Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 50 (11.12.1903)
- Date
- 1903-12-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Vierteljährig . . . «r. . 4.SO! 2.28 Ur. 50 Mir«, 11. Drremvrr 1903 (22. Kislrv 5664). V. Jahrgang. MCSReasamm».^ ussifwcRsvnssssiH Judentum nutz Bildung.*) Von Richard Rappaport. Zwei Programmpunkte sind in dem Namen ihres Institutes enthalten: Judentum und Bildung. Da mag man sich fragen : Fehlt es unserem Volke an Judentum oder an Bildung? Ein jüngst verstorbener hebräischer Schriftsteller hat folgende Anekdote erzählt: In L. hatte sich ein Bildungsverein gebildet, nicht einer, der jüdische Bildung verbreiten wollte, sondern einer, der das Judentum durch Bildung überwinden wollte. Irgend ein Doktor kündigte einen Vortrag an über „Buddha und der BuddhaismuS". Die alten Juden standen kopfschüttelnd vor den Plakaten und zerbrachen sich den Kopf, was eigentlich dieser Titel bedeuten solle, bis schließlich einer das erlösende Wort fand, der Titel bedeute: Gegenwart und Zukunft. Sie hielten nämlich die Worte Buddha und Buddhaismus für ruthenische. Einer von ihnen ging zum Vortrage und als man ihn fragte, was denn der Redner eigentlich gesagt hat, antwortete er: „Genau weiß ich es nicht, aber so viel habe ich verstanden, dieser Buddha war sicher ein Mitglied vom Kolo polskie". Der gute Mann hatte den Vortrag natürlich nicht verstanden, da er aber so viel von Königen und Fürsten hörte und ein Fürst doch nur ein Schlachzize sein konnte, so erklärte er Buddha frischweg für einen Schlachzizen. Das ist also nicht der richtige Weg, Bildung unter das Volk zu bringen. Die Orthodoxen wollten nun gegen diesen Aufklärungsverein einen Gegenvortrag halten. Ihr Redner wählte sich das Thema: „Soll man die sechs Stunden, die zwischen dem Genüsse von Fleisch und Milch zu verstreichen haben, nach der ortsüblichen oder nach der mitteleuropäischen Zeit wählen?" Ich weiß nicht, welche Antwort der Redner auf diese hochwichtige Frage gefunden hat, aber ich fürchte, die Bildung unseres Volkes wird dadurch nicht sehr gefördert worden sein. Wir haben Judentum und wir haben Bildung. Aber es fehlt unserer Bildung an Judentum und unserem Judentum an Bildung. An allen geistigen Bestrebungen des verflossenen Jahrhunderts haben Juden rühmlichst mitgearbeitet, aber über diese Arbeit ihr Judentum vergessen. Ein Marx und ein L a s sa ll e auf der einen Seite, ein Stahl auf der anderen Seite ließen sich taufen und haben dem Judentum nichts zu sagen, wenn *)Aus dem Vorträge, gehalten bei der Eröffnung des „Jüdischen BildungsheimS" in Wien. sie ihm nicht gar Feindschaft entgegenbringen. Ein Golf ineau, Chamberlai n, Richard Wagner benützten ihren Ruf, um der Welt, häufig in übertriebener Weise, zu verkünden, was das Ariertum, spez. das Germanentum für die Kultur geleistet haben. Dem Arier bedeutet Bildung den Weg zu seinem Volkstum, für den Juden leider oft den ersten Schritt zur Taufe. Unsere Bildung hat kein Judentum. Auf der anderen Seite fehlt es dem Judentum oft an Bildung. Ich hatte Gelegenheit, der Einweihung der Thorarolle beizuwohnen. Der Festredner, ein orthodoxer Jude, fand viel Anklang. Und worüber sprach er? Warum man bei der Chanukahfeier mit dem Anzünden einer Kerze beginnt und bis acht hinaufgeht und nicht umgekehrt. Ich dachte mir dabei: Wenn das das Judentum unseres Volkes ist, dann ist es traurig um das Judentum bestellt. Aber im Osten gibt es viele Eltern, die ihren Kindern ausschließlich talmudisches Wissen gestatten, jede allgemeine Bildung aber zwangsweise von ihnen fernhalten. Ich habe vor kurzer Zeit von einem jungen Manne aus Galizien einen Brief bekommen, in dem er mich in seiner Verzweiflung um Rat fragt. Die Eltern dieses Jünglings verboten ihm strenge, sich eine europäische Bildung anzusignen. Das Eigentümliche'an dieser Unsitte.ist, daß die Altgläubigen ihre Söhne zwar unerbittlich von jeder Bildung ausschließen, den Mädchen aber erlauben, sich vollkommen auszubilden. Weil die Frauen eine geringere Stellung einnehmendürfen sie sich eine europäische Bildung