Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 46 (13.11.1903)
- Date
- 1903-11-13
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 13. November 1903 Nr. 46 Worte könne doch keine Beschimpfung liegen, doch der Klageanwalt vertrat die Ansicht, für einen ungarischen Juden sei das Wort „polnischer Jade eine Beleidigung und der Beklagte wurde tatsächlich zu einer ansehnlichen Geldstrafe verurteilt. Fürwahr, ein herrliche- Bild, der Großwardeiner Jude, der Klage führt, daß man ihn polnischen Juden heißt. Es ist ja schon ziemlich lange, daß die Großwardeiner Juden aus Galizien gekommen sind! Jetzt fehlt noch, daß nächste Woche ein Jude in TarNopol klage, man habe ihm einen Großwardeiner Juden gescholten. Und schließlich wundern sich noch die Herren, wenn dann Antisemitismus entsteht. Diffieile est, satyram non scribere! Lavos. Ausland Die Borrrutersrrchuus Über die Maffaeres iu Kifchevew ist nunmehr abgeschlossen, und der Prozeß gegen die Tett„ehmer wird, wie die Tageszeitungen melden, wahrscheinlich in der zweiten Hälfte de- November stattfinden. AlS ständige Vertreter werden den Verhandlungen beiwohnen: der Ehkrssonsche Gouvernements - Adelsmarschall Ssuchoml i n y w, das Odessaer Stadthaupt S e l e n y und ein Ge- «eindeältester aus dem Souvernement Chersson. Ueber die Zusammensetzung des Gerichtshofes ließ sich nichts Genaues in Erfahrung bringen, da die Untersuchung streng geheim geführt wird. Wahrend es früher hieß, daß der Prozeß-Ort Tiraspol sein würde, heißt eS nunmehr, daß die Verhandlungen doch in Kischenew selbst stattfinden sollen. Insgesamt und 350 Personen unter Anklage gestellt worden, 250 auf Gruüd deS Artikels 269, 1 des Strafgesetzbuches, d. h. wegen Sachbeschädigung, 100 wegen Zufügung schwerer Verletzungen und wegen Mordes. Ungefähr 70 der Angeklagten befinden sich zur Zeit im Kischenewer Gefängnis; doch nimmt die Zahl der Verhafteten stetig zu, da der Gerichtshof die bet der Abfassung der Anklage zugelassene Garantie nicht zuläßt, sondern auf die Inhaftnahme der gegen Bürgschaft in Freiheit Gesetzten besteht. Trotzdem die Untersuchung, wis gesagt, streng geheim geführt wird, weiß der K ru sch ewa n'sche „Bessarabetz" zu melden, „daß die sensationellen und unwahren Berichte jüdischer Korrespondenten über Verstümmelung von Leichnamen, über vorgekommene Bauchaufschlitzungen, Ermordung von Säuglingen u. s. w. sich als unbegründet und erlogen erwiesen haben, was durch die ärztliche Besichtigung der Leichname und durch behördliche Bescheinigungen konstatiert worden sei/ Als ob nicht, von den Bekundungen einwandfreier Zeugen völlig abgesehen, photographische Aufnahmen vorlägen, welche „die sensationellen und unwahren Berichte jüdischer Korrespondenten" unbestreitbar bestätige«! Recht orakelhaft klingt, was der „Bessarabetz" weiter mitteilt, daß die Anklageschrift „die Ursachen der Judenmetzeleicn in einem Gesamtbilde darstellt und außerdem eine Reihe von Fragen aufwirft, die für daS Gericht zwar von untergeordneter Bedeutung, sonst aber äußerst wichtig sind.'' Danach wäre also zu erwarten, daß die Anklageschrift irgend eine antisemitische Kundgebung bringen wird. — Die verheerenden Wirkungen der Jg natiew'schen „Maigesetze" illustriert der bekannte Moskauer Statistiker Prof. Simonenko an einer Reihe von Ziffern, die eine sehr beredte Sprache reden. Die Zahl der jüdischen Geburten ist nicht unwesentlich größer, die der Todesfälle erheblich geringer, als bei den Nichtjuden. Dennoch ist die jüdische Bevölkerung Rußlands relativ in beständigem Rückgänge begriffen. So bildeten unsere GlaubenSgenoffen in den 15 Gouvernements des eigentlichen Ansiedlungsrayons noch im.Jahre 1881 durchschnittlich UVaVo der