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Jüdisches Volksblatt · 1903-08-21 · 34 (21.8.1903) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
34 (21.8.1903)
Date
1903-08-21
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 34 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 21. August 1903 Seite 5 tcagsakademie und Tanzkränzchen unter Mitwirkung hervorragender Kunslkräfte und einer ausgezeichneten Musikkapelle. Die Festrede hält Herr Dr. K r e n v e r g e r, Obmann des Landeskomitees. Karten ü 70 Heller sind im Vereinslokale, II., Stephaniestraße 8, im Restaurant Guth, in der Redaktion des „Jüdischen Volksblatt" und der„Welt", sowie bei allen Mitgliedern zu haben. Juden, erscheinet zahlreich zu diesem Feste. Einen jüdischen Turntag gedenken die schon zahlreich bestehenden jüdischen Turnvereine in der Zeit vom 21.—23. August in Basel abzuhalten. Einbcrufer des Delegiertentagcs ist darüber 600 aktive Mitglieder starke jüdische Turnverein „Bar Kochba"- Berlin. Nach den bisher vorliegenden Nachrichten lvird der Turntag vor: einer größeren Anzahl von Vereinen, insbesondere Deutschlands und Oesterreichs, beschickt werden und zu der schon lange angestrebten Vereinigung der vertretenen Turnvereine in eine „I ü d i s ch e Turners ch a f t" führen. Diese letztere soll namentlich mit mehr Kraft als bisher den örtlich beschränkten Einzelvereinen möglich war, für die Verbreitung des Turnens unter den Juden Propaganda machen, daneben auch einen starken ideellen und materiellen Stützpunkt für die angeschlossenen Vereine bieten. Israelitischer LandeS-Lehrervereiu in Böhmen. Die Hauptversammlung findet am 23. und 24. August 1003 statt. Tagesordnung: Am 23. August abends im Hotel „Bristol", Prag, Langegasse, geselliges Beisammensein. Am 24. August im Hotel „Bristol", 8 Uhr vormittags: Hauptversammlung. 1. Verlesen und Genehmigung des letzten Protokolls. 2. Methodischer Vortrag. 3. Geschäftsbericht über das 30. Vereinsjahr. (Rabbiner M. Freund, Bodonbach). 4. a) Kassabericht und Feststellung der Jahresbeiträge pro 1904. (Neligionslehrer D. L ö w y, Prag), b) Nevisionsbericht. 5. Unsere „Mitteilungen". (Rabbiner M. Freund, Bodenbach). Anträge des Vorstandes. 7. Anträge der Mitglieder. 8. Wahl des Vorstandes und der Revisoren. Warnung vor einem Schwindler. Die Polizei warnt das Publikum vor einem jungen Manne, der sich für einen aus Rumänien ausgewiesenen Advokaten Dr. Adolf Blum ausgibt und auf Grund gefälschter Zeugnisse mildtätige Spenden für seine in Rumänien in größter Not zurückgebliebenen Angehörigen sammelt. Bisher hat der Betreffende insbesondere die oberungarischen Komitate durchstreift; die Polizei ist jedoch avisiert, daß „Dr. Adolf B l u m" bereits in den nächsten Tagen nach Budapest kommen wird. Der Schwindler ist von mittlerer Statur, hat ein rundes, bartloses Gesicht, trägt einen Nasenklemmer und spricht deutsch, rumänisch und französisch. Aeber das Schönerer sche Organ, das „Alldeutsche Tagblatt" in Wien, schreibt das „Grazer Tagblatt": „In politischen und journalistischen Kreisen herrscht nur eine Ansicht darüber, daß eine ähnliche Verlogenheit, ein ähnliches zielbewußtes Lügen, wie fast jede Nlimruer des „unbestechlichen" Wiener S ch ö n er er - Blattes aufweist, in der Geschichte der österreichischen Journalistik geradezu einzig dasteht. Wir wollen nicht den Abgeordneten Schönerer für diese höchst peinliche Illustration seines alten und gerechtfertigten Kampfes gegen die Preßkorruption