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Jüdisches Volksblatt · 1903-09-11 · 37 (11.9.1903) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
37 (11.9.1903)
Date
1903-09-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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VdmnMration: n/3. Leopoldssalle 49. Telcphon-Nk. 14728 RbonnementSpreiS: Telepho»-Nr. 14723 Für Wie» «. O-sterretch'Nngar» lammt Francozuüellung. «anzjährtg Siertet(ä6rifl . . ftr. 8.- :fc Für das gelammte AnSlanb fammt Francozustellung. Danzjährig . Halbjährig . Bierteljährtg «r. » - „ 225 . 37 Wie», 11. September 1903 (19. Glut 5663). V. Jahrgang. Alüvilat oder Passivität? Wien, Anfang September. Einer unser Mitarbeiter hatte Gelegenheit, mit einem aktiven Politiker, der ( mit jüdischen Verhältnissen wohl vertraut ist, über die Frage einer jüdischen Realpolitik zu sprechen. Folgendes waren die Hanptmomente der Antwort: Sie setzen mich durch Ihre Frage eigentlich in Erstaunen; denn ich halte cs sür selbstve rständlich, daß in dem Mcmente, in welchem sich die I uden als eigenes Volk sühlen, sie auch eine eigene Volkspolüik betreiben müssen. Es schlt cllerdinos nicht an Beispielen, dcß Parteien und Nationen die Enthaltung vo n jeder politischen Betätigung propagierten. Aber immer sahen wir, daß schließlich mit Naimgewalt die Richtung siegte, welche sür die politische Betätigung sich oussprach. Dieser Prozeß vollzog sich bei der deutschen und österre ichischen Sozialdemokratie, er vollzog sich innerhalb der national-tschechischen Partei und er vollzieht sich unter unseren Augen unter den Nationalitäten Ungarns. Am längsten harrte dort dos Dreimillionenvolk der Rumänen bei der Pafsivitätspolitik ans. Aber auch in diesem Lager ist ein Umschwung zu verzeichnen. Dr. Aurelian Vlad wurde als erster Aktivist in das ungarische Parlament gewählt. Damit haben alle Nationalitäten Ungarns den Weg der aktiven Nationalpolitik betreten, mit Ausnahme natürlich — der Juden. Die Juden als Individuen können sich enthalten Politik zu treiben, die Juden ulS Volk — nimm er mehr. Sie haben höchstens die Wohl zwischen guter und schlechter, zwischen jüdischer und unjüdischer Politik, und diese Wahl sollte ihnen, meinem Ermessen noch, nicht schwer fallen. Wie ich höre, perhorresziert man in den Kreisen der politischen Zionisten den Eintritt in eine aktive Politik. Ich finde darin einen Mangel an Konsequenz; denn, wenn man in Bezug auf die Erreichung des Endzieles einen so großen Wert auf politische Unterhandlungen legt, so sollte doch logischerweise die Politik nicht ihren Wert verlieren, wenn man sie in den Dienst der Gegenwartsarbeit stellt. Tatsächlich zwingen die Verhältnisse die politischen Zionisten Politik zu treiben. Bei der Gemeinderatswahl in Weißkirchen und L e i p n i k griff das mährische Distriktskomitee ein. Auch aus Galizien tönt immer kräftiger der Ruf nach einer jüdischen Realpolitik. Es ist doch viel rationeller und ganz andere Früchte sind zu erhoffen, wenn auf Grund eines Programmes im ganzen Reiche seitens der Parteileitung die Parole ausgegeben wird, als wenn einzelne Gruppen selbständig Vorgehen. Judith. Von Pol de Mont. An offnen Fensters Rand, um das der Nachtwind singt, Sitzt stumm Bethuliens Weib, in Träume tief versunken, Schaut auf zum Wolkenheer, durch das ein Stern kaum blinkt, Matt, wie in ihrer