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Jüdisches Volksblatt · 1903-08-21 · 34 (21.8.1903) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
34 (21.8.1903)
Date
1903-08-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Bierteljährig .Kr. . 4.8« 995 MMBWBi»w»agww»iswi»8^a»WM«»wM<.wcgaD HSsaäHiiä Ur. 34 Mir«, 21. August 1903 <28. Ab 5663). V. Aahrgaug WKWS3SjmiSmfKSra3B&mi2Sm Noch ein offener Brief *« den r«ffifche« Minister des Auswärtige«, den Grasen v. Lambsdorff! Exzellenz! Sie haben es nicht für notwendig gefunden, die Angaben des „Deutschen Volksblattes" zu dementieren. Oder waren Sie vielleicht gar nicht in der Lage zu dementieren, da die Apotheose der Kischenewer Räuber und Mörder im „Deutschen Volksblatt" aus offiziöser Quelle geflossen ist? Sei es wie immer! Die russische Regierung hat sich in den Augen der zivilisierten Welt mit der Schmach bedeckt, daß sie Raub, Mord und Plünderung, begangen an Kindern, Greisen und Frauen, entschuldigte und zu rechtfertigen suchte, bloß weil sie gegen Juden gerichtet waren. Exzellenz! Zum zweitenmale hat es sich ereignet, daß ein russischer Konsul am Balkan erschossen wurde. Nach unverdächtigen Zeugen insultierte der Konsul Rostk o w s k y einen Posten. Der Posten war nach einer Instruktion, die nicht nur in der Türkei, sondern in ganz Europa gilt, verpflichtet, auf jeden, der ihn tätlich angriff, zu schießen. Rostkowsky hat es also nur seinem Uebergriffe zu danken, wenn er dieses tragische Ende fand. Es wäre ihm in Deutschland, Oesterreich oder — Rußland ebenso ergangen. Trotzdem schreit die von Ihnen subventionierte antisemitische Raubmörderpresse über Mord Verrat an der Zivilisation und Barbarei. ' Und doch, wie anders benimmt sich die türkische Regierung in diesem Falle als Sie. Sie sucht nicht die Tat des türkischen Gendarmen zu rechtfertigen oder zu entschuldigen, obzwar ihr wahrlich andere Motive zur Seite ständen als den hochstehenden Protektoren der Kischenewer Bluthunde. Mit einer wahrhaft drakonischen Strenge verfolgt sie nicht nur den Täter, sondern alle, welche eine entfernte Mitschuld an der Tat haben. Das tut die türkische Regierung! Exzellenz! Nehmen Sie sich ein Muster an diesen Nichtchristen! Diese Türken handeln viel christlicher als die rechtgläubige russische Negierung. Exzellenz! Die Juden Rußlands werden a u f a t m e n, wenn i n R u ß l a n d türkischeZuständeherrschenwerden! Fremden-Einwanderung in England. London, Mitte August. Der Bericht der Königlichen Fremden-Einwanderungs- Kommission ist nunmehr dem Unterhause überreicht worden. Die Kommission war im März vorigen Jahres auf Veranlassung des Major Evans-Gordon, des parlamentarischen Vertreters von Stepney gebildet worden, eines im Londoner Ost-End gelegenen Boroughs, der ganz besonders unter der unumschränkten Fremden-Einwanderung zu leiden hat. Während ihrer 49 öffentlichen Sitzungen hat die Kommission nicht weniger als 175 Zeugen vernommen, und um auch solche Zeugen zn hören, die zu den gewöhnlichen Sitzungen nicht erscheinen konnten, wurden zwei Abend-Sitzungen in Stepney selbst abgehalten. Daraus geht schon hervor, daß das Fremden-Einwanderungs-Problem in der Hauptsache das Londoner Ost-End betrifft. Doch außer London sind auch die Städte Birmingham, Manchester, Liverpool, Sheffield, Leeds, Cardiff, Neading und ein Teil des schottischen Gruben-Bezirks durch die unbeschränkte Fremden-Einwanderung in Mitleidenschaft gezogen, und in diesem Sinne ist das Fremden-Problem nicht bloß ein lokales, sondern ein nationales Problem. Akut geworden ist das Problem innerhalb der letzten zwanzig Jahre, während welcher eine viel stärkere Einwanderung in England stattgefunden hat, als in früheren Jahren. Die Einwanderer setzen sich, wie bereits von uns hervorgehoben wurde, zum größten Teil aus russischen, polnischen und rumänischen Ju d e n zusammenbie teils-aus' ihrer Heimat vertrieben wurden, teils sich aus ökonomischen Gründen zur Auswanderung entschlossen. Gegen die massenhafte Einwanderung der Juden hatte man in England unter anderem dadurch Stimmung zu machen gesucht, daß man die jüdischen Einwanderer als „unfaire“ Konkurrenten brandmarkte. Der Kommissionsbericht leugnet auch nicht, daß der Standard ok life eines großen Teiles der fremden Arbeiter tiefer ist, als der der englischen Arbeiter, Ebenso erkennt der Kommissions-Bericht an, daß die Fremden- Einwanderung auf gewiffe Zweige des Kleinhandels, wie auf die billige Schusterei, Schneiderei und Tischlerei einen ungünstigen Einfluß ausgeübt hat. Doch dieser Einfluß ist bei weitem nicht so bedeutend, als vielfach behauptet wird, und die Kommission erklärt ausdrücklich, daß die Fremden-Einwanderung keinerlei ernste Verdrängung der geschulten englischen Arbeiter