Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 51 (18.12.1903)
- Date
- 1903-12-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Grschemt jeden Freitag «nt« Mitwirkung drr vorn jüvrmrrn Volksvrr»t» rrwStzttrn PrrssrommVfton. S»srr«1e üdernevmrn dleAttsml: I. Danneberg, M. DuieS, H aalen. Bä» * ÜSoglec, «udolf Wofl«. H. Oppel», SB. «ozsonyt, «. Schale! ta / «He». ferner alle Annoncen-»xpeditjonen ist Ausland«. Einzel.Itn««er i« Wie« I« Heller. :»*• .. "<wwwwwwif»>j'UL NdmintNratton: U/S. Leopoldsgalle 49. Telephomvrr. 14738 UhotttteweutApreiS r Telephon-Nr. 14738 Für «Sie» ». Vesterrelch.Uuaara lammt Francozustellung. »anzikhrtg Halbjährig Bierterjäbrig Ät. 8.— :fc Für baS gelammte Ausland lammt Francozustellung. »an,jährig . Halbjährig . Merteljährig SU. 9 ~ . . 4.50 . . 3.35 » — . >» ...—- 1 ■ 1 1 ♦ Lrd«rtwn: 11/3. Lropoldsgaffe 49. <tzrechft»»d«»r Rn «ochemagea *on 4 m* 5 avr nachmittag» Pasta» eß« «»aSdltttt. >81-», l>,8 »»schw-rde« »egen »erfvitttter oder gar nicht erfolgter Zustellung «roitten «uc «tS dringend. - MftiuurtcrtMe Merke» »Ich« »Mtitag«stellt. Vostfpartaste«.Eouto s»70»? gu da» »donnement kan» «au täglich ein treten -8-♦ Ur. 51 Wien- 18. Dezember 1903 (29. Kislev 5664). V. Jahrgang. imMWu^m»«iMm»lnn»l»Wi»»»W»mW»»a«mMM»m»»»»>»»W»»>»»«m»»»M»>»»»»«»,>.>»l ———i_LU_jjiaL_xjx__uLXLJ-uaLJaii—I ■■ ■" —r1 Der Fall Schlechter. Wien, den 16. Dezember. Man darf Herrn Schlechter sicher nicht zu tragisch nehmen. Er ist ein ehrsamer Buchbindermeister, der die Bücher sicher öfters von außen als von innen bewundert. Er bringt daher dem großen Wortschwalle der Herren Dr. Nechansky und Konsorten wahrscheinlich kein richtiges Verständnis entgegen und so hat er den Weg von den Liberalen zu den Christlich-Sozialen, die er immer mehr schätzen und verstehen gelernt hat, gefunden. Wie gesagt, wir nähmen Herrn Schlechter nicht tragisch, weyn sein Fall vereinzelt dastände. Aber er ist nicht einmal originell; er hat Vorgänger. Wir nennen nur die Namen K l o tz b e r g und H a ß f u r t e r. Und da verlohnt es sich wohl der Mühe, wieder einmal ein ungeschminktes Wort über die Größen in der Wiener Rathausstube hüben und drüben zu verlieren. Man hat sich an den Gedanken gewöhnt, daß die große Masse der Wählerschaft den Liberalen den Rücken kehrte. Daß aber jetzt die liberalen Mandatare den Liberalen den Rücken kehren, zeigt wie wurmstichig dieses ganze Gebände ist, das sich in Wien die Fortschrittspartei nennt. Von Zeit zu Zeit wird in den liberalen Tagesblättern Komödie gespielt. Ueber Versammlungen, die größtenteils von Juden besucht sind, werden spaltenlange Berichte gebracht und von einem Wiederaufleben des Freisinns gefabelt. Nur nicht. den Mut verlieren. ES muß scyon oeyer werden! Und dann kommt der Herr Schlechter und rüstet sich zur Aufnahme in den Bürgerklub. Wir glauben nicht, daß Herr Schlechter an einem Uebermaß von Bildung krankt. Aber er wird schon wissen, was er tut. Er rechnet einfach damit, daß selbst die Wähler in den oberen Wahlkörpern, dem letzten Zufluchtsorte der Liberalen, ihrer Mehrheit nach heute christlich-sozial sind. Der kluge Mann baut vor; die Ratten verlassen das sinkende Schiff. Dr. Nechansky ist mandatsmüde. Also nicht Kampf gegen die Christlich-Sozialen ist Losung der Liberalen, sondern Uebergabe. Dasselbe Bild bietet die Elitetruppe der Fortschrittlichen, die gelernten „Deutschböhmen"; diese beschlossen in einer vertraulichen Sitzung der letzten Landtagssession, nur dann in den deutschen Volksrat einzutreten, wenn die Christlich-Sozialen beigezogen werden. An und für sich mußte das Schiff der Liberalen nicht sinken. Dr. Lueger verfügte nicht über so viel Genossen als er seinen Kampf um die Wiener Rathausstube begann. Aber er glaubte an sich und seinen