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Jüdisches Volksblatt · 1903-10-30 · 44 (30.10.1903) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
44 (30.10.1903)
Date
1903-10-30
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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6 Wien, Freitag Jü'iisrhes Volksblatt 3 . Oktober 1903 Nr. 44 i ).0(K) Mark, seitens der Israelitischen Alliance in Wien 5000 Rubel, seitens der Londoner Vereine 20.000 Mark. Die Zahl der Auswanderer war verstältinsinäßig klein, dagegen nich?unerheblich die Zahl der Rückwanderer nach Kischenew, welche die biife des Vereines in 'Anspruch nalnnen. Das Hilfskomitee in Kücheueiv ist derzeit als abgeschlossen zn betrachten und tvird lnnnein kltrzem ein Bericht des Vereines über dasselbe eri.deinen, ferner ivtirde in der Sitzung über die Subventionierung und Errichtung von Schulen'nn Orient verhandelt. Uestereinitiminend ivar man der Meinung, das; die Vorbedingung für qnte Schulen die Heranbildung guter Lehrer sei. Diese Heranbildung müsse iin Orieilt selbst erfolgen, denn die Lehrer sollen die dortigen Verhältnisse grüitdlich kenneil lernen. Os erschien durchaus unzweckmäßig, sie durch Berufung nach Europa zwecks Ausbildung den großstädtischen Einflüssen anszusehen. Ter geschäfts- 'ührende Llusschuß hat daher beschlossen, ein Lehrerseminar im Anschluß an die Läntinle-Schulen in Jerusalem zti errichten und die gesamten dafür nötigen kosten zu beivilligen. Die Lehrer 'ollen dort neben einer gründlichen beruflichen?lusbildung, ivelche der deutschen Seminarbildung entsprechen ivird, befähigt iverden, den gesamten Unterricht in hebräischer Sprache zu erteilen. Natürlich tritt die notwendige Kenntnis der Landessprachen, des Arabischen und des Türkischen hinzu. Es ist zu erwarten, daß aus diesem Seminar pädagogisch geschulte Lehrer hervorgehen werden, ivelche dem Bedürfnisse des Orients und den Forderungen unserer dortigen Glaubensgenossen Genüge leisten köntlen. Llußer diesem hochbedentsainen Beschluß bewilligte der geschäftsführende 'Ausschuß Subventionen für die deutschjüdische Schttle in Konstantinopel, für einen Kindergarten in Jerusalem wld einem solchen in Jaffa, für den Neubau der Lämmle-Schule und für rumänische Schulen. Daran schlossen sich ferner Bewilligungen für die Abgebrannten in Mcmasterezyska, für den Israelitischen Unterstühungsverein für Obdachlose in Hamburg und für das Komitee für Rückwanderer in Breslau. I« eigenartiger Beleuchtung erscheint Dr. Böcke!, der frühere antisemitische Abgeordnete für Marburg, »ach einer Mltteilung, die auf dem Parteitage der deutschsozialen Reformer deren Führer Zimmermann machte. Dieser sagte über die Wahl im Kreise Marburg: Der Verlust dieses Kretses an Herrn v. Ger lach schmerzt die Partei ganz besonders, da der Kreis der erste war. den die Antisemiten seinerzeit erobert hätten. Kontrollierbare und unlon. trollierbare Gerüchte seien darüber im Umlauf, weshalb der Abgeordnete Dr. Böckel seine Bewerbung um den Kreis zurückgezogen und w e m e r a l l e m s ein M a nd a 1 angeboren habe. Die letztere Angelegenheit besonders sei merkwürdiger Art, denn auch ihm, Zimmermann, sei der Kreis unter bestimmten Voraussetz rrn gen angeboten, er habe aber abgelehnt, weil er der Ansicht sei, daß ein Wahlkreis nicht zu kaufen sei. (Bewegung.) Herr Zimmerwann erhebt damit eine schlimme Beschuldigung gegen Dr. Böckel. Was hat dieser darauf zu erwidern? Ein jüdischer Kongreß in Palästina. Ende August tagte in der palästinensichen Kolonie „Sichron Jakob" ein Kongreß von Delegierten aller jüdischen Kolonisten Palästinas. Der Zweck derselben war ngch der „Welt", die jüdischen Kräfte (Kolonisten, Lehrer, Arbeiter) zu einer festgefügten Organisation zu