Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 36 (4.9.1903)
- Date
- 1903-09-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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H Lrvtttion: H/S. Leopol-sgafls 49. Lprechft»«re«r Sk« SSochrMsgrn von 4 bis 5 Sh« nachmittag». A.--br»ff,r S«»N«e» B-USSlatt. Wie«, »1». »»schwerder« «egm verspätetcr oder gar nicht erfolgter Zuüellung eröttten vtr ,nr dringend. -- Mem»serwte vsrrde» »icht zmMaestellt. Yoßiparcaffen-Sonto SS7or?. In da» Momiement kann «an täglich eintreten. MM jeden Freitag araSfcE MNtvtrKrmg de« vmn Wdischsn Volksvrreta srHrMltsn ADesssovunifNon. Fnfttste kdenrehmen die Firmen: I. Danneberg, M. Dukes, Haasen« Ma A Vogler, Rudolf Moste, SL OppeU!. M. Pozsonyi, «. Schale! in Wien» ferner alle 8uuoncea»Txpedttionen im AuSlande. GS«zeiM«Mmer i« Wie» I« Heller. Administration; n/S. Leopoldsgasts 49. Telephon-Nr. 14733 Abonuemeutspreis: TelePhon.Nr. 14733 Sür Wie« «. Oesterreich.Uugar« fammt Francozustellung. «anzjShrig . . Kr. 8.— Halbstbrig . . . , 4.- Liertelsährig. . ..„».- Für baS gefmnmte Ausland fammt Francozustellung. Ganzjährig . Harbjährig . Bierteljährig .Kr. v — . , 4J50 . * »ÄS Ur. 36 Men, 4+ Seplemver 1903 <12. Glut 5663). V. Jechrgallg. Epilog zum sechsten Kongreß. Von Dr. L. S. Wir würden unsere Pflicht als nationales Blatt, das seit seiner Gründung für das zionistische Ideal eintritt, wahrhaft schlecht verstehen, wenn wir die Ergebnisse des sechsten Kongresses nicht einer rückhaltslosen Kritik unterzögen. Heben wir zuerst die Lichtseiten hervor. Wir haben die Genugtuung, daß die Meinung, der wir in Nummer 34 Ausdruck gaben, daß, ohne Rücksicht auf die Höhe des Nationalfonds, wir den sofortigen Landkauf für das einzig richtige Vorgehen halten, von der Mehrheit des Kongresses entgegen den offiziellen Anträgen der Nationalfondskommission geteilt wurde. Nachstehend lassen wir den Verlauf der Abstimmung folgen: Man schreitet zur Abstimmung über die Anträge der Nationalfondskommission. Präsident Dr. Bodenheim er läßt zuerst über das Prinzip abstimmen, ob man sämtliche drei Punkte der Kommission überweisen wolle. Wird abgelehnt. (Beifall.) Sodann wird über die einzelnen Artikel abgestimmt. Der erste Satz des Artikels I: „Die Festsetzung des Statuts des Nationalfonds wird der nächsten Jahreskonferenz überlassen", wird angenommen. Ueber den zweiten Satz des Artikels 1: „Jedoch soll der Kongreß definitiv den Zweck und den Zeitpunkt des Beginnes der Tätigkeit des Nationalfondes bestimmen", wird getrennt abgestimmt: beide Teile werdsn angenommen. Artikel II: „Der Zweck des Nationalfonds soll folgender sein: In Palästina und den Nachbarlanden Bau-, Acker- und Gartenland, wie auch Waldungen und Grundstücke jeder Art anzukaufen oder zu verkaufen, das gekaufte Land bebauen oder bearbeiten zu lassen oder auch an Juden mit Ausschluß der Afterpflicht zu verpachten, alle möglichen oder denkbaren Unternehmungen, welche diesem Zwecke dienen, zu begründen oder zu fördern, zur Erhaltung oder Erwerbung des Besitzstandes Verträge jeder Art zur Förderung dieses Zweckes zu schließen, sowie zur Entwicklung dieses Zweckes mit industriellen oder finanziellen Unternehmungeu, sowie mit Regierungen oder Behörden in Verbindung zu treten" wird mit der Streichung von „oder zu