Gesamtbevölkerung, hingegen bei ber 16 Jahre später vorgenommenen allgemeinen Volkszählung nur noch IO1/.,#. Am stärksten äußerte sich dieser allgemeine Rückgang in den Gouvernements Mohilew und Kowno, wo der Perzentsatz der Juden von 19 respektive 18 auf 14 beziehungsweise 12% gesunken ist. Die ehemals wegen ihrer berühmten Jeschiwah in weiten jüdischen Kreisen bekannte Stadt Mir (Gouvernement Minsk) hat in den letzten zehn Jahren 65% ihrer jüdischen Bevölkerung und die in demselben Gouvernement gelegene große jüdische Gemeinde Slutzk hat seit 1881 nachweisbar nicht weniger als 15.000 Juden durch die Auswanderung verloren. Daß diese enorme Emigration ausschließlich eine Folge der gräßlichen Maigesetze ist, bedarf eigentlich keines Beweises, dennoch wird dieser Beweis von Prof. Simonenko durch den Hinweis auf die 10 Gouvernements des Königreiches Polen erbracht, wo die Maigesetze noch nicht in vollem Umfange zur Anwendung gelangt sind und infolge deffen die jüdische Bevölkerung absolut wie relativ zugeuommen und zwar seit 1880 von 14 auf 14,7% der Gesamteinwohnerschaft. # ■ Die Exzesse in Kischenew. (Das Ergebnis der g e - r i d) t [ i cfj e n Untersuchung.) Die »National-Zeitung" erhält aus Odessa Mitteilungen über den Anklageakt, den die Prokuratuc in Sachen der Krawalle von Kischenew verfaßt hat. Dieser Anklageakt st e l l t die Ereignisse wesentlich anders dar, wie es der M i n i st e r des I n n e r n , Herr von P l e h w e , in seinem Bericht an den Zaren getan hat. In dem Berichte wurde bezüglich der Entstehungsursache der Krawalle von Minister Plehwe behauptet: Um 4 Uhr setzte sich eine christliche Frau mit einem Kinde in einen Wagen des Karoussels. Der Besitzer desselben, ein Jude, stieß sie weg nnd schlug sie dabei so stark, das; das Kind ihr aus den Armen fiel. Dieser Vorfall war der Nächstliegende Anlaß zu den Krawallen. Die gerichtliche Untersuchung hat dagegen folgenden Tatbestand festgestellt, lvie er in der Anklage zum Ausdrucke kommt: Aus dem Tschichlinplatz, wo ein Karoussel stand, das aber am Feiertag geschlossen war, sammelte sich schon am Morgen eine Menge Leute an, darunter viele Knaben. Gegen 2 Uhr nachmittags betrug die Zahl der Angesammelten ettoa sechshundert. Um 4 Uhr vergrößerte sich der Hansen noch mehr. Es lvaren auch Betrunkene darunter. Aus diesem Haufen löste sich eine Gruppe ab, die sich vor den Häusern ansammelte und Steine gegen die Fenster zu werfe» begann. In der ministeriellen Darstellung wurden die Juden bekanntlich beschuldigt, auch am nächsten Tage die Krawalle und Greuel dadurch provoziert zu haben, daß sie vor einein neuen Bazar in kleiner Anzahl versammelte Christel: überfielen rlnd schlugen. Die gerichtliche Darstellung weicht auch hier von der ministeriellen ab. \s,u Anklageakt heißt es: Am 7. April, vom Morgeil an, sammelte sich die christliche Bevölkerung von Kischeilew i» großer Erregung au deil verschiedenen Orten der Stadt und in beit Vorstädten an. Sie bildeten kleine Gruppen, die Ueberfälle auf Inden machtell. Die Ueberfälle nahmen einen immer schlimmeren Charakter an und elldigteil damit, daß um 10 lind 11 Uhr die erwähnten Gruppen von Christen zu derselben Zeit au verschiedenen Orten der Stadt die Hauser der Juden zu demolieren und ihr Eigentum zu plündern bcgannell. In der Darstellung des Ministers v. Plehtve lvird die Zahl der geplünderten Häuser mit 700 angegeben. Die Anklage bemißt dieselben auf 1340. Ueber die Haltuilg der Kischeüewer Polizei äußert sich die Allklngc vernichtend. Es heißt da: Die Schutzleute standen meist als sturnme Zuschauer bei den Krawallen. Unter solchen Umständen konnte bon einer Verhaftung der Räuber durch die Polizei am Orte des Verbrechens