-Nx. 14738 Aitx Böten «. tVrftrxxrtch'Nagar« 9üx das „e»am«le Aa-l«»h iamm» lammt Krancozustrllnng. Ganzjährig Halbsährtg «ierteliSkrig 9st. 8 - . 4.- . , s,- Ganzjährig ... Kr. 18.» ^ierttl^hrig' ", 3.80 Wir«, 18. Jänner 1904 (37. Tebeth 5664). VI. Jahrgang. Kujwmww» Schlvarzgelb. .Einer der Gründe des Niederganges unseres öffentlichen Lebens in Oesterreich ist außer unserer nach jeder Richtung verfehlten N e i ch s v e r f a s s u n g die Struktur und Zusammensetzung der bestehenden Parteien. Auf un,natürliche Weise enitstanden, durch Schlagwö'rtev und Parteiterrorismus künstlich zusammengehalten, müssen diese „Parteien" aus taktischen Gründen an einmal ausgegebenen Programmen und Parolen festhalten, auch; dann, wenn die Parteiführer von ihrer Undurchführbarkeit und Falschheit sich' überzeugt haben. Aber trotz alledem gelangt man allmählich an einen Punkt, wo eine bestimmte Gruppe nicht mehr nEun kann oder will und aus de!r Partei ausscheidet, ohne aber in den meisten Fällen aus den Fehlern der Muttenpartei genügend gelernt zu haben. Um nicht des „Verrates" an der „Motion" usw. von der fanatischen Masse' geziehen zu worden, sind die Sezessionisten gewöhnlich noch „r a d i k a l o r" in ch a u v i n i st i s ch e r und antisemitischer H i ns i ch t und auf diese! Weise entsteht ein Wettlauf der Parteien in der Nationalitäten und Rassenhetze. Das ist die G e s ch i ch t e de s E ntstehens u n b Verg e h> e n s — der! Part'eien in; Oesterreich! Und von einem Vergehen, Verblassen dieses unfruchtbaren „Radikalismus" kann man heute bereits sprechen. Die All- und Ostdeutschen, sowie die Deutsche Volks- Partei sind im Niedergang begriffen' und muh! der tschechischnationule Radikalismus wird bald den Höhepunkt!-seiner Macht überschritten haben. ( Aber auch in einer anderen Partei, die allerdings nicht national-radikale, wohl aber radikal-antisemitische und radikal-klerikale Memente in ihrer Mitte hat, scheint gegen die „Gruppe der Fanghunde", gegen bcm Radikalismus der Radauantisemiten eine starke Strömung sich gelillend zu machen'. Die jüngste Gründung eines Vereines! dev M adikalen 3lntise tm iten von; Seite der Herren G r e g o r i g, Schneider scheint in> dieser Richtung ebenfo> bezeichnend, zu sein, wie das Erscheinen und die R e d e d es D r. L u ege r anläßlich eines Festes, des Gremiums der Kaufloute. . D r. L u eger in Gesellschaft des Herrn P o l l a k und Konsorten? Plant Herr D 4". Sit cg cm eine Schwenkung; weg vom Antisemitismus, wohin er seinerzeit! nur durch die verbohrte Politik der Scheinliberalen und der sogenannten Feuilleton. Jüdische Künstler. Von Viktor Fleischer. Noch haben wir keine jüdische Ktmst. Wohl aber haben wir jüdische Künstler, denen jüdische Stoffe! nicht fremd sind, und damit haben wir die Hoffnung, daß uns die jüdische Reii ai ssane ebelvegung auch eine naitouale Kunst bringent twcb. Freilich, was außer dem künstlerischen Stosfkveise noch national ist in der Kunst, läßt sich mehr empfinden als klar präzisieren, in Worte fassen. Und schließlich hat jeder Künstler dort seine Heimat, wo er sie findet oder wo er sich sie schafft. Man müßte ein, schrecklicher Doktrinär und Chauvinist sein, wollte man die Bilder Liebermanns, die ans