vereinigen. Dieser Plan stammt von dem Jekaterinoslawer Ingenieur Ussischkin. der die Angelegenheiten der Palästina-Kolonien seit langem zum Gegenstände seiner Studien machte, und der auch der Vorsitzende des Kongresses war. Auf dem Kongresse waren alle Kolonisten vertreten. Das erste Referat hielt Ussischkin über die Notwendigkeit einer festen wirtschaftlichen Schutz gewährleistenden Organisation. Das Referat wurde mit einmütigem Beifall ausgenommen und nach lebhaften Verhandlungen mit kleinen Aenderungen angenommen. Die Organisationsbasis bilden hienach alle über 18 Jahre alten Arbeitenden (Mann oder Frau), die 3 Francs jährlichen Beitrag zahlen. Jährlich wird ein Aktionskomitee gewühlt, und zwar ein weiteres von zwvnzig in den Kolonien und ein engeres von fünf in Jaffa lebenden Mitgliedern. Außerdem soll jede Kolonisations-Gesellschaft (Jca. Esra, Allianz. Baron Rothschild und Chowewe Zion) je ein Mitglied in ein „ausländisches" Komitee entsenden. Dieses kann im Einverständnis mit dem inländischen Aktionskomitee und ebenso umgekehrt Vorgehen, wodurch den Kolonisten ein Einfluß auf die Maßnahmen der Kolonisten-Gesellschaften gesichert würde. — Von den anderen Referaten, die meist in hebräischer Sprache vorgetragen wurden, erwähnen wir: Pines „über die alte Kolonisation", Ben-Jehuda „über die alte und neue Organisation", Dr. Magi „über Gesundheit und Hygiene", Dr. Jaffe „über die jetzige Kolonisation." Eine Resolution wurde angenommen, daß in den Schulen der jüdische Geist herrsche und überall in hebräischer Sprache unterrichtet werde. Es wurde auch beschlossen, einmal jährlich einen Markt abzuhalten, an dem die Kolonisten gegenseitig ihre Güter eintauschen werden und der zur Förderung des g-selligen Lebens und der Zusammengehörigkeit beitragen wird. Während des Kongresses fand auch eine Ausstellung jüdischer Bodenprodukte statt, die allgemein befriedigte. Es ist von der Organisation eine vollständige Regeneration der Kolonien zu erwarten, der Gedanke der Selbsthilfe hat nun auch auf unserem historischen Boden von neuem Einzug gehalten. Der Organisation kann es in Kürze gelingen, die Kolonisten von dem Drucke der „Wohltäter" einerseits und andererseits von dem denroralisierenden Einflüsse der Clalukah zu befreien. Das Urteil gegen Dasewsky rechtskräftig. Wie aus Petersburg gemeloet wird, hat der Kafsationshof die Nichtigkeitsbeschwerde des P. Dasewsky, der wegen seines Angriffes auf K r u s ch e w a n zu fünfjähriger Zuchthausstrafe verurteilt wurde, in seiner am 23. d. M. abgehaltenen Sitzung zurückgewiesen. Ein neuer Gewaltakt der russischen Regierung. Wie d^r „Freund" meldet, wurde ihm die Veröffentlichung der Spenden für den Nationalfonds seitens der Behörde verböten. Die Flucht aus Rußland. Wie aus O d e s s a ge- » ldet, verkehren seit einiger Zeit dircckte Schiffe von Odeffa noch Amerika. Die meisten Auswanderer wählen diesen direkten Schiffsverkehr anstatt wie früher bis Hamburg per Bahn zn fahren und von dort erst den Dampfer zu benützen. Diese neue Einrichtung wird jedenfalls di' Kalamitäten, denen die Auswanderer bis jetzt gerade auf ihrem Wege bis Hamburg seitens gewisser Agenten rc. ausgesetzt waren, etwas lindern. Gleichzeitig erwähnen wir, daß mehrere wohlhabende Familien mit Hab und Gut Hömel verlassen haben um sich in Holland anzusiedeln. Nachträgliches znm rumänischen Nentenschwindel. Der Prozeß wegen der falschen Rentenauslosungen hat nunmehr auch den Appellhof beschäftigt. Das Ureil, das dieser ergehen ließ, deckt sich im großen und ganzen mit dem des Tribunals und die D u m i t r e s c u, A l b a h a r y, B e h a r und Genossen werden nunmehr ihre mehrjährigen Gefängnisstrafen, zu denen sie verurteilt wurden, absitzen müssen, wenn der von ihnen beim