Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 47 (20.11.1903)
- Date
- 1903-11-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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KMeiut (fku Iteilflg fEftatUon: 11/3. LropoldspallL 49. «327 fnittotKiomg rntr d-om MttMxen VvUrs- »MsiA sxvratzlten PvrfsLMNmilNon. »ivernrlnnm die Strmen - I. Larm«d«g. M. Dukes. Paal«» -»«, tt Svgk«. Äudolf «Söffe. ». Oppelik. M. Äo»joru,i. H. Schale! ta Men. lernet alle Amumcen»ErpedÄonen tot SWSlande. Fß«ze^N«WMLr in Wie« 16 Heller. 33fc:-«*tjinrsfton; 11/3. Leopoldsgaür 49. TelePhomNr. 14728 Abonuemeutspreis r Telephou-N«. 14723 Kür «litte» «. Oesterrelq-Uagar» tomml Aranco^uftellung. Sanzjährtg . . »r.8.— Salbjübrig' ZierteliSbri« 4.- 2— Für da« gelarmmte ÄuSlamk lammt FrancozuUttUmg. «aazjährtg ... Kr. S — Halbjährig . «lerteljäbrig 4L« 2S» »•nrumKXtfa&xff>+man***am «Büsaeasws Mie«, 30. November 1803 (1. Kiste» S664). V. Jahrgang. f8nre«ftasfre*t Rn «ochentaorn non 4 6 'ihr nachmittag» p*ßatnff« t M»»Nche» «»USblatt, Wie». I1|S. Scfifltocrken »ege» »ettoSitter oder gar nich: «it-ipker iiuNellung eroittrn «ir in« dringend. — Mntnftüliiti tanke» »ich« KnrSikgesteNt. " »üWorraffrn«Eonto 2470»? In da» sromn^rni k»m-. wan täglich eintcetra Ur. 47 rrjtfotsxra-* *m&riiamm Die Liberale« a« der Arbeit. Der bornierte Kampf der christlichsozialen Partei gegen die Aerzte und gegen die Vivisektion, überden sich in dem ganzen gebildeten Europa ein unauslöschliches Gelachter erhob, flößte den Wien-r Liberalen soviel Mut ein, daß sie wieder ein Lebenszeichen von sich gaben. Lebenszeichen ist vielleicht ein schlechter Ausdruck bei einer Partei, die von Freunden und Gegnern längst für tpt erklärt wurde. Die Liberalen sind heute in Wien in der beneidenswerten Position, daß sie nichts mehr verlieren können, weil sie nichts mehrzuverl i e r e n haben. ' Dies ist allerdings nur mit einer kleinen Einschränkung richtig. Denn die letzten Wahlen in die Einkommensteuer-.Schätzungskommissionen haben bewiesen, baß die Christlichsozialen selbst in den Bezirken Innere Stadt Änd^Leopoldstadt weitere Fortschritte gemacht hüben. Es wär ein freisinniges' Unterfangen, daß die Wiener Freisinnigen'sich'auf die Schützer der Wissenschaft und des wahren Fortschrittes herausspielten. Mußte doch die „N. F. Presse" vom 7. November selbst.erklären, »daß die Opposition eine recht schwächliche geword e n ist und daß in dem Kampfe der Christl ich soz ialen gegen die Aerzte und die med iz i n i s ch e W iss e ns ch a f t die Opposition fast ausschließlich durch den Abgeordneten Seitz vertreten war." Wenn schon die „R. Fr. Pr." die freiheitlichen Landtagsabgeordneten als Schwächlings hinstellt, so kann sich jeder Unparteiische ruhig ein Bild machen, was für Helden jene Herren sind. Und trotzdem gibt es noch immer Jüdin, welche in diesem bankbrüchigen Freisinn die Rettuug des Judentums erblicken und sich bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten zur höheren Ehre dieses kraft- und rastloien Gespenstes — um uns gut wienerisch auszudrückeu — „würzen" lassen. Das sind dieselben Herren, denen für die Schaffung von politischen oder wirtschaftlichen Institutionen zur Kräftigung des jüdischen Volkes, Unabhängig vom Kampfs gegen den Antisemitismus, jedes Opfer zu hoch ist. Wie ernst diese Wiener Freisinnigen zu nehmen si d. beweist eine heitere Episode aus der letzten Landlugsiesslon. Von seiten der Freiheitlichen wurde die Subventionierung des Pensionates der U r s u l i n e rinnen, mit der Motivierung bekämpft, daß dieses Institut ein klerikaler Agitationsherd sei. Da rief