Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1903-11-06 · 45 (6.11.1903) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
45 (6.11.1903)
Date
1903-11-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2432763-2432970-2433015--2167-2436004
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

»rdnetwn: II/8. LeopoldsgaM 48. TverchD«»«»» Sa Stochemaqw von 4 bus 6 abt nachwUtaa». »ß, ss»if«ef «-asrum. mun, n s «»»^rwerdr« Mfficn «erjpitteter oder jtu nt-» «rfo'gter owf>eUtniR »owe« »tt in« dringend, - MinilniSilt »erde» »tcht zvrückae-tellt. »^varcatini-tonlii »470»? In da« «bonnement kann wm» tftoUA dufteten. Erscheint jeden Freitag «mrr MMotrknus der vmn lLvMtzen Volk»- »nein erwählten J^rrssLormniffton. J»ftf«tc Uierueh«« dt« Aftmm: I. rumederg, M. Duke», H««jen» Irin ck Vogl«, «ndolf «ofle. «. vppel«. TL Kozsonyt. (L Schale» ta Wien, ferner alle Sononcen-Erpedittoneo im NuZlande. M»zeL'Sr«M«rer i» Wie« I« Heller. - .Nekton: II/8. Leopoldssallr 48. Telephoa-Nr. 14723 BlbonnementSpretA: Telephom-N» 14720 Für «8S1e» k. o-»erretch«M»gar» > anuni >4rano»utt<llun8, OanztShrtg HawjSbrig NerteljUrtg Kr. 8.— . 4.- . 2- Für das geiaawate «uSiasd lammt ftrsnco-pistellung. SaazjStzrtg Halbjährig vierteljährig Jft. 9- - d . 225 Ur. 45 Wien, 6. Uovemker 1903 (16. Utarcheschrrmn 5664). V. JahrMng. Wien—Budapest. II. Im vorigen Artikel haben wir die wahre Krise, in der sich Ungarn befindet, geschildert. Sie besteht in Kurzem^ darin, daß die modernen Ideen, die Europa beherrschen, die Ideen der Emanzipation der Völker und der Individuen, die von einer bornierten Klasse mit schier unübersteigbaren Zollschranken vom ungarischen Globus ferngehalten wurden, dieser Schranken spottend, ihren Einzug über die rot-weiß-grünen Grenzpfähle halten. Das ist der Inhalt der nächstfolgenden Geschichte Ungarns. Die Militärkrise dagegen, die von beiden Seiten übe, Gebühr aufgebauscht wurde, ist nur eine Episode. In dieser Frage wurde von beiden Seiten unter falschen Flaggen gekämpft. Während in Oesterreich die Losung offiziös ausgegeben wurde: Oesterreich ist in Gefahr, hieß es in Ungarn: Auf, für die Freiheit und die Rechte Ungarns. Es handelte sich in dieser Affäre einfach um die Frage: Wer ist heute stärker, die Clique, die Ungarn beherrscht, oder die Krone? Durch den Deakschen Ausgleich wurde ganz Ungarn in politischer und wirt. schaftlicher Beziehung einer Sippe ausgeliefert, die aus Magnaten, Gentry und mit diesen verbündeten Spekulanten und Faiseuren besteht; nur in m 11 i* tarischer Hinsicht behielt sich die Krone die Entscheidung bevor, in der Ueberzeugung, daß die stärkste Stütze der Krone das Heer sei. Die Clique nützte ihre „Freiheit" gründlich aus; dis Krone störte nicht ihre Kreise. Selbst als es in der Frage der Zivilehe zn einem Konflikt zwischen dem streng religiösen Sinn des Herrschers und den Forderungen der Majorität kam, gab die Krön« nach. In den Militärforderungen gab die Krone im Prinzips nicht nach; denn der Einfluß der Militärkreiseist an unserem Hofe noch größer, als derber Klerikalen, und das will viel sagen. Wir sehen, daß z. B. in der Duell frage, in der sich die beiden Faktoren gegenüberstehen, die Klerikalen immer den Kürzeren zishen. Nun fehlt uns absolut nicht jedes Verständnis und jede Sympathie für einen Kampf zwischen Volk und Krone um die Grenzen ihrer Macht. Aber wir leugnen entschieden, daß in diesem Falle ein Volk um sein» Freiheit und um sein Recht kämpfte. Eine übermütige Clique, die in ihrem Größenwahn ihre Kraftsphäre überschätzte, und nicht ein Volk rang um die Möglichkeit, die Völker Ungarns noch mehr unterdrücken zu