keine Rede sein. Die Untätigkeit der Polizei in der Unterdrückung der Krawalle rief ein neues Gerücht hervor: daß die Regierung zugcbe, die Judeli zu erschlage», lveil sie Feinde des Vaterlandes seien. Die Räuber, von ihren Erfolgen und der tSraflosigkeit ermutigt, nahmen dieses Gerücht mit großer Freude auf, welches sich sehr schnell unter der raubenden Menge verbreitete und ihnen viel neue Energie und die Ueberzeugung voil der Gesetzlichkeit ihrer Arbeit gab. Darum hatte die Zerstörung der Häuser einen so intensiven Charakter angenommen und sich auf einen immer größeren Rayon verbreitet. In diesen: furchtbaren Bilde der allgemeinen Krawalle sind die Juden in Todesschrecken geraten und habe,: beit Kopf verloren. Ein Teil eilte zum Bahnhof, itüt die Stadt zu verlassen, aber die Erzedenten fingen sie am Wege auf und schlugen sie. Ein anderer Teil hatte sich auf den Dachböden, in den Klosets und den benachbarten Feldern verborgen, aber auch hier wurde,: sie von den Exzedenten verfolgt und geschlagen. Das einzige jüdische Gymnasium in Rußland. Wie aus Odessa berichtet wird, hat Herr Jglicky, ein Jude, da- Recht erhalten, ein mit Oeffentlichkeitsrecht versehenes Obergymnasium in Odessa zu eröffnen. Das Gymnasium wird anfangs Jänner 1904 eröffnet werden. Herr Jglieky pflegt nun, wieder „Freund' meldet, mit den Lehrern des Odessaer Staatsgymnasiums Unterhandlungen, um sie für die Erteilung des Unterrichtes in seinem Gymnasium zu gewinnen. Für den Religionsunterricht an dieser Anstalt ist der Lehrer Pen ausersehen. Kischenew und kein Ende. Anläßlich der Massaeres von Kischenew wurde durch die bezahlte Wiener und. ausländische antisemitische Reptilienpreffe das Gerücht in Umlauf gesetzt, als ob die Bewohner Kischenews durch die Ausbeutung der Juden .gereizt, judenfeindlich seien. Dieses Märchen wurde eigentlich schon durch die zur Veröffentlichung gelangte Anklageschrift widerlegt, die nachweist, daß die Exzesse nicht von der einheimischen Bevölkerung, sondern > von fremden russischen Arbeitern hervorgerufen wurden, die im Sommer «ach Kischenew kommen, weil daselbst höhere Löhne gezahlt werden. Von diesen Arbeitern kann man wohl nicht behaupten, daß sie von Juden auSgebeutet wurden, aber auch ein neuer Vorfall, nämlich die Wahl des Stadtoberhanptes beweist die Verlogenheit dieses Gerüchtes. Der frühere Bürgermeister von Kischenew, Schmitt, der als anständiger Mensch dir Exzeffe verurteilte, mußte seine Stelle niederlegen. Die Regierung favorisierte einen Spießgesellen Kr uschewans. Derselbe fiel aber bei der Wahl jämmerlich durch nnd es wurde ein anderer gewählt. Zwischen „Nowosty' und „Nowoje Wremja", dem Organe WahleS> ist eine Diskussion über den Plan der Errichtung einer jüdischen Universität entstanden. Dabei leistet sich die „Novoje Wremja" die perfide Frage, waS für Beamte wohl aus der jüdischen Universität hervorgehen könnten. Als ob aus den bestehenden Universitäten Juhen als Beamte genommen würden. Russische Jude« in Südafrika. Von Berlin aus sind zur Arbeit in den Minen von Südafrika laut einer Johannesburger „Daily Mail-"Meldung 100.000 russische Juden per Kabel angeboten worden. Die Stelle in Berlin, die dieses Angebot macht, hatte sich kürzlich erboten, Madagaffen zur Arbeit zu stellen. Das Angebot von russischen Juden soll ernst genommen worden sein, wenn man es in manchen Kreisen auch als Manöver bezeichnet. Eingesendet. Löbliche Redaktion! Ich kann es nicht rmterlassen, beiliegende Annonce, die ich gestern in der „Bohemia" fand, zur Ihrer gütigen Gebrauchnahme zu übersenden. In unserer chromolithographischen Kunstanstalt wird ftir ersten Jannar Stellung für eine junge Dame deutscher N a t i o na l i t ä t, aus guter Familie, frei. Der Posten erfordert Getvandheit i:r der Stenographie und auf der Schreibniafchine. Damen christlicher Religion, welche den Erfordernissen der Stellung entsprechen nnd bereits geschäftliche Praxis besitzen, wollen ausführliche Offerten einsentwn m: Wilhelm Pick u. Söhne, S m i ch o w, P r z e m y s l g a s s Der Name „Wilhelm Pick" hat so viel jüdischen Beigeschmack, daß es mir gerade wie Hohn borkommt, daß dieser sein wollende jüdische Pick eine junge Tarne christlicher Religion sucht, als wie, wenn Damen jüdischer Konfession nicht zu haben wäreir. Es ist tatsächlich mit uns Juden schon lveit gekommen, werrn solche kleinliche Privatstellungen bei Inden dem Juden vorenthalten werden. Hochachtend R i ch. Herr m a u n. Sehr geehrter Herr Redakteur! Abg Dr. Lueger hat laut Zeitungsberichten im n.-ö. Lcmdtags am 4. November l. I. folgende Worte gebraucht: „GS ist 5te F"?,lI"aelegenhe,t (die Aktion de- Landtages in Sachen der Vrvifsktton und der Experimente) wirklich - nuv Arie Jude «frag e, nichts anderes. Die medizinische Fakultät hat j®,e" einen Weltruf erlangt zu einer Zeit, als nur ch r i fi- [ Professoren den Grund dazu gelegt haben. Sobald aber die Juden EMlaß gefunden haben, ist der Ruhm und Ruf Talultät w Wien t»ef gesunken. - Di, medizinische Wissen- ITI1 7-*?* "st dann wieder aufblühen, wenn der Grundsatz durchgeführt wrrd: »Hinaus mit den Juden aus der UniverfitätundausdenSpitälern! rc." . . fic Erlassen el selbstverständlich dem „Mute" der Ver- ****** blr |®,c,lcr Universität und der medizinischen Fakultät nSbesonders gegen solche Insulte Stellung zu nehmen. Sie überlasftn^r ftlbstverständlrch auch der „liberalen- Presse, welche bei KnZhren vehementen Angriffen gegen den angeblich mit der chrrstlichsozialen Landtags Mehrheit verbündeten Statthalter, nicht ein Sterbenswörtchen davon einfließen lassen, daß ein Statthalter dem MlNtfter des Innern untergeordnet ist, welcher — votsvsvo, wenn er will — binnen 24 Stunden einen Statthalter über so manches belehren kann, was dieser reden darf und reden WNß, und daß dieser Minister des Innern der Herr von o erb er ist, welcher in bekannter „leidenschaftsloser Beharr- 6*üisemlt:sche Hetz-Journal-Redakteure zu Auszeichnungen vorschlägt, waS bte Judenblätter fcla „Neue Freie « "üt dem Mantel ihrer besonderen Nächstenliebe verdeckten. Geradeheranssagen, Graf Kielmannsegg hätte nie so gesprochen, wenn v. Koerber eS nicht geduldet hätte, das kann diese Journalsorte nicht leugnen. Was Sie, geehrter Herr Redakteur, aber nicht unerwähnt lassen dürfen, ist, die Welt darüber anfzuklären, daß uns, ehrliche und a n st ä n d i g e Juden, diese ganze sogenannte jüdische Professorensippe gar n t ch t s angeht. Diese Herren sind längst vom I u d e n st a m m e abgefallen. Und daß Leutchen, die ihrem Stamme und ihrer Relrgwn abwendig werden, gerade keine Charaktere sind, die uns, den wahren Juden, sympathisch wären, sollte von Jhrem^ dem einzigen wahren Judenblatte in Wien, deutlich gesagt sem. Ein Pröbchen: Folgende Herren z. B. obgleich offenbar .Judenstämmlinge", wie eine gewisie Partei zu sagen pflegt, gehören entweder für ihre Person und Familie oder wenigstens in Bezug aus ihre männliche Nachkommenschaft nicht mehr der israelitischen Gemeinschaft an: Hofrat Univ.-Prof. Dr. Isidor Schnabel, Univ.-Prof. Dr. S. v. Basch, Univ.