Brust der letzte Hoffnungsfunken. Es waltet tief und still die Nacht allüberall. Fern ragen zahllos auf Assyriens Lagerzelte, Spukhaft aufdämmern oft die Wachen auf dem Wall, Wenn Lagerfeuerglnt die graue Nacht erhellte. Und aus des Weibes Brust steigt bange Seufzerweise, Mit ihres Geistes Blick als wie im Fiebertraum Schaut sie Erschlagne rings, verwaiste Kinder, Greise, Und wirres Wehgeschrei dnrchhallt den weiten Raum. Und nach dem Lager schießt ihr Ang' des Hasses Strahlen, Doch hoch auf Bergeshöhn, die schwarzer Wald umlaubt, Schwimmt matt und bleich der Mond im Nebel, rötlich-fahlen, Gleichwie in Lachen Bluts ein abgeschlagnes Haupt. Neclam. Ein Jndenstaat-Gründer. Von Dr. K a y s e r l i n g M. Aus dem Ungarischen von Max Kuh rin. Die verschiedenen Arten der Unterdrückung, welche die Juden in den letzten zwei Jahrzehnten wieder getroffen haben, die mittelalterlichen Verfolgungen im großen Zarenreiche, die schauerlichen Massaere, die neueste Judenfrage, die Antisemitismus genannt wird, welche in den verschiedenen Staaten mehr oder weniger unser Leben beschwerlich macht, hob Nord au hat auf dem letzten Kongresse wiederum die Forderung erhoben, in allen jüdischen Gemeinden die nationale Kokarde auszustecken und sie in den Dienst der jüdischen Volkspolitik zu stellen. Damit ist es aber noch nicht getan. Wie ich aus Ihrem Blatte entnehme, hat ein Delegierter (K r ä pe l-Krakau, Anm. d. Red.) auf dem österreichischen Parteitag erklärt: „Wenn wir die Kultusgemeinden erobern wollen, müssen wir unbedingt auch Landespolitik treiben". Und das ist selbstverständlich; denn die Kultusgimeinden sind bis heute nicht nur die Träger der Assimliation auf jüdischem, sondern auch auf politischem Gebiete. Es ist auch ganz klar, welche die jüdische Politik sein muß. Sie muß mit einem Wort eine Minoritätspolitlk sein. Die Juden sind überall eine gequälte, zurückgesetzte Minorität. Ihr natürlicher Platz ist an der Seite der übrigen unterdrückten Minoritäten. Es war ein verhängnisvoller Fehler der bisherigen Führer, Majoritätspolitik zu betreiben. Dadurch blieben sie die Parias; die sie waren, sie beraubten sich aber auch außerdem des letzten und elementarsten Rechtes, des Rechtes, überallhin das Unglück, das ihnen geschieht zu verkünden, sie beraubten sich mit einem Worte, der Tribüne. Diese Minoritätspolitik ist nicht aussichtslos, zumal in Oesterreich. Nicht die führende Kraft einzelner genialer Politiker, denn daran herrscht bei uns großer Mangel, sondern die natürlichen Verhältnisse des Reiches treiben es mit Naturgewalt dazu, als erstes in Europa das Ideal oineS modernen Völkerfiaates zu verkörpern., in dem nur die notwendigsten Agenden der zentralen Staatsgewalt verbleiben, alle anderen aber der freien Autonomie der Völker überlassen werden. Diese Erkenntnis bricht sich, wenn auch sehr langsam, dennoch Bahn. Ich verweise Sie auf die vorliegende Rede des Abgeordneten Dr. Herold in der Interparlamentarischen Union für internationale Schiedsgerichte: „Es muß das N a t u rr e ch t der einzelnen Völker zur Geltung kommen, um auf Grund dieses Naturrechtes die rechtlichen Gewohnheiten und schließlich Gesetze zu bilden. Wir sehen, daß im Mittelalter die Kriege auf Grund der religiösen Idee geführt wurden, wir sehen in der Neuzeit, daß die größten Staatsformationen auf Grund der nationalen Idee herausgebildet