verkaufen" angenommen. Art. IIl, erster Absatz : „Der jüdische Nationalfonds darf erst dann seine Tätigkeit beginnen, wenn das Vermögen desselben den Betrag von 200.000 Pfund Sterling erreicht hat. Bis zu diesem Zeitpunkte sollen die Kapitalien des Nationalfonds durch den Jewish Colonial-Trust (Jüdische Kolonialbank) Limited London, bei Banken oder in Wertpapieren angelegt werden", wird abgelehirt. Das war die Entscheidung. Präsident Dr. B o d e n h e i m e r : In der Abstimmung hat der Kongreß seinen Willen zu erkennen gegeben, daß mit dem Landkauf nicht erst dann begonnen werden kann, wenn der Betrag von 200.000 Pfund Sterling vorhanden ist. Demnach ist die zweite Hälfte des zweiten Absatzes von Artikel III: „Sobald der Fonds die Höhe von 200.000 Pfund Sterling erreicht hat, kann die Hälfte desselben für Landankauf in Palästina und den Nachbarländern verwendet werden, während die andere Hälfte und die gesamten Zinsen solange unantastbar bleiben müssen, bis nach Ansicht der Generalversammlung eine jüdische Kolonisation im großen in Palästina oder Syrien möglich ist", hinfällig geworden, nicht aber der dritte Absatz, der in der Fassung der Kommission folgendermaßen lautet: „Dem Aufsichtsrate wird jedoch die Befugnis erteilt, Land in Palästina und in Syrien zu kaufen, noch bevor der Fonds die Höhe von 200.000 Pfund Sterling erreicht, wenn die Versammlung einen solchen Beschluß mit % Mehrheit gefaßt hat." Herr Dr. Tschlenow verlangt nur die einfache Majorität für die Genehmigung der Landküufe. Antrag Tschlenow wird angenommen. Es bleibt uns noch die Abstimmung über die letzten Zusatzbestimmungen in Artikel III, zweiter Absatz, in denen der Gedanke ausgedrückt ist, daß nur die eine Hälfte zu Landankäufen verwendet werden soll, während die andere fruchtbringend angelegt werden soll. Dr. Tschlenow schlägt vor, daß % zum Landankaufe verwendet werden soll und V4 nutzbringend angelegt werden soll. Antrag der Kommission wird abgelehnt. Antrag Tschlenow wird angenommen. Art. IV: Im klebrigen wird das Statut an eine vom Kongresse zu wählende, aus 9 Personen bestehende Kommission gewiesen, wird angenommen. Damit hat der Kongreß den Weg der praktischen Kolonisation, wir sagen es offen heraus, ungeschlagen. Wir wollen dies nicht auf Grund scharfsinniger Deduktionen und Kombinationen beweisen, sondern wir wollen einfach einen „reinpolitischen" Zionisten das Wort lassen. Dozent Dr. Pasmanik (Genf) sagte; „Ich, ein entschiedener Jasager in der Ostafrikafrage, bin ein ebenso entschiedener Verfechter der Idee, daß man das Land in Palästina sofort anzukaufen beginne. (Lebhafter Beifall.) Für mi-ch ist Ostafrika und Palästina kein Gegensatz, keine Antithese, sondern eine Synthese. Das eine muß dem anderen vereinigt werden. (Beifall.) In dieser Hinsicht würde ich darauf bestehen, daß man nicht warten solle, bis wir 200.000 Pfund besitzen werden, sondern sofort zum Ankauf von Land schreiten sollen und daß wir es nicht dem A.