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Jüdisches Volksblatt · 1903-12-25 · 52 (25.12.1903) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
52 (25.12.1903)
Date
1903-12-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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LrdrlMvn: II/8. Leopolvsgastie 49, <»veÄ8«i-e» » k» Woaremagni von 4 n« 5 üdr na-mMa»» N«»««,» WmmKti, «Sie«, U S Waftiitoetbzii tstgat srxMtetct ober g«r ntKt erkolster «uxellrlug eroMni srr RU» dliosmd. «- MsmrsertÄtr we«Se» sIÄt jarülkgefteM. ^«s>vurr!»?!ev.'^rn>iL a«'«)#? £a no3 ^imwcrnfnl kau« «au täglich etnftzira. ErHemt jede« fmtag axßzx WrttVtrwMg m VVM tti&tlöjim Volk»' te®E*t« erwStzlbM PrLlsesmmirfton. übernehmen die Firmen: Z. Danneba^ M. DitteS. Haairn. x»i» » Bögler, Nudvl! Nofje. «. Ovveltt, W. Bszjontzi. «. Schale! to Wen. ferner alle Ln»on«n»«Krpedittoneu fm Nurlunde Mszr!-N«MWer i« Wie» LG Heller. Adnrtntllrstton: II/8. 49, Telephou-Nr. 14733 AboNNeMeNtsPreis: Telephon-Nr. 14733 Hüt Wie« h. »Vesterretch-Nugarr, iftjvmt x?rrn!o<>!fle8ung. 4-;?2nz;ähri« ^olbjnhrig «UrfriiäSirift Kr. 8.— „ 4.- Für daS aefommte AuSlaad samntt grancozustellung. Danzjährig ... frr Halbjährig.. Visrtcljährig ... . . „ »- 450 335 Ur. 82 Mir«, 25. Dezember 1903 (6. Tebeth 5664). V. Jahrgang ^^^L^t»-«..«»^siiüL»S>ita»aLWLWMLUMMdMra!iMWW!L2L (♦ MMc^^CrrP^^ So kann es nicht weiter gehen. DaS Jahr 1903 geht zu Ende und die Verhältnisse Oesterreichs und seiner Bewohner im allgemeinen und der österreichischen Juden insbesondere sind ebenso traurig, wie bei Beginn. Noch immer ist der österreichisch-ungarische Ausgleich nicht perfektioniert, der Nalionalitätenhader und die Obstruktion lähmt nicht nur das Wiener Abgeordnetenhaus, sondern machte sich auch bereits in verschiedenen La«dstuben, sowie jetzt in den Delegationen bemerkbar und damit die Parität zwischen den beiden Neichßhälften eine vollständige ist, hat auch im ungarischen Reichstage, die seit Jahresfrist dauernde Obstruktion noch nicht aufgehört, greift auch in den Ländern der ungarischen Krone, der Gegensatz zwischen Magyaren einerseits und den Deutschen, Rumänen und Slaven andererseits immer mehr um sich. Der Parlamentarismus hat also auch im abgelaufenen Jahre nichts Fruchtbringendes für die großen Volksmassen dieser Monarchie geleistet. ES ist also alles beim Alten geblieben, neu ist höchstens die immer allgemeiner werdende Ueberzeugung, daß es so nicht weiter gehen kann. Die verschiedenen Anträge auf Verfass ungsrevision, die im österreichischen Abgeordnetenhause eingebracht wurden, die in den Delegationen gehaltenen Reden, sind deutliche Beweise, daß die dualistische Dezember Verfassung-des Jahres 1867 für unhaltbar gilt. Kennzeichnend für unsere a l l g einein en Verhältnisse ist e§, daß dis von der seligen Verfassungspartei so gefeierte dualistische Verfassung heute fast keine Anhänger mehr hat und nicht darüber mehr eine Meinungsverschiedenheit besteht, ob die gegenwärtige Verfassung weiterbestehen, sondern nur in welchem Sinne sie revidiert werden soll. Wir vertreten bekanntlich den Standpunkt der nationalen Autonomie und halten auch die diesbezüglich gehaltene Rede des r uth e n ische n Abgeordneten Nikolaus v. Wassilko in den Delegationen für diejenige, welche am treffendsten die Lage in beiden Hälften des Reiches beleuchtete und . den einzigen möglichen Ausweg aus dem allgemeinen Chaos wies. Nur eine Verfassungsrevision, welche j ed e nationale Individualität vor Entnationalisierung schützt, welche den Feuilleton. Beuja« in Disraeli. lldki- 83 e ti j er in i u Disraeli schreibt C. C. Schardt: Manche Gründe sind allgeführt worden, um zu erklären, warum loir bis heute vergeblich