persönlich verantwortlich machen, weil ihm vielleicht die einzelnen Fälle gar nicht oder nicht richtig bekannt sind. (Wir sind überzeugt, daß diese Preßkorruption mit Wissen und Willen des Ritters v. Schönerer-Kognak betrieben wird. Sinnt, d. Red.) Aber seine Partei wird durch dieses Verhalten des Organes schwer getroffen und der Führer einer antikorruptionistischen Partei durfte es niemals dulden, daß als „verantwortlicher Schriftleiter" des Parteiorgans ein immuner Rrichsratsabgeordneter zeichnet, durch welchen Umstand, wie die Folge zeigt, planmäßig das freie Lügen des Blattes immunisiert und den durch die Lügen getroffenen Personen das Recht der Abwehr, der Berichtigung, geraubt ist. Von dem Schutze durch die Abgeordnetenimmunität seines „Verantwortlichen" macht das „unbestechliche" Tagblatt den unerhörtesten Gebrauch. Es verweigert einfach die Llufnahme der allen Forderungen des Gesetzes entsprechenden Berichtigungen, weil es die Berichtigungsklageu nicht zu fürchten hat! Hierdurch gibt das „unbestechliche" Tagblatt durch eine neue Art von Preßunmoral ein verwerfliches Beispiel und diese grundsätzliche Seite ist es, die uns nötigt, uns heute noch einmal mit dem Blatte zu beschäftigen." Das Grazer Blatt führt nun eine Reihe von Fallen an, die in greller Weise die bewußten Unwahrheiten des Schönere r- Blattes darlegen; und ein Parteiblatt, welches das Lügen zum Prinzip macht, will die Preßkorruption bekämpfen. (Bekanntlich gehört der Reichsratsabgeorduete für Gablonz, Rudolf Berger, zu den Helden des „Alldeutschen Tagblatt".) Voslvwitz. Letzten Sonntag veranstaltete der israelitische Frauen-WohltätigkeitSverein im Tnrngarten der hiesigeil deutschen Volksschule ein Volksfest, welches sich iilfolge der mannigfachen Llistbarkeiten eines solchen Zuspruches erfreute, daß das Reinerträgnis ein sehr bedeutendes ist. Demolierung von Synagogen. Zwei interessante Bauten Sllt-Prags, die sogenannte Zigeuner- Cynagvge und die Großenhvf-Synagoge, werden binnen knrz-m geschlossen und demoliert werden. Die erste wurde in oer zweiten Hälfte des siebzehnteu Jahrhunderts von Golk ud Zigaiuer erbaut. Im Jahre 1689 durch einen großen Brand zerstört, wurde sie später wieder aufgebaut. Die sogenannte Großenhvf-Synagoge trägt ihren Namen nach ritte tu Grundstück, das der „Große Hof" hieß, und wurde zu Beginn des dreißigjährigen Krieges von dem Nachfolger M a r d v ch a i Meisel's im Prager jüdischen Primatoren- VIntte, Babsebr v. Treuenburg, dem ersten geadelten Juden, erbaut. Goltsch-Jenikan. Von der hierorts seit dem 17. Juli weilenden jüdischen Ferienkolonie aus Prag kann man mit Fug und Recht behaupten, daß sie ihren Zweck vollkommen erreicht und ihren Namen nach jeder Richtung hin rechtfertigt. Die vollen blühenden Wangen der Knaben legen beredtes Zeugnis ab von der herrlichen und liebevollen Pflege, die die Kolonisten in dem echt jüdischen Hause des Herrn Spediteurs S. Pick finden. Die Kinder genießen eine sehr schmackhafte, streng rituelle uild überaus reichliche Kost, ein großer, unmittelbar an das Haus angrenzender Obstgarten steht ihnen zur Verfügung und herrliche duftende Wälder laden zu fröhlichen Ausflügen ein, die zu jeder Zeit unternommen werden, wenn nur die Witterung eS erlaubt. Nitualmordliigs. Zu der von uns bereits gemeldeten Ritualmordgeschichte im Zipfer Komitat erhalten wir folgenden weiteren Bericht: In der unglückseligen Affäre des Szepes-Jakubfaluer Raubmordfalles ist leider bis heute insoferne keilte