Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 49 (4.12.1903)
- Date
- 1903-12-04
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 4. Dezember 1908 Nr. 49 diesen Gouvernements herrscht die Ruhe des Kirchhofes: die reichen Schätze des Bodens bleiben ungehoben, die riesigen Wälder bringen keinen Ertrag, «nd die vor der „jüdischen Ausbeutung" gründlichst geschützte Bevölkerung ist bettelarm und gänzlich »nsähig, aus eigener Kraft sich emporzuarbeiten. Andererseits leidet der Ansiedlungsrayon unzweifelhaft an einer Ueberfüllung mit Juden. In den ihnen offenstehenden Gouvernements bilden sie mit 4,874.000 Seelen 11.46 und nach Abzug der jüdischen Bevölkerung Polens in den 15 Gouvernementdes eigentlichen Ansiedelungsrayons mit 3,558.000 Seelen immer noch 10% Prozent Gesamtbevölkerung. In den wenigen Städten deS Gebietefind nahezu 2 Millionen Juden zusammengepfercht, wo sie auf einige wenige Gewerbe sich beschränkt sehen und im Elende verkommen müssen, statt draußen im weiten Czarenreiche fich zu betätigen, sich selbst zur Freude und ihren Mitbürgern wie den Staatsfinanzen zum Segen zu gereichen. Ernst v. Wildcnbrnch hat als Ehrenpräsident der Association litteraire et artistiqne internationale auf dem Bankett in Weimar (am 30. September) eine Rede gehalten, deren Schluß auch für uns von Jneresse ist. Er sagt, das Problem liegt also für uns so: Wie erreichen wir, in dem wir uns individuell sondern, das über uns allen schwebende gemeinsame Ziel menschlicher Kultur? Und hierauf ist zu antworten: ivir erreichen es nicht dadurch, daß wir einer in dem andern aufgehen, sondern dadurch» daß jeder einzelne sich s e l b st und seine i n d i v i d u e l l e Eigenart zu denkbar höchster Vollendung ausbildet und dann von seinem Eigensten selbstlos im Hinblick auf das gemeinsame Ziel an die airdern hergibt. So kommt ja auch ein gutes Konzert nur zustande, wenn jeder einzelne mitwirkende Musiker sein eigenes Instrument bis zu denkbar höchster Vollendung zu beherrschen lernt." Recht so! Im Vaterlande muß Raum sein für jedes redliche Streben und für jede individuelle Eigenart. Die Ausgrabungen im heiligen Lande. In geistvoller Weise machte der Hallesche Theologe Professor Dr. Kautzsch, der Herausgeber der wissenschaftlichen Uebersetzurig des Alten Testaments und der Apokryphen auf der 5. ordentlichen Generalsynode am 27. Oktober d. I. fesselnde Mitteilungen über die Ausgrabungen im heiligen Lande. Das archäologische Institut in Palästina, das im Jahre 1880 seine Arbeiten begann, setzte mit Grabungen im Süden Jerusalems ein um den Umfang und die Tiefe der alten Mmler festzustellen. Mit großen Mitteln hatte der englische Palästinaverein vorgearbeitet. Diese südwestliche Mmrer des salomonischen Tempels steckt 70 Fuß tief im Schutt. Man hat die Steinmetzzeichen noch gesundem die die phönizischen Bauleute dort angebracht haben. Es gilt noch heute für ein technisches Rätsel, wie damals diese ungeheuren Massen so regelrecht haben eingesetzt werden können. Es ist festgestellt worden, daß die alte Stadtmauer viel weiter südlich herumlief, als man früher annahm. So ist für die Lage der Königsgärten ein größerer Spielraum gegeben. Noch wichtiger ist die Entdeckung der Siloainschrift. Professor Guthe hat diese Inschrift durch einen chemischen Prozeß lesbar gemacht und entziffert. Mit dieser Urkunde, die zur Zeit des Propheten Jesaia in hebräischer Sprache geschrieben worden ist, haben wir in sechs Zeilen den Beweis dafür, daß im großen die sprachliche Ueberlieferung aus Jesaias Zeit als eine sehr