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Jüdisches Volksblatt · 1904-01-01 · 1 (1.1.1904) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
1 (1.1.1904)
Date
1904-01-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt. Nr. 1 1. Jänner 1904 als auch den zahlreichen im Sommer hier anwesenden Fremden näher zu bringen, die Teilnahme für feine Ziele zu Wecken und also dieser nützlichen Bereinigung neue Kräfte zuzuführen. Bekanntlich will der genannte Verein, dessen Zentrale sich in Wien befindet, die materielle Lage der Juden in Galizien verbessern und ihr Kultur-Niveau nach Möglichkeit heben. Dieses Ziel soll durch Schaffung von Arbeitsgelegenheit, Errichtung von Hausindustrien und gewerblichen Fachschulen, Beschaffung billigen Kredites, Zuführung zur Landwirtschaft usw. erreicht werden. Der Proponent I. U. Dr. Josef Steiner, Advokat hiersclbst, begrüßte die Erschienenen und beleuchtete in klarer Weise den Zweck und die Ziele des Hilfsvereines im allgemeinen, sowie der Ortsgruppe im besonderen. Nach erfolgter Anmeldung neuer Mitglieder fand die Wahl in den Vorstand der Ortsgruppe statt. Sie erfolgte durch Zuruf und es wurden einstimmig gewählt: zum Obmann: I. 1l. Dr. Josef Steiner, Advokat; zum Obmann-Stellvertreter: Emil Baruch, Hotelier, Vorsteher der israelitischen Kultusgemeinde; zum Schriftführer: Phil. Dr. Philipp Goldberger, Rabbiner; zum Schriftführer-Stellvertreter: Karl Kohn, Kaufmann; zum Kassier: Sigmund Schneider, Kaufmann und Hausbesitzer; zum Kassier-Stellvertreter: Siegfried Fischl, Hmrsbesitzer. Die Ortsgruppe zählt derzeit 38 Mitglieder, dürfte aber binnen kurzem sich stattlich mehren, da ihr Wirkungskreis fänrtKHe israelitische Gemeinden der weiteren' Umgebung einschließt. Zablotow. Wie aus Kolomea berichtet wird, sind wegen der Ausschreitungen in Zablotow nicht weniger als 31 Personen wegen Auflaufs, öffentlicher Gewalttätigkeit und schweres körperlicher Verletzung angeklagt, darunter auch die intellektuellen Urheber des Exzeßes, der Finanzwach-Qberaufseher Eduard Skalski und der Gemischtwaren-Berschleißer Michael Krzywiecki. Die Schlußverhandlung dürfte 12—15 Tage in Anspruch nehmen, da mehr als 120 Zeugen vorgeladen sind. Eine Versammlung jüdischer Großgrundbesitzer. Diesen Monat fand in Czernowitz eine Versammlung jüdischer Großgrundbesitzer statt, unter Vorsitz des Herrn Rares. Dr. Freundlich erstattete das Referat. Die Versammelten einigten sich dahin, bei den bevorstehenden allgemeinen Landtagswahlen einig vorzugehen und eine entsprechende Vertretung des jüdischen Großgrundbesitzes durchzusetzen. In das Exekuiiv-Komitee wurden gewählt: Herz Achner, Josef Barber, Josef Blum. Dr. Freu nd lich, Kalman Schlesinger, Dr. Weisselberger und Hersch Weiß glas. Dem Abg. Georg Wassilko wurde ein Vertrauensvotum erteilt. Schlacht« und Juden. Bei den Wahlen in Galizien stnd die Juden großenteils Bundesgenosien der regierenden Partei der Schlachta. Die Schlachta versteht es nun in ausgezeichneter Weise die Versprechungen, die sie zu Wahlzeiten macht nicht einzuhalten. Nobles oblige. So z. B. haben die Krakauer Schlachzizen zweimal ihr Wort gebrochen. Die konservative Sst-a n czy k enp artei hatte bei den Wahlen aus der Stadt Krakau immer einen schweren Standpunkt, denn die Mehtzahl der Wähler ist dort demokratisch gesinnt und stimmt gewöhnlich für oppositionelle demokratische Kandidaten. Um nun den konservativen Kandidaten zum Siege zu verhelfen, schlossen die Stanczyken mit den Juden, deren politische Organisation der Vorstand der Kultnsgemei, de darstellt, einen Pakt, laut welchem von den vier Landtags- Mandaten der Stadt Krakau drei den Konservativen und eines den Juden zufallen sollte. Die Juden hielten ihr Wort ein und st mmten für die Konservativen. Aber eine ansehnliche Zahl konservativer christlicher Wähler stimmte nur für die drei Christen, und die Folge davon war. daß drei Konservative gewählt wurden, während das vierte Mandat bei der Stichwahl einem christlichen Demokraten in die Hände fiel. Dann wurde wieder eine Abmachung bezüglich der Wahl des Stadtpräsidiums getroffen, und wieder sind die Juden aufgesessen. Für die Unterstützung eines Konservativen bei seiner Bewerbung um die Stelle des Bizebürgermeisters sollte ein Jude die Stelle eines Direktors der städtischen Sparkasse bekommen. Doch nach Vollziehung der Wahl des konservativen Vizebürgermeisters beschloß der Gemeinderat, von der Besetzung der Grelle eines überzähligen Direktors der Sparkasse Abstand zu nehmen. Vielleicht werden die Inden, doch durch den Schaden klug werden. Ausland faßt 19 Studentcnkorporationen, deren Wohnsitze sich in Wien, Krakau, Lemberg, Stanislau, Strpj, Tarnopol, Tarnow, Czernoivitz, Suczatva, Bielitz, Olmütz und Prag befinden. Die jüdisch-statistischen Arbeiten in Ungarn hat eine Gruppe übernommen, welche aus dem Verein ungarisch-jüdischer Hochschüler zu Budapest (Maghar Zsido Jfjak Egyesülete) unter dem Vorsitze von Rabb. Dr. Max Wcisz (7. Bez., Kertesz-Utcza 43, Szam.) hervorgegangen ist. Ein selbständiger Verein für jüdische Statistik wurde eben in London begründet. Die Initiative hierzu hatte ein Komitee ergriffen, welches unter dem Vorsitze von Mr. A. E^ Franklin folgende Herren umfaßt: I. Abrahams, E. Eichholz, S. Gelberg, H. H. Gordon, B. Jacobs, H. S. Lewis» S. Rosenbaum, A. Weiner. Als Ehrensekretär funktioniert Mr. S. Rosenbauin (London W. 166 a, Soutsield Road, Bedfork Park). Das genannte Komitee berief Ende November ein Meeting, welches unter Beteiligung hervorragender jüdischer Gelehrter Englands im Jews' College stattfand und die ernste Inangriffnahme jüdisch-statistischer Arbeiten iit England beschloß. Der neue Verein sicht sich einer besonders schweren Aufgabe gegenüber, da in England die offizielle Statistik den konfessionellen Gesichtspunkt nicht berücksichtigt und der Verein daher die Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung durchaus,'üuf Grund selbständiger Erhebungen seststellen muß. Das von dem provisorischen Komitee entworfene Arbeitsprogramm umfaßt neunzehn Gesichtspunkte, tvelche alle Seiten des Lebens der jüdischen Bevölkerung erschöpfen. Auch in Nordamerika ist ein Verein für jüdische Statistik im Entstehen begriffen, dessen Initiator der Herausgeber der Jewish Enchclopedia, Dr. Isidor Singer ist. Die von ihm im Newhorker Tageblatt „The Sun" gegebene, bemerkenswerte Anregung hat in der ganzen amerikanischen Presse verständnisvolle Förderung gefunden. Man darf hoffen, daß der nordamerikanische Verein, dein die Beihilfe der zwei ausgezeichneten jüdischen Statistiker Josef Jacobs und Dr. Chrus Adler gesichert ist, eine erfreuliche Entwicklung erfahren wird. Nach dem im Jewish Chronicle (Nr. 6) näher entwickelten Plane des Initiators soll die American Jewish Statistical Society neben einem Zentralbureau in Newyork Sektioiien in Boston, Philadelphia, Baltimore, New-Orleans, Cincinnati, St. Louis, Chicago, San Francisco und Montreal eröffnen. Auch in Nordamerika wird die jüdische Statistik selbständige Erhebungen vornehmen müssen, da der Staat bei seinen Aufnahmen den konfessionellen Gesichtspunkt nicht ins Auge faßt. , , Ilm diese große Erschwerung, mit der die jüdische Statistik auch in anderen Ländern, wie Frankreich und Italien zu kämpfen hat, in Zukunft zu beheben, regte der Vorsitzende des Vereins f. j. Stat., Dr. Alfred. Nossig, auf dem im September d. I. zu Berlin abgchaltenen Internationalen Statistischen Kongreß die Idee an, daß das Internationale Statistische Institut die Regierungen der betreffenden Länder beeinflussen möge, bei den nächsten Zählungen die Frage nach der Konfession zu stellen. Die in Deutschland und Oesterreich gemachten Erfahrungen beweisen es, daß dcis Publikum die diesbezügliche Frage keineswegs als Belästigung empfindet und in immer zahlreicheren Fällen beantwortet. Auf Antrag des Vereines f. j. Stat. wird diese -auch vom allgemein wissenschaftlichen Standpunkte äußerst wichtige Reform auf die Tagesordnung des nächsten Statistischen Kongresses gestellt werden. Nach der in der statistischen Literatur vorherrschenden Stimmung ist eine Befürwortung dieser entscheidenden Reform seitens des Kongresses bestimmt zu erwarten. - Die Berliner Zentrale des. Vereins f. j. Stat. sowie, seine cmswärtigen Sektionen setzen zur Zeit die Arbeit an der Bibliographie der Md. 'Stat. fcktt, gkeichzeftiMaora^ wurde-schon das Exzerpieren der Ouellen und das Sammeln aller bis jetzt vorhandenen Materialien zur jüdischen Statistik begonnen. Da bei dieser Arbeit auch die jüdischen Zeitschriften in Betracht kommen, so ergeht hiermit an alle Freunde der jüdischen Statistik die dringende Bitte, den Sektionen des Vereines frühere Jahrgänge jüdischer Zeitschriften (etwa voll 1890 an), die etwa in ihrem Besitze sind sowohl wie fortlaufende Exemplare der von ihnen abonnierten Blätter nach der Lektüre für die Zwecke der statistischen Arbeiten abtreten zu wollen- Sie werden damit der Sache der jüd. Statistik eillen erheblichen Dienst leisten. ... Ferner fordert der Verein Herren uild Damen, welche fnr jüdische Statistik Interesse haben und über einige freie Zeit verfügen, auf, sich seinen Arbeitsgruppen wnzuschließen lind insbesondere an der Durchsicht der Zeitschriften teilznnehmen. Es ist dies ein Teil der Arbeit, welcher) sehr zahlreiche Kräfte erfordert, vor« diesen jedoch ohne jede spezielle Vorbereitung und ziemlich mühelos geleistet werden kann. Es sei hier betont, daß der Verein f. j. Stat. auf rein wissenschaftlichem Boden, jenseits aller Parteien steht, und daß sich daher hier Mitglieder aller anderen jüdischen Herren- und Damenvereine zur gemeinsamen Arbeit zlisammenfinden können. Im Beginne d. I. 1904 wird eine Allgemeine Mitgliederversammlung des Vereins f. j. Stat. ig Berlin stattfinden, zu welcher auch die auswärtigen Korporationen, welche dem Verein als Mitglieder beigetreten sind, Vertreter zu designieren berechtigt sein werden. Datum, Ort und Tagesordnung der Versammlung inerden noch bekannt gegeben werden. Initiativanträge können schon jetzt der Berliner Zentrale (Berlin-Halensee) eingcschickt werden. An dieselbe werden auch die Spenden und Mitgliedsbeiträge (6 Mk. jährlich) adressiert. Jüdische Statistik. Der Verein für jüdische Statistik (Zentrale:^ Verlin-Halensee) hat bei der Herausgabe seiner ersten Publikation „Jüdische Statistik Band 1" die wirksamste Förderung seitens der jüdischen Presse und der jüdischen Intelligenz, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern in allen größeren Zentren jüdischen Lebens erfahren. Besonders rühmenswert ist es, daß zum ersten Male fast alle großen offiziellen jüdischen Verbindungen ein gemeinnütziges. Werk auch gemeinsam unterstützt haben. So haben die Jeivish Colonization Association, die Alliance Israelin Universelle, die Israelitische Allianz zu Wien, die Großloge des U. O. Bnei Brith in Deutschland, zahlreiche deutsche und österreichische Einzellogen, ferner der Deutsch-Israel. Gemeindebund, sowie die Israelitischen Kultusgemeinden zu Berlin, Wien, Warschau, Prag, Posen, Lemberg, Königsberg. Breslau eine größere Anzahl von Eexemplaren der „Jüdischen Statistik" angetanst und zur Deckung der sehr erheblichen Kosten der Publikation beigetragen. Auch seitens des Hilfsvereines deutscher Juden dürfte eine Beteiligung erfolgen. Ferner hat der Verein dank seiner Publikation zahlreiche neue Freunde und Mitarbeiter gewonnen und die Uebezeugung von der Notwendigkeit jüdisch-statistischer Arbeit in verschiedenen Ländern geweckt. . So sind zunächst in Deutschland zwei neue Sektionen entstanden. In Breslau haben sich arbeitsfreudige Elemente der jüdischen Bürgerschaft und die Vertreter der jüdisch-akademischen Vereine unter dem Vorsitze von Professor Dr. Brann (Wallstratze 1 b) zu einer Arbeitsgruppe zusammengetan, welche unter wohlwollender Förderung seitens des Herrn Rabbiners Dr. Gutmann neben den allgemeinen Aufgaben der jüdischen Statistik speziell die Statistik der Judenschaft Schlesiens ins Auge gefaßt hat. Desgleichen wurde in München eine Sektion für jüdische Statistik unter dem Vorsitze von Dr. Georg Hälpern (Adalbertstratze 31a) gebildet. Eine sehr erfreuliche Erscheinung ist in Oesterreich zu verzeichnen. Hier hat der Verband der zionistisch-akademischen Vereine sich bereit erklärt, an den jüdisch-statistischen Arbeiten teilzunehmen. Der Verband steht unter der Leitung des Vereines «Bar- Kochba" in Prag, dem die Verteilung der Arbeiten obliegt. Er um¬ Die Religionen in Deutschiland. Die Verschiebungen in pern religiösen Bekenntnis der Bevölkerung des Deutschen Reiches sind so geringfügig, daß erst bei einem lein* geren Zeftramn Aenderungen von. Belang in die Erscheinung treten. Selbst wenn, man den Zeitraum von 1871 bis 1000, also bie Dauer! eines Menschenalters, ins Alige faßt, ergibt sich für das Gleich im ganzen nur ein Anwachsen des evangelischen Teiles deuiBevölkerung Don 62,3 auf 62.6 Prozent. Der Anteil dev katholischen Bevölkerung ist während dieses Zeitraumes prozentual noch etwas mehr gesunken als der evangelische gestiegen ist, nämlich! von 36,2 auf 36,1 Prozent!. Weisen die beiden großen Konfessionen also ziemlich stetige Verhät'inisse aus, so finden wir das Gegenteil bei dm Dissidenten und bei den Juden. Stieg doch der Promille-Anteil der als Dissidenten bezeichn neten während jenes Zeitraumes auf das Doppelte, nmwlich von 2 auf 4 Promille der Bevölkerung, während um* gekehrt der Anteil dev Juden von 1,26 auf 1 Prozent zurückgegangen ist. Interessanter sind einzelne Ergebnisse. So NI es eine auffallende Erscheinung, daß die relative Zahl der evangelischen Christen in Preußen, im Gegensatz zum Reich, zurückging, nndl zwar von 66 auf 63,3 Prozent. Dementsprechend sind die Katholiken in Preußen von 33.6 auf 36,1 Prozent gestiegen. Zu einem guten Teile beruht diese Verschiebung auf einer größeren Geburts- Häufigkeit dev polnischen Bevölkerung. Merkwürdigerweise bietet das katholische Bauern das entgegengesetzte Bild wie Preußen. Den katholischen Anteil der Bevölkerung Bayerns sahen tvir von 71,2 auf 70,6 Prozent zurückgehen, den dev Evangelischen von 27,6 auf 28,3 Prozent anwachsen. Die Zahl der Dissidenten ist besonders ii^ Berlin, Elsaß-Lothringen und im Königreich Sachsen gestiegen; die der Juden iu Berlin,, Brandenburg rmd ebenfalls im Königreich Sachsen. Iu Sachsen Haiti sich die Zahl der Juden seit 1871 nahezuvervierfacht. In Berlin finden wir eine Verdreifachung, im übrigen Brandenburg etwa eine Verdoppelung dev Juden. Wohl infolge größerer Abwanderungen ist dagegen die Zahl dev jüdischen Bewohner in dev Provinz Posen von 61 982 auf 36 327 zurückgegangen. Kongreß der zionistischen Fraktion. Wie uns aus Berlin berichtet wird, findet im Laufe dieses Monats daselbst cHu Kongreß der zionistischen Fraktion statt, zu welchem Delegierte aus aller Herren Länder bereits angemeldet sind. Auf besonderen Wunsch der Veranstalter des Kongresses hat auch Ingenieur Ussischkin sein Erscheinen und die Abhaltung eines Referaltes zugesagt. Zu diesem Berichte wollen, wir nur bemerken, daß, da der Kongreß wahrscheinlich die Stellungnahme gegen das Oftafrika-Projekt zum Hauptzweck Haiti, es nunmehr fraglich ist, ob derselbe nach dem Scheitern des Projektes überhaupt noch wirb abgehalten werden. Eiugesendel. Löbliche Redaktion! Ihre wiederholten Angriffe gegen die hauptsächlich in Men überhand nehmende Abfallsbewegung läßt mich hoffen, daß Sie die Freundlichkeit haben werden) folgenden Zeilen in Ihrem geschätzten Blatte Ranm zn gewähren. Vielleicht sieht sich der löbl. Kultusvorstand durch diese Mitteilung denn doch veranlaßt, in dieser brennenden Frage rasche und radikale Abhilfe zu schaffen. Ich wurde von einem mir befreundeten Hause ersucht, ihm einen Bureau-Leiter zn empfehlen. Das betreffende Haus, dessen Inhaber strenggläubige Juden sind, legten besonderes Gewicht darauf, daß ihr erster Beamter ein Jude sei. Nun kenne ich schon seit längerer Zeit einen jungen Mann, der alle die Fähigkeiten zu besitzen vorgab, die bon der oben angedeuteten Firma gewünscht .wurden. Sowohl sein Vorals auch sein Familienname klingen gut jüdisch und ich nahm daher keinen Anstand, den Mann meinen Freunden zu empfehlen, worauf er auch den, Posten erhielt. Dies ivar vor einem Jahre. Vor einigen Tagen wurde mm dieser Beamte seitens seiner Firma in einem Prozesse als Zeuge geführt. Zur großen Ueberraschung des anwesenden Firmachefs antwortete der uns allen als Jude bekannte Bnrcauleiter auf die Frage des Richters, welcher Religion er angehöre: „Katholisch." Sie können sich die Verblüffung meines Freundes denken. .Nach, gepflogenen. Recherchen stellte es sich heraus, daß Herr . St. vor ungefähr zwei .Jahren seinen Austritt aus dem Judentum in Wien anmeldete^ nnv dann die katholische Religion annahm/ Es fragt sich nun, wie man - sich vor solchen ehrlosen Elementen, denen die Religion und ihr Volkstum eine feile Ware ist, schützen kann, wenn die Kultusgemeinden nichts dazu tun, um dieselben öffentlich zu stigmatisieren. Hochachtungsvoll. ' R. F. Wien, am 27. Dezember 1903. Löbliche R e d a k t i o n l In dem Berichte über die „Budgetdebatte der Wiener.Kultusgemeinde" erscheinen meine Ansführnngen nicht genau wiedergcgebcn, Iveil derselbe der mißverständlichen Auffassung Raum gibt, als ob ich mich gegen die koscheren Gasthäuser gewendet hätte; ich alier habe voll deil G n st h ä u s e r n gar nicht g e s p r o ch e n, vielmehr konkludierten meine Aeußernngen dahill, daß wir in Wien nur ans einige unter Allfsicht der Gemeinde stehende Fleischb ä n l e und auf jene wenigen der „Machsike hadnß" angewiesen sind; unter Hinweis ans die Verhältnisse in Berlin, Paris, London, vertrat ich die Meinung, daß auch in Wien diese Frage .einer gedeihlichen Lösung zngefnhrt werden könne. Ich bitte Sie, in der nächsten Nummer Ihres gesch. Blattes diese Zuschrift aiifznnchincn, Iveil ich nicht will, daß den Besitzern der koscheren Gasthäuser, welchen übrigens eine Jngerenz nach dieser Richtiing benommen ist, irgendwie Mißtrauen entgegengebracht und damit notwendigerweise Schaden verursacht werde. Ich empfehle mich Ihnen mit vorzüglicher Hochachtung S i e g in n n d K a n d e r s, Wien, 11. Bezirk. Snnincringer Hauptstv. 20. Zn diesem Eingesendet haben wir nur folgendes zu bemerken: Wir bedauern es lebhaft, daß Herr Kanders in den reinen W e i n der Wahrheit h inte r h e r ein klein wenig Wasser gießt, damit er den Machthabern der Kultusgemeinde Gott, behüte nicht znKopfe steige. Wir sind nicht dazu da, dasjenige zn registrieren, was ein KultnSvorsteher sagen w i l l, denn . das weiß er nritnnter selbst nicht, sondern was er tatsächlich sagt und tut,, .und; da müssen wir nochmals wiederholen, daß Herr KauderM die''Gemeindefleischbänke nicht von seiner Beschuldigung ausnahm, sonst hätte er nicht von einer „Fopperei" sprechen können. Red. Mitteilungen aus dein MnkLiknm. Diese Woche erschien dasJüdische Jahrbuch (Rocznik Zydowiki) für das Jahr 1904 — 5064/5. Es ist der vierte Jahrgang, in dem unsere galizischen Freunde ein vorzüglichstes Agitationsmittel für die zionistische Sache besitzen. Wir behalten uns vor, das tatsächlich sehr schön und tatsächlich vornehm ansgestattete Buch ausführlich zu besprechen, und bemerken schon heute, daß einige der Arbeiten, in denen z. B. Dr. Malz, Dr. Gabel-Kirschroth, I. Haleivh und andere in die jetzt eifrige Diskussion eingreifen, von großem Interesse stnd. „Unsere Bilanz" und „Der Zionismus und das Proletariat"^ beide Arbeiten von Dr. Dawid Malz, verdienen ins Deutsche übersetzt zu werden und wenn uns dies nur möglich wird, werden wir die zwei Arbeiten unseren Lesern vollinhaltlich bringen. Eine Menge schöner Jlllistrationen finden wir im Jahrbuch. Einige wie Schont, Tivier. Israels und andere kommen als Reproduktionen hier dqs erste Mal vor, während einige andere uns schon von anderer Seite bekannt sind. Schließlich heute tnic noch eines. Die Verleger statteten jedes Exemplar mit einer Nationalfondsinarke aus. Diese Art von Selbstbestenernng ist unseren Gesinnungsgenossen dringen-hst zur Nachahmung zu empfehlen. 1 Krone kostet das. Buch. Bei per Ausstattung und bei dem Unffang von über 20 Bogen ist es aufrichtig billig und können Ivir selbes unseren Freunden nur besten» empfehlen.

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