günstige Wendung eingetreten, als der deS Verbrechens verdächtige jüdische Fleischhauer Neius (so der Name des Beschuldigten) aus der Untersuchungshaft nicht entlassen, sondern, nachdem die Untersuchungskommiffion in Lublo gewesen, nach Leutschau ins Gefängnis überführt worden ist. Viele Christen, die unter dringendem Verdacht verhaftet waren, wurden nach einigen Tagen wieder aus der Haft entlassen. Was die starke Aufregung der nichtjüdischen Bevölkerung, die bereits intensivere Dimensionen angenommen hatte, betrifft, ist eine Beruhigung der Gemüter eingetreten, und das darum, weil der Pfarrer zu Szt. Jakubfalu - ein friedliebender loyaler Mann — alles anwendet, der Bevölkerung den Wahn der Blutbsschuldigung ausznreden und für den jungen Mann speziell sehr warm in die Bresche tritt, indem er behauptet, für die Schuldlosigkeit des jungen Mannes, den man allenthalben als zwar ganz ungebildet, aber höchst tugendhalfen Menschen kennt, schwören zu können. Von der Entscheidung des Gerichtes erhofft man das Weiters. Juden in Kroatieu-Slavonien nach der Zählung 1000. Die Juden, die mit einer Einwohnerzahl von 20.032 (mit Militär 20.210), einer arischen Bevölkerung von 2,380.740 (mit Militär 2,410.304) gegenüberstehen, also 0.84% ausmachen, haben sich seit 1809 mehr als verdopelt. Jedoch ist der absolute Zuwachs seit 1890 geringer, der größte ist in den Jahren 1809 — 1880 zu verzeichnen. Im Jahre 1809 gab es Juden 9870 — 0.54%, arische Bevölkerung 1,828.322; 1880 13.488 0.72%, 1,879.011; 1890 17201=0.79%, 2,109.154; 1900 20.032=0.84%,2,380.734.DieKönigreiche Kroatien-Slavonien werden in acht Komiatte eingeteilt, von denetl auf das eigentliche Kroatien 5, auf Slavonien 3 fallen. Das Komitat Lika-Krbvwa mit einer Einwohnerzahl von 209.241 Personen zählt 7 Juden. Im Komitat Modrus-Rijeka kommen auf 228.452 Personen 335 Juden, im Komitat Zagreb auf 541.242 Personen 4059 Juden, im Komitat Vatasdin aus 280.859 Personen 1010 Juden, im Kontitat Belvvar-Krizevci auf 302.209 Personen 2271 Juden, im Komitat Pozega auf 220.301 Personen 2399 Juden, im Komitat Virovitica auf 243.101 Personen 5044 Juden, im Komitat Syrmien auf 381.739 Personen 3804 Juden, zusammen in Kroatien-Slavonien auf 2,4!0.304 Personen 20.210 Juden. Interessant ist es zu beobachten, daß die fünf kroatischen Komitate bei einer Bevölkerungsziffer von 1,502.103 nur 8888 Juden zählen, wobei hervorzuheben ist, daß die Stadl Zagreb (Agram) allein über3000Juden beherbergt, während die drei slavonischen Komitate bei einer geringen Einwohnerzahl (854.201 Personen) 11.328 Juden aufweisen. Den Grund hiesür bilden die Lebensverhältnisse, die Fruchtbarkeit des Bodens, der stärkere Handel und die größere Industrie. In den Königreichen gibt es 515 Städte und Gemeinden, von denen 110 vollkommen „judenrein" sind, Inden in der Zahl von 1—10 Personen leben in 147 Orten; 205 Orte weisen eine jüdische Bevölkerung bis zu 50 Personen auf. Bis je 100 Juden leben in 27 Orten. In 15 Orten gibt es Juden in der Zahl von 200—700. In einer Stadt leben 2000, in einer 3000 Juden. Am flachen Lande wächst die jüdische Bevölkerungsziffer von Westen nach Osten. Im Westen, zum Beispiel in den Komitaten Modrus, gibt es 31-, in der Lika 28, in Zagreb 27 judenleere Gemeinden, während dies weiter östlich bis Syrmien nicht zu beobachten ist. In Ost-Syrmien allerdings gibt es wieder 15 „jndenreine" Gemeinden. Dieses Komitat ist fast ausschließlich von Serben bewohnt, die durchwegs tüchtigo Geschäftsleute