Gregoriz dazwischen, daß der freisinnige Wiener Abg. Feuilleton. Beda. Kampfruf. (144. Psalm.) Gelobt sei. Gewaltiger, Mein Herr und Hort, Der du lehrest Dem Arme den Kampf, Der Faust den Krieg! Mein Gut und Gemäuer.' Mein Schirm und Schutz! Was ist der Mensch Aus den du siehst? Ein schwankender Schatten- Du aber haltest die Himmel Und wandelst aus Wolken Und fassest Felsen — Sie fangen Feuer Und hauchen den Tod! Hoher! Hehrer! Finde Flammen Und streue Strahlen Und fege die Flut, Die mich umwogt. Schurken sind es. Stechende Spötter, Ihre Lehre ist leer, Ihre Taten tot. Ich aber will singen Leuchtende Lieder Und spielen Den zehnsaitigen Psalter- Roske in diesem Institut seine Tochter erziehen lasse. Tableau! Das wird aber die Herren nicht hindern, bei 'nächster Gelegenheit vor einer Schar von gläubigen Juden sich als die unentwegten Kämpfer gegen den Klerikälismus auszuspielen. Man könnte über diese politischen Narren lachen, aber die Sache hat auch ihre traurigen Seiten. Wir haben seinerzeit darüber berichtet, daß im Landtage ein Gesetz eingebracht und angenommen wurde, mit dem ausgesprochenen Zwecke, durch eine ho he Taxe, die durch das neue Heimatsgesetz vorhergesehene Einbürgerung von ungarischen Staatsbürgern, prägnanter gesagt ungarischen Juden, 'illusorisch zu machen. Und da erhob sich Hofrat M a r ch e t, der liberale Abgeordnete von Baden, um seine Sympathien für diesen christli chso.z.ia len Vorstoß auszudrücken! Er bemerkte ausdrücklich, er begrüße (!) dieses neue Gesetz, weil es für andere Gemeinden, vielleicht auch für die „liberale" Stadt Baden, bahnbrechend wirken könne! Wir gestehen offen, daß die Haltung des liberalen Abgeordneten M a r ch e t uns überrascht hat. Wir haben zwar die Phrasen, die diese Herren vor den Wahlen gerne in den Mund nehmen, als da sind: Freiheit, Fortschritt, Gleichberechtigung aller Konfessionen u. s. w., nie ernst genommen und häufig dieser Meinung trotz des Mißfallens mancher Kreise offen Ausdruck verliehen. Wir haben die Liberalen immer für verlogen aber wir haben .sie nichH für so dumm gehalten. Denn die Haltung der Liberalen in dieser Frage ist einfach bodenlos dumm, einen anderen Ausdruck gibt es dafür nicht. Diese ungariAep Juden wären großenteils, wenn auch, wie wir immer. betonen, aus ganz unrichtigen Voraussetzungen, liberale Parteimitglieder geworden und hätten bei den. Wahlen mit Begeisterung für No Sk e, Vogler, M a r ch e t u. s. w. gestimmt. Mancher hätte vielleicht.für die Sozialdemokraten gestimmt, aber sicher keiner f ür d en antisemitisch en Kand idaten. Die fraglichen Stimmen belaufen sich auf Hunderte und können wohl bei einer Wahl den A u S s ch l a g g e b e n. Die Liberalen mußten also, nicht auS judenfreundlichen Motiven, denn die haben wir bei dieser Clique nie vorausgesetzt, aber aus bloßem Egoismus gegen die christlichsoziale Heimatsgesetz - Novelle stimmen. Ein energischer Protest hätte sicher den Ministerpräsidenten bei der Eewägung beeinflußt, ob er dieses Gesetz, das dem Reichsgesetz widerspricht, der Krone zur Sanktionierung vorlegen solle oder nicht. Die Liberalen Die Karäer der Krim. Von Dr. S. Weißenberg. Elisabethgrad. Mit der Zerstörung des Zweiten Tempels ging das Judentum als Nation ein, aber nicht sein Geist. Das geistige Judentum bekam neue und wichtige Aufgaben, nämlich das Judentum als Volk und Religion zu erhalten, dK es durch die Kodifizierung des Talmuds glänzend löste. Aber die alten Kümpfe zwischen den Pharisäern und Sadduzäern schienen nicht ganz ausgekämpft worden zu sein, und im Stillen brütete mancher gegen die Alleinherrschaft der