Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 42 (16.10.1903)
- Date
- 1903-10-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Kr. „ 4.50 „ 2.25 2Htsmc«3*®ra»**»»w[ Ur. 42 «.HBWUMWi i»*»iwjimwiiinnwiM»inminii«i »?SaESe«Ha«WäS»a« Wr’TOTOSSäHSiÄHR Wie». 16. Oktober 1903 (85. Tischet 5664). V. Jahrgang. Der bankerotte österreichische Parlamentarismus. Jeder Tag 'beweist von neuem, wie morsch der gesamte Parlamentarismus des Donml-veiches ist, wie mnnöglich es ist, auf Grund der jetzigen Verfassuitg mit üen bestehenden Parteien in Cis- und Trcmsleithanien! zu, regieren'. Kaum hat man.sich erholt von der Tragikomödie, die die „Volks" - Vertretung am Wiener Franzensring den objektiven-Zu-- schauern bot und von dem Jndianergeheul der magyarischen Chauvinisten im ungarischen Reichstage, so dringen schon wieder Lärmszeneir und die bekannten Obstruktionsklänge aus den verschied>cn>en Landsinben uns entgegen. Wie weing damit also dem Reiche und den Völkern gedient! ist, wenn in Oesterreich, der Schwerptmkt der politischen Tätigkeit aus dem Neichsrate in die Landtags verlegt wird, beweist daher ihre jetzige Tagung wieder. Im b ö h m i s ch e n Landtage obstruieren die Abgeordneten der „deutschen Linken", in den mährischen Landstuben d> r o> h e n die tschechischen Abgeordneten mit Obstruktion, wenn nicht die Wahlreform von deutscher Seite in Angriff genommen wird, im galizischen Landtage wieder beabsichtigen die mih mischen Deputierten zu obstruieren, falls kein ruthenisches Ghlnnasium in Stanislau errichtet wird, und im Landtage zu Laibach wird wiegen einer neuen slovenischen Universität Obstruktion angekündet. Sind also die Landtage in ihrer heutigen Form mit ihren heutigen Parteien nicht ebenso Brutstätten der Nationalitätenhetze wie der Reichsrat, wiederholt sich nicht dasselbe traurige Spiel da und dort? Nun, die Länderautoinomie vermag ebensowenig in das nationale Chaos eine Ordnung zu bringen, als es bisher der Zentralisation' rrnd dem Dualismus gelungen ist. Es gibt — das kann nicht oft: genug wiederholt werden — für die Beendigung der Wirren, in Cis- und Transleithanien! und' des Kampfes zwischen beiden Reichshälfton nur ein einziges radikales Mittel, zu dem man früher oder später lütrb schreiten müssen: die Ersetzung des Dualismus durch eine n a t i o n a I - a u t o n o m i st i s ch e R e i ch s° Verfassung. Nur die nationale Autonomie sichert jeder Nationalität! in Cis- und Trans leithamen die Möglichkeit der freien Entwicklung, sie verhindert jede Vergewaltigung irgend einer nationalen Minorität und gibt dem Reiche, was des Reiches, die notwendige Einheit in den g e m eins a in € u Angelegenheiten aller seiner Bewohner, sowie die Volk e r e i n i g k e i t , die beste Garantie seines Bestandes, seiner politischen Konsolidierung und wirtschaftlichen Negeneriernng. Gerade die Juden, die eine nationale Minorität in diesem österreichischen Völkerreiche bilden, die derzeit kein Zentrum haben, nach wel- Feuilleton. Suder«ann: „Der Sturmgeselle Sokrates." Von A. Halberthal-Berlirr. Als ich in Hermann SudermannS Studierzimmer saß und er mit mir plauderte, fiel nur einmal das Wort: Jude. Er gab mir einen Ratschlag; und ich betonte mein „Jud-sein." „Dann — allerdings wird's schwer sein." Augenscheinlich bedauerte er es, das mir sagen zu müssen, aber „es ist nun einmal fo" . . . Daß der Verfasser von „Frau Sorge" ober das Judentum oder bester den Juden als solchen sehr wenig kennt, ist mir nicht im Traume eingefallen. Das sollte ich erst aus seinem neuesten Drama: „Sokrates der Sturmgesell", erfahren. Und ich muß sagen: Diese Erfahrung tat mir weh, feinet- und meinetwillen. Der „Heimat"»Dichter muß oder müßte darauf bedacht sein, daß sein Wort einen Klang hat und eine» Nachhall findet — unbedingt. Und wo es Juden augeht, wo dieses Wort das Judentum betrifft, doppelt und.dreifach. Das hat er, ich sage eS offen und rund heraus, nicht getan. Das ist tief bedauerlich. Sein Rabbiner Dr. Markus« ist ein Hoh» auf alles Jüdische, auf alles Menschliche; auf alle Ehrlichkeit. chem sie gravitieren könnten, müssen für eine Reorganisation Oesterreichs auf Grund der