Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 44 (30.10.1903)
- Date
- 1903-10-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ledsrtw«: U/S. Lropoldsgaffe 49. GpreÄ7ts»»e»r Ha «Ochattagm eow 4 6t« 6 Uhr nadfmtttagi. Post«»!»«» r SttHfte« «»lttblatl, mit», U S »»schtvrrvr« «rgen »rMLteter oder gut nicht «folgtet ftafUBung nöttten «ir an« driug«ld. — MnnnfertSte v«er»e» nicht tmnck-efteltt. Vostsparcaffm-Louto ß«7v>7. I» da« Monnnnrst kam« man täglich eimretm. Erschemt jede« Freitag «Kfz*: MMvtrrums der vom jüdlschrn Volksvrrriu erwSkxUrri Prefsrormrrikston. Inhernt» »«nehme« die Sinnen: I. Damreberg, Vt Duke«, Haafen- »ein * Vogler. «ndolf Stoffe, «. Opr-eltk. St Sozsonhi, «. Schale! w Wen, ferner alle Snnoncen-Erpedtttonen im SuLlande. Giszel-Knmmer i» Wie« I« Heller. AdminiHrstivn: II/S. Leopold sgafle 49. Telephou-Nr. 14723 NboUNementIpreis: Telephou-Nr. 14723 Für XBtea tu Oesterreich-Nngar« lammt Francojustellung. . . Kr. 8.— »anzjährig Für da« gekämmte AnSlan» sammt Francozustelllmg. Sa« Salbsährig «erteljährlg Jht. . „ 4.50 . 1 3.05 Nr. 44 Wie«, 30. Oktober 1903 (9. Marcheschmn« 5664). V. Jahrgang. Jüdische Militärsorderunge«. (A u s M i l i t ä r kre i s e n). Bereits seit einem Jahre dauert der Kamps, den die Magyaren führen, um ihrer Sprache und nationalen Art mehr Geltung im gemeinschaftlichen Heere zu verschaffen, als es bisher der Fall war. Gleich den Magyaren melden sich auch die Kroaten, Tschechen, Polen und andere Nationen unserer Monarchie, um ähnliche Forderungen anfzustellen. Noch ist der Ausgang der ganzen Affäre ungewiß und unbekannt, doch es steht bereits heute fest, daß die Magyaren und wohl auch die anderen Volksstämme ansehnliche nationale Zugeständnisse erlangen werden. Im allerhöchsten Armeebefehle von Chlopy und in den seither erlassenen Verordnungen wird die Anerkennung der nationalen Vorzüge und Berücksichtigung der nationalen Eigenart ausdrücklich betont. Trotzdem keinem ihrer Mitglieder das geringste Hindernis bei Erlangung selbst der höchsten militärischen Auszeichnungen und Stellen bereitet wird, trotzdem selbst die geringste Verletzung der nationalen Eigenart in der Regel sehr strenge geahndet wird — melden sämtliche Nationen ihre verschiedenen nationalen Beschwerden an und fordern ungestüm größeren Spielraum für ihre nationalen Aspirationen. Nur ein Volk läßt seine Stimme nicht im allgemeinen Chorus erschallen, nur ein Volk hat anscheinend nichts an militärischen Forderungen zu erstreben und zwar gerade das Volk, dessen Angehörigen die militärische Berufskarriere erschwert und fast unmöglich gemacht ist, dessen Angehörigen ganz wider die bestehenden Gesetze und Vorschriften die nationale Eigenart in roher Weise vorgeworfen wird, die Erfüllung der religiösen Vorschriften und Feiertage unmöglich gemacht wird. — Das jüdische Volk hat anscheinend beim Militär nichts zu verlangen. Für die nationalen Forderungen, speziell in Ungarn setzen sich unser» Stammesgenossen mit aller Kraft ein, und fordern die ungarische Erziehung des Offizierskops, obwohl sie und ihre ungetauften Angehörigen auch im speziell ungarischen Offizierskorps ebenso wenig Karriere' machen werden können, als jetzt im gemeinsamen, fordern zwar die magyarische Militärgerichtsbarkeit, nicht aber, daß endlich die gesetzliche Bestimmung, die den Juden den Eintritt ins Äuditoriat verwehrt, beseitigt wird. Bände ließen sich mit der Aufzeichnung all dessen füllen, was für Unrecht den Juden beim Heere geschieht. Durch ungleichmäßige Gesetze, durch Nichtbeachtung der bestehenden Vorschriften und leider auch durch die sträfliche Nachlässigkeit der berufenen