können, als sie bisher konnte. Und jeder Freiheitsliebende kann nur eine Genugtuung empfinden, daß man dieser Sippe endlich, sei eS aus diesen oder jenen Motiven demonstrierte, daß auch am ungarischen Globus dieBäume nicht in den Himmel wachsen. Die wahnwitzigen ungarischen Forderungen haben den Widerstand der Nationalitäten geweckt; es kam frischeres Leben in ihre Reihen. Trotzdem geben wir uns keiner Täuschung hin, daß daS jetzige System noch auf eine Reihe von Jahren gesichert ist. Das hat mehrere Gründe. Die Organisation der Nationalitäten steckt in politischer Beziehung noch in den Kinderschuhen. Dann fehlt es unter ihnen an einer, die den anderen im Kampf ooranginge. Den Deutschen, die nach ihrer kulturellen Höhe wohl die Eignung dazu hätten, mangelt es an n at i o n a l e r Na cken ste ife und politischer Unbeugsamkeit und sie zogen es lange vor, im Schatten des liberalen Regierungsklubs ein nationales Scheindasein zu fristen. Die Rumänen, die nach ihrer Zahl zur Führerrolle berufen wären, und die beiden letztgenannten Tugenden besitzen, stehen wiederum kulturell zu tief. Die anderen Nationalitäten kommen in dieser Hinsicht nicht in Betracht. Und die Juden? Die große Mehrheit leistet willig HelfershelferdienstL bei der brutalen Magyarisierungsarbeit. Eigentliche Vorteile haben nur wenige Schlauköpfe davon, paar Hundert Wahlkortesche, das anderthalb Dutze-b Mische AbgeLrdnete, das so feig war, anläßlich der Jud'srrdebatten im ungarischen Reichstag nicht einmal den Mund aufzumachen. Sich nicht zu erkennen zu geben, das ist die Losung dieser feinen Herren, wobei zwei, drei Ausnahmen nur die Haltung der anderen in das rechte Licht rücken. Die große Masse des jüdischen Volkes in Ungarn schmachtet in einer ähnlichen Ausnahmsstellung, wie in Oesterreich. Trotzdem huldigt sie einem lächerlichen magyarischen Chauvinismus. Nur die Orthodoxen nehmen meistens eine wohltuende neutrale Haltung ein. So erklärt es sich leicht, daß das einzige Band, das die verschiedenen Nationalitäten verbindet, ihr Antisemitismus ist. Diese Gehässigkeit gegen die Juden ist so tief eingewurzelt, daß sie vereinzelte den Nationalitäten symphatische Stimmen nicht bannen können. Unser Budapester Korrespondent berichtete uns erst jüngst über derartige Erfahrungen. Es genügt eben nicht, daß e i n Organ sich wie der Rufer in der Wüste herausstellt. Aus der Mitte des jüdischen Volkes müssen Stimmen des Protestes laut werden; einige schüchterne Stimmen, die zur Umkehr mahnen, genügen nicht. Die Politik der herrschenden Clique charakterisierte einer der weniger nüchternen Köpfe, die die Magyaren besitzen folgendermaßen: Es wäre eine Politik, sich mit den Nationalitäten gegen Wien zu verbinden, es wäre eine Politik, sich mit Wien gegen die Nationalitäten zu verbünden, aber sowohl gegen Wien, als auch gegen die Nationalitäten Krieg zu führen, das ist keine Politik, sondern Wahnsinn. Und steckt in diesem Wahnsinn auch Methode, so muß er doch schließlich mit einem Debacle enden. ludaei cav6ant, ne quid detrimenti capiant. S. Die Jahresversammlung der Anglo- Jewish-Assoeiation. London, Ende September. Die Jahresversammlung der Anglo-Jewish-Assoeiation, welche sonst im Juli stattzufinden pflegt, . wurde wegen der seinerzeitigen Verhinderung des Präsidenten, vorige Woche Sonntag unter mäßiger Teilnahme der Mitglieder in London abgehalten. Die Anglo-Jewish- Association gehört zu jenen großen jüdischen Gesellschaften, welche zufolge des Einflusses der Persönlichkeiten, welche an ihrer Spitze stehen, sowie zufolge der Geldmittel, über welche sie verfügen, nicht nur auf das Schicksal der