nationalen Autonomie eintreten, weil sie in einem auf der Gleichberechtigung aller seiner Volksstümme aufgebauten Nationalitüteustaale eher sich frei zu 'entfalten vermögen, als in den angrenzenden Nationalstaaten. Wiv müssen umsomehr an diesem national-antonomistischen Programme festhalten, weil wir. überzeugt sind, daß auch im Falle der Erlangung einer Heimstätte in Ostafrika oder Palästina vorwiegend die o st europäischen Frede u dorthin auswandern werden, die w e st europäischen und speziell der größte Teil der ö st e r r e i ch i s ch e n Juden in ihren derzeitigen Wohnsitzen verbleiben werden. Als Juden und als Oesterreichev müssen wir somit die Beendigung des Nationalitätenstreites wünschen, umsomehr, da parallel mit ihm der Antisemitismus fortschreitet, wie man in Galizien rmd Ungarn jetzt wieder deutlich sehen kann. Trotzdem wir und mit uns alle, als Angehörige des jüdischen Volkes sich fühlenden Juden immer und immer' wieder für die Gleichberechtigung dev Rutheuen mit den Polen, der Nichtmagyaren mit den Magyaren eintreten, schreibt man immer wieder alle chauvinistischen B ernte rtheitcn dev polnisch-jüdischen und magyarisch-jüdischen A s - s i m i l a n t e ni aufs Kerbholz des gesamten jüdischen Volkes. So kann man jetzt! wieder beobachten, wie gewisse serbische, rumänische und deutsche Blätter (siche „Kronstädter Zeitung") alle Juden mit den „judäomagyarischen" Chauvinisten. identifizieren und auf dieser Basis in'Ungarn rmd Siebenbürgen den Antisemitismus propagieren. T Wir« volksbewrißten Juden!, die wir den magyarischen und polnischen Chauvinismus der Assimilanten bekämpfen und mit unseren Sympathien als unterdrücktes Volk auf Seite aller national Unterdrückten steh>cn, müssen aber fordern, daß jene!, welche über Unterdrückung klagen und für s i ch das gleiche Recht fordern, dasselbe auch! den Juden nicht vorenthalten und' dieselben nicht zu Parias hcrabdrückcn wollen. Hiev ein symptomatischer Fall: Aus Panscova in Südungarn, welches durchwegs von Serben bewohnt! ist, berichtet man, daß die dortigenserbischen Frauen einen Verein gegründet haben, dessen Mitglieder sich verpflichteten, n i ch t s bei den Jude n z u k a ufen, k e i n e n j ü d i s ch e n A r z t oder Advokaten zu benütze n> n n d überhaupt sich j ed e r Ge - s ch ä f t e u n d j e d e n V >e r k ehrs mit I u d e n z u enthalte n. Dem Verein ist bereits die g e s a m t e s e r b i s ch e F v cr u e n w e l i! Panseovas beigetreten. Die serbische Frauenzeitung! „Zenski Swjet" („Die Fvauenwelt") feiert die Gründung dieses anlijildischen- Vereines Wenn wir Juden solche Rabbiner in der Tat hätten, «Wen wir rot vor Scham werden. Ich sage: Nicht etwa, weil dieser famose „Rabbi" treife ißt — das ist an und für sich schlimm genug für eine Volks- Autorität — sondern wie er davon spricht und wo er es tut. Dieser Mann ist weder Revolutionär, noch Rabbiner, noch Mensch — er ist frech nach unten — Slig nach oben — er ist ein elender, ekelhafter Speichellecker. Er ist Mitglied der Sturmgesellen, der „Achtundvierziger", heißt Spinoza und — feiert Sedan, macht Bücklinge vor dem Landrat — läßt seine Religion beschimpfen durch den Ausspruch: „Auch die jüdische Religion muß dem Volke erhalten werden, denn wo kämen sonst die famosen jüdischen Witze her" — «nd spricht dann von Menschentum — von Mensch-sein. Was Sudermaun von dieser Figur wollte, ist und bleibt mir ein Rätsel. Der Sohn dieses würdigen Mannes erfährt's nur allzubald, indem er von allen Burschenschaften herausgewimmelt wurde, daß mau mit Kompromißüchließen nicht allzuweit kommt. Er erzählt dies seinem Vater. Und abermals spricht der Rabbi von Mensch-sein. Pfui und dreimal Pfui! „Hierfür müssen wir uns auch würdig halten" — sagt er. Ja — aber fällt diesem Manne gar nicht ein, wie «nwürdig dieses Anschmiegen an die „christlichen Freunde" ist. — Welche Rolle man da spielt? Wie charakterlos man ist? Wie gemein das aussieht? Nein, Herr Dr. Markuse! Nein, Herr Sudermann! Solche Rabbiner haben wir nicht. Und wen» solche vorhanden sein sollten — sind sie die Eiterbeule in unserem Organismus — jawohl, meine Herren! seitens der Panscovaev Frauen als eine