Kassationshof eingelegte Rekurs keinen Erfolg haben sollte. Die wesentlichste vom Appellhof verfügte Abänderung des erstinstanzlichen Urteils geht dahin, daß die vom Staate wegen ihm zugefügter moralischer Schädigung zugesprochene Buße von 500.000 Fr. in Wegfall gekommen ist, dagegen die Angeklagten eine solidarisch aufzubringende Entschädigung von 900.000 Fr. dem Staate Wegendes materiellen Schadens, den dieser erlitten, zu zahlen haben. Dieser materielle Schaden wurde seitens der Zivilvertreter des Staates darin erblickt, daß die Konvertierung der 175 Millionen-Anleihe infolge des Bckanntwcrdens der bei den Rentenauslosungen stattgehabten Schwindeleien um 2 bis 3 Prozent teuerer zu stehen gekommen ist. Ob dies wirklich der Fall war — es gibt kundige Thebauer, die dies bestreiten — mag dahingestellt bleiben. Interessant ist nur, daß die Regierung mit einer solchen Angabe vor die Oeffentlichkeit getreten ist. Denn bisher war man der Meinung, daß gerade die Leiter der gegenwärtigen Regierung mit der Bankgruppe (Berliner Diskontogesellschaft, Bleichröder u. s. w.), welche wie die früheren Anleihen, so auch diese Konvertierung vermittelte, auf einem besonders freundschaftlichem Fuße ständen und daß sie der Bankgrnppe, die ihnen wiederholt ihr Wohlwollen bewiesen hat, zu Dank verpflichtet seien. Schmeichelhaft für diese Bankgruppe ist jedenfalls die Beschuldigung nicht, daß sie das Vorkommnis bei den Rentenauslvsungen benutzt habe, um bei der Konvertierung einen höheren Profit herauszuschlagen. Die Entschädigung von 900.000 Fr. soll nun dazu dienen, den Inhabern der 5000 Fr.-Renten bei der nächsten Couponaus-?ahlrrng eine Gratifikation dafür zu gewähren, daß bei den betrügerischen Ziehungen der Verurteilten zum großen Teil die vorher präparierten Nummern der letzteren gezogen wurden, also die Auslosungschancen der anderen Inhaber vermindert waren. Wie steht es ober mit der Entschädigung an die Renteninhaber für die »patriotischen" Fälschungen Pictor i a ns? Dieser Herrhat „im Interesse des Staates" 1901 Fälschungen en gros betrieben. Wenn die Regierung die Verpflichtung anerkennt, die Renteninhaber für die Fälschungen der Dumitrescu und Konsorten zu entschädigen, so kann sie die gleiche Verpflichtung gegenüber den Fälschungen Pictorians nicht ablehnen. Wird sie dies tun? Vermutlich, denn die sonst so beredten Offiziösen der Regierung schweigen sich darüber aus. Man müßte dann nämlich noch eine weitere Konsequenz ziehen, nämlich die, daß der Staat die Renteninhaber auch für die im Jahre 1887 von dem jetzigen Ministerpräsidenten Demeter Sturdza angeordnete falsche Rentenziehung zu Gunsten der Nlfonsiiftung entschädigen müsse. Was Pictorian betrifft, der vom Untersuchungsrichter außer Verfolgung gesetzt wurde, weil er die Schwindeleien nicht zu seinem Vorteil, sondern in dem des Staates ins Werk setzte, weshalb die Momente des Betruges nicht gegeben seien, so hat das gegen diese Entscheidung angerufene Richterkollegium eine gleiche Verfügung getroffen, allerdings nicht einstimmig, denn der Vorsitzende gab ein Separatvotum ab und verlangte die Verweisung Pic 1 orians vor die Strafkammer. Die beiden übrigen Richter, welche sich der Entscheidung des Untersuchungsrichters anschloffen, versalzten die Freude Pictorians darüber jedoch durch die Begründung ihres Urteilsspruches, indem sie sagten, daß Pictorian durch seine Fälschungen eine so grobe Inkorrektheit au den Tag gelegt habe, daß er unfähig erscheine, ferner eine Staatsamt zn bekleiden. Damit ist Pictorian die Rückkehr zu seinem Posten als Direktor der staatlichen Depositenkasse abgeschnitten, indessen nur vor der Hand, und seine Freunde, die ihm bisher so hilfreich zur Seite standen und auf deren Dankbarkeit zu rechnen er