-C. überlassen sollen, sondern der Kongreß als solcher soll es beschließen. Sie müssen sich über die Tragweite Ihres Beschlusses klar werden. Man kann nicht bloß Land ankaufen. In der Türkei heißt es zugleich: Kolonisieren. Denn nach der türkischen Gesetzgebung darf unbebautes Land seinem Eigentümer weggenommen werden. Wenn Sie in der Türkei Land kaufen und eine Anzahl von Jahren nicht bebauen, müssen Sie entweder zu bebauen beginnen oder Sie geben dem Beamten Backschisch. (Widerspruch.) Ich will damit sagen, daß Sie, wenn Sie sich für Landankauf entscheiden, denken, daß Sie auch die Kolonisierung sofort prononzieren." . Präsident Dr. Herzl: „Gewisse Einzelheiten werden besser dem Ausschuß Vorbehalten." Dr. Pasmanik: „Ich stelle den formellen Antrag und wende mich speziell an die gestrige Majorität." (Beifall.) Es ist also wahr, daß der sechste Kongreß bei dem vielgeschmühten Kolonisationszioni s m u s landete. Wir wollen nicht Erwägungen nachgehen, die einem sehr nahe liegen; aber feststellen müssen wir diese Tatsache. Wir begrüßen ferner die Einsetzung einer Palästina- Kommission mit einem Budget von jährlich 15.000 Franks. Auch das ist ein Schritt zur praktischer Eroberung des Landes. Der Zweck der Kommission ist: 1. Die wissenschaftliche Erforschung Palästinas und der umliegenden in Betracht kommenden Länder in wirtschaftlicher, rechtlicher und geographischer Beziehung. 2. Die Errichtung einer Versuchsstation. 3. Die Errichtung eines landwirtschaftlichen und technischen Bureaus für Auskünfte tlftov OQ.iSöttnvotfo SDunftirlt ßF.r'mprfiShrnfpit linb Ssnbuftliß* Verhältnisse. 4. Die Errichtung einer Untersuchungsstation bezweckend die Untersuchung ansteckender Krankheiten. 5. Die Herausgabe einer Zeitschrift fürPalästinakunde. Selbstverständlich wird die Palästina-Kommission die Fonds für die Errichtung der landwirtschaftlichen und der medizinischen Untersuchungsstation noch eigens aufbringen müssen. In die Kommission wurden folgende drei Herren gewählt: Prof. Dr. Marburg, Dr. Franz Oppenheimer und Dr. Selig Soskin, alle drei in Berlin. Zu den Lichtseiten des Kongresses gehört ferner der Bericht über den günstigen Stand der Kolonialbank und Feuilleton. Des Sängers Tod. Es tönt so still und heilig Des Nachts ein stiller Sang, Es tönt vom Bachesufer, Es tönt so weich und bang. Der Wasservogel ist es, Er singt sein letztes Lied Er singt von Tod und Sterben, Er singt so matt und müd. Die Wasserrosen hören's, Es hört's der nahe Wald, Es zittert im Gebüsche: Zu Ende geht es bald. Und wird im fernen Osten Der Himmel blutigrot, So hörst du mehr kein Singen, So ist der Sänger tot. Mit ausgestreckten Flügeln, Den Kopf gen Ost gewandt, So starrt des Sängers Auge Ins Ferne unverwandt. Du hörst nur noch das Rauschen Des Wasserleicht, und bang Und in den Lüften zittert Des Sängers letzter Klang. David F r i s ch m a n n. (Aus dem Jüdischen übertragen von Jakob Krauß.) Veilchen. Von Moriz Reich. 1852. „Veilchen! Veilchen!" rief die Mutter besorgt vom Vorhausc die Treppe hinauf; keine Antwort. Sie erstieg nun eine Stufe nach der andern und iviederholte wie eine Henne, die ihre Küchlein zusnmmenglnckt, wenn es dämmert, ihren Nus, bis sie auf der Bodenkammer war; Veilchen war auch da nicht zu finden. Die Mutter bekam schier Herzpoche», sie durchsuchte mit der Laterne die ganze Kammer in allen Winkeln, sah unter den Wäschkasten, hinter den Kleiderschrank Veilchen war nicht zu finden; sie stieg auf den Oberboden, ivo das Mädchen letzthin oft weinend bei dem kleinen Fensterchen gesessen und in die Ferne gesehen hatte — Veilchen war auch da nicht. Es lvar die Nacht vor der Hochzeit — die Mutter war mit der blühenden