auf eine zuverlässige Biographie des glänzenden englischen Staatsmannes warten, der es trotz seiner jüdischen Abstammung zur höchsten politischen Stellung im Inselreich brachte und der seilleil Fuß ans den Racker: der stolzesten Aristokratie der Welt setzte. Als der Graf von Beaconsfield sin Jahre 1861 im 77. Lebellsjahre starb, wurde bekannt, das; er seinen Privatsekretär und treuen Freund, den jetzigen Lord Rowton, zu seinem literarischen Testalnentsvollstrecker ernannt und mit der Darstellung seiner politischen Tätigkeit betraut habe. Lord Nowtou hat bis heute kein Wort über den Earl of Beaconsfield veröffentlicht. Wohl hat er häufig zu Lebzeiten der Königin Victoria das Schloß Windsor besucht und war gelegelitlich auch ihr Gast in Osborne Hvnse mlf der Insel Wight, angeblich um Einsicht zu nehmen in die Staatspapiere im Besitz der Königin, die der Graf zur Kaiserin von Indien erhoben hatte, damit sie nicht ihrer eigenen Tochter, der Kaiserin Friedrich, an Rang nachstehe. Aber die Königin ist zur ewigen Nnhe bestattet worden, ohne je erfahren zu haben, was ihr getreuer Freund und Ratgeber von ihr gedacht Hai. Benjamin Disraeli war ein vollendeter Cyniker, und zwar entsprang sein Zynismus weniger feiller angeborenen Spottlust als seinem angeborenen Kaltsinn. Er konnte andere ungestraft verspotten, weil er selbst den Spott llicht fühlte und nicht wußte, wie weh es tut, verspottet zu werden. Gern möchte man daher dieser: Mann kennen, der in der politische» Geschichte Europas eiue nicht minder hervorragende Nolle gespielt hat als iu der inneren Geschichte Errglands. Eigentlich ist Lord Beacoiisfields Bedeutung in der äußerer: Politik des Inselreiches größer getveserr als in innerpolitischen Angelegenheiten. Nur Kampf zwischen Cis- und Transleithanien beendet, ebenso wie den Nationalitätenkampf in beiden Reichshälften, bedeutet die Lösung des österreichischen Problems; jede andere den Beginn neuer Wirren, die Erweiterung der Kompetenz der Landtage. Die Länderautonomie hat weder in Galizien noch in Ungarn sich bewährt, die Ruthenen sind ebenso im galizischen Landtage schutzlos, wie die Nicht magyaren im ungarischen Reichstage und alle übrigen nationalen Minoritäten in den verschiedenen gemischtsprachigen Länder gebieten des Donaureiches. Daher rührt auch der Widerstand der Anhänger der nationalen Autonomie gegen den Föderalismus der L änd er autonomisten, in deren Namen Abgeordneter Dr. Forscht einan von den Jungtschechen unterstützten Dringlichkeitsantrag auf Verfassungsänderung einbrachts. Dis nationale Autonomie müßte unter allen Umständen sämtlichen Völkern des Reiches die ungehin-, derte nationale Entfaltung sichern, n a t i o n a l e Kurien müßten insbesondere den M i n o r i t ä t e n Garantien dafür bieten, daß sie nicht in den gemischtsprachigen Landtagen vergewaltigt werden, wenn überhaupt an eiue Annäherung zwischen den Anhängern der nationalen und Länderautonomie gedacht werden soll. In all den staatsrechtlich-nationalen Kämpfen um die Neugestaltung des Reiches sind die österreichischen Juden darum so einflußlos, weil sie zersplittert sind, weil ihnen jedes einheitliche Vorgehen mangelt und sie immer v?i\ neuem von den einzelnen parlamentarischen Parteien für deren Sonderinteressen sich mißbrauchen lasten. Gerade in den gemischtsprachigen Gebieten, wo nebst .der Nationalitätenhetze der Antisemitismus f o r t s ch r e it e t, in Böhmen, Mähren, Galizien rc. könnten bei einer entsprechenden Organisation die Juden durch geeignete Bündnisse viel zur Verbesserung ihrer national-sozialen Lage.beitragen, während sie derzeit ihren Gegnern die Wege ebnen. In Böhmen sowie Mähren ist auf deutscher sowie tschechischer Seite