Juden Englands, sondern auch auf dasjenige d»r anderen Länder einzuwirken in der Lage sind. Deshalb verdienen ihre Enunziationen und ihre Beschlüffe vollauf die Aufmerksamkeit, welche ihnen in allen Lagern des Judentums entgegengebracht wird. Wir laffen hier den Bericht über die Sitzung auszugsweise folgen: Nachdem Präsident, Mr. Claude M o n t e f i o r e, die Versammlung eröffnet und mit einigen Worten der letzten Vorgänge in K i s ch e n e w und H o m e l gedachte, machte er die beachtenswerte Bemerkung, daß die Einnahmen der Gesellschaft von Jahr zu Jahr sinken, was wohl dem Umstande zuzuschreiben sei, daß gegen die Gesellschaft in einer Weise Kritik geübt werde, welche sie nicht verdient. In den Schulen, für welche die Gesellschaft die Verantwortung trägt, wurde großes Gewicht darauf gelegt, daß die Schüler nicht nur die nötigen geistigen Kenntnisse erwerben, sondern daß auch der „esprit des corps“ in des Wortes wahrem Sinne gefestigtwerde. Die Schulen zsigen wohl überall schöne Fortschritte, doch überall zeige sich auch, daß die Mittel zu gering seien und daß noch viel mehr getan werden müsse. Aus Damaskus und Smyrna, Tanger und Teheran, Alexandrien und Kairo kommen Rufe nach Feuilleton. Ephraim Moses Lilien. Von Stefan Zweig.*) Nasch durcheilt Lilien alle Stufen zeichnerischer Technik, und um selbst ein geschlossenes persönliches Werk zil schaffen, mangelt ihm nur noch das repräsentative Werk, die unbewusste Idee, alis der Abstraktion in Gestaltung kristallisiert, der Zeitgedanke in einer absoluten künstlerischeir Form. Auch diese schöpferische Idee ist ein Nenaissaneegedanke — eine Heimatsidee. Es ist der Z i o n i s m u s, der das künstlerische Werk Lilienö befruchtet. Man braucht ihn henke nicht mehr zu erklären. Er ist keine neue Idee. Seit tansendeir von Jahren rauscht er im heimatlosen Volke. Ans den Liedern, die sich in Traurigkeit zn verlieren drohen, hebt er die silberne Stimme der Verheißung. In den Gebeten der Frommen an schlichten und festlicheil Tageil flammt er als innigster geheiinster Wunsch. In jede»: gottergebenen Leben ist es die letzte und seligste Sehnsucht, das Haupt inj Sterben auf den verlorenen HeimatSbvden Jerusalems legen zil können. Der Zionismus ist mir das Banner, um das sich die alten Wunsche schttliegen, der ladende 3{iif, der die Tausende ttitt sich versammelt. Er hat das Jndentiii» ivieder beivnsst gemacht, die schkafendeil künstlerischen Werte geiveckk, er hak in tausend Angen, die trostlos ins Dunkel starrten, das Sternbild einer reateil Möglichkeit entzündet. Mag man die soziale Seite des ZionisuniS tvie innner auch betrachten, mit dem merkivürdigen Lächeln gegenüber der Utopie *) Ans der Vorrede zn „E. M. Lilien". Sein Werk nlit einer Einleitnng voil Stefan Zweig. Verlegt bei Schuster & Loeffler. Berlin und Leipzig. lb0!l. oder mit deur schöpferischeil Eifer des Begeistertcil — die tiefe ästhetische Schönheit dieses Krongedankens wird niemnild leugnen könileil. Denil seit dem Sozialismlis hat feine Idee so viel Ferne und Verlorene in ein Ziel Zusaminengebaimt; mit Nieseilkraft hat er aliS einer wachsenden Zersplitterung inld Eiltfrenldimg — da die Einheit der nhidlcu Religiosität langsam in die moderne Gottesidee zerbröckelte — eine kraftvolle Einheit gestaltet uild daS Nätiouale aus deil scheckigerl Hüllen der Nationalitäten befreit. Hellte ist der Zauber vielleicht schon schivächer, deilli je mehr sich der Zionismns national-ökonomisch zn realisieren beginnt, desto mehr cntfreindet er sich die künstlerischen Naturell, die nur den ferneil, gestalinngsmöglichen vielfarbigen Traunl lieben können und