jüdischen Faktoren. Nur eine kurze Ueberficht wollen wir bieten, was wir Juden in Heimkehr. Skizze von Dr. M. S ch e r l a g. Die Tslegraphenstangen und Felderflächen flogen nur so vorbei, als hätte sie der Lärm der Eisenbahn aufgescheucht, die rücksichtslos die Luft durchfchnitt und iu die Ferne sich einbohrte, alles gewissermaßen auS dem Wege räumend. Mama, mir schwindelt, flüsterte der blasse Knabe, indem er sich vom Fenster abwendete. Nebenan auf der Bank saß eine schöne, schwarz gekleidete Frau in Gedanken versunken. Hörst du denn nicht, Mama? wiederholte fast ängstlich der Knabe. Zufällig hob sie den Kopf. Da schauten sie zwei dunkle Augen vorwurfsvoll an. Sie erriet den Wunsch des Kindes und zog es an sich, still und zärtlich. So fand sein Köpfchen an ihrem Arm ein angenehmes Gleichgewicht nnd bald gar linden Traum. Auch sie träumte.- Auf den Knieen der Mutter hatte auch sie einst gesessen; dazumal hatte sie Haare wie Gold und Augen voll Sonne, doch nicht lange hatte diese geschienen. Die Mutter, zart wie Seide, verblaßte immer mehr, bis eines Tages alle Tauten und beide älteren Töchter ihr Bett umstanden. Sie, die jüngste, verkroch sich ins Winkelchen und harrte der Ankunft de- Vaters; denn Vater war groß und stark, in seiner Nähe durfte Mutter nichts widerfahren, er war ja so gut nnd zärtlich. Bald kam er auch und nicht allein. Der finstere Arzt näherte sich der Kranken und schüttelte bedenklich den Kopf, der Vater stöhnte wie vom Blitz getroffen. Im Winkelchen ertönte ein Schluchzen. . . Zwei Jahre lang vertrat die graue Tante Blieme die Mutter so gut es ging. Der Vater verdoppelte seine Liebe zu den drei Töchtern, aber es war eiue Liebe unter Wolken. Er betete unablässig und seufzte. Nachdem Tode der Tante stand er vollends ratlos da und verließ öfters, als vorher, das HanS. Einige Monate später traf eine neue Mutter ein. Sie war der Ausübung unserer patriotischen Soldatenpflicht erleiden und worin wir mit vollstem Rechte schleunigste Abhilfe verlangen dürfen. Der höchste militärische Orden unserer Monarchie, der für ausschlaggebende Tapferkeit im Kriege zu verleihende Maria Theresien- Orden, kann laut seinen Statuten nur an Christen verliehen werden und der bekannte zionistische Oberst a. D. Ritter v. Eisz, der als charaktervoller Mann nicht den Glauben seiner Väter abschwören wollte, erhielt nur desbalb nicht diese ihm bereits bestimmte hohe Auszeichnung. Nicht anders ist es bei noch einigen hohen Auszeichnungen. Sogar der Zutritt in das Äuditoriat ist nach einer Verordnung aus der Zeit Maria Theresias (!), den Juden verwehrt und so groß in der letzten Zeit der Bedarf an Auditoren ist, wurde diese dem Staatsgrundgesetze ganz entgegengesetzte Bestimmung nicht beseitigt. Doch wie ist es beim übrigen Heere, wo jedermann nach seinen Fähigkeiten das Avancement offen steht. Im Söldatenstande, wo es einst eine Anzahl von der Picke auf dienende jüdische Oberste gab, gehört gegenwärtig ein ungetanster jüdischer Offizier zu den größten Seltenheiten. Jüdischen Eltern, die ihre Kinder in eine militärische Erziehungsanstalt geben wollen, wird ganz offen von den Schulkommandanten abgeraten, ihren Kindern die ganze Jugend durch den Besuch militärischer Schulen zu verbittern, denn heute sei schon der Zeitgeist einmal so. Selbst bei der Reserveoffiziersprüfung ist bei vielen Regimentern und Korps ein ganz eigentümliches Verhältnis zwischen dem Erfolgeder Juden und dem der Nichtjuden, das bei einem Vergleiche der beiderseitigen Vorbildung und bei dem Umstande, daß erstere in vielen Fällen die Kenntnis der deutschen Sprache voraushaben, ganz unerklärlich