auch guten Grund hat, werden schon dafür sorgen, daß der Brave nicht zu kurz kommt. Bücher-Einlaus. Dr. Theodor Zlocisti, „Jüdischer Bolkskalender für das Jahr 5604 (1903/04)", 2. Jahrgang. Jüdischer Buch- und Kunstverlag, Brünn. Dr. I. B. Sapir, „Der Zionismus". Eine populärwissenschaftliche Darlegung des Wesens und der Geschichte der zionistischen Bewegung. Aut. Nebersetzung von A. B e n j a m i n. Brunn, Jüdischer Buch- und Kunstverlag, 1903. Dr. theol. Carl Mommert, „Das Salomonische Tempel- und Palastquartier auf Moriah", 2. Teil. Verlag C. Haberland, Leipzig-R. Eingesendet. Zur Auswandererfrage. Löbl. Redaktion des „Jüdischen Volksblatt." Ich ersuche dringend um Veröffentlichung nachstehender Notiz. Laut Erlaß des kgl. sächs. Ministerium vom 22 d. M. dürfen Auswanderer nur dann die sächsischen Bahnen benützen wenn sie 1. entweder mit einer Schiffskarte vom Norddeutschen Lloyd oder der Hamburg-Amerika Linie oder 2. mit einer Anweisung auf eine solche von einem jüdischen Komitee oder 3. in Ermangelung der Schiffskarten mit 400 Mark (180 R.) per Person, 100 Mark pro Kind ausgerüstet sind. Schiffskarten ausländischer (holländischer) Schisfsgesellsckiaften staben kerne Giltigkeit. Ties ist notwendig für die armen Auswanderer zu wissen, da sie eventuell hier in Bodenbach znrückgeschickt werden würden, wie es heute mit einer Truppe von zirka 18 Personen fast geschehen wäre. Es sollte endlich ein internationales jüdisches Answanderuligsbureaux geschossen werden, dem man alle frischer, Uebelstände sofort nach dem ersten sich ereignenden Fall Mitteilen könnte. Hvchachtend N a b b. M. Freu» d. Einiges über die Vorkonferenzen der österreichischen Landsmannschaft. Geehrter Herr Nedakteur.. Wollen sie gefälligst diesen Zeilen in der nächsten Nummer Ihres geschätzten Blattes Raum geben: So hoch ich auch den Wert der Beratungen der österreichischen Landsmannschaft anschlage, welcher anzugehören ich heuer auch die Ehre hatte, so kann ich doch nicht umhin, auf einige ihrer Fehler hinzuweisen; oder, richtiger gesagt, weit ich die Vorberatungen der österreichischen Zionisten so hochachte, kann und darf ich ihre Mängel nicht mit Stillschweigen übergehen. iraT-s.-m' “itra n« »Den man liebt, den weist man zurecht." Wir müssen daher diese Fehler einer Kritik unterziehen, da dieselben dringend einer Verbesserng bedüifen. Es muß in erster Reihe auf einen Grundfehler hingewiesen werden, welcher alle Sitzungen der österreichischen LaiidSmannschast kennzeichnete: Ihr gleichgiltiges Verhalten gegenüber den Beschlüssen des Kongresses, sowie den Beratungen wegen der Stellungnahme zu dcn Fragen desselben. Fast alle Punkte der Tagesordnung — die ostafrikanische Frage natürlich ausgenommen — wurden früher gar nicht in Erwägung gezogen, und wenn hie und da doch eine Frage bis an die österreichischen Zionisten vordrang, so wurde sie mit einer Kälte und Teilnahmslosigkeit behandelt, die ihresgleichen suchen. Welch' ein Unterschied zwischen den österreichischen und russischen Zionisten, welche ihren Ausgaben mit wahrer Aufopferung und voller Hingabe oblagen! Zur Bekräftigung meiner Worte will ich folgende Tatsache anführen: Als es galt Kandidaten von Seiten der österreichischen für die verschiedenen Kommissionen zu wählen, beantragte der Vorsitzende auch für die Kultur-Kommission Kandidaten auszusiellen. „Es sei nicht ausgeschlossen — meinte er — daß man auch eine Kultur-Kommission einsctzen werde " Die Landsmannschaft war auch damit einverstanden, und die Wahlen wurden vorgenommen, ohne sich vorher darüber klargeworden zu sein, ob die Einsetzung der genannten Kommission wirklich notwendig sei; als ob es für sie ganz gleichgiltig wäre, ob die K u l t u r f r a g e ins zionistische Programm ausgenommen