der Niedergang des Liberalismus, und ein Anwachsen der klerikal-christlichsozialen, sowie chauvinistischen Strömungen zu konstatieren. Der Niedergang, speziell der All- und Ostdeutschen sowie der deutschen V olksparte iler kommt in den Provinzen nur den Christlicheine große gesetzliche Maßregel ist innig mit seinem Namen verknüpft. Die zweite Neformbrll des Jahres 1867, welche das Stinnnrecht auf die hausbesitzenden Arbeiter ausdehnte, wurde von ihm durchgesetzt trotz der übel verhehlten Feindschaft seiner eigenen Parteigenossen; Lord Cranborne, der spätere Marquis of Salisbrrry, entzweite sich damals mit ihm. Aber diese Ausdehmrrrg des Stimmrechts war nur Mittel zum Zweck. Er wollte die Whigs übertrumpfen, die im vorhergehender: Jahr eine weit schwächere Bill in Vorschlag gebracht hatten; er wollte sich die Gunst des Arbeiterstandes gegen die bürgerlichradikalerr Parteien sichern. Er verrechnete sich und fein Gegner Gladstone ging siegreich aris bet: Wahlen hervor, die Benjamin Disraeli mit seiner Neformbrll zu Gunsten der Torypartei lenken wollte. In seiner Darstellung des politischen Wirkerrs des Grafen voir Beaconsfield und in der Einschätzung des Einslrisses, den er aris das englische Volk auszrlüberr verstand, legt Prof. Bryce mit Recht großen Nachdruck auf die Tatsache, d a ß V e nj a m : n DiSraeli jüdischer A b ft n rrr rir n n g u n d i rr England ein F r e m d l i n g w a r, Iv e n n er a rr ch i n: Jahre 1804 irr Lorrdon das Licht der Welt erblickte in einen: Hans, das erst vor kurzer Zeit ermittelt und mit einer bescheidenen Gedenktafel geschmückt worden ist. Lienjamin DiSraelis Vater, der durch seine „Cnriosities of Literature" auch in tveiteren Kreisen rühmlichst bekannte Schriftsteller, gehörte der Gruppe der Seraphim an, hatte aber allen Verkehr mit seiner Synagoge abgebrochen. In seinem lärmigen Buch „The King of the Shrrorrers" berichtet Israel Zangioill, der englische Romanschriftsteller mrd jetzige Führer der Zionisten, über die Zerwürfnisse im Schoß der jüdischen Gerneinde, die zum Austritt des gelehrten Jsaac führten. Jsaac, Benjamins Vater, hatte Zutritt zrrr guten Gesellschaft und der junge Beirjamin traf iir den fashiorrablen Salons Londoirs mit bei: witzigsten und bestbekannten Märrnern und Frauen seiner Zeit zusammen. Der Dichter urrd Bankherr Samuel Rogers fand Gefallen an dem aufgeweckten Knaben und ließ ihn mit Zilstimmung seines Vaters im 13. Lebensjahre taufen, weil er wußte, daß die äußerliche ZngehBrigkeit zur christlichen Staatskirche nötig sei, um in Engso zialen zugute, die durchaus noch nicht de» Gipses punkt ihrer Macht überschritten haben. Keineswegs haben die Jud e n etwas vor» der Verschiebung der Parteiverhältnisse — solange die alten Parteiformationen weiterbestehen — zu hoffen. Sowohl vom jüdisch-volklichen wie vom gesamtösterreichischen Standpunkte muß daher ernsthaft erstrebt werden, daß die heutige Verfassung, der heutige Parlamentarismus und das alte Parteiwesen an Haupt und Gliedern eine Umgestaltung erfahren. Noch einmal die Liberalen im Gemeinderate. Löbliche Redaktion! Mit Recht haben Sie in Ihrem letzten Artikel behauptet, daß wir Juden von den Liberalen nichts mehr zu erwarten haben. Ein Dokument dafür bildet ein Artikel im „Deutschen Volksblatt" vom 15. d., der anläßlich der im kommenden Frühjahre stattfindenden Wahlen in den ersten Wahlkörper die liberale „Opposition" wie folgt charakterisiert: „Unter diesen Umständen könnte die Majorität wahrlich nichts anderes wünschen, als daß dieselben Herren der Opposition wieder in den Gemeinderat entsendet werden sollen. Man sollte dieser allzeit getreue» Opposition wahrlich keine Gegenkandidaten gegenüber stellen." Fürwahr