sind. Die reichste jüdische Bevölkerung haben: Zagreb 3237, Osiek 2070, Varasdin 728, Zemun 640, Vukovar 513, Vinkovei 512, Brod 387, Pozega 327, Belovar 310, Nasice 249, Ruma 244, Krizevci 230, Virovitica 228, Daruvar 202, Slatina 201, Mitroviea 183, Jlok 174, Pakrac 187, Nova Gradiska 143, Drahovica 116, Jngjija 112. Die Juden in Kratien- Slavonien sind zumeist Kaufleute, Gewerbetreibende, Industrielle, Pächter, sind in allen gelehrten Berufen sehr stark vertreten; cs gibt einige wenige Landesbeamte und einige aus Rußland eingewanderte ackerbautreibende Juden. Die Juden sind zumeist nach 1848 aus Ungarn eingewandert, vielfach auch bedeutend später. 4. Th. Gegen die amerikanischen Schwindeladvoknten. Die „Wiener Zeitung" publiziert eilten Erlaß, dcit das Ministerium des Innern an alle politischen Landesstellen gerichtet hat, tun eine raschere Dokumenten-Beschaffting für die österreichisch-ungarischen Konsulate tu Amerika anzuordnen. Es handelt sich um jene Fälle, wo die Koitsnlate einschreiten, um beim Tode österreichischer Staatsangehöriger den Hinterbliebenen in der Heimat Versieherungs- und llitterstiitzuitgsbeträge oder Schadenersatz für Fahrlässigkeit erwirken 31t können. Bei der hohen Ziffer österreichischer Auswanderer in deit Vereinigtet! Staaken, so heißt es in dem Erlasse, kommt der Tätigkeit der Konsulate in den erwähnten Angelegenheiten nicht bloß für die unmittelbar beteiligten Familienangehörigen, sondern auch für die Allgemeinheit große Bedeutung zn und es ist daher notwendig, daß mich die politischen Bezirksbehörden ihr die gebührende Beachtung schenken. Da die Konsulate in den Vereinigten Staaten, Ivie dies nicht selten borkoinint, drei und mehr Monate darauf ivarten i'.tüssen, bis sie in den Besitz der erforderlichen Dokumente gelangen, indem die unter utannigfaltigen Bezeichnungen, wie „Rotary Pnblie", „Vaterländischer Advokat", „Rechtsnnd Inkasso-Bureau" usw. ihre Geschäfte betreibenden Agenten von oft sehr zweifelhafter Vcrtranenswürdigkeit Zeit und Gelegenheit, sich zwischen das Konsulat und die Parteien einzndrängen, indein sie sich von diesen direkt irgendwelche Dokumente verschaffen und, selbstverständlich tnil vorzngslveiser Bedachtnahme ans den eigenen Vorteil, die Angelegenheit in die Hand nehmen und durchführen. Dabei werden nicht selten die Gemeindevorsteher veranlaßt, den in aller Eile beschafften Doknmenke» das Gemeindesiegel beiztidrüclen und ihnen bwi Anschein von beglaubigten Dokumenten zu geben. Damit Unzukötnmlicbkeiken dieser Art bertnieden werden, ist es notwendig, daß die politischen Behörden einerseits das Officinin boni viri, daS sie in dieser Angelegenheit zn besorgen haben, so viel an ihnen liegt, mH aller tunlichen Raschheit besorgen, andererseits die Parteien darauf anfinerksain machen, daß, sobald einmal das Konsulat in Amerika sich ihrer Sache angenontnten habe, es aller Voraussicht nach nur zn ihrem Nachteile ausschlagen werde, wenn sie sich noch mit einem anderen Vermittler einlassen imb ihm Vollmachten und andere Urkunden übergeben. ArrsLanv. Der Prozeß gegen Pinkrrs Daschewski, der unter der Anklage steht, einen vorbedachten Mordanschlag auf den Redakteur uild Herausgeber der Zeitung „Snamja" I. Sl. Kruschewan begangen zu haben, wird, wie berichtet wird, am 26. August vor der zweiten Slbteilung des hiesigen Bezirksgerichtes unter Hinzuziehung von Geschworenen zur Verhandlung gelangen. Nach einer Mitteilung des „Wilenski Wcstnik" soll auf den Slntrag des