werde, oder nicht. Es wird wohl niemand vergessen staben, welchen Sturm diese Frage seinerzeit Jbei anderen Versammlungen stervorrief, namentlich bei den russischen. Ich verstehe solche Eventualwahlen nur auf diese Weise: Wir werden alle unsere Kräfte aufbieten, daß die Kulturfrage ins Programm ausgenommen wird, odcr daß sie nicht ausgenommen wird, inzwischen wollen wir die Kandidaten vorbereiten. Gut, aber in diesem Falle wäre es unsere Pflicht gewesen, uns. selbst klar zu werden, was nationale Kultur sei, und nachher durch Abstimmung zu beschließen, ob wir für oder gegen den Punkt betreffs der Kultur Stellung nehmen sollen. Und was geschah? Wir nahmen die Wahl vor, um auf jeden Fall vorbereitet zu sein. „Wollt ihr Kultur, so habt ihr Kandidaten, wollt ihr keine, so haben wir nicht gewählt." Zeigt dieser Vorgang nicht von völligem Mangel an Interesse? Es muß mit Bedauern festgestellt werden, dasi^ie österreichische Landsmannschaft fast gar kein Interesse an den Tag legt, daß sie nicht bestrebt ist, ihre Anträge zu verteidigen. So manche Beschlüsse wurden gefaßt, welche keine Berücksichtigung fanden, ohne daß die Landsmannschaft dagegen Einwand erhoben hätte. Hier ein kleines Beispiel: Die österreichische Landsmannschaft beschloß die Aufstellung eines aus ihrer Mitte zu wählenden Vizepräsidenten für die Kongreßsitzungen zu verlangen — wie ihn alle namhaften Landsmannschaften halten. — Dieser Beschluß wurde gar n i ch t i n Erwägung gezogen. Denjenigen von den Mitgliedern der Landsmannschaft, die an der Spitze der Bewegung stehen, scheint es nickt verborgen zu sein, welche Rolle die österreichische Landsmannschaft beim Kongreß spielt. Sie waren fast nie bei den Sitzungen derselben zugegen. Erst zu guter Letzt erschienen einige, als man zur Wahl der Mitglieder ins A.-C. schritt. Will die Landsmani schaft irgend welche Stellung in der Bewegung einnehmen; dann muß sie vor allem mit ganzem Herzen bei der Sache sein, sie muß ernst, mutig und beharrlich ihre Meinungen verteidigen. Möge sie nur an die Worte unseres hochverehrten Führers denken: On ne fi’appuie. que aur re qui rösiste. (Man stützt sich nur auf das, was widersteht) B o l e ch o w, 25. Oktober. Jacob Gründe r g. An unsere Glaubens- und Stawrrresgerrosse»! Der Winter steht vor der Tür mit all seinen Schrecken für jene, welche Armut bedrückt. UnS Juden aber erfüllt sein Nahen mit größtem Bangen, wenn wir unsere Blicke dorthin richten, von wo sich stets wiederholende, denen von Kischenew ähnliche Meldungen einlangen. Mehr als bisher stehen wir vor einer von Entsetze,! geleiteten plan- und ziellosen Flucht unserer unglücklichen Glaubepsgeschwifter aus dem Osten, die leider nur ein Verderben dem andern in die Arme führt. In den meisten Fällen werden diese Unglücklichen ans ihrer Flucht durchs Leben aufs Krankenlager geworfen und wenn nicht der Tod ihre Leiden beendet, blicken sie beim Verlassen des Spitales hohläugig und außer Stand ihre Blößen zu decken, der profanen Zukunft entgegen. Es ist heiligste Pflicht eines jeden Juden, der seinen Körper vor Kälte zu schützen vermag, seiner armen, kranken Glaubensgeschwister zu gedenken. Der gefertigte Berein appelliert in diesem Sinne an alle jüdischen Herzen und bittet außer Verwendung stehende Kleidungsstücke (vorwiegend Frauenkleider) für die zum Schutze Befohlenen an die Adresse Frau Julie Schwarz, II., Schiffamtsgasse 10, gütigft senden zu wollen. Fest überzeugt, daß dieser von Juden gelesene Appell nicht ungehört verhallen wird, zeichnen, allen Spendern im Voraus herzliche« Dank sagend, für den Mädchen- und F r a u e n v e r e i n „B i k u r Chaulim" MimiBerliner Gisela Kohn dz. Schriftführerin. dz. Präsidentin.

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