gute zu bezeichnen ist. Die Vermessung des Ostjordanlandes hat gezeigt, daß man in nächster Nähe von Kulturländern sich in unbekannten Gegenden befinden kann. .Die früheren Karten vom Ostjordanland sind ganz unzuverlässig. Der Kaiser hat 25 000 Mark zu dieser Arbeit gespendet. Mir verftigen jetzt über genaue metteorologische Beobachtungen, über eine gründliche Kenntnis der alten Bauarten sowie einzelner Tierspezies und Kulturpflanzen. Größere Grabungen werden in der Ebene Jcsreel vorgenommen, wo wichtige Ruinenstädte begraben liegen. Nach 'einer hierolyphischen Urkunde von 1500 vor u. g. Z. zog Pharao nach Norden, ist dann ins Gebirge gekommen (Karmel) und in einen Hohlweg jenseits dessen die Stadt Magedun (Megiddo belegen gewesen sei. Diese uralte Straße ist aufgefunden worden; dort bietet ein Hügel einen weiten Ueberblick über die Ebene Jesreel. Man mußte dort eine Festungsanlage erwarten; das Ergebnis war überraschend: man war noch nicht ganz einen Meter tief gedrungen, als man auf eine ältisraelitische Schicht stieß; sie erwies sich bei näherer Erforschung als ein Kastell aus der Zeit Salomos. Durch den Einfall des Pharao Schischa unter Rehabeam (zirka 975 v. u. g. Z.) ist dies Kastell zerstört worden, das sehr bald von Schutt bedeckt wurde. Ein Heiligtum wurde gefunden, in dem drei große Urnen standen mit Leichenresten. Da in alten Heiligtümern niemals Leichen beigesetzt wurden, so handelt es sich hier um die Opferung der erstgeborenen Kinder. In der Tiefe von 5,50 Meter kommt man in der Gegend dort bereits auf die vorisraelitische Periode, 1400 vor u. g. Z.; aber bis zu 20 und 25 Meter Tiefe liegen die Ruinenstädte begraben. Der Schutt wird abgefahren und sorgsam gesiebt, weil sich oft Tonfiguren und Münzen dort vorfindcn. Der Prozeß gegen die Kischenetver Mörder. Am zweiten Verhandlungstage wurde das Verhör des Bürgermeisters St. A- Schmidt fortgesetzt. Auf Anfragen, ob er Beweise dafür habe, daß die Exzesse vorbereirer ivaren, erzählt der Zeuge, daß zwei Weiber, die im Rathause beschäftigt sind, ihm gemeldet hätten, daß vor dem Osterfeste unbekannte Leute zu ihnen kamen und sie über alle Einwohner ihrer nächsten Nachbarschaft ausfragten, ob dort nur Christen oder auch Juden wohnhaft seien. ' Die Unbekannten vergewisserten sich auch darüber, daß die ausgefragten Weiber selbst Christinnen sind. An den Ostcrtagen wurde es klar, ivas die Fragen beztveckt hatten, da die genau ausgezeichneten christlichen Wohnungen übergangen und in denselben nicht eine Fensterscheibe zertrünnnert Ivurde. Als ztveiter Zeuge wird General B e ck m o tt vorgerufen, der während der Ausschreitungen den ihn um Hilfe anflehenden Juden jede Unterstützung vertveigert hat, indem er sich darauf berief, das; ohne Befehl des Gouverneurs seitens des Militärs gegen die Er-edenien nich's geschehen könne. Der Zeuge gesteht, -aß am 19. und 20. April in Kischenew mindestens 5000 Mann Eoldmeu dwvonibcl ieuren, die den Ausbruch der Unruhen sofort hätten nnterdriickcn können; er habe jedoch keine Ordre gehabt. Er gibt des Weiteren zu, daß nach deu bestehenden Reglements das Militär beauftragt sei, wenn die Polizei sich zu schtvach erweist, entstehende Unruhen zu betvältigen und der Polizei in jeder Weise zur Wiederherstellung der gestörten Ordnung behilflich zu sein. — Urnjibmt: Warum war dies bei den blutigen Exzessen, nicht der Fall? — General Beckmon schweigt. Auf weitere Fragen erzählt General Beckmon, daß in einer Unterredung init dem früheren Gouverneur v. Raabcn während des Höhepunktes der Krawalle dieser