wäre, wenn es nicht eben — Juden wären. Ja der Jude hat halt kein Talent zum Soldaten, wird uns immer vorgeworfen, und dabei ist an der Spitze der uns verbündeten iralienischen Armee ein Glaubensuud Stammessenoffe, Kriegsminister O t t o l e n g h i, und in der englischen, französischen, italienischen Armee gibt es Hunderte von jüdischen Offizieren. Es gab eine Zeit, und es ist noch nicht gar so lange her, als das militärärztliche Offizierskorps überwiegend aus Juden bestand und stolz auf des Kaisers Rock, haben sie pflichtgetreu ihren Dienst erfüllt, wobei gar mancher auf dem Felde der Ehre sein Leben ließ oder in Erfüllung des ärztlichen Soldatenberufes Gesundheit und selbst das Leben verlor. Heute muß man zur Erlangung eines militärärztlichen Stipendiums oder zur Ernennung zum Oberarzte den Taufschein beibringen oder besondere Protektion besitzen und ändern sich diese Zustände nicht, so jung und voll im Gesicht, nur waren die Augen ein wenig jchief und scharf. Den Kindern zu gefallen, gab sie sich sichtlich Mühe, umsomehr, als cs ihr der Vater häufig befahl. Nicht lange — fam ein Brüderchen ins Haus und beherrschte cs völlig. Die folgenden Jahre brachten neue Schwesterchen. Die früheren standen abseits, in die Ecke geschoben, vergessen, unglücklich. Der Vater war nicht Vater mehr, auch betete er nicht mehr so viel und die neue Mutter ward zur wahren Stiefmutter. Nach häufigem Streiten und Zanken entlief die Aelteste aus dem Hause. Sie zog cs vor, Fremden zu dienen, als daheim zu leiden. Nachdem der Vater nach ihr gesucht, die Gattin beschimpft nnd die zwei übriggebliebenen Schwestern getröstet hatte, versöhnte er sich mit der Gattin, liebkoste ihre Kinder nnd vergaß den Vorfall und die zwei übriggebliebenen Schwestern. Dem Beispiel der ersten folgte bald die zweite, die blasse Resel... Es war an einem Sabbathabend. Den ganzen Nachmittag hatten beide, sie und Resel, nichts gegesien und in der Dämmerstunde sahen sie zu, wie die jüngeren Geschwister sich an einer guten Jause gütlich taten. Vom Hunger getrieben, streckte Resel heimlich die Hand auf den Ofen, wo die Brodlaibe in Reih und Glied lehnten. Zum Unglück siel einer zu Boden. Die Stiefmutter sprang herbei: Mein Brvd wirst du stehlen! und begann sie zu schlagen ... Nach einigen Tagen der Nachforschungen kam die Nachricht, daß die Arme vor Hunger und Frost im Nachbardvrfe gestorben sei. Nun nahmen die Verwandten die jüngste in besonderen Schutz und fanden für sie später einen Mann. Der Vater gab dreihundert Gulden Mitgift und tanzte einen „Kosak" zur Hochzeit. Selbst die Stiefmutter wollte die Braut segnen und küssen, allein die Stimme blieb in der Kehle — aus Rührung und Freude. Das junge Paar übersiedelte in die Hauptstadt, wo der Gatte eine gute Stelle erhielt. Jahre waren vergangen. Sie wird bereits in einigen Jahren ein jüdischer ungetanster Militärarzt ein weißer Rabe sein. Das Truppen* rechnungsführer-Offizierskorps,^ das ohne die vielen, meist aus Rechnungs-Unteroffizieren hervorgegangenen Juden, zur Zeit der Reorganisierung unserer Wehrmacht nicht organisiert hätte werden können, da (B nichtjüdische geeignete Aspiranten kaum gab, wird jetzt auch judenrein zu machen getrachtet, was auch bald, wenn die noch dienenden alten Hauptleute pensioniert werden, der Fall sein wird. Während uns Juden so systematisch die Karriere des Berufssoldaten verschlossen wird, müffen viele tausende jüdische Jünglinge dreiJahre unter den Fahnen dienen. Wie sieht es mit ihnen aus? Ich will nicht die verschiedenen Mißhandlungen, die an jüdischen Soldaten, und speziell in einem galizischen Korps, verübt werden und