worden sind, daß diese nationale Idee in den Völkern selbst der Beweggrund zu einzelnen Kriegen gewesen war. Aber wenn wir daher auf dem Gebiete der Friedensbestrebungen zu einem Ziele gelangen wollen, so müssen wir wenigstens in der interparlamentarrschen Konferenz unsere Propaganda dahin richten, daß die Grundlage gebildet werde für ein wirkauch das Bewußtsein der Volkseinheit und erzweckte eine große, nach Palästina gravitierende Kolonisations-Idee. Das Judenvolk ist auf dem ganzen Erdreiche zerstreut, an vielen Oertern verfolgt, beleidigt, von der Gesellschaft gemieden. Die Zionisten behaupten, daß sie zu ihrer Existenz wiederum im Besitze eines besonderen Landes sein und einen eigenen Staat, einen Judenstaat haben müssen. Seitdem der letzte derartige Versuch unter Bar K v ch b a vereitelt, und der ganze Jndenstamm beinahe vernichtet wurde, befaßten sich die Inden nie mehr mit dem Gedanken, durch Kolonisierung in Palästina oder durch Besitzergreifung eines Nachbarlandes die jüdische Nationalität zu erwecken. Zwar haben während dieser langen Zeit die Verfolgungen nicht aufgehört! Als von Spanien Hunderttansende verbannt wurden und unter türkischer Fahne Aufnahme fanden, setzten sie sich massenhaft in Konstantinopel, Salonichi, Smyrna fest; viele gingen nach Jerusalem, Hebron, Liberias, Safet, es siel ihnen jedoch niemals ein, in Palästina sich zu organisieren. Den spanischen Auswanderern fehlte es weder an nötigen materiellen Mitteln noch an Bildung oder staatsmännischer Weisheit. Der erste, der in den Zwanzigerjahren des XlX. Jahrhunderts, während der grüßte Teil unserer Stammesgenossen noch unter schwerer Unterdrückung ächzte, sich mit dem Plan befaßte, eine große Judenkolonie, einen Judenstaat zu gründen, war der amerikanische Jude Noa Mardechai M. Noa Mardechai M. stammte von mütterlicher Seite von einer angesehenen portugiesischen Marannen-Familie, welche den Jnquisitions-Jntrignen ausweichend von Lissabon nach London sich einschiffte und dann nach Amerika answanderte. Er war als Sohn des Noa Manuel und der Mendez Machado Nebeka 1768 in Philadelphia geboren. Der Tod beraubte ihn im frühen Alter der mütterlichen Aufsicht und die unruhige liches, für die Ausbildung der Staaten für den Frieden maßgebendes Recht der einzelnen Völker und Nationen. Es muß das Rechtsbewußtsein über die natürliche Stellung der einzelnen Nationen und Völker ein allgemeines sein, es muß dieses Rechtsbewußtsein zum Gemeingut aller zivilisierten Völker werden, um fruchtbringend in den einzelnen Staaten zu wirken und dadurch Verhältnisse zu schaffen, welche den Anlaß zu blutigen Kriegen und Kämpfen beseitigen und der Kulturfähigkeit, Zivilisation und Humanität auf allen Gebieten und bei allen Völkern freien Lauf lassen.. Und darin, glaube ich, liegt das hohe Ziel der interparlamentarischen Konferenz. Wir sind hier nicht dazu berufen, um vielleicht den Staaten Vorschriften zu geben. Die Unabhängigkeit der einzelnen Staaten steht intakt vor den Toren dieser interparlamentarischen Konferenz; aber als Vertreter vieler Nationen müssen wir in einem Zeitalter, wo die Nationen durch die wissenschaftliche Tätigkeit und die technische Entwicklung einander genähert worden sind, wo die Kultur der einzelnen Nation nicht ihr Eigentum, sondern Gemeingut der ganzen Welt ist, wenn wir Gelegenheit haben,' in einer