Stern. Die paar Liberalen, dir noch heute im Gemeinderate sitzen, glauben aber selbst nicht mehr an die hohlen Phrasen, die sie in endlosen Variationen wiederkäuen. Und so ziehen sie. langsam ihre Konsequenzen. Der eine läuft über, der andere zieht sich vom politischen Leben zurück. Doktor Mittler und Donat Zifferer allerdings werden stets die Fahne des Fortschritts Hochhalten, und der erste Wahlkörper der Leopoldftadt wird nie christlich-sozial wählen. Und wird auch die städtische Gemeinde immer christlichsozialer, die jüdische Kultusgemeinde bleibt stramm deutschliberal. Wir fragen aber die Wiener Juden: Welche Stütze und welche Hoffnung bietet ihnen noch die Fortschrittspartei? Welchen Vorteil haben sie davon, daß die Herren Zifferer und Mittler nicht müde werden, das Deutschtum und die Freiheit zu retten! Und ist eS vom Nutzen, daß schließlich die einzigen, die sich für den Liberalismus einsetzen, nur Juden sind? Ist es für den Liberalismus, ist es für die Juden vom Nutzen? Die jüdischen Wähler müssen endlich einsehen, daß sie auf Sand bauen, wenn sie ihre Hoffnungen auf Dr. Nechansky, Dr. Vogler oder Mittler setzen. Diese Herren führen ihre ,Sache so glänzend, mit einer solchen Energie und mit einer solchen Geschicklichkeit, daß sie — wir sprechen nicht darüber, daß sie keine Eroberungen machen — nicht einmal den Besitzstand wahren können, ja, daß sie nicht einmal das Häuflein der libelulttt <3>cmeiibeiau ssustllstnie n ha l l 6 n ksrm«-»,. Diese Jüyrer haben so glänzende Proben ihrer Unfähigkeit gegeben, daß sie der von ihnen vertretenen Sache keinen größeren Gefallen erweisen können, als zu verschwinden. Wir Juden haben von den Liberalen nichts zu erwarten, eher können die Christlichsozi'alen etwas für Juden tun. Doch wir wollen objektiv sein. Wären diese Herren ebenso fähig, wie sie unfähig sind, ebenso weitschauend wie sie einseitig sind, ebenso entwicklungsfähig, wie sie borniert sind, sie könnten nicht den toten Liberalismus zu neuem Leben erwecken. Eine neue Zeit ist da mit neuen Anschauungen und neuen Wünschen, in der man vergebens mit den Phrasen von anno dazumal sischen geht. Eine jede Eigenart bahnt sich ihren Weg und ein jeder Stand sucht so viel Rechts zu ergattern, als er Macht und Einfluß hat. Da heißt es für jeden, und für jede Interessengruppe sich wehren und zu ringen, daß eben seine Gruppe und nicht die gegnerische Trumpf ist. Die Massen verstehen eben heute nicht mehr die Liberalen, sie haben ihren Interessen und ihren Gefühlen nichts mehr zu bieten. Da erwächst aber für die Juden die strenge Lehre, das Beispiel zu befolgen, das alle andern ihnen bieten und durch dessen Befolgung sie Erfolge errangen. Und dieses Beispiel heißt Organisation. Organisation zuerst als Selbstzweck, als Schutz und Schud für den einzelnen, der sonst seinen Gegnern erläge, und dann wenn man seine Kräfte abschätzen und abmessen gelernt hat, sich seine Ziele setzen. Es ist heute lächerlich von irgend einer fremden Organisation, sie möge heißen, wie sie will, Hilfe zu erwarten. Die Triebfeder des modernen Lebens ist der Egoismus. Hilfe kann den Juden nur dnrch eine jüdische Organisation kommen. S. Budapester Brief. (Aus den jüdischen Ver.einen). Chanuka 5664. Budapest zählt gegenwärtig unter seinen Einwohnern 180.000 Juden, ja samt den Fabriksortrn Ujpest, Erszebetfaloa, Budafok rc. über 200.000 Juden, oder ein Viertel der Bevölkerung ist jüdisch. Wohl ist die Zahl der jüdischen Seelen in Warschau und Nerv-Jork noch größer, aber sowohl die tieftraurigen Verhältnisse unserer Stammesgenoffen im Zarenreiche als auch die in eine große Anzahl von einander unabhängigen Gemeinden, die fast ausschließlich aus russisch-galizisch-rumänischen Einwanderern bestehen, geteilte Judenheit der amerikanischen