auch im österreichischen Reichsrate Gegenstand von Debatten waren, erwähnen, da ich von der Sache nichts aus eigener Anschauung weiß und absolut nicht beschuldigen will, ohne bestimmten Grund hierfür zu haben. Daß im Offizierskorps vielfach eine antisemitische Gesinnung herrscht, beweisen Hunderte vorkommende Zwischenfälle, von denen ich nur auf den bekannten Fall Aufrecht in Teschen Hinweise. Doch muß hier wahrheitsgemäß erwähnt werden, daß mindestens die Hälfte der Offiziere auch den Jude« gegenüber voller Gerechtigkeit und Biederkeit ist und sich bei vielen ein Verständnis für jüdische Dinge und Bestrebungen findet, wie es bei sozial gleichhoch stehenden Zivilpersonen nicht oft der Fall ist. Solche Vorgesetzte sorgen auch für ihre jüdischen Untergebenen väterlich, doch leider hindert auch ihr guter Wille nicht, das gesetzwidrige Vorgehen der überwiegend judenfeindlichen Unteroffiziere. Am ärgsten steht es mit dem religiösen Leben der jüdischen Soldaten. Das Reglement spricht viele schöne und innige Worte von Gottesfurcht und Ausüben der religiösen Pflichten — den Juden gegenüber bleibt alles bloß Theorie. Am besten bemerken wir das uns Juden zugefügte Unrecht, wenn wir das Verhalten der Kriegsverwaltung den mohammedanischen Soldaten gegenüber betrachten? Die Mohammedaner besitzen bei jeder Abteilung eine eigene Küche, in der die Speisen nach ihren religiösen Vorschriftsn bereitet werden. Bei den galizischbukowinaer und nordungarischen Regimentern dient eine große Anzahl religiöser Juden und doch ist es.der Heeresverwaltung nie eingefallen, im Geiste des Reglements durch eigene Küche diesen Soldaten die Befolgung der religiösen Vorschriften zu ermöglichen. Ja selbst die ausdrückliche Bestimmung des Dienstreglements, daß anderswaren beide glücklich, ihre Kinder, Karl und Leo, gesund nnd gut. Da wurde diese Ruhe durch einen Brief von ihrem Vater getrübt. Ec schüttete darin sein Herz vor ihr ans, vor ihr, der „geliebten, einzigen Tochter" (die älteste war bereits gestorben). Er flehte um Verzeihung und schilderte seine Notlage : „Von nirgends ist Arbeit oder Rettung zn erwarten, es geht uns, jüdischen Kaufleuten und Handwerkern, in den galizischen Nestern immer ärger, denn die Pfarrer verbieten ihren Schäfchen, den Bauern, bei uns, den Wölfen, zn kaufen und zn arbeiten. Der Winter drückt, die Kinder frieren, nichts verdient man, sei also so gut und schicke welche alte Kleider flir mich, die Frau und die Kinder und etwas Geld auch, da es dir doch gut geht nnd der Allmächtige unsere Gebete erhören und dich, deinen Mann und deine Kinder hundertfach belohnen wird." Weinend schickte sie das Verlangte. Seitdem sandte sie, ohne auf ein Schreiben zu warten, jede vierte Woche einen bestimmten Geldbetrag, wofür sie Dankbriefe, geschrieben vom ältesten Sohn ihres Vaters, erhielt. Im ersten teilte er mit, daß dem Vater die Hand beim Schreiben z'ttere. Die folgenden waren vom Vater diktiert, immer voll Klagen und Gebete. „Laden wir ihn zu uns einmal ein", sagte der Gatte beim Lesen eines Briefes. ,Wie wenn du mir aus der Seele gelesen hättest", erwiderte sie, „aber wer weiß, ob er wollen wird — und dann fürchte ich, und deshalb habe ich ihn noch nie eiugeladen, weil ich ihn nicht einer Sünde aussetzen möchte. Verstehst du mich nicht? Du weißt ja, hier kann man sich nicht so genau an die heiligen Vorschriften halten; sollte also auch er in seinen alten Jahren trefe essen — und dazu bei seiner eigenen Tochter"? Dennoch lud sie ihn ein. Die Antwort war abschlägig und mit Mangel an Zeit und Kraft begründet. Zum Schluß lautete sie also: „Schicke liebe mir das Geld, das die