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Jüdisches Volksblatt · 1903-11-13 · 46 (13.11.1903) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
46 (13.11.1903)
Date
1903-11-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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♦ ♦ Lrd«tt:on: II/3. Lropoldvgasse 49. «artf^fhne&es j tu ssouituiaöni ion 4 bi* 6 lU»r nachmtUagt pifkftnff«: AS»««-» mambUtH, ««es. II13 V»l«tzv»Lrde« »ege» »erspSteter oder nicht ersotgrer Mfiellung eroMen «tt >m! dringend. — «mutserwte ««erde« «ich« Nttückgeftellt. VrRipaeeasieu-Lonlo 8470V? Zr, da» «doimemem kann waa täglich rintreiev Erscheint jeden Freitag cto IMwMrMrng vor omm jlrvlMpen VoUr»- tratet» ertoskrÜNN Prsp»»wmmrtffton. A«rrr«1r übernehmen dir Firmen. I Danueberg. M. Duke«, tzaasen» «si» ft Vogler, »tudols Moffe. ». Ovvel». M. Pozlonyi. «. Schalet in Kien, ferner alle Smu»ncen->Lrvedttionm im Auslände. Gi»ze1-R«m«er t» Wie« ]6 Heller. ««sjrttrtfteafion; II/3. LeopoldsgaNr 49. Telephon-N«. 14793 Abounements-rets: Telephon-Nr. 14793 Für «sie« *4 Oesterreich'Nngar» lammt Fraucazugellung. «anzjährig . . Kr. 8.— Halbjährig BierteljSbrig 4. 9-- Für baS gelammte Ausland jammt FrancoMellung. Van,jährig . . . Halbjährig . . . Bierteljährig .... Kr. , 450 " 9.95 Ur. 46 Wien» 13. November 1903 (23. Marcheschmarr 5664). V. Ilchrgmrg. r»-> xiovtm Wir und die Sozialdemokraten. Wien, den 11. November 1903. Diese Woche tagt in dem von Herrn von Kuffner erbauten Wiener Arbeiterheim der Parteitag der österr. Sozialdemokraten. Wir wollen uns nicht mit der naheliegenden Frage beschäftigen, ob es einem Herrn v. Kuffner nicht näher liegen sollte, ein jüdisches Volkshaus zu errichten, jedoch die unjüdische Haltung unserer Großen im allgemeinen und der Herren von Kuffner im besonderen ist zu bekannt, als daß wir darüber noch ein Wort verlieren sollten.. Dagegen muß die Lage der Sozialdemokratie einer Kritik unterzogen werden. Noch klingen in unserem Ohre die erregten Wortgefechte vom Dresdener Parteitage, und die daran sich knüpfenden endlosen Diskussionen, Erklärungen und gegenseitigen Beschimpfungen. Sie haben zwei wichtige Momente, die ein Hemmnis für die weitere Entwicklung der deutschen Sozialdemokratie werden müssen, zum Ausdrucke gebracht. Nämlich das Unverständnis der nationalen Frage gegenüber und den Hang zu einer unfruchtbaren Prinzipien-und Dogmenreiterei. Beides liegt im deutschenWesen begründet. Deshalb ist es zu einer Spaltung zwischen der polnischen und deutschen Sozialdemokratie gekommen, deshalb kommt es zu einer Spaltung innerhalb der deutschen Sozialdemokratie. Die Juden, die auch in der deutschen Arbeiterbewegung eine große Rolle.spielen, wenn sie auch nicht wie in Oesterreich ausschlaggebend find, bewegen sich gerne in Extremen. Auf einer Seite treibt sie ihre scharfe kritische Begabung siehe Bernstein und Pens, zur Führung des Revisionismus. Andrerseitst reibt sie die Sucht, in dem fremden Milieu päpstlicher als der Papst zu sein, dazu, die Proletarier an Fanatismus zu übertrumpfen. .Siehe Singer, Rosa Luxemburg, Zedkin. Natürlich kann dieses tolle Eifern und Geifern einer Luxemburg und eines Stadthagen nur den Erfolg haben, daß es die schlummernden antisemitischen Instinkte weckt. Die österreichische Sozialdemokratie ist nur ein Abklatsch der Deutschen. Unter dem Zwange der Verhältnisse hat allerdings hier eine vernünftigere Auffassung der nationalen Frage Platz gegriffen. Die nationale Autonomie steht im Programme der sozialdemokratischen