ihm sagte, er sei in großer Angst, die Exzedentcn könnten in ihrer Verwilderung ihre Raub- und Mordgier auch auf die christliche Bevölkerung ausdehnen; auf Grund dieser Befürchtung Ivurden auch am Montag mittags Maßregeln ergriffen, Ivclche bald zur Herstellung der Ruhe führten. Als dritter Zeuge lvird Feigi n, Korrespondent der „Odeßki Nolvosti" vernommen. Er schildert seine vielfachen Wahrnehmungen, daß die Angeklagten nur Werkzeuge in der Hand gewissenloser Agitatoren aus den gebildeten Ständen waren und nennt als einen dieser Agitatoren in erster Reihe den (inzivischen durch Selbstmord in einem verrufenen Lokale ans den: Leben geschiedenen) Pissarczewski. — Ter Vorsitzende unterbricht den Zeugen und macht ihn darauf aufmerksam, daß er von Personen nicht sprechen dürfe, die nicht unter Anklage stehen. Der Vertreter der Beschädigten, Sarud ny, protestiert energisch gegen diese Einschränkung der Redefreiheit. Ec droht, sein Amt niederlegen zu wollen, wenn der Gerichtshof nicht darauf eingcht, die wahren Schuldigen in die Anklage cinzubeziehen. Ihm schließt sich Rechtsanwalt K a r a b t s ch c!v s k i an und legt eine gestern vom Senat in Petersburg eingetroffene, auf die Appellation in diesem Gegenstand beznghabende Erledigung vor, wonach der Gerichtshof angewiesen wird, auch auf diejenigen Personen die Anklage zu erstrecken, deren Mitschuld ivährend der Voruntersuchung nicht fcstgestellt ivurde, gegen die aber die Vcrhandlmigen schwer kompromittierende Momente ziitage fördern sollten. Ter Staatsanwalt Ds i belli widersetzte sich mit aller Kraft den Ausführungen und der Auffassung Karabtscheivskis. Er behauptet, der Sinu der Senatsentscheidung könne mir der sein, daß die bereits angeklagten Personen eventuell auch wegen anderer Vergehen oder Verbrechen verfolgt werden könnten, die ihnen bisher noch nicht zur Last gelegt wurden, nicht aber, daß die Anklage auch auf weitere Kreise ausgedehnt tverde, gegen die vorzngehen bisher kein Anlaß sich geboten hat. Der Gerichtshof weist den Antrag auf Verfolgung der intellektuellen Urheber ab, und der Zeuge Feigin wird gezivungen, bei Fortsetzung seiner Aussage jede Namensnennung aus dem Kreise der Intelligenz zu unterlassen. Der folgende Zeuge ist der Ungesehene Kischenetver Rechtsantvalt S ch m i t t o w. Auf die Frage, ob es wahr sei, daß die Juden Besitzungen des Adels pachten und an Bauern teuer weiter verpachten, muwortet Zeuge, daß derartige Fälle sich wohl ereignen, er sehe aber nichts Schlimmes darin, wenn die Adeligen den Juden Verdienst gewähren, denen durch die einschränkenden Gesetze ohnehin die meisten Quellen der Existenzbedingungen versiegt sind. Heute wurden neue Zeugen einvernommen, welche zugeben mußten, daß die Juden nicht nur nirgends die Angreifer waren, sondern gänzlich wehrlos dem Ueberfall gegenüberstanden. Im Vordergründe des Interesses stand die Frage nach den barbarischen Verstümmelungen, die an vielen Leichen wahrgenommen worden sind. Als diese Beweise erschrecklicher Roheit bekannt wurden, rief dies selbst in Rußland eine allgemeine Entrüstung hervor. Es erschien hierauf in der „Birschewija Wjedcmosti" eine anscheinend von amtlicher Seite ausgegangene Berichtigung, wonach die Meldungen über diese Akte der Brutalität als unwahr bezeichnet werden. Heute war der Urheber jener Berichtigung, Obergouvernementsarzt Doktor P r e j a t a t k o w i t s ch, unter den einvernommenen Zeugen erschienen. Auf die Frage, woher er wisse, daß die Brutalitäten nicht geschehen seien, antwortet Zeuge, er habe zwar selbst die