Braut soeben im Franenbade gewesen, wie es bei den jüdischen Bräuten Sitte ist; sie lvaren darauf beide zugleich schlafen gegangen — aber um Mitternacht fuhr die Mutter ans aus dem Schlafe und sah bei der Nachtlampe, die seit Veilchens Geburt brannte, das; des Kindes Bett leer war; sie sprang auf und suchte allerorten, aber sie lveckte den Vater nicht, hatte er ja die Tage her durch Veilchen hinlänglich verstört gehabt. Sie war endlich müde und die ängstliche Besorgnis machte ihre Füße schiver; sie sank hin auf ihr Bett lind überdachte noch einmal den ganzen Verlauf der Heiratsgeschichte. Veilchen, das einzige Kind des Hauses, ward natürlich verzärtelt und verzogen; ihr Vater war gegen jedermann Eisen und Stahl, Feuer und Flamme, nur gegen Veilchen ein seidenes Tüchlein, das sich schmiegt itnb fältelt, je nach der Laune und dem Wogenschlag des Bilsens, der es trägt. Aber — in Kleinigkeiten! sobald es zu der« ersten, tvichtigen Schritt, zum Heiraten kam, da zog der Vater ganz neue Saiten ans — er mochre den Lehrer Phrkheimer nicht ansstehen; er gestand es ein: der Mann könne mit Not ein Weib ernähren, er sei sogar' ziemlich raisonneble, hübsch und wohlgestaltet — aber es braucht nur morgen der Gemeinde einzufallen, ihn sortzujagen, so ist er ein Bettler, denn sobald findet sich nicht wieder eine Stelle; es widerstand ihm auch die Art und Weise, wie sich Phrkheimer an sein Veilchen „angemacht"; außer dem Hanse auf einem Balle hatte er sie immer in der Fremde ausgesucht, sich aber nicht vor des Vaters Angesicht gewagt, denn er ahnte es, das; der reiche Naphtali Landstein einen Schwiegersohn wolle, der Haare auf den Zähnerl habender Vater wußte es, daß man zur Schürze der Mutter die Zuflucht nehme rnrd grollte umso tiefer. Sein Schoßkind lvar ihm nuir ganz entfrerndet; wenn er von Reisen kam, so rnußte er zufrieden sein, ivenn ihm der Pridel entgegenkam und ihm die Hände leckte — Veilchen verkroch sich; am Samstag zur Nacht, wenn drei Sterne anr Himmel verttindigten, der Ruhetag habe Abschied genommen, rrnd die Gewürzbüchse bereitstand auf dem Tische, daneben ein Glas Wein, da sah der Vater um in allen Eckeir des Zimmers nach Veilchen, daß sie die grüniveißrotverschlungene Wachskerze, die Havdalah, halte und er getrost die neue Woche einsegne —• er rnußte sie selber halten; lvenrr er Samstags aris dem Tempel karn rrird in die feierliche Stube trat, da sehnten sich seine Härrde nach dem Haupte Veilchens, dessen reichgeknoteten Zopf sie immer nur leise berührten, während seine Lippen sprachen: „Drr sollst werden wie Sarah, Rebekka, Rachel rrnd Lea!" — Seit der Bekanntschaft mit dem Lehrer hatte sich Veilchen auch dem Segerr ihres Vaters stets zrl entziehen gewrrßt. Diese kleirren Gewohrrheiten des Leberrs, in die ein reiches Herz all feine Innigkeit und Wärme legt, entbehren zu müssen, tat dem Manne sehr wehe. Veilchen hingegen fand einen geheimen, kindischerr Reiz in diesem Versteckenspielen, irr dieserr Geheimrrissen; je nrehr sie den Umgang des Lehrers entbehren, je besorgter sie sein mußte, Ivenn sie ihm bei irgend einer Freundin ein Stelldichein gab, desto inniger glühte es in ihrem Busen, ein desto himmlischeres Lichr ergoß sich um die Züge ihres Geliebten, desto enrschlossener ward ihr Wille, sich durchzusetzen. Pyrkheimers Gestalt war der-