interparlamentarischen Konferenz zusammenzukommen, zu Vorkämpfern sür die Propaganda des wirklichen, auf dem Rechte der Selbstbestimmung jedes einzelnen Volkes basierenden Völkerrechtes werden. Es müsse, schließt Redner, die Möglichkeit geschaffen werden, daß die Begriffe über die Rechte und Psltcylen Der elnzelneu Volker gegen einander sür alle Völker gleich sind. Kroatischer Brief. Agram, 18. August 1903. Der neue Bmms Gras Theodor Pejacsevich hat vor wenigen Wochen in die kroatische Landeshauptstadt, das weiße Agram, seinen Einzug gehalten und nach all den zahlreichen Unruhen und Wirren des Regimes K h u e n - H e d e r v a r y ist eine Zeit leidlicher Ruhe in den vereinigten Königreichen Kroatien- Slavonien eingetreten. Es scheint jedoch, als ob dies nur eine Art Ruhe vor dem Sturm ist und ein gewaltiges Gewitter im Anzuge ist, fähig, das ganze Land aufzuwirbeln und gar Vieles an den bestehenden Zuständen zu ändern. Der seit vielen Jahren zwischen Ungarn und Kroatien herrschende Streit hat die Form eines verzweifelten Kampfes angenommen, in dem die Kroaten um die durch Gesetze gewährleistete ausschließliche Geltung der nationalen Sprache und Fahne im öffentlichen Leben kämpfen, während die Magyaren durch Aufdrängen ihrer Sprache in den gemeinsamen kroatisch-ungarischen Aemtern die Fiktion eines homo- Lebensweise seines Vaters raubte ihm auch die väterliche Stütze So gelaugte er zu seinem Großvater, der ihur mit großer Nachsicht erzog. Er beabsichtigte ihn zum Handwerker heranzuziehen, seine Lehrjahre verbrachte er bei einem Bildschnitzer und Vergolder. Seinen lebhaften Geist und sein exzentrisches Wesen befriedigte jedoch das Handwerk nicht, er war ein leidenschaftlicher Theaterfreund. Des Abends besuchte er das Theater, und so entwickelte sich in ihm schon in seinem frühen Alter die Liebe für die Dramatische Kunst. Im Jahre 1810 ließ er sich in C h a r l e st o n in Süd-Carolina nieder, wo er die Redaktion eines politischen Blattes übernahm und sich mit jüdischen Studien befaßte. Er hatte noch das viernndzwanzigste Lebensjahr nicht erreicht, als er sich schon als Dramatiker versuchte. Er schrieb ein Drama unter der Aufschrift „Die Wächter des Rhein" für eine Charlestvner Schauspielerin, deren Schönheit mehr als ihre Kunst gefeiert wurde. Das Stück wurde 10 Jahre später als in Charleston, aber unter verändertem Namen, im New-Ä)orker Park-Theater zur Aufführung gebracht, wo es einen großen Sieg davontrug. Der junge Dramatiker und Journalist war ein begeisterter Jude, voll schwärmerischer Liebe für jenes Volk, von dem er stammte. Er sehnte sich, persönliche Kenntnisse von den Juden zu haben, von ihrem Charakter, von ihrer Lebensweise und Sitten, die in Nordafrika in großer Zahl wohnten, und die seit T n d e l a i Benjamin ein jüdischer Reisender nicht ausgesucht hatte. Auf welche Weise sollte er jedoch seine Sehnsucht verwirklichen? Eine Reise in jene unfreundliche Gegend, ohne bewaffnete Begleitung war ganz unausführbar. Da eben die Tuniser und T r i p o l i s e r Konsulate unbesetzt waren, so reflektierte er auf eines derselben. Durch seine journalistischen Leistungen zog er die Aufmerksamkeit von M adison, des damaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten Nordamerikas, ans sich, und durfte er nun hoffen, daß sein

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