aneignen. Dannaber Hallen sie es oft im engen Gesichtskreise ihrer Fäckilien nicht: mehr aus und das Ende sind die bekannten Klosteraffären und Taufen. Diesem Judentum fehlt es also an Bildung. Das „Jüdische Bildungsheim" will Judentum und Bildung vereinigen. Da fragt es sich, welcher Art soll diese Bildung sein? In ihrem Aufrufe kommt der Passus vor, daß das „Jüdische Bildungsheim" sich nicht auf die Schlagworte von Aufklärung und Volksbildung, die heute gang und gäbe sind, stützt. Ich billige es vollkommen. Das ist auch die Antwort auf die Frage: Wozu brauchen wir auch ein Jüdisches Bildungsheim, wenn wir ein interkonfessionelles haben? Ich habe diese interkonfessionellen Anstalten kennen gelernt, und auch ihre Früchte. Es wird keine Bildung sondern nur eine Halbbildung, oder besser gesagt, eine Achtel- oder Secdzehntelbildung verbreitet. Die Leute kommen nicht gebildet sondern verschroben heraus. Bildung ist harmonische Geistesausbildung. Sie wird nicht erreicht durch das Emprägen von allerlei unzusammenhängenden Bruchstücken aus allen Gebieten 9 des Wissens, sie kann nur durch die Beschäftigunmit einem historiscy entstandenen Ku ltur kreise übermittelt werden. Denn eine Kultur enthält das Resultat der geistigen Arbeit von Jahrtausenden in ihrer feinsten und kondensiertesten Form. Das haben die Pädagogen schon längst erkannt. Den Mittelpunkt des gymnasialen Unterrichtes bildet die Kultur des klassischen Altertums, und um diese gruppieren sich alle anderen Lehrfächer. Für uns kommt natürlich nur eine Kultur in Betracht. Das ist unsere angestammte j ü d i s ch e K u l t n r. Und ihr Mittelpunkt die Bibel. Es ist fast unglaublich, wie unbekannt in unseren gebildeten Ständen die Bibel ist. Ich kenne sehr viele Doktoren, die ich nicht darauf prüfen möchte, ob sie, ich sage nicht eine bestimmte Stelle, sondern ein bestimmtes Buch der Bibel aufschlagen könnten. Die unteren Volksschichten allerdings kennen die. Bibel. Aber sie dient ihnen als Gegenstand für spitzfindige Diskussionen, durch die sie dem Geiste nicht näher kommen. Die wenigsten von uns wissen, was die Bibel bedeutet. In ihr ist die Weisheit aller Zeiten enthalten. Es bedurfte erst der modernen Bakteriologie, um die Speisegesetze Moses zu verstehen. Die soziale Gesetzgebung der Bibel steht auf einer Höhe, die heute noch nicht erreicht ist. An diese Bibelkenntnis muß sich das Studium der jüdischen Literatur und Geschichte anschließen. Wenn wir dies tun, bereichern wir nicht nur das Wissen unseres Volkes, sondern wir veredeln auch seinen Geschmack. Ist es nicht ein himmelschreiendes Unrecht, wenn ein Volk seinen Geschmack befriedigt in Lokalen wie die verschiedenen Orpheumgesellschaften es sind und bei Theaterstücken, die die Juden verhöhnen, sich köstlich unterhält. Wir wollen hoffen, daß das Interesse für unseren edlen Dichter noch die Konkurrenz mit dem „Pollak aus Gaya" oder den Heldentaten des Wolf Pfefferkorn auShalten kann. —. An das Studium unserer heiligen Schriften, unserer Geschichte sollen sich dann die profanen Wissenschaften anschließen. Eine gedeihliche Wirkung können allerdings nur Kurse erzielen. Ich hoffe, daß das Bildungsheim nicht auf der jetzigen Stufe verharren wird, sondern daß sich an das Brldungsheim ähnliche höhere jüdische Anstalten schließen werden, in denen eine Anzahl von Fächern gepflegt werden können, die sich hier nicht pflegen lassen. Ich denke hier an die Wissenschaft der Raffe, die Wissenschaft der politischen Anthropologie und der Rassenhygiene. Man soll diese Wissenszweige nicht unseren Gegnern überlassen. Die Spalte, die in der geistigen Bildung eines Volkes klafft, rächt sich sehr bitter. Das ist alles Zukunsts- Feuilleton. Lin ftlakkabäerspiel. Von Leo Sofer. Der Genius Juda’s spricht: Sohn Jeschur uns, Scharfe Worte, schonungslose, Sende über Judas Fall Und mit finstern Worten tose, Siehst die Schmach du überall, Wie der Hammer anstatt Funken Nur die Tränen euch entlockt, Wie dein Votk so tief gesunken Dass es tritt der fremde Vogt; Weit und breit dasselbe Schauspiel, Seelenschacher, Kriecherei, Blindes