holländischem Milieu erwuchfen, tiefer einschätzen, weil sie der! I it d e Liebermanu und nicht ein Holla nde r Lie'bermann! gemalt hat. Es! gibt in der Künst keinen; nationalen, Radikalismus. Fritz Stahl erzählt in seinem- Essay üb,er Josef Israel s, wie der Maler nach schwerer Krankheit in Zandvoort, t einem holländischen Fischerdorfe, Erholung suchte und hier in dem stillen Frieden der Rekonvaleszenz seine künstlerische Persönlichkeit fand, wie nach Jahren akademischen Zwanges und unpersönlichen Schaffens sich plötzlich die Individualität Israels von' der fremden! Schlale befreite rmd aus dom Maler ein Künstlet ward . . . Die beschauliche Ruhe der Rekonvaleszenz nach langer Krankheit fehlt, denk' ich, nnserm ganzen. Volke, die friedliche Entwicklung nach schweren; Kampfzeiten; sie brächte uns vielleicht auch, eine national-jüdische Kunst, die frei wäre von allem Fremden ... Noch haben wir keine jüdische Kunst. Und es muß rühmend anerkannt werden', daß das jüngst erschienene Werk „Jüdische Künstler" (Jüdischer Verlag, Berlin, SW. 47) nicht in selbsttrügerischer Charlatanerie den Ver- Judenpresse getrieben wurde? Herr Dv. Lueger hat jederzeit einen seinen Geruch für einen sich vorbereitenden Umschwung an den Tag gelegt; ist ihm der antisemitischl-schwarzgelbe Gesichtspunkt zu enge, zieht er vielleicht vor, Generalissimus einer schwarzgelben Reichsarmee zu werden und um diesen Preis für sich die I u d e n f r a g e als für sich gelöst zu betrachten??? * * * Tatsächlich scheint sich eine K o n z e n!ti r a t i o n, der „Schwarzgelb en", d. h. aller derer, welche die Erhaltung der ö st e >v r e i ch> i s ch e n M o n a r ch i e, d i e W a h x u n g u n d, Stärk u; n g d e r R e! i ch s e i n - heit wollen, die 3lusgleich!ung der nationalen und' konfessionellen Gegensätze erstreben;, vorzubereiten. Ob sie gelingen wird, yb sie für das Reich! und seine Völker, und speziell für die Juden, fruchtbringend! sein wird, das hängt davon ab, wer die Führrmg üben nehmen wird und ob das schwarzgelbe Programm den nationalen und sozialen Forderungen der Zeit Genüge leisten wird,: Für eine schwarz g e l b e Politik, welche ein national-indifferentes Oesterreichertum konstruierien und unter dynastischer Flagge im Sinne der seeligen Koalition, Feudal-Adel, Klerus und die kapitalistische liberale Bourgeoisie, zusammenkoppeln und! antisemitisch, anstreichen wollte, ist im Oesterreich des z w anzr g st e n I a h' r - h, u; n d e ai t s kein Boden mehr. Dagegen würde eine f ch w a r z g e l b e Reichs - Politik, welche unterucF e st h a l t u u g der Rechte der Krone und dev-E i n h ei< t der Monarchie, an die R e g e - lung der Nationalitätenfrage im Sinne der nationalen AutoMimie aller Volksstämme des Donauveich!es> schritte mid die Bahn; einer modernen Sozialrcform im> Interesse aller produzic-renden Stände betreten würde, ein überaus sympathisches Ech>o, überall dort im ganzen' Reiche findenwo nr-an es nicht verlernt hat, österreichisch zu; denken u n d z n fühlen. Speziell die Juden Oesterreichs, die i n.soll ge der N a t i o n a l i t ä t e n h. e tz e! und, des Hand, in; Hand damit einhellschreitenden! Zlntisemitismus mehr als irgend' 'ein anderes Volk im allgemeinen T o h u w