Justizministers dieser Prozeß unter Ausschluß der Oeffentlichkeit verhandelt werden. Zur Inden frage. Der „Kijewljanin" hat in einer Reihe von Artikeln die,. Untersuchung angestellt, in welcher Weise die Lage der Juden in Rußland verbessert werden könnte und spricht sich iu Bezug hierauf für die Notwendigkeit einer Aufhebung dejüdischen Ansiedelungsrayons aus. Das Gesetz über da- Wohnen der Juden in einem bestimmten Ansiedelungsrayon — schreibt das Blatt — erreicht keineswegs den verfolgten Zweck und verursacht der Administration nichts, als eine Unmenge von Schwierigkeiten, Plackereien und Schreibereien, während es die niederen Polizeiorgane demoralisiert und eine Menge von Hindernissen in der Entwicklung des Handels und der Industrie zeitigt. Die Juden können in keinem Falle die Lage der russischen Handelswelt, die über genügende Kapitalien und die nötige Erfahrung verfügt, erschüttern, sondern sie werden eine gewisse Belebung des Handels Hervorrufen, deren viele Gebiete Rußlands bedürfen. Wenn die Juden keinen schädlichen wirtschaftlichen Einfluß auf das russische Volk in den Grenzen des ihnen angewiesenen Ansiedelnngsrayons auszuüben vermochten, so liegt auch keinerlei Befürchtung vor, daß dieser Einfluß irgendwo anders zu Tage treten könnte, wo die hebräische Bevölkerung in einer starken Minderheit vorhanden ist. Ebenso ruhig könnte man das Gesetz vom Jahre 1882 aufheben, welches den Juden das Wohnen außerhalb der Städte und Flecken verbietet. Das liberale Blatt geht in seinen Vorschlägen ziemlich weit, denn es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die Aufhebung des Slnsiedelungsrayons der Juden den Stand der Judenfrage stark verändern würde, da ihr Schwerpunkt in der Rechtsbeschränkung liegt. Was die Frage über den Eintritt der Juden in den Staatsdienst oder über ihre festnormierte Aufnahme in verschiedene Lehranstalten betrifft, so gehören diese Beschränkungen in das Gebiet der administrativen Praxis und nicht vor das Forum der Gesetzgebung. Das Zulassen oder Nichtzulassen der Juden zum Staatsdienst ist ein Vertrauensakt. Ebenso ist die Normierung einer Annahme von Schülern fremder Nationalitäten bei einer Ueberfüllung der Schulen eigentlich selbstverständlich, während sie hinfällig wird, wenn jeder Bildungstrieb vollständig befriedigt werden kann. Sir Horace Rumbold. Gestatten Sie mir als eifrigen Leser Ihres gechätzten Blattes zu dem Artikel „Sir Horace Rumbold und das N i t n a l m 0 r d m ä r ch e tt" in Nr. 25 vom 19. v. M. Ihnen folgendes, selbst miterlebtes Geschichtchen mitzuteilen: Bor Jahren, als ich in der Gemeiltde Snczaweny des Storozhnetzer Bezirkes einen Posten als Gemeindeschreibcr bekleidete und bei meinem dortigen Schwager das Quartier inne harte, pflegte oft der Bezirksstraßemneister Daniel Grigorowicz die Gastfreundschaft meines Schwagers in Anspruch zu nehmen, wofür er sich — was bei einem Rumänen selbstverständlich ist — als besonderen „Freund des Hauses" ausgab. Als wir nun eines Abends, kurze Zeit vor den jüdischen Ostern, im trauten Familienzirkel saßen und ein Gespräch über religiöse Anschauuttgen führten, äußerte inein Schwager unter anderem, daß er speziell bei Begehung der jüdischen Ostern trotz seiner in Rcligionssachen fortschrittlichen Gesinnung von dem traditionellen Zeremoniell — wie er solches bei seinem streng orthodoxen Vater und Großvater erlenite — nicht ttm Haresbreite abweiche. Kaum waren diese Wprte meinem Schwager entschlüpft, als Herr Grigorowicz