Metropole bewirken, daß die königliche Haupt- und Residenzstadt Ungarns nicht nur die größte Judengemeinde des kulturellen Europas besitzt — oenn Warschau ist Halbafien — sondern eigentlich dawichtigste, imposanteste Gemeindewesen der ganzen Judenheit ist. Nicht nur dem Namen nach, sondern auch mit Herzen und Gedanken sind hier gar viele tausend» wahre Juden und wenn von einem jüdisch-nationalen Leben auch vorläufig noch keine Rede sein kann, so bedarf es auch nur eines kleinen äußeren Anstoßes, um auch hier kräftig eine ähnliche Bewegung in allen wahrhaft jüdischen Kreisen zu entfalten, wie sie bereits überallhin der ganzen jüdischen Welt angefangen hat. Wird einmal erst der richtige Anfang gemacht, so wird es sich wohl zum Erstaunen der Meisten zeigen, daß trotz aller jahrzehntelanger Assimilatiovsversuche die Masse in ihrem Innern gut jüdisch geblieben ist, jüdischer sogar als in Wien und anderen Städten des Westens, die jetzt bereits Zentren des nationalen Gedankens sind. Heute sind allerdings bloß schüchterne Spuren einer solchen Entwicklung und gerade unser Ueberblick der Budapester jüdischen Vereine weist uns ein noch sehr zerfahrenes Bild der alten Zustände auf. lllllklllllHI«lllllllll»W I ll» UM ni AU Feuilleton Die Pflichten des modernen Juden. Unter diesem Titel hielt Dr. Pani Weisengrün am vergangenen Mittwoch Vvr einem zahlreichen Publikum einen interessanten Vortrag. Er sagte unter anderem: Hier in diesem Saale wird es wohl niemanden geben, der sich darüber wundert, wenn ich vom Judentum und der Moderne spreche. Aber außerhalb dieses Saales gibt es wohl viele, die da fragen, wie passen diese zwei Dinge zusammen? Diese, die Assimilanten, halten für jüdisch etwa die koscheren Würste, gewisse Witze, die gerade vor den Mikosch-Witzen rangieren, die berüchtigteir Orpheumgesellschaften n. dergl. Modern aber — das heisch: Seeession, Klimt, Otto Wagner. Wie kommt also das Judentum zur Moderne? fragen sie. Ich aber sage diesen, es gibt eine organische Beziehung zwischen diesen beiden Begriffe». Jeh glaube, dag das wohlverstandene Jndentnin modern sein mutz. Was kann moderner sein als der Begriff der Heimatkunst? Die Lehre, dass ein jedes wahres Kunstprodnkt in der heimatlichen Erde wurzeln muß. Können ivir Juden als Maler, Bildhauer, Dichter etivas bieten, lvas dein Wesen nach modern ist, wenn wir uns nicht versenken in die jüdische Seele, wenn wir nicht ans dem Judentum heraus etivas besonderes fühlen? Das heißt nicht, daß iiwu jüdische Stoffe behandeln muß. Man kann jüdische Stoffe behandeln, ohne dem Wesen nach Jude zu sein. Nein, nicht in der Wahl deS Stoffes liegt es, sondern im speziellen jüdisch-nationalen Empfinden. Denken sie an die Erfolge eines Lesser Urh, eines Lilien, an die Lyrik eines Moris Nosenfeld, und sie iverden finden, dag selbst diejenige Kritik, ivelche mit dem bewußten Judentum nichts zu tim hat, gerade diesen Künstlern die Palme reicht. Was von der Kunst gilt, gilt von allen Gebieten der Kultur. Man kann nur schöpferisch sein, wenn man aus der Tiefe des Volkstinns schöpft, wenn »ran die Kulturgüter seiner Nation sich zu eigen macht. Dann ivird man auch die Synthese finden, zwischen nationalem und internationalem Empfinden. Ein jeder Jude, der ein guter Europäer sein will, der von wirklich europäischer Gesittung erfüllt ist, muß ein Anhänger der jüdischen Moderne sein. Die Verleugnung seines Volkes ist nur unproduktiven Geistern eigen und führt nur zu Trivialitäten. Die Zeit ist noch nicht weit hinter uns, wo ein jeder Jude, der ein bißchen auf sich hielt, der den Anschein erwecken wollte, ein moderner Mensch zu sein und ganz besonders gebildet zu sein, seine Abstammung verhehlte oder verachtete. Ich erinnere Sie an den Fall Meininger. In Wirklichkeit ist