a b o> h u gelitten, trollen ja nichts anderes, als ein gleichberechtigtes Volk unter gleichberechtigten Völkern sein. Siv gravitieren, weder nach> Bevlini noch nach Moskau, usw., s o N' d, e r n h alte rr f c st, anOeste r v c i ch;. D i e I u d e n l e i, d e n i n> n> a ti o, n a l e r. § o n f o s s i o u e l l e r und sozial e r H i n s i ch t such chagt, uns weiszumachen, die Künftldr, die es uns vorführt, bedeuteteir eine j ü d i s ch' e Kunst oder/ auch n:ur die U'Uverkennbaren Anfänge einer solchen!, daß es sich vielmehr damit begnügt, uns diese jüdischen Künstler eben crls Künstler zu zeigen. Es ist ein in!t>c'ressa!ntes Buch', das uns der junge Verlag da beschert hat. Interessant, nicht nur weil die sechs Maler, deren Schassen, es behandelt, scharf geprägte Jndividrialitäten' sind, smidern auch durch die 3lrt, wie die sechs Essayisivn> ,dem Charakter des betreffenden' Künstlers gerecht zri tverden suchen; wie sich in ihrer Dgllstellung nicht nur die Persönlichjkeit dessen, zeigt, von dem die Rede ist, sondern auch die Piersönlichkeit des Redenden selbst. Und nur davon will ich hier Einiges sagen, denn ein TheowtHsieren über die Maler, wo das Beweismaleriale, das Bild, resp. seine Iteprodlllktion fehlt, hätte keinen, Zweck. * -i« * In feinen! Linien zeichüet Fritz Stahl die Enttvicklung.JofefJsv a, e l s! Die zarten Fädendie sich unbemerkt aus den Jugendjahren des Ki'mftlcrkinides hinüberspiynen zu den Jahren künstlerischer Reise, sucht er anfzuspüreir. Das Mirakel s von Zandvoort, das Plötzliche Hcrvorbvecheni der Eigenperfönlichkeit durch den drücken'ben Schuppenpanzer erlernter Konventionsiualerei will er genetisch erklären. Den K ü n st l e r Israels zeigt er uns ün Mensche n. Denn Jsmels „ist die Technik nur das Mittel, den Menschen auszudrücken". Den Einfluß der Luft' Hollands auf das Licht in der Natur, auf das Licht im künstlerischen! Schaffen lehrt! Stahl verstehen-. Für die Stimnmng in; den, Bildern Israels' hat er verwandte Worte gefunden'. Es liegt etivas von der melancholischen' Müdigkeit, denr nachhenklichen! Warten, dem stillen Mitleiden, das Jsrvels' Werken en«tströmt, auch in seiner Sprache. „Sachlich klar, knapp" nennt er Israels' Malweise und das Buch, das der Künstler über" Spanien geschrieben hat. Die Worte paffen auch auf seinen Essay: sachlich, klar, knappunter den krankhaften Lluswüchfen des öffentlichen Lebens und sind allezeit bereit, einer solchen schwarzgalben Politik, welche ihre nationale^ Individualität respektiert und welche Nmorganisation des Reiches im Sinne der nationalen, konfessionellen und sozialen! Hinsicht vertritt, gegenüber sich wohlwollend zu verhalten. Llndererseits kann keine schwarz gelbe Politik, welche ftir die Existenzbedingungen des Reiches, das richtige Verständnis hat und den V ö l k e n frieden erstrebt, mit dem. — Antisemitismus kokettieren, sie kann unmöglich gerade die Angehörigen jenes Volkes tyrannisieren und vergewaltigen wollen, lvelche keine Herrschaftsbestrebungen' haben, sond-ern in ihrer! überwiegenden Mehrheit für den Fri'eden und die Gleichberechtigung unter allen Oesterreichern eintreten. Der Llntisemitismus, der insbesondere in seinen chauvinistischen Auswüchsen nicht nur „Los von