Hasten ohne Endziel Stumpfheit, Not, Nachäfferei. Der Dichter: Wieder hör’ ich diese Klagen, Die gewebt aus Blut und Tränen, Unbemerkte, bange Fragen, Ungestilltes, heisses Sehnen. Da erfasst mit tausend Krallen Mich der Trauer Allgewalt Und mit schmerzerfülltem Lallen Ruf' ich zu dem Schicksal kalt: Sind das Sprossen jenes Blutes, Das vor Gott nur Nacken bog, Als die Welt voll zagen Mutes Scheu vor Neros Altar zog? Rinnt noch nicht der Leidensbecher, Ist das Mass noch nicht erfüllt, D’raus für ninunersatten Zecher Stets ein neues Nass entquillt? Nacht umgibt dann meine Sinne, Fieber in dem Innern tobt, Holder Zukunftstraum, zerrinne, Erster Tag, den ich gelobt) Wie die Sonne stolz zerteilet Schwarzer Wolken dunkle Pracht, Ihr Zephir zur Hilfe eilet, Wald und Wiese strahlend lacht, So ergreift mit starken Händen Mich nun der Erinn’rung Macht, Singt ein Lied, das Leid zu enden, ' Das den alten Ruhm entfacht. Das Lied: „So war einst auch Not und Jammer Weit und breit im Ahnenland, In des Tempels heil’ger Kammer Schaltet frech ein griech’scher Fant. Hellas schien zu triumphieren Ueber Judas Löwenpaar, Und es hiess, sich griechisch führen, Beten vor dem Zeusaltar. Da erschien aus kleinem Flecken, Aus der Hasmonäerschar, Judas Retter, starke Recken, Weckten nun das Löwenpaar. Dieses hieb die breiten Pranken In des Feindes Panzerbrust, Und die Götzendiener sanken, Hellas’ Leid und Zions Lust. Simsons neubeschworne Kraft Tilgte alle fremde Art, Und zum Kampfe auf sich rafft Arrn und reich, alt und zart. Bald gen gleissend Syrerscharen, Die die halbe Welt besiegt, Tönten Judas Siegsfanfaren Zeugnis: Hellas unterliegt.“ Der Dichter: Diese alte, stolze Kunde Weckt in sehnsuchtsmüder Brust Hoffnung, dass mein Volk gesunde, Wenn auf eignem Land es fusst, Wenn die stolz verklärten Manen Es empfalm im Land der Almen. ClMilkah-Lichter. Heute ist der erste Chauukahabend. Die lieben Lichtlein brennen wieder so hell und freundlich, wie all die Jahre her. Was so ein rechtes und echtes Jndenherz ist, fühlt sich beim Leuchten dieser kleinen, unscheinbaren Flämmcheu gehoben, geweitet! Und wie sie zum Denken anregcn! Da zündet man das erste cm. So schüchtern, geschreckt, möchte man fast sagen, beginnt es zu strahlen. Dann wird seine Kraft stärker. Morgen sind es schon ihrer zwei. Und gar erst am achten Tage! Wies da leuchtet und glänzt, wie hell und feierlich wird es ringsum! Man freut sich des vollen, reinen, erhebenden Glanzes! Allmählich werden sie kleiner, schwächer. Eines nach dem andern fällt und erlischt. Vorüber die Pracht, der hehre Schein! Wie das melancholisch macht 1 Ich habe mich hmgelehnt und dem schönen Leuchten und jähen Vergehen dieses kleinen Körperchens zugesehett. Und — sonderbar: gleich kamen Träume: In einer „Mittelstand"-Familie. Das einzige geliebte, vergötterte Kind — ein Knabe — das unter Muhsalen und Entbehrungen, mit Opfern und Künimernissen gut erzogen wird. Sein« Fortschritte in der Schule freuen die Eltern gar sehr. Der brave Schüler — die erste Freude. Das erste Leuchten der jungen LebenSflammc. Er wird größer, stärker; da er bisher so gut lernte, soll er studieren. Für den einzigen Sohn läßt sich abermals das große Opfer bringen. Die Universität mit bestem Erfolge absolviert. Jurist geworden. Was nun? Wo und wie wird der Jude Karriere machen können? Ein guter arischer Freund — Studiengenosse von der Alma mater — rät ihm, Beamter zu werden. Denn: »Advokaten gibt's doch eh genug in Wien!" Vielleicht wollte er „jüdische" sagen?! Mit schlvercr Mühe kam also unser junger Staatsbürger „mosaischer Konfession" in irgend ein k. k. Amt. Mit dem Avancieren geht cs — verhältnismäßig — nicht langsam. Zum drittenmale erfreuen sich die Eltern an dem Glanz und Schimmer, die jetzt von der sozialen Stellung ihres Sohnes ausgehen. Als er aber vor dem Vorrücken in die zehnte Nangsklasse stand, kam eine lange Panse. Man bedeutete ihm, die werbe voraussichtlich so bald kein. Ende finden. Der Jgde kann eben nicht weiter konunen. Seine unmittelbaren Vorgesetzten, hauptsächlich der Her»