nicht ein statistisches Projekt. Aber neue llilturdle nub nationale Probleme sind ans seiner Gestaltung anfgelenchtek, die Ideen jüdischer Klinst und nationaler Kriltnr, die selbst noch Traliul und Möglichkeit silld, ein wegloser llrivatdivirrer Pfad voll verführerischer und grandioser Schönheit. Und Lilien ist der erste, der ihn gegangen. Eiller der ersten war er auch, die deil zioilistischen Ideen unterlagen, denn ihn musste man nicht das Judentum lehre», sonderil nur deil beivnssten Stolz. Die Heiiilatsglocken mussten um° ivieder zn rufen begiiiiieii, die alte» Eriiiiierimgell an die Unterdrückung, daS herbe Elend der Seinen, an manche Stnilden, da mall den armell Jndenkiiaben von der .Unnst znrückstoßen ivollte, brauchten nur ivieder aiifziidäininerii, iiiii ihn zn verführe». Aber die Ueberzengniig der Persönlichkeit musste auch künstlerisches Programm werden, Lilien durfte sich seines I » beut n m s nicht iliir besinnen, sondern »niste es auch gestalten; tvie die anderen freudig und selbstbewusst im Leben, so zeigte er in seinem Schaffen die nationale Zugehörigkeit und nähert sich fei nein Ziele, der Svnrhese modern-nniverseller meisterlicher Technik unb jüdisch-rassige» nationalen Gehaltes. Die Vereiinlilg ist — wie ich mich zil zeige» bemühte — in ihm längst vorbereitet: es fehlt nur noch der lebendige Anstos;, der die harrenden Uräfte in ei» Ziel bermählt. Eiil Zufall schuf diese Gelegenheit. Lilien lernte in Berlin den jllngell Freih. B vrrieS v. M ü » ch h a u s e u kennen, der damals gerade fetueux Neferendarexamen zustrebte. Der holte nun eiimlal ein paar seiner alt-jüdischen Balkadeil hervor Ulld zeigte sie denl Freunde. Im iveseiltlicheil waren es dieselben, die heute das Blich „I u d a" bildeil. Lilie», der sich nicht nur auf die dekorative Ausschmückung der Bücher versteht, sondern auch intuitives und fast nie versagendes spüreildes VerständiliS für ihren literarischeil Wert besitzt, begeisterte sich für ihre hohe dichterische Schönheit und sagte deil spoiitaneii Entschluß, Münchhausens Verse stilgerecht zn schmücke». Und ohne Verleger, selbst ohne Aussicht ans erneu solchen, beginnt er die Arbeit unb bald findet sich ein künstlerisch gesinnter entgegenkommender Verleger, F. A. Lattmann in Goslar, der dem Werte persöilliches Interesse entgegenbriilgt. Eine Schöpfung der Liebe ist daö Werk und fein Fabriksanftrag: das spürt man, tvenn mnn daS Buch zur Hand »imnlt und eS dnrchblätkernd genießt. Münchhausen erzählt in feiner Form von diesen reichen Tageil: „Es lvar auf unserm Thüringer Schlosse Windischleuba. Ein Helles Giebelzimmer oben neben beut Turme war dem Zeichner hergerichtet, nebe,l seinem Zeicbentische stand mein Schreibtisch. Weit offen die Fenster, Kartoffelfeuer ralichteil durchs Thüringerland, lind ihr Duft zog ins Zninner. Astis den Wieseil nild Felderil sangell fern die Binder, nub nuten im Schilfe des Wallgrabens spektakelten die Rohrspatzen. Jin Schlosse alles ganz still, kaum daß ein Schritt die Wendeltreppe hiiiliiiterhilschte lind sich in dem Krenzgange verlor, kaum das; inal verloren die Wetierfahilen freifdjteu. Und in die Arbeit hinein erzählten mir nus unsere Lebeusgeschichten, die eine voll von unverdientem Leid, die andere eine einzige große Erfüllung jedes Wunsches. . . . Es war eine köstliche Zeit, ein reifer klarer Herd st voll von Fröhlichkeit und voll non künstlerischer Arve il." Und wnndersaiil sind auch die Fruchte gereist. 1!>«>>> erschien das Buch. Es ivar ein »ngenleiller, ein wohlverdienter Erfolg für Dichier und Zeichner. Demi das Blich ist

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.