Leichen nicht gesehen, aber die ihm unterstehenden Aerzte . hätten 22 jüdische Leichname, die im Spital der jüdischen Gemeinde untergebracht waren, besichtigt und an keiner Verstümmelungen gefunden. Auf weitere Fragen muß Dr. Prejatatkowitsch jedoch zugestehen, daß diese Besichtigung eine nur sehr oberflächliche gewesen, und daß dieselbe eine Grundlage für das Dementi in den „Virschewija Wjedonwsti" nicht bilden konnte. — Präsident: Auf wessen Veranlassung haben Sie die Berichtigung veröffentlicht? — Der Zeuge antwortet anfangs ausweichend, bei wiederholter Fragestellung gibt er an, dag er ohne Auftrag, aus eigener Initiative, die Kundgebung publiziert habe. Der folgende Zeuge, Vizepolizeimcistcr D o w g a l, will die Polizei entlasten, indem er behauptet, die Inden hätten eine agressive und herausfordernde Haltung angenommen. — Advokat K a r a b t s ch e w s k i: Wie kommt es dann, daß gerade auf Veranlassung des Zeugen 60 Christen verhaftet wurden, während kein Anlaß zur Verhaftung auch mir eines Juden sich ergab? ' Wie kommt es ferner, daß den Christen gestattet war, mit Revolvern sich zu bewaffnen, während es den Inden verboten war? Ist es ferner wahr, daß der jüdische Arzt Charik abgewiesen ivurde, alser um die Erlaubnis einkam, Waffen zu tragen, während ein christlicher Kollege anstandslos die Erlaubnis erhielt? — Der Zeuge gibt diese Tatsachen zu. — K a r a b t s ch e w s k i: Warum h<rt Zeuge keine Maßregeln zur Verhinderung der Exzesse getroffen? -— Zeuge: Ich hätte nur dann intervenieren können, wenn mir dies vom Gendarmerieoberst Chanscnkow befohlen worden ivärc. Der Publizist Ascheschoiv, ein in Rußland bekannter Schriftsteller, der sich unmittelbar nach den Exzessen drei Monate laug in Kischenew aufgehalten und die Stimmung aller Kreise der Bevölkerung studiert hat, bestätigt als Zeuge, daß der Polizei lange vor Ostern der bevorstehende Ausbruch der Exzesse genau bekannt war, die Organe der Behörden aber zum Schutze der Juden absolut nicht das geringste tun wollten, ferner, daß Pronie einige Tage vor dem Osterfeste eine Proklamation: „Ein Wort an meine christlichen Brüder!" veröffentlichte, in der er die Christen gegen die Juden aufhetzte. Der Zeuge legt ein Exemplar des Pamphlets auf den Tisch vor den Gerichtspräsidenten. Eiugese«det. Löbliche R e d a f t i o n! Soeben erschien der. „Z e h n t e Jahresbericht der i s r. t h e o l. Le h r a n st a l t für das Sehuljahr 1902/03". Voran geht: „Die Gesetze Hanunnrabis und die mosaische Gesetzgebung von Hofrat Prof. Dr. H. Müller." Diese Arbeit, die in ergänzter Form im Buchhandel bei Alfred Hölder in Wien zu beziehen ist, füllt den größten Teil des voluininösen Jahresberichtes aus. Wir behalten uuS eine Besprechung desselben vor. Ziveck unserer Zeilen sei, den Bericht des Rektors einer eingehenden Betrachtung zu unterziehen. Der lOjährige Bestand -der Anstalt gibt ihm Anlaß, einen Rückblick und Ausblick zu halten. In seinem Rückblick tveist der Rektor «auf die dauericde Ungunst der Zeiten" und „auf die mannigfachen Kämpfe,' lrelche die Anstalt zu bestehen hat, um mif ihrer Höhe zu verharren" hin. Er skizziert weiters die Gesichtspunkte, unter welchen die Anstalt für die Heranziehung junger Leute für den Rabbiner-Beruf tätig sein ivill, mit den Worten: „Wir vertreten nach wie vor die Ansicht, daß der ntoderue Rabbiner wohl auch ein tüchtig'r Kauzelrcdncr, doch vor allem ein mit dem .