Partei. Aber allerdings nur im Programme. Nie ist von der Partei ein ernstlicher Versuch gemacht worden, eine Agitation für die Verwirklichung dieses Punktes zu entfalten. Von Seiten der tschechischen Delegierten, die überhaupt in der nationalen Frage das vorwärtstreibende Element sind, wurde der Parteileitung auch vorgeworfen, daß sie „nationale Plutzer" macht. Man darf eben nicht vergessen, daß diesen Adler, Austerlitz, Ellenbogen und wie alle diese sozialdemokratischen Ex- Feuilleton. Moritz und sein Schwager. „Moritz, Moritz! Kann ich nix verstehen deinen Schwager! Hat lieb sein Weib, hat lieb die süß Kinderle — ein ausgewachsener Mensch! Kann nix essen, nix trinken, nix schlafen, macht sich krank und tot: muß zurück nach Rußland, dabei sein!?* Moritz lächelt. „Moritz, Moritz! Schau an mein grau Haar! So alt bi» ich geworden, kann's nix verstehen. Hat da sein gut Geschäft, iS es nix schön, in Zürich?? Will machen frei Rußland? Wen? Was? Wie? Soll sich's machen selber frei! Was is frei? War nix, wird nix sein! Und is so ein schöner, starker Mann, so ein Zuckersüßer Mensch, so feurig! — Moritz, is doch dein eigen Schwester, die «vird dran sterben! Wird das junge Blut aufrvachsen ohne Vater und Mutter?!" Moritz lächelt. „Gott! Was für ein meschuggenes Volk, diese Juden- Haben kein Platz, wo hinlegen ihren Kopf — was tun sie? Gehen freimachen die andern! Niemand ruft sie, niemand will sie! Wollen beglücken — aber die Armen, die sie wollen helfen, sind tausendfach so stark, schlagen sie zusammen! Die selbst! — O Gott i Keiner auf der Welt ruft sie — wessen Nus folgen sie denn?!! Moritz lächelt. Zürich. B. I u n i. juden heißen, jedes wirkliche nationale Empfinden fehlt. Sie schwanken daher in ememfort zwischen dem lächerlichen deutschnationalen Chauvinismus ihrer Jugend und einem später angeflogenen halt- und inhaltlosen Internationalismus und wissen nie die richtige Mitte zu finden. Dies ist auch die Ursache, daß sie alle bisherigen Versuche, den Juden innerhalb der sozialdemokratischen Organisation dasselbe Recht zuzugestehen, daß selbst dem kleinen Völklein der Slovenen, Serben oder Kroaten bereitwilligst zugestanden wurde, nämlich das Recht der Bildung nationaler Exekutivkomitee, durch die Umtriebe der Wiener Parteileitung bisher stets vereitelt wurde. Die getauften Herren fürchten eben, daß man sie dann vom'Wurstkessel verjagen würde. In Oesterreich klafft die Kluft zwischen den der Bourgeoisie und zwar meistens der jüdischen entsprungenen Führern und der angeführten Masse noch stärker als in Deutschland, wo eine extensivere Bildung eine Brücke zwischen den Akademikern und dem Volke schlägt. Daher besteht in Oesterreich in-er Masse absolut kein Verständnis für die Tätigkeit ihrer Abgeordneten im Parlament, es sei denn der sozialdemokratische Abgeordnete erreicht für sie auf dem Wege der Hintertreppenpolitik einen greifbaren Vorteil. Und. die sozialdemokratischen Abgeordneten betreiben Hintertr epp enp oli tik, ebenso wie die vielgeschmähten bürgerlichen Abgeordneten. Genosse Adler sagte wörtlich : „Sollen wir allen anderen Parteien den Einfluß auf die Verwaltung, der im mündlichen Verkehr mit den Ministern besteht (welche zarte Worte Genosse A d l er für die Handelsgeschäfte im Parlament findet. Amn. d. R.), erlauben, sollen wir ihnen erlauben, ihre Argumente den Ministern vorzubringen, nur unseren Abgeordneten nicht, so würde mir durchaus nicht im Interesse der Arbeiterklasse handeln. Es wäre falsch, eine so trotzige Gebärde