ganz überrascht aufschaute und sich seiner eine augenscheinliche Aufregung bemächtigte, die wir uns allerdings nicht gleich zu deuten vermochten. Doch die Auflösung des Rätsels sollte nicht lange auf sich warten lassen. Die Osterfeiertage waren nämlich bald herangerückt, und am ersten Osterabend, gleich nach Beendigung des Slbendgebetes, stellte sich plötzlich Herr Grigorowicz als unerwarteter Gast ein, nahm am Seder-Abendmahl nebst der „arba Coissios" teil, verfolgte mit glotzenden, aufmerksamen Slngen die einzelnen Zeremonien, tun deren Bedeutung er sich eifrig erkundigte und schien nur darüber erstaunt ztt sein, daß hierbei kein Rotwein benützt wurde. Nach dem Abendmahle ivurde er mir in" meinem Zimmer als Schlafgenossc zugewiesen und da, als er eine ans dem Tische liegende Zeitung zur Hand nahm, entwickelte sich zivichen uns folgendes Gespräch: Er: Na, man kann über die Ungarn sagen, was man will, aber man ntnß sie doch als eine dem Fortschritte und der Freiheit huldigende Nation bezeichnen. Ich: Seit dem Prozesse zu Tisza ESlar bin ich solcher Ansicht nicht mehr zugänglich. E r (ganz vertraulich): Du wirst doch nicht glauben, daß man jene Inden umsonst beschuldigte? Ich: Aber Mensch, was sprichst du! Das Gericht hat doch die Angeklagten als unschuldig freigesprochen I Er: Ah, das war ein Wink von oben, denn wisse, sonst hätte das Volk alle Inden in Ungarn anSgeschlachtet und es wäre zu einer Revolution gekommen. Das ist doch einmal' sicher: Die Inden müssen ztt ihren Ostern Christenblnt haben I Ich (tu höchster Empörung): Mensch, bist du verrückt? E r (in beänftigendem Tone): Nun, hier ist ja iticht von fortschrittlichen Jtiden, z. B. lote du tmd deiit Schwager, die Rede, sondern voit ganz orkhodoren Jtiden, deit sogenaitnieit Chassidem. Ich weiß es doch am besteit, das hat mir ja tiu'iit Vater erzählt. I ch: Und wenn's dir auch deiit Vater erzählte! Woher hat c r eS denn gewußt? Er: Was?! Mein Vater war doch griechisch-orthodoxer Priester! Nun, geehrte Redaktion, will ich nicht Ihre Geduld itoch weiter mißbrauchen und betrachte es als überlüssig, mich darüber des Weiteren zu ergehen, ivelches Licht mir damals atifging mtd welchen Eindruck obiges Gespräch auf mich ansübte. A l b e r t K i r nt a h c r. Einwanderung irr die Kapkolonie. Eine von Rechtsanwalt Sl l e x a n d e r geführte jüdische Deputation wurde von dem Attorney-General (Justizminister) der südafrikanischen Kolonie empfangen, um ihre Beschwerden über ungerechte Behandlung der jüdischen Einwanderer entgegenzunehmen. Mr. Alexander führte ans, daß die Bestimmung der vom Kap-Parlament angenommenen Cinwanderungsbill, wonach jeder Elnlaßbegehrende ein seine Zulassung befürwortendes Gesuch „in den Schriftzeichen einer europäischen Sprache" niederzuschreiben und zn unterzeichnen habe, eine schwere Ungerechtigkeit gegen die jüdischen Einwanderer enthält. Er bittet daher, daß die Worte „den Schriftzeichen" aus dem Gesetze entfernt werden mögen. Der Attorney-General gab zn, daß es nicht im Geiste des Gesetzes wäre, wenn man das von vielen Millionen in Europa lebenden Juden gesprochene Idiom nicht als ein europäisches ansehe. Die gegenwärtige Regierung nehme daher auch im Indischen niedergeschriebene Bittschriften für vollwertig an. Dennoch sei es nicht ausgeschlossen, daß eine künftige Regierung weniger liberel sein und die Bestimmungen des Gesetzes ihrem Wortlaute nach anwenden könnte. Die Regierung

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