^.almud und bou Ritialcodices, mit der jüdischen Geschichte und der ffidischen Religionspl-itosophie innig vertranter Volkslehrer sein nuisse. Solveit können l»ir jedes Wort nur unterschreiben. Nun müssen wir an einem Passus Kritik üben. Der Rektor fährt fort: „Wir rechnen cs uns geradezu als Verdienst an. durch die schon beim Tentamen gestellten Forderungen die Ungeeigneten zum Austritte zu veranlassen und erblicken in der Tatsache, daß manche Kandidaten nicht gleich nach ihrem Ahsolntorium sich zur Rabbiner- Prüfung melden, einen Beiveis für den, Ernst, mlt welchem sie sich auf ihre Examina vorbcreiten. So beklage,r wir es keineswegs, daß lvir in diesen, Jahre keine Rabbinerprüfung zu verzeichnen haben; besser keine, als eine möglicherweise ungünstige!" Ein Sech, dem der oberflächliche Leser voll und ganz beipflichten tvird. Besehen wir aber die im Berichte des Kuratoriums angegebene Zahl der Hörer, die die Lehranstalt seit ihrem Bestände besuchten (81), sowie derer, die ihre Rabbinerprüfung bestanden haben (19). so kommen wir zu einem ganz anderen Urteile. Also 19 Hörer wurden zu Rabbinern diplomiert. Diese Herren kamen zumeist aus Galizien, haben ihre Befähigung für den rabb. Beruf bereits mitgebracht, an ihren Erfolgen hat somit die Lehranstalt einen ganz geringen Anteil. Denn sie suchten die Lehranstalt auf, um sich eine getoisse Kanzelberedsamkeit anzueignen, was ihnen in den meisten Fällen nicht gelingt. Diejenigen wieder, die aus Böhmen und Mähren kommen und vom Gymnasium weg die Lehranstalt aufsuchen, haben, obwohl sie in der Lehranstalt 4—6 Semester länger als an Schivcstcranstatten znrückbehalten werden und im allgemeinen begabte junge Leute sind, beim Austritte aus der Lehranstalt fast gar keine Fortschritte auf dem Gebiete „des Talmuds und der Ritualcodices" gemacht. Es ist doch gerade die Anstalt zu dem Zwecke ins Leben gerufen worden, um junge Leute, die ihre Studien regulär zurückgclegt, in methodischer Form mit den allernotwendigsten rabbinischen Kenntnissen vertraut zu machen. Auch bei dieser Gruppe der Hörer — wie der Rektor selbst behauptet — ein klägliches Fiasko. Wenn die Anstalt eingestandenermaßen Mißerfolge bei allen Hörern aufzuweisen hat, sollen Ivir ihnen allein die Schuld zuschicben? Wollen wir uns nicht mehr fragen, ob die Dozenten, resp. das System und die Methode, nach welcher die Anstalt bisher geleitet wurde, einen nicht geringen Anteil am Mißerfolge haben? Warum sollten begabte Hörer nach st2—14 Semestern „militärischen Drills" ihr Pensum nicht beherrschen? Oder sollte gerade der „militärische Drill" es sein, dem Ivir alle Schuld beimessen müssen? Trotzdem man die Zahl der Semester künstlich in die Höhe schraubt und man die Hörer durch die zahlreichen Stipendien au die Anstalt zu fesseln versucht, bleibt die Frequenz der Anstalt eine gleiche, ja es ist eine Verminderung des Besuches zu konstatieren. Wir schließen nüt der Aufforderrmg an das Kuratorium und das Professorenkollegiuni, sich nicht der Tatsache zu verschließen, daß nicht alles den Hörern anzurechnen sei; daß das Professorenkollegium vielmehr sich gründlichst mit der Prüftmg des Lehrplanes beschäftigen möge, ob nicht hie und da etwas als Ballast über Bord zu werfen wäre, um so den Hörem mehr Gelegenheit zu geben, sich den für ihren Lcbensberuf hauptsächlich nötigen Kenntnissen mehr widmen zu können. Im übrigen wünschen wir, daß die Anstalt zum Heile des Judentums weiters gedeihen möge. Wir haben einzig und allein aus dem Grunde Kritik geübt, weil wir der festesten Ueberzeugung find, daß nur die Behebung dieser Uebelstände den Bestand und die Entwicklung dieser Lehranstalt sichern. — Wir behalten uns vor, redaktionell