Tradition. Wenn man dazu hinzufügt den heftigen Streit,' der sich im jungen Islam schon bald nach seiner Entstehung entwickelte zwischen den Anhängern der Tradition neben dem Koran und denjenigen, die die ersiere berwarfen, einen Streit, der die mohammedanische Welt in zwei feindselige Parteien —■ Schiiten und Sumten — spaltete, und berücksichtigt, ivelchen Widerhall solcher Streit im kampflustigeil Jlldentum finden mußte, so wird man zugeben, daß es nur eines Funkeils bedurfte, um die glimmende Asche der Zwietracht im Judentum in helle Flammen 31t verwandeln. Als ein solcher Funken wirkte die Zurücksetzung Allan bell Davids bei der Exilarchenivahl. Im Jahre 761 starb der Exilarch (d. h. Fürst der Gefangenschaft) Salonw aus dem Haus Bostanai, und da er kinderlos lvar, mußte feine Würde, die erblich lvar, auf seinen Neffen Anall übergehen. Dieser staud aber, wie es scheint, im Verdachte, talmudfeindlich zu sein, Iveshalb die Gaoilen (Häupter der Schulen in Pumbadita und Sura) bei der Wahl seinem jüngeren Bruder bcn Vorzug gaben. Ana» tvurde der Erupörimg gegen den damaligen Kalifell angeklngt, muhte Babylonien verlassen und zog nach Palästina. Hier sammelten sich »nt ihn alle, die Grund hatten, mit beit damaligen Zuständen unzufrieden zu sein. Man erklärte dem Talmud deil Krieg, loeshalb Allan und seine Allhänger in de»i Bann gelegt nild aus dem Jlldentum ausgeschlossen wurden. Die Lehre loncde teilweise von Allan selbst, hauptsächlich aber in der Folge zu einem selbstäildigeu Gebäude ausgebildet. So entftanb im Judentum eine neue Sekte, deren Anhänger sich zuerst nach ihrem Grüilder Anaiten und später Karäer oder Karaiten nannten. Schoil im Narneil selbst steckt echter Sektierergeist, bernn er staimnt bou Kara, Schriftleser. Karäer siild also Leute, die die Heilige Schrift richtig lefeu und verstehen. Auch nennen sie sich Bene rnikra, Kinder der Schrift, im Gegensatz zu Bene rab, Kinder der Rabbinen, wie sie die Talmudisten verächtlich nennen. Großen Anhang hatten die jkarner nie, sie erhielten sich aber in einer ztvar sehr geringen Zahl, jedoch bis auf den heutigen Tag, hauptsächlich in Rußland. haben die Heimatsgesetznovelle sympathisch begrüßt. Geschah dies aus Dummheit, oder überwiegt ihre..... Liebe zu den ungarischen Juden selbst ihren Egoismus. Wir ersuchen einen unentwegten Liberalen um Antwort. Unser Rechtsschutzbureau.*) Den wesentlichsten Teil der durch das jüdisch-volkliche Programm vorgeschriebenen Kleinarbeit bildet der Rechtsschutz. Wir erachten es als eine unserer wichtigsten Pflichten in all' allen denjenigen Fällen einzuschreiten, in welchen ein Volksgenosse aus dem Grunde in seinen Rechten geschädigt wird, weil er Jude ist. Diesen Schutz anderen zu überlassen — etwa der liberalen oder der sozialdemokratischen Partei, hieße sich erniedrigen und andere diskreditieren, uns zu Kammerknechten, die anderen zu einer „besoldeten" Judenschutztruppe degradieren; sie fänden übrigens ken» Gehör, sie fänden auch nicht die nötige Achtung. Eine jüdischnationale Organisation, welche emsig, planmäßig und zielbewußt für das Gösamtintereffe ihres Volkes eintritt, weiß sich jederzeit die Achtung der Gegner zu erringen. Schon die bloße Existenz einer auf Rechtschutz abzielenden Organisation wirkt präventiv gegen Uebergriffe und Uebelwollen. Allein von vorneherein soll folgendes bemerkt werden. — Nur dem Schutze g e f ä h r d e t e n 0 d e r verletzten Rechtes ist die Rechtsschutzorganisatiou gewidmet. Querulantentum und Vertuschungsbestrebungen finden bei uns als einer ehrlichen Rechtsschutzinstituiiön keinen Raum., Glieder