zur Schau zu tragen, mit den Ministern nicht zu sprechen, und dafür zum Beispiel nicht zu erreichen, daß ein ungeschickter oder allzu geschickter M inist e ria l erl a ß, d er unsere G e w e r k s ch a f t e n bedroht, auf kurzem Wege zurückgezogen wird." Also Genosse Adler, wir pfeifen auf die Prinzipien, wenn wir nur unseren Vorteil haben. Echte Arb eiter- Zei tung mo r a l. Wir verurteilen sicher, bei uns und bei Fremden, jede Prinzipienreiterei. Aber diese zynische Art der Parteileitung, einmal wenn es paßt und nichts kostet, auf die nackensteifen Revolutionäre und Republikaner sich auszuspielen, und sich dafür beklatschen zu lassen und ein anderesmal, wenn etwas anderes paßt und es etwas einträgt, in den Vorzimmern der Minister zu antichambrieren und zu katzenbuckeln, diese Frechheit, einerseits das österreichische Parlament wegen seiner Rück- Ephraim Moses Lilien. Von Stefan Zweig. (Schluß.) Der Dichtkunst ist diese Form entlehnt und Lilie« ist heute — ich sehe mehr Verdienst als Tadel darin — ein schöpferischer Dichter des Zeichenstiftes, nicht nur ein Zeichner. Er empfindet die Allbeseelthcit der Natur im Menschen wie in der einzelnen Blüte, tu der Landschaft wie in den Tieren, er hat den tiefen Dichterglanben, daß auch in den stummen Dingen ein Lebendiges sei, das manche Menschen verstunden und wüßten. Er sucht ans der Physiognomie ebenso die individuelle Lebensidee zu gestalten, wie er die Essenz der Geschlechter aus ihren Formen zu löse,: sucht, indem er in den Franengestalten den Gedanken weicher nachgebender Schönheit, im Akt des Mannes den siegenden Zauber der Kraft gestaltet. Lilien ist darum noch kein reiner Symbolist, der durch erträumte Abslrattione» spricht, ihm ist schon die Wirklichkeit das Symbol und zwar in ihrer primitivsten Form. Die reale, nur von allem Unwesentlichen gereinigte Landschaft ist ihm Symbol, nicht eine erträumte stilisierte Landschaft. Ein beliebiges Blatt soll seine Absicht erklären. In den „E l n l - M e l o d i e n" zieht ein vertriebener verzagender greiser Jude einsam dahin. In seinem Blicke liegt eine Stimmung, in seiner ganzen Gestalt. Hinter ihm dehnt sich das ewige unruhige, rastlose, friedlose Meer. Wieder tlingt dasselbe Motiv. Die harmonisch gelvähtte Landschaft wiederholt die Stimmung, lieber dem Meere flattert eine Schar Möven —■ nach Ruhe — nach Heimat .... Wieder rauscht derselbe Gedanke auf und die Disteln um des Wanderers Just — ein Symbol, das bei Lilien vielleicht zu oft wiedertehrt — singen sie wieder, dieser einsamen Seele traurige Weise. So hypostasiert Lilien immer ständigkeit und Schwäche bodenlos zu beschimpfen und dann selbst in diejLaube zu gehen, und das wichtigste Recht des Parlamentes, die Tribüne und das offene, freie Wort einfach zu verraten und zu verkaufen, kurz diese unanständige, g e w i ssen- und prinzipienlose H a l t u n g der österreichischen sozialdemokratischen Abgeordneten treibt jedem Freunde der Volksrechte und der Volksfreiheit die Schamröte ins Gesicht. Diesen Abgeordneten ist es eben nicht um ihre Prinzipien, die wir nicht teilen, aber r espektieren, zu tun, sondern um ihre Mandate. Auf Kosten ihrer Prinzipien bringen sie ihren Wählern kleine Geschenke mit; so sehen die Herren aus, die in ihrer großmäuligen Weise sich für die alleinigen Pächter von Recht, Freiheit und Moral ausgeben. Üud wagen dann ehrliche Proletarier, wie W i n a r s k y, ein schüchternes Wort der Kritik, zum Beispiel wegen der widerspruchsvollen Haltung m der Militärsrage, so wird er