auf die wichtige Angelegenheit zurückzukommen, da wir uns nicht mit allen im „Eingesendet" geäußevten Ansichten identifizieren können. ch Jüdische Volksgenossen! Im Kampfe ums Dasein haben wir Juden viel mehr zu tragen als andere Völker. Wir leben ja nicht im eigenen Lande, sondern sind mif die Gastfreundschaft anderer angewiesen. Wir gelten diesen als nicht berechtigte Konkurrenten. Deshalb stehen wir alle zusammen, um unserem Volk ein Land, eine Stätte, auf der es sich frei entwickeln kann, zu erwerben! Doch nicht mit einem Schlage können wir dies große Ziel erreichen! Nicht sofort kann unser Wunsch erfüllt tverden. Es ist daher unsere Pflicht, kräftig ftir diese Idee einzustehen; daneben jedoch unsere momentanen Bedürfnisse nicht zu vergessen. Es ist unsere Pflicht, unseren Brüdern den Kampf ums Dascin zu erleichtern» ihnen Mittel in die Hmrd zu geben, mit Hilfe derer sie sich behmipten können. Eines der wichtigsteil Mittel zu diesem Zwecke ist die V o l ksbildung, und zwar die theoretisch-praktische Bildung! Diese Bildling den minder unterrichteten jüdischen Volksklassen zuzufnhren, nehmen wir lins vor! Wir meinen daher nicht einen Kreis von hervorragenden Vertretern der Wissenschaft zu bilden, um das jüdische Volk, das im Schlveiße seines Angesichtes sein Brot zu verdienen hat, zu erleuchten! Wir wollen vielmehr dem arbeitenden jüdischeil Volke, gleichwohl ob es körperlich arbeitet, Handwerk treibt oder sich kommerziell betätigt, das für -eine gedeihliche Ausübllng seilles Berufes meist unzulängliche Elementarwisseir entsprechend dadurch ergänzen, daß wir diese Kreise in unsereil Lchrsälen in allen für sie wissenswerten Gegenständen unentgeltlich lluterrichten und es ihnen ermöglichell, erwerbsfähiger zu werden. Dancbell wollen wir ihr Gefühl für unsere Zusammengehörigkeit und unser Nationalbewusstsein, . das in der Stuilde unseres Zlisammeilschtießens höher und kräftiger schlagen nmß als je, stärken lind festigeil, indem wir sie neben anderen Sprachen, besonders uilsere Sprache lehrerl, die Sprache, die stärkste Gewähr uild Stütze, der sicherste uird schützendste Wall für die Existenz einer Nation. Wir wollen aber auch denr Wllilsche rmch geistiger Erholung nach des Tages Mühe und Arbeit Rechnung tragell, iildem wir ihnen uilsere Bibliothek zlir Beilützniig überlassen. Nicht nur die Literatnr fremder Völker solleil sie ans ihr kennen lernen, soirderil vortviegeild nnsere Literatur; sie soll sie davon überzeugen, daß auch wir Mäilner voir lnnfasseildem Wissell, von Willenskraft und Geist hervorgcbrackst haben und durch solche Vorbilder angeregt, soll ihr Impuls gestärkt tverden zu neuem Schaffell und Streben, in erster Linie zu ihrem Wlohle, nicht minder aber auch zuln Wohle unseres ersehilten Vaterlandes. Also viele hohe und gewiß schöne Ziele stellen wir Ulls, wir hoffen sie bestimmt zli erreicheil, wenil uils die iwtlvelldige Unterstützung zuteil werden wird. Unser Komitee zur Gründullg eines „jüdischeil VolksbildungSvereineS" hat sich bereits kvilstituiert irild ladet elich, jüdische Volksgenossen, ein, demselben zahlreich beizuircteii. DaS Komitee. Aiuneldiingcn nilter genauer Angabe voil Namen, Staird und Adresse sind zli richten an N. Torczhner, Wien, 2. Bez., Obere Donanstraße 65, t. Stiege, 3. Stock, Tür 14. MtttelUwge* aus dem VuLililmm. Auf die seit dem Jahre 1859 bestehende -no2 Geflügel- Handlung des Herrn M. Schreiber, Wien, XVI./2, Maria« hilferstraße 205, dessen Inserat im Anknndigungsteile unseres Blattes enthalten ist, sei hiemit besonders hingewiesen.