Rom", sondern auch „Losvon Oesterreich" proklamiert, ist ebenso unösterreichisch wie unchristlich. Eine f ch w a r z g e l b e Politik a b e r, w o l - che zum Heiile des Reiches und seiner Völker f ü h r e n s o l l, muß gerecht gegen alle Oesterveicher, folglich auch gegen die ö st e r r e i ch i s ch e n Juden sein! K.. Die Absallbewegung. Körporliche Häßlichkeit sucht man durch Kleidung, geistige Häßlichkeit durch einen klingenden Namen zu bemänteln. So wird die seit Ende des vorigen Jahrhunderts immer breiter werdende Absallbewegung mit den Worten „los von" bemäntelt. „Los von Rom", „los von Wien", ^,los von Oesterreich" hört man heutzutage fast ebenso oft, wie man seinerzeit „Lobet Gott den Herrn" hörte. Begonnen hat diese meistens von polittschen, manchmal aber auch! von niedrigeren Motiven geleitete Bewegung eigentlich; mit dem Rufe: „l o s v o n I u d a". Diese Bewegung war zunächst amf Vernichtung der Wirts ch a f t l i ch e n und s oz ia lpol i t i sche n Lage der Juden! gerichtet; sie hat sich aber bis zur lvissenschaftlich sich geberdeudeir Atlniera;rbeit gegen die religiöseihische Grundlage des Judentums ausgebildet, rmii zum Schlüsse das Judentum als Träger des Monotheismus zu bekämpfen.' Martin Buber erzählt nicht vom Werden Lesser U v y s. Er faßt die Persönlichkeit des Künstlers als etwas Fertiges auf und sein Schaffen behandelt er als Psychologe. Wäh-reud er. von, den Farbendichtungen, Urys spricht, wird er selbst zum Dichter, und wie Urys, Farben, so habenfeine Worte persönlichen Charakter, neue Nuancen, Schattiorlllngen und Zlkzente. Von den LandschaftM des Malers sagt er wenig, weil sie „so außerinhaltlich, so viswnär sind, daß sie sich nur sehen und fühlen, kaum besprechen lassen". So legt! er das Hauptgewicht auf die Analyse der großen Kompositionen. Sein Analysieren aber ist kein Zerreißen, Zerzausen,; die Wechselbeziehungen bemüht er sich klarzu-- legen, den g;edauklichen Inhalt zu zeigen; den Beschauer statt schvankeuloser Bewunderung logisches Schauen und Genießen zu lehren. * * * Die Grundnoten dev Kunst M a x L i e b e r m a n n s stellt G e o r g H e r m amt int ersten Teile seines Essays fest: Deutsches Wesen mit jüdischem Temperament gentalt. Da in Liebermanns Werken äußerlich weitige Beziehungen zmn Indent um e zu finden sittd, versttcht Herntanir diese Empfindung jüdischen Tentperamcuts in den Bildern des Künstlers dem Leser durch Vergleiche verstältdlich zu machen, indem er z. B. eilte Arbeit Leibls gegen eilte von Liebemtann hält. „Man kann den Unterschied nicht! besser ausdeitken, als daß man sagt: Das eine wäre mit den Muskeln, das andere mit den Nerven gemalt." Die Empfänglichkeit für „das Musikalische der Farbe", ihren Klangwert, scheint Hermann eilte besottdere Gabe des jüdischen Künstlers zu seilt. — Es kommt ihm bei dieser Un'tvrsuchung nicht darauf au, hie Kiünstler gegelteitrander zu werten, denn „jede starke Persönlichkeit ist unvergleichlich, trägt den Maßstab in sich selbst". — Der zweite Teil des Essays gilt der Betrachttutg des vielgestaltigen, vielseitigen Schaffelts Li'ebetlmanits. In dem Werke des Fünftlndzwanzigjährigen, in den „Gäitsertlpferinnen", sieht .Hermann: schon das ganze Progra-mtn Liebermamt'scher