ein vernichtenderes Urteil über die liberale Minorität als dieses Lob des christlich-sozialen Parteiorganes könnte nicht gefällt werden. Dieses Lob erinnert lebhaft an die wohlwollende Ansprache des Abg. Pattai am Schluffe der niederösterreich'schc-n Landtagssession, in der er seine Befriedigung über die Haltung der freiheitlichen Opposition, die in Ihrem Blatte treffend charakterisiert wurde, aussprach. Aber diese Herren Liberalen verdien, n wahrhaftig dieses Lob aus christlichsozialem Munde. Der Haltung des Abg. M a r ch e t, des Vorstandes der Deutschen Fortschrittspartei, im Landtage reiht sich würdig die Haltung der Liberalen im Gememderate an. Das „Deutsche Balksblatt schreibt darüber: Vizebürgermeister Strobach hatte zur Bewältigung der Budgetdebatte fünf Na chtsrtz ungen ausgeschrieben, in bet Erwartung, daß die Liberalen sich die verlockende Gelegenheit nicht entgehen lassen werden, von ihrem Rechte der Kritik ausgiebigen Gebrauch zu machen und zu jeder Post das Wort gerade so ergreifen würden, wie dies seinerzeit die antisemitische Minorität unter Führung Doktor Lu e g e r s getan hat. Diese Erwartung hat sich nicht erfüllt, die Liberalen verzichteten ans das Wort und damit auch auf das Recht, in scharfer Weise die von ihnen stets so angefeindete land lveiterzukommerr. Berrjamirr Disraeli wurde dem Namen rrach Christ, aber im Herzen blieb er immer Jude und war stolz auf seine jüdische Abstammung, auch wenn er die christlichen Gebräuche mrtnrachte. Man möchte, so paradox es auf der: ersten Blick klingt, die Ansicht verfechten, daß er zum Christen wurde, iveil er Jude war. In seinem „Leben des Lord George Bentinck" bemerkt er: „Die Juden bertreter: das semitische Prinzip, das geistige Element in unserer Natur." Werl Benjamin Disraeli Jude war, schloß er sich auch allerdings nach einigem Zaudern, der konservativer: Parte: an. Im selben Buch über Lord Bentinck rechtfertigt Benjamin Disraeli diesen Schritt mit dieser Betrachtung: „Die Juden sind ein lebender, urrd zwar der kräftigste Beweis von der Falschheit der heiltosen rnodernen Lehre, daß alle Menschen gleich sind. Alle Fibern der jüdischen Natur sind konservativ. Ihre Neigung ist ans Religiorr, Besitztum und natürlichen Adel gerichtet." Am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts waren die Juden noch Fremdlinge in England. Trotz seiner Tarife ist Benjamin Disraeli in dem Lande, irr welchem er etn halbes Jahrhundert hindurch eine maßgebende Rolle spielte, vierzehn Jahre als anerkannter Leiter der Opposition rm llirterhans und sechs oder mehr Jahre tili? Ministerpräsident wirkte, bis zum Lebenserrde ein Frerrrdlirrg geblieben. Wie Ivir ans zeitgenössischen Anfzeichnurrgen wissen, hat selbst die Königin, deren Günstling er in den letzteir Jahren lvar, Freiheiten, die er sich bei Hofe gelegentlich herarisnahm und die sie bei einen: Engländer als Taktlosigkeit anfs strengste geahndet hätte, lachend und mit der Bemerkung hingenommen: „Er weiß das nicht besser, er ist ja ein Ausländer" („a foreigner"). Gleichwohl führt Professor Bryce, der als Schotte den Engländerr: ebenfalls als halber Arrsländer gegenübersteht, der: erstaunlicher: Erfolg des Grafen von Beaconsfield gerade ans drei Charaktereigenschaften zurück, die Disraeli seiner hebräischen Abstammung verdarrkte: seine geistige Absorrderung, seine geistige Spamrkraft urrd seinen gewaltigen Ehrgeiz. Benjamin Disraeli hat sich nie als Engländer gefühlt und die englische Gesellschaft und das Treiben dev englischen Parteipolitiker nur von außerr beobachtet. Diese geistige Absonderrlng hat es ihm ernwglicht, frei von Parteileidenschaft die politische &

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