-Prof. Dr. Kassowitz, Negierungsrat Prof. Dr. I u l i« s S ch e f s, Prof. Dr. Alex. Fränkel. Der dei miuorum gentrum gar nicht jit gedenken! Hochachtungsvoll Jacob. Erklärung Wien, November 1903. Wieder einmal schäumten dieser Tage die Wogen dev öffentlichen Diskussion hoch auf — war doch i« die ohnehiw lodernde Flamme des Rassenhasses abermals heißes Oel gegossen, worden durch das gar nie versagende Losungswort: „Jud — Judenbnb!" Fnycwah'-, wo immer: auf der Bierbank, an den Kaffeetischen, in den Äemtern, hörte man von nichts anderem und bemerkte man überall ausgeregte Menschen, die sich eifrig mit der bangen Frage beschäftigten, ob sie wirklich als Christen — den „jüdischen S hindern" ausgeliesert werden dürfen?! Offnidnr mußte ein neues Reizmittel seitens der Agitatoren gefunden weiden, um die für sie noch immer zu träge Masse von der Untersuchung über die Gräuel iu Kischenew, Hömel u. s. w« abzulenken. Da denn heute durch die ihnen mit Recht verhaßte Forschung dargetau wurde — was auch in die breiten Massen eingedrungen ist, — daß nicht die „Juden" durch Brunnenvergiftung. an der Pest Schuld waren (1348), auch nicht dir „Juden", die dreimonatliche Trockenheit in Portugal (1506) und auch nicht das Erdbeben in Lissabon (26. Jänner 1631) verschuldet hatten — da aus di« Hostienblutungen ihre Zug-und Tragkraft verloren haben^ mußte der beabsichtigte Feldzug gegen die freie Wissenschaft mit einem anderen Schlaaworte eröffnet werden und nun konnte selbstverständlich nur der Schlachtruf: „Vivisektion durch Judenbuben" Erfolg versprechen. Allein von dem grauenvollen Mittelalter weg, aus Mt Neuzeit übergehend, hat auch hier die Forschung die Ursachen der wirtschaftlichen Not erkannt und bloßgelegt, daß sie nicht in. einigen kaufmännischen Gewinnen, sondern ganz anderwärts zu. suchen sind. Darzulegen, welche riesenhaften Ergebnisse jener Art von Fragestellungen an die Natur, welche unter dem Titel „Vivisektion"' lauten, zu verdanken sind, ist nicht Cache der Unterzeichneten VereinSleitung. Der»n Aufgabe kan« nur darin bestehen, in dieser Frage auf den, wenn auch anscheinend nicht mittelbaren, so doch absolut bestehenden Zusamme»hang hinzuweisen, welcher zwischen dem ungeheueren Aufschwung der Neuzeit und der Vivisektion besteht. War er doch, um nur ein Beispiel anzuführen, das bekannte Experiment Voltas — keines „Juden" — mit dem Froschschenkel, welches die Aera der Elektrizität anbahiitc, von der ursprünglichen Telegraphie bis zue Telephonie, sowie den elektrischen Straßen- und Eisenbahnen auswärts. Gleichwie der Hetzkaplan trotz feiner empfangenen Weihe stets deffen vergessen bleibt, daß er einzig nur dem Judentu m seine Existenz zu verdanken hat, denn aus dem Judentum entwickelte sich ja später das Christentum, so sollten alle übrigen Hetzer schon aus Dankbarkeit für die so reichen Erfolge der wissenschaftlichen Experimente, die ihnen ihre eigene Entwicklung, ermöglichte, sich in das Unvermeidliche ihrer Kleinheit fügen, mit dem Gedanken sich vertraut machen, daß sie ein Atom in dem unvergleichlichen All' bilden, daß ihr ganzes Um und Auf in Nichts zerfließt vor einer einzigen wissenschaftlichen Errungenschaft! Dagegen sind wir gerne bereit, sie als vollwürdige Menschen und liebe Bundesgenossen in der Bekämpfung jeglicher Roheit zu nehmen — sei eS der Tier-, wie der Menschen-Quälerei, die sich in entsetzlicher Weise und in allen Formen der Kinder-, Lehrlings- und sonstigen Mißhandlungen überhaupt, in der Vergewaltigung aller Schwächen der Wehrlosen, täglich neu vor uns abspielt — sei es in der Bekämpfung des übermäßigen Alkoholismus mit seinen degenerierenden Folgen. Hirt wie auch in der Beschaffung neuer Mittel der Ernährung durch Urbarmachung des Bodens, Schutz vor Wasserkatastrophen u. dgl. läge ein weites, wundervolles Feld ihrer Tätigkeit. Hier blühte ihrem Wirken reicher Segen. Doch dazu gehört allerdings mehr als — der bloße Mut inmitten des großen Hauftns Gleichgestnnier, übereine geknebelte Minderheit herzufallen! Verein zur Abwehr des A n t i s e m i t i s »n u s.