von den Austerlitz-Stadthagen lächerlich gemacht und zerfleischt. Wir find nicht Sozialdemokraten, aber ehrliche Freunde einer sozialen Reform und einer Vermehrung der politischen Rechte der Völker und der Individuen. Deshalb müssen wir mit Entschiedenheit dagegen protestieren, daß diese Rechte von ihren falschen Freunden verraten und im Stiche gelassen werden. Diese charakterlose Haltung der sozialdemokratischen Abgeordneten in der Politik erklärt auch die charakterlose Haltung der Wiener Parteileitung und der Wiener. Parteipreffe in der I u d e n s r a g e. Für diese Genossen existiere^ die Juden nur insoweit, als sie finanzielle oder intelektuelle Opfer bringen. Ein Wort der Verteidigung unserer Rechte, oder eine Brandmarkung des Unrechtes, das uns täglich und stündlich geschieht, erwartet man vergebens von ihnen. Diese Charakterlosigkeit muß sich aber früher oder später in der Partei selbst rächen.. Die AtmiteemenlsverlMiüsse der Verivaltnngslieamten der Wiener Knltusgemeinde. III. 5. Kt. Die Veröffentlichung dieses Artikels wurde durch eine eigenartige, für die bei der jüdischen Gemeinde Wiens herrschenden Verhältnisse äußerst charakteristische Erscheinung verzögert. Mein jüngster Aufsatz über diese Frage hat im Beratungszimmer der Seitenstettengasse Entrüstuno, und in den kleinen dumpfen, dunklen Arbeitsstübchen der Beamten Bestürzung heroorgerufen. Während aber die Herren Vorsteher und Amtsleiter ihre Entrüstung zu die menschliche Seele allen Gegenständlichkeiten, so schafft er eine eigenartige Symbolik, die man primitiv nenne« könnte, wenn sie nicht eine so wunderbare Varietät der Typen, eine so vollkommene Dichtungsfähigkeit und psychologische Dcutungskraft besäße. Hier schlummert das Geheimnis, das mancher vielleicht unbewußt empfunden hat, lvarum man bei jedem einzelnen Blatte Liliens so lange in genußreicher Betrachtung verweilen könne, denn man läßt sie nicht früher, bevor man nicht ihre Beseelung in den verborgensten Symbolen aufgespürt und verstanden hat. Die Kombination ist an und für sich keine neue: man denke in der Maleret an die geheimnisvollen und magischen Landschaften auf den Frauenporträts des Lionardo; insbesondere in der Dichtung ist die Mischung des Psychischen und Landschaftlichen ein fast notwendiges Requisit. Lilien aber hat diesen Gedanken des Symbols zur peinlichsten Konsequenz erhoben, zur Idee universeller Symbolik. Auf seinen letzten Blättern ist auch das geringste Detail nicht mehr unbeseelt und stumm; jedes spricht sein Wort in die Geschichte, jedes ist ein Dufthauch der strömenden Stimmung. Noch der Nahmen greift hinein in das Bild und entrafft ihm den essentiellen Wert, alles flüchtet in diesen Wiesen in die beüuißte Einheit eines Gedankens und die unbewusste einer Stimmung. So erreicht Lilien die orchestrale Gewalt eines gemalten Bildes, in dem die koloristischen Elemente unterstützend wirken, mit seinem schlichten Schwarz-Weiß — das in seiner absoluten Konsequenz überdies der Schattierung entsagt — vermittels einer Symphonik eigenster Art, indem er ebenfalls da? Thema von wechselnden Stimmen anschlagen läßt, deren einheitliches Znsammenktingen gleichfalls die Polyphonie ergibt. Um dies zu vermögen, muß man aber mehr sein, als ein Zeichner, ein Abzeicyner des Wirklichen; man muß dichterisch fühlen, um dem Kosmos seelische Werte 31t entreißen, man muß Schöpfer sein. Und darum spreche ich von einem Dichter Lilien, denn dies scheinen mir nicbt mehr

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