das aber nur scheinbar modern und ein Rückfall in einen längst überwundenen Standpunkt. In Wirklichkeit ist das „echt jüdisch" im Sinne eines E u g e n D ü h r i n g , der darunter alle schlechten dekadenten Eigenschaften begriff, die ganz Europa zersetzen. Es ist gerade so jüdisch, wie unsere jüdischen, Geldleute, tvie unsere sog. Züdische Presse und ein guter Teil unserer nicht jüdisch sein wollenden Theater. Ich gehe nun zu meinem eigentlichen Thema über: Die Pflichten eines modernen Inden. Bis vor ganz kurzer Zeit war die Beantwortung der Frage, lvas die Pflichten. des modernen Inden seien, sehr einfach. Man sagte einfach: Die Pflicht eines modernen Juden ist, Knltnsstener zu zahlen. Auch heute finden viele diese Definition vollständig erschöpfend, höchstens daß andere noch weiter gehen und sagen, die Pflicht eines modernen Inden sei, sich taufen zu lassen. So war daS offizielle Jndentnrn beschaffen. Das hat sich doch etwas geändert. Dnrch die nationale Bewegung sind auch die Gegner des jüdisch-rrationalen Gedankens gezwungen worden, etivas anders vorn Inden und über das Jndentnrn zu denken. Was die nationale Bewegung nicht vermochte, das haben einige sensationelle Ereignisse beivirkt. Ich nenne nur die Namen D r e y f u s, K i s ch en e tv n n d H o m e l. Diese Namen zeigten auch denen, welche nicht hören wollten, daß es ein jüdisches Volk und eine jüdische Frage gibt. Als erste Pflicht eines modernen Inden bezeichne ich die, national zu sein. Fast gehört diese Forderung zu 1>en j Selbstverständlichkeiten. Ein jeder Jude, ob er nun religiös ist oder [ antireligiös, ob er Bourgeois oder Sozialist ist, vor allem muß er j national sein. Selbst unsere Gegner stirmnen in diesem Punkte,mit j uns überein. Und es gehört gegenüber den antisemitischen Hetze- ' reien fast zum guten Tone, sein jüdisches Volkstum zu bekennen.! Als ziveite Pflicht bezeichne ich, diese nationale Gesinnung auch zu! betätigen. In dieser Beziehung wird selbst in nationalen Kreisen viel gesündigt. Und es ist gar keine Frage, daß wir speziell in Oesker- , reich, besonders in Wien, iir der Betätigung des nationalen Ge-! danken eS nicht anfnehmeii können mit dein so verachteten Juden des j Ostens. Diese stelleil in gewisser Beziehung das moderiiste Element . dar. Diese verachteten Jiiden des Ostens sind rnodern, weil sie nicht : veralteten Weltanschauungen nachjagen, iveil sie nicht fiir abge- > grissene und abgehetzte Begriffe,!oie Freiheit, Gleichheit und Brüder-- I lichteit sich anfopfern, soiidern für die Freiheit ihres Volkes käinpfen. Es muß einmal offen gesagt iverden, daß eine wirkliche Betätigung l des nationaleii Gedaiikeii im Westen erst im embryonalen Zustande [ vorhanden ist, während die „unkultivierten und unzivilisierten"' > Inden des Ostens mit der Betätigung des nationalen Gedankens Ernst machen. Dazu gehört nicht bloß die Aufnahme der jüdische,, Tradition, nicht bloß Bibelstildiinn, sonderrr die Aufiiahme jüdischer Kultur. Ich kenne eine ganze Reihe von bibelfesten Herren, die bei aller fornwllen Kenntnis der jüdischeir Geschichte uiid der hebräischen, Sprache auch nicht die geringste Ahnung dorr dem Atem der jüdischen Geschichte Habel,, die liichts von dem Odem der jüdischen Kultur in sich anfgesogen haben. Es gibt im Osten eine ganze Anzahl von begabten Lyrikern n>id Prosaikern, ich nenne die Narnen Gordon, S m o l e n s k y, F r,l g, S ch o l o in a l e ch e m, A ch a d h a a m, deren KeliiitniS ein moderner Jude organisch in sich eiuücrleibeu muß. Ich weiß Ivohl, daß man, um die Einseitigkeit der deutschböhmischen Politiker zu verspotten, vom „gelerriten" Deutsch-Böhrnisch spricht. Da köinrte mni, den billigen Witz machen, zu sagen: „Ich fordere Sie ans, gelernte Inden sein; ich fordere Sie ans,