patriotische und nationale Tat, denn bei den bekannten E x z e s s e n g e g e tu d i e Serbe n in Agram seien die Juden Rädelsführer gewesen, und' das Blatt fordert auch die serbischen Frauen anderer Ortschaften auf, dem Beispiel der Panscovaev Frarlen zri folgen und gleiche Vereine ins Leben zu rufen. Mit Bezug auf die! Exzesse in Agram hat! bekanntlich seinerzeit das „Jüdische V ol k s b l a t t" auf das Schärfste die Ausschreitungen gegen! die Serben varurteilt rmd ist auch fiir eine kroatisch-serbische _ Verständigung, die mittlerweile teilweise vor sich gegangen ist, eingetreten. Es ist also wieder einmal ungerecht, alle Juden verantwortlich zu machen für einzelne Individuen und die Gesamtheit! büßen zu lassen für die Fehler einzelner. Ab'cr die Lehre könnten' doch> die Juden Oesteirreichs endlich aus alledem ziehen: sich zurückzu ziehen von den fremd-nationalen Parteien und a!rrfzuhören, als- Kanoueufri.tter den nationalen Chauvinisten der versch'iedenen Volksstämm-e zu dien>en. Diese haben den gesamten Parlamentarismus prostituiert und die Fundamente der Verfassung untergrab-en. Nun gibt es nur einen Ausweg aus dem Chaos in diesem Reiche: die Bildung einer jungösterreichrs ch e n L i g a> aus den Modernen, aller Völker Oesterreichs zum Zwecke einer national-autonomistischen Verfassungsrevision. In der B it kowina sind schöne Ansätze dazu; möge bald auch im übrigen Oesterreich es vorwärts gehm! Rakoezy und Deak. Zwei Nationalfeiern durchüraufen gegenwärtig lärmend die Länder der Stefanskrone, Gedenkfeiern, die sich an das Andenken zweier Männer knüpfen, deren große politische Bedeutung kein vernünftiger Mensch leugnen kann'. Die eine Feier, die mit allem echten', erkünstelten und erzwunge'nen Euthusiasrnus, den die in Ungarn eben herrschende Ger!eiztheit zu' zeugm vermochte, znr! Schau getragen' wird, rmd in der durch die Ha-uptstadt Budapest am 10. ds. auf der „Generalwiese", dem sogenannten „Blutfelde", veranstalteten Gedenkfeier ihren Kulminationspunkt erreicht hat, ist der ziveihundertstein Jahreswende des Tod-estag-es Franz. R a k o c z y s II. geweiht. Die zweite Feier ist dem am 17. ds. wiederkehrenden hundertsten Geburtstage Franz D e a k s gelvidmet. R a ko.cz y und D!e cu k, oder um die geschickte Wendung Fmuz. K o s s n t h s zri> gebrauchen, K o s s u t h, in dem der Geist R a k o e z y s wieder aufgelebt lvav, und D e a k sind noch innner Namen, die die Politik Ungarns beherrschen, rmd die gewissermaßm um die Herrschaft ringen. Rakoezy, der alte Kuruzenführer, der „mit Helden-' mut gegen Tiirken rnrd die Boirherrschaft Oesterreichs focht", dessen- Gebeine unter osmanischein Boden rühm und Die Mische Rasse. Von Dr. Leo Sofer. Der Autor der preisgekrönten, von Fleiß zeugenden Abhandlung, *) die wir besprechen, kommt im Wesentlichen ■ zu folgenden Ergebnissen: 1. Eine wirkliche Analogie des Schädelbaues zwischen den Inden und der eingeborenen Bevölkerung besteht nicht. 2. ES gibt in physischer Beziehung keine Differenzierung der Juden in Sephardim und Aschkenasim. 3. Die Brachyeephalie ist bei den Juden eine so konstante. Erscheinung, daß sie vorwiegend im Verhältniffe 60 bis 800/0 an den Tag tritt. 4. Der dunkle Typus ist fast überall bei den Juden weit stärker vertreten als der blonde. Jedoch kann von irgend einer Analogie mit dem reinen semitischen Typus nicht die Rede sein. Während der blonde Typus unter den Beduinen zur Seltenheit gehört, kommen auf die Blonden und Helläugigen unter den Juden 30°/o. Diese Zahlen zeigen von einer bedeutende« Summe blonder und helläugiger Raffenelemente, welche auf die Herausbildung des jüdischen Volkes mit von Einfluß waren. 5. Die vorkommenden Zahlenverschiedenheiten kommen nicht über geringe Schwankungen hinaus, die übrigens durch die Hauptanschauung der Ethnologie der Juden, ihre Mischung in Europa, nicht erklärt werden. 6. Nnr in der Körpergröße ist eine bedeutende Skala von Schwankungen bis 10 cm vorhanden. Außerdem ist die 'y Dr. I. M. Judt, Warschau. „Di« Juden als Raffe". Eine Analyse aus dem Gebiete der Anthropologie. Mit 24 Abbildungen, l Karte und Tabellen. Jüdischer Verlag, Berlin. Preis Mark 5 70.