verursacht hat. Die Kommission weigert sich also, wie wir es vorausgesagt hatten, „unfair competition“ als einen Grund zur Ausschließung fremder Arbeiter anzuerkennen. Die Fremden, die ausgeschlossen werden sollen, sind lediglich die sogenannten „undesirables“ oder „unerwünschten" Einwanderer. Als „unerwünschte" Einwanderer bezeichnet der Kommissions-Bericht die Verbrecher und die Individuen von notorisch schlechtem Charakter, die Prostituierten, die Kuppler und Zuhälter, die Schwachsinnigen und Verrückten, die mit ansteckenden oder ekelerregenden Krankheiten behafteten Leute, und alle diejenigen, die wahrscheinlich der öffentlichen Armenpflege zur Last fallen würden. Woran man die Einwanderer, die der letzten Rubrik angehören, erkennen soll, ist nicht gesagt. Wollte man völlige Mittellosigkeit als Kennzeichen wählen, so müßte man die meisten der in England einwandernden Juden ausschließen; denn in der Regel besitzen sie keinen roten Heller; gleichwohl fallen sie fast nie der öffentlichen Armenpflege zur Last. Ein Fremder, der bei seiner Landung als „undesirable“ erkannt wird (nur die Gerichte sollen hierüber zu entscheiden haben), soll von der Schiffsgesellschaft, die ihn nach England gebracht, wieder zurücktransportiert werden, und die Schiffsgesellschaft soll die Kosten der Rückfahrt tragen. Aber auch diejenigen Fremden, die innerhalb der ersten zwei Jahre, die sie in England verbringen, als zur Kategorie der „undesirables“ gehörig erkannt werden, sollen der Ausweisung verfallen, und auch in diesem Falle sollen die Schiffsgesellschaften für den Rücktransport nach dem Herkunftshafen verantwortlich sein. Erst nach zweijährigem Aufenthalt im Lande ist ein „undesirable“ vor der Ausweisung sicher, vorausgesetzt, daß er sich keine gerichtliche Bestrafung zuzieht, in welchem Falle die Ausweisung des Fremden als ein Teil der Bestrafung von den Gerichten verfügt werden kann. Die obigen von der Fremden-Kommission empfohlenen Maßregeln setzen die Schaffung einer besonderen Einwanderuugsbehörde voraus, die die ärztliche Untersuchung der in England landenden Fremden anzuordnen und ihre allgemeine Registrierung zu überwachen hat. Diese Einwanderungsbehörde soll auch die Schiffseigentümer dazu anhalten, über die Zahl und Nationalität der nach England kommenden oder England verlassenden Fremden regelmäßige Mitteilungen zu machen und alle Informationen zu geben, die wünschenswert sein mögen. Für falsche Informationen oder für die Verweigerung von geforderten Informationen sollen die Einwanderer bestraft und wieder ausgewiesen werden. Niemand wird die Königliche Fremden-Kommiffion beschuldigen können, daß sie für den „und6sirabi6sirgend welche Sympathie gehabt hat. Die zur Fernhaltung oder Ausweisung unerwünschter Fremder empfohlenen Maßregeln sind so streng, wie nur denkbar, zumal wenn man die sehr Feuilleton. Das Prager Jndentziertel. Von Herm. Siegsr. Rehm. Für das Prager Judenviertel, nächst dem Amsterdamer Ghetto das größte und berühmteste in Europa, scheint «un auch bald die Stunde des Unterganges zu schlagen. Verschiedene Anzeichen deuten bereits auf das nahe Ende diesert alten, mit bem Rost der Jahrhunderte bedeckten Judenstadt hin, zu deren düsterer Romantik die neuen hier in Ausführung begriffenen Straßeuzüge mit dem langweiligen Einerlei ihrer Fassaden eiuen schneidenden Gegensatz bilden. Brecheisen und Spitzhacke haben in das malerische Chaos dieser in sich abgeschlossene«, fremdartigen Welt, als die daS Prager Ghetto sich auch heute noch kennzeichnet, schon manche Bresche geschlagen, nun soll auch die größte Sehenswürdigkeit des Viertels, ja vielleicht eines der merkwürdigsten Altertümer unseres Kontinents überhaupt, der alte Prager Judenfriedhof, laut einem kürzlich erfolgten Reskripte des Ministeriums teilweise enteignet werden. Es sind eigentümliche, beklemmende Gefühle, die sich unser beim Durchwandeln der traurigen, von Moder und Stickluft erfüllten Gasse« dieser alten Hebräerstadt bemächtigen, deren geschwärzte, zerbröckelnde Bauten Zeugen der unsäglichen Leiden waren, die ihre Bewohner dnrch Jahrhunderte erduldeten. Noch sind einige der Tore zu sehen, die ehemals den einzigen Zugang zum Ghetto bildeten und deren Schluß um die sechste Nachmittagsstunde erfolgen mußte, da nach dieser Zeit sich bei schwerer Strafe kein Jude mehr in den christlichen Viertel» sehen lassen durfte. Hier in engen, dem Sonnenlicht unzugänglichen Gassen und Winkeln vertrauerten die Söhne Judas ihr Leben, ausgestvßen und verachtet von der übrigen Welt, den unberechenbaren Launen des Pöbels preisgegeben, der es liebte, an dem rechtlosen Juden hin und wieder sein Mütchen zu kühlen. Mit Ergriffenheit liest man die vom Rabbi Abigdor verfaßte Elegie über das furchtbare, im Jