Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 1 (1.1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Lrd«e1wn: 11/8. Leopolvsgaste 49« Otz»«chB»»«» iw «««ema,« »o» 4 d<» b ahr nachmittag». pa»a»mch»- ««««-« «»affdlii. »»«,. n>» »arttrwaa»«« «eg« ikrlvStrter oder gar nicht erfolgter MMellm,, -rstttn, «ir ,«» dringend. - ttmafcriMc mer»e» »Ich» tnrüekgeftellt« »attiparrafien^Ionto v»?na? g« da» «oanemem kann «an tüglich «ttttretm Ur. 1 An «nfere Freunde.! Anläßlich des Beginnes des bürgerlichen Jahves laden wir unsere Freunde zum Bezüge des „Jüdischen Volksblatt es" ein. Das „Jüdische V o l ks b latt" wendet sich an alle diejenigen, welche das jüdische Volk aus seiner Erschlaffung Wecken und die Selbstbefreiung .der Juden auf j national-sozialer Basis vorbereiten wollen. Es sind die? politischen Idealisten, die wir rufen. Das „Jüdische V o l k s b l a t t" hat sich nach verhältnismäßig kurzer Zeit einen großen Kreis von Lesern und Freunden geschaffen. Aber noch immer stehen große Massen des Judentüms beiseite, teilnahmslos, fremd gegenüber dem eigenen Volke«. Das „I ü d i f ch e V o l § s b l a t t" ist kein auf Gewinn ausgehendes Unternehmen. Es ist ein Agiitätionswerkzeug für die nationale E i g e n n r t, für die nationale Einigung unseres arg geschmähten Volkes. Es ist eine Waffe —- und! wie es sich erwiesen hat — eine wirksame Waffe gegen unsere Feinde ringsumher. Das „Jüdische Volksblatt" hat stets das nationale Proigramm in seinem vollen Umfange und mit ganzem Freimute vertreten und hat die Genugtuungdaß die Prinzipien, die es seiit! feiner Gründung verficht- ,Kind«ernifse aller Art schrittweise.zur Anerk e nn u n g g e l a n g e n.!Das „I ü d i s ch e V 0 l k s b l a t t" verfolgt mit be^ fondercr Aufmerksamkeit /die Angelegenheiten dev jüdischen Kultusgemeinden. Es sieht in den Kultnsgememden die bescheidenen, aber viel versprechenden Anfänge einer Autonomie des jüdischen Volkes. Es wird nach Kräften zum AiBbaue der Kultusgemeinden-Verfassung beitragen. Darum kann und soll jeder Freund unseres Volkes das „Jüdische V o l k s b l a t t" verbreiten helfen; jeder Leser, den! er zuführt, ist bald eine Streitkraft für unsere heilige Sache. Eine Kampfgemeinschaft, die schon das s e ch st e Jahr Sonn-enschein und Sturm miteinandcr trägt, tritt vor die jüdische LeserwM. - Juden, leset! und verbreitet das „I ü discheVolksb l a t t"! Verlanget das „I ü d i s ch e V o l k s b l a t t" in allen Lokalen>! Die Redaktion des „Jüdischen Bolksblattes". MM jkdtv Freitag MUvttrwmo wer vom lüdlwpm Volk»- trertta »rwStzUrm VrrftLommtkko». fafnirtt üdernehmen die Flrmm; A. La»««»«-, O. Luke». Haalev« itta » «oaler, «ubol» «off«. «. Opprl«. M. «„lonyi. «. vchalel w «ini. ferner oll, «m,onttn-»rpedMonen tm »uZlande. M»zel-r«»«er i» Wie» I« Heller. »d.-nw'Urstion: ll/S. LeopoldsgaM 49. relepyon.Nr. »47»» Abo»»e«e«tSpreiSr ret«ph-».«r. 147»» Für «»-, «. Oefterretch.Ungar» lamm» Krani»»nffrvun-. Oanzjahrt, tzalvsShrig A«t«NS»r»a Wir da» gelammte «««latt» lannnt Franco,ustrlllln». Kr 10- Kr. 8aldtahrta erteltSkria Wir«, 1. Jänner 1904 (13. Tet-eth 5664). ,—r~i-riwiirrrinwTrnoi^ *T"r VI. Jahrgang. Noch einmal die Liberalen im Wiener Gemeinderate. In Nr. 52 Ihres geschätzten Blattes wird die Tätigkeit resp. die Untätigkeit des Herrn Hohensinner im Wiener Gemeinderate insbesondere seine Beantwortung einer diesbezüglichen Interpellation etster ziemlich scharfen Kritik unterzogen. Herr Hohensinner soll gesagt haben: er sei von seinen Kollegen im Gemeinderate im Stiche gelassen worden; er sei auch außer Stande, mehr zu tun, er habe nicht das Recht, an seine Familie zu vergessen» diese zu Grunde zu richten usw. Herr Hohensinner hat sich da sehr zart ausgedrückt und nur aildeutungsweise zu erkennen gegeben, 'das? ein Mandatar der liberalen Partei zu sein, ein Unglück bedeutet. Wäre Herr Hohensinner weniger zartfühlender Natur, so hätte seine Antwort auf jene Interpellation wohl etwas derber, dafür um so deutlicher ausfallen müsien und er selbst wäre nicht Gefahr gelaufen, mißverstanden zu werde« oder gar Zweifel an der Reinheit seines Charakters zu erregen. Ich bin nicht ermächtigt, 'die etwas mystisch klingenden Ausführungen des Herrn Gemeinderats Hohensinner zu kommentieren oder zu ergänzen; aber das eine kann ich sagen: ich an Stelle des Herrn Hohensinner würde die an mich gestellte Interpellation zur Belehrung und Erbauung der nniven Gemüter, die da glauben, iin „Donauklub" Begeisterung zu schöpfen und M«t im Kampfe gegen einen unerbittlichen Feind, folgendermaßen beantwortet haben: „MeineHerren, ich binLehrer, undSie werden wohl wissen, in welcher entsetzlichen materiellen Not sich die Lehrer von Wien und Niederösterreich befinden. Die Hungerpeitsche der Klerikalen wirkt verheerend. Ein Lehrer Wiens, der sich keinen Nebenerwerb zu verschaffen weiß, muß hungern im buchsräblichen Sinne des Wortes. Die Zuwendung oder auch' EnizUyung ehus Nebenvxr!dienstes liegt aber zum großen Teile in der Hand der Rathausgewaltigen. Diese wirtschaftliche Organisation in innigem Gefüge mit der politischen und der mächtigen kirchlichen Organisation repräsentiert eine Festung von formidabler Gewalt. Was haben die Liberalen dieser gewaltigen Macht entgegenzustellen? Meine Herren, genügt es, wenn angesichts dieser Situation die Wortführer der Freisinnigen ab und zn bei einer festlichen Gelegenheit oder im Gemeinderat den Mund voll nehmen mit schöllen, begeisternd klingenden Worten von Freiheit, Gerechtigkeit, von den heiligen Prinzipien des Fortschrittes u. dergl. mit Pathos deklamieren, aber sonst in beschaulichem Nichtstun ihre Hände müßig in den Schoß legen? Wäre es nicht vielmehr Pflicht einer freisinnigen Partei, die nur einen blaffen Dunst hat von dem, was man sich sammeln, sich organisieren ne,int, wenigstens Asyle zu schaffen für ihre Streiter, die verfolgt, gehetzt und gejagt, heute vergeblich nach einer Zukunftsstätte spähen und darum in Not und Elend verkommen müssen! Wenn nun die Liberalen Positives in diesem Sinne zur Verteidigung ihrer Position gar nichts leisten — wie verwalten sie das ihnen anvertraute Pfund? Davon nur ein Beispiel: In Wien gibteseinegroßeBcreinigung — das G remium der Kaufmannschaft. In dieser Bereinigung bilden die Liberalen die übergroße Mehrheit. Dieses Gremium hat vor Jahrzehnten eine Handelsschule — die Greminalhandelsschule — gegründet. Diese Schule wird von fast 3000 Schülern, zum größten Teile jüdischer Konfession, besucht. Meine Herren, was werden Sie dazu sagen, wenn ich Ihnen erzähle, daß die 60 Lehrer «nd Professoren, die an dieser Schule einen reichlichen Nebenerwerb finden, zum größten Teile stramme Parteigenosse« der Herren Schneider und Gregort» sind? Nun sollte man aber glauben, daß wenigstens die frei werdenden Stellen an dieser Schule in erster Linie jenen freisinnigen Lehrern verliehen werden müßten, die im Kampfe gegen die Reaktion als treue, einfache Soldaten auf der Strecke geblieben sind. Ich selbst, meineHerren, war als Repräsentant einer Deputation bei den Spitzen jener Körperschaft, nur eine Wandlung in diesem Sinne herbei zusüh re n. Der Zufall wollte es, daß eine Stelle frei wurde. Und wissen Sie, meine Herren, wer angestellt wurde? Passen Sie genau auf: angestellt wurde ein Vertrauensmann dekHerrn Lueger, ein Herr Rümmelhart! Ein Bielohlawek ins Pädagogische übersetzt, wurde von den Herren Pollak» Popper und Genossen auf diesen Posten gestellt! Dieser junge Herr Rnmmelhart, gestern noch ein fanatischer Schönerianer, heute ein ebenso fanatischer Klerikaler, hat sehr bald die Aufmerksamkeit seiner neuen Parteigenossen ans sich gelenkt, durch die eigene Art, wie er mit kräftiger, Heller Stimme das Zauberwort „Jud" und „Saujud" oft ein dutzendmal hintereinander in die Versammlung christlichsozialer Frauen hineinschmetterte. Diese glänzende und überzeugende Rhetorik hat ihn im Lause eines einzigen Jahres zu einer prächtigen Karriere verholfen. Meine Herren» glauben Sie ja nicht, daß Sie es hier mit einem vereinzelten Fall zu tun haben, nein, dieser Fall ist typisch für das allgemeine politische itnd soziale Verhalten dev Liberalen im allgemeinen und gewisser Juden im he-, sonderen. Erinnern Sie sich vielleicht Noch, wie der Sohn eines, berühmten Vaters — arischer Rasse — sich vor einigen Jahren uw eine Stelle in der HaNdels- und Gewerbekammer bewarb und abgewiesen wurde von den Herren Liberalen mit der Begründung: Herr Dr. Lueger würde sich darüber zu viel argem! Meine Herren, das ist Verrat, wie er scheußlicher nicht gedacht werden kann! Und nachher kommt irgend so ein Herr Pollak (bitte, von Pollak, Anmerkung des Setzers) und interpelliert mich, warum ich mein lebhaftes Temperament, meinen Kanlpfesmut im Gemeinderate so weise zu zügeln verstehe! Gegen wen soll ich kämpfen? Gegm den erklärten offenen Feind, oder gegen den noch viel gefährlicheren Feind, den schleichenden Verrat in unserer Mitte! Und ganz ähnlich verhält es sich mit dm „Judenvanken", „Jndenbahnen" und den großen jüdischen Unternehmungen. (Siehe Länderbank, der Bank des Herrn Lueger.) Neberall nistet der Verrat. Vom obersten Beamten bis zunr letzten Türsteher hinab zieht sich ein breites, festes Band, das sie alle in inniger und harmonischer Weise mit Lueger umschließt. Verrat lauert in allen Ecken und Enden! Meine Herren, von den diversen Klotzberger, Haßfurtem und dergl. Wiener Spezialitäten mag ich gar nicht reden. Aber Sie Feuilleton. Kischincw. Ja, Gott wohnt hoch und der Zar ist weit . . . Das war ein fröhlich Morden! Und schließlich statt Galgen nur Orden! Großväterchen ha't ein kluges Geleit. Das tvar eine köstliche Lustbarkeit, In Blut ist gewatet worden. Und mit den plündernden Horden Frisch weg Polizei und GeistlichkeitI Und dann das Theater von Straf' und Gericht Mit seinem würdigen Leiter; Die Sonne verbarg ihr keusches Licht, Die Schurken jedoch blieben heiter. Und weil es sich zu lohnen verspricht, So arra,»gieren ste weiter--- Beda. Der Komödiant. Ein Kapitel unserer Volksgeschichte. Von Max Eis ler. Das Uebel von dev Wandoriung in die Stadt ist sehr all. Nom ging daran zugrunde, wenigstens war es der Anfang seines Unterganges, als der kleine Mann den' Spate» wegwavf und nach Rom zog, um hiev von der WMberechnei'en Gunst des Kaisers und dev Großen zu leben. So Verlov Ronr den fveien Bauern!, auf den der Staat seinen mächtigen Bau gegri'm'det hatte, und draußen auf dem. Lan.de gab es NiNv mehv Sklavlen!, die, von der Rute getrieben, den Bauch! von Rom mästeten und den freien römischen Biirger zur Schlaffheit und Knechtschaft erzogen. Undl das U,cbel hat nicht aufgehort. Wir halben hellte wie damals den Zug znr> Stadli'. und auf dem. Lande tverden unsere Genossenschaften mit jedem. Tage dirnner. Die große! Stadt hat einen großen Magen und sie spi'irt nicht die kleinen Zuzüge, die ihr täglich neues Elend zufühven. Draußen im Dorfe ist das Leben hart! und das Brot dünn geschnitten. Die gekringen Lerüe inüssen den: schmalen Gewinn nachlanfen rmd dev Weg ist weit und fi'chvt unter rohe Menschen, die kein Vertständnis haben« fite den leidensvollen Zug in müden Gesichtern. Man wird tagsüber von mancher Tür gewiesen! und das mit dejm stets bereiten Schimpf und Haß, der so alt ist! wie wir selbst und der empfindsamen Dorfiuden« auch wehe ült. dlbev man braucht endlich doch den wandernden Krämer und die Bauern, haben sich mit Widerwillen an ihn gewöhnt. Und von den Wohnungen.der gehässigen KNindschafti ftthrt am Abend der Weg nach Haufe zu Weib und End in ein friedvolles Heim, das lni-r Liebe kennt. Das ist der Trost für den kommen'den Tag rmd erhält den Characktev gestmd und jüdisch. Doch drinnenin der Stadt .... Vor mehr als fünfzehn Jahren lebte der alte Bitt noch. Man nannte ihn« in unserem kleinen Orte nur mit seinem Vornamen und sagte dann' Bobe. Bobe Bitt: das klang doch schön — nicht? Eigentlich! hieß er aber Bernhard mid so war es auch auf seiner Firm>entafel zu lesen. Da standen auf fchwarzlackiertem Brett in rot-gelber Schrift die Worte: Bernhard Bitt, und damnter „Fleischhauer". 'Ich weiß noch heute genau, wie er aussah: ein recht häßlicher Mensch, nicht gar groß, aber ungemein breit mit schwarzem kurzein Haar und einem Wvarzen-, dicken Shnurrbart unter der unförmigen Nase. Sein Alltagsröck hatte immer denselben Fettglanz, als wäre er jeden Morgen in Oel getaucht worden. Am Samstäg trug er einen Zylinder. Das war ein köstliches Gebäiüde, groß, wie es der Riesenkopf Bobes verlangte, mit kühn geschweiftem Rande, immer Mppig und an der linken Seite gequetscht. — Er hatte eine gutmüüge Art rmd hat uns Schuljungen« manches Spiel mit den Ochjsenfitßen, die als Reklame für sein Gewerbe vor dem Laden standen, gestattet. Diese Ochsenfüsfe, die so alt fein mochten wie ihr Eigentümer, waren unsere Keulen in dentäglichen Kämpfen auf dem Schulgange. Wenn die Glocke .die Erlösung läutete, liefen wir schnurstracks zu Bobe; denn es waren nur acht Füße da und jeder wollte eine Waffe haben. Wir hatten damals noch nicht das Grauenhafte erkannt, das in derartigen Werkzeugen steckt, bis uns eines Tages der Sohn des Fleischers, Ludwig, bewies, wie schreckmhaft feine Riesenhand den Ochsenftlß zu führen wußte. Das geschah so. Wir spielten wie gewöhnlich knapp vor Mittag das gleiche Kampffptel. Da kam von der Höhe des Weges ein Wagen. Wir waren eifrig im Gefechte und merkten nichts, bis dev kleine Low einen Peitschenhieb hinter dem