unseres,Volkes, die sich in der heutigen Zeit aus Eigennutz oder sonstigen schmutzigen Gründen gegen das Gesetz vergehen, schließen sich selbst aus der Gemeinschaft aus. Prozeßhansel und Wucherer, Betrüger rc. können ein Anrecht auf Schutz daraus, daß sie — um ein geflügeltes Wo t zu variieren— »zufällig keine Arier sind", nicht .ableiten. Wirkliche Verbrecher dem Arme des Gesetzes zu entziehen, ist unsere Aufgabe nicht. Er soll büßen, doppelt büßen, weil er sich nicht nur gegen sich und seine Familie, sondern auch gegen die Satzungen seines Volkes vergangen hat. Ferner ist unsere Rechtsschutzorganisation nicht dazu da, ein Fütterungsbureau für Existenzen, die Schiffbruch gelitten haben, zu bilden, kostspielige Reisen mit dem Klingelbeutel zu veranstalten, durch eine amerikanische Reklame die Feinde *) Anfragen sind an daS Rechtsschutz- und Heimatsrechtbureau des „Jüd. Bolksvereines" II., Leopoldsgasse 49 zu richten. Es läßt sich nicht mit Sicherheit feststellen, wie die Karäer nach der Krim gekommen sind. Die Hauptmasse der Karäer lebte bis in die Zeit'der Kreuzzüge in Palästina; mit der Zerstörung Jerusalems durch die Kreuzfahrers betzaun die Zerstreuung der Karäer. Sie wauderten über Afrika rrach Spanien und über den Kaukasus und Griechenland rrach Südrustland, wo,die Llbgeschlossenheit der Halbinsel Krim zrr ihrer Erhaltrmg beitrug. Am Ende des 14. .Jahrhunderts entführte der litauische Herzog Wiwld'nach einem Siege über die Krimtataren 383 Karäerfamilierr nach Troki im Wilrraer Gouverirement. Von hier aus zerstreuten sie, sich über Nordivestrrlsstand und Galizien. Jir der Mitte des vorigen Jahrhurrderts suchte ein gelehrter Karäer namens Abraham Firkowitsch nachznweisen, dast die Karäer Nachkommen derjenigen Israeliten sind, die den persischen Königen Kambyses und Darius die Schthen bekämpfen halfen, lvofür sie von letzterem die Halbinsel Krim zum Geschenk bekommen haben. Es sollten Reste derjenigen Juden gewesen sein, die von Nebukadnezar nach Babhlonien entführt tvutden, aber nach Palästtna nicht zurückkehren wollten und sich mit den von Salmanassar gefangenen „zehn Stämmen vermischten. Diese Israeliten waren selbstverständlich keine Talmudisten. Nach der Krim gelangt, hielten sie fest an der Bibel, kannten keine Tradition, hatten keine Ahnung von den Hasmonäersiegen. Als die Kunde von Anan zu ihnen kam, erklärten sie sich als seine Anhänger. Es stellte sich aber heraus, dast der betreffende Gelehrte ein feiner Falsifikator war. Auch das Karäertmn der Chasaren ist, wie Harkavh nachgewiesen hat, eine Erfindung von Firkowitsch, dessen Abneigung gegen die Juden so weit ging, dast er öffentlich erklärte, dast die jetzigen Karäer überhaupt keine Juden seien, sondern Reste der nach der Krim beim Verfall ihres Reiches verschlagenen Chasaren. Nachdem nämlich die Chasaren sich zum Karäertmn bekehrt haben, gingen die Karäer selbst in die sie an Zahl bedeutend überwiegenden Chasaren auf. Wie denr auch sei, jedenfalls lästt sich mcht leugnen, dast der physische Habitus der Karäer deutliche Spure» mongolischen Blutes verrät. Möglich ist, das; ein Teil der Chasaren, die ursprünglich Rabbauiteu waren, sich nachher zum Karäertum bekehrte, der gröstte Teil des mongolischen Blutes ist aber den Mischehen mit den Tataren zuzuschreiben. Die Karäer nehmen etwa die Mitte zwischen den Juden und dem Turkvolke der Baschkiren ein, wobei zu berücksichtigen, ist. daß die Baschkiren auch keine echten Dtongoleu sind, sondern einen abgeschwächten Typus defielben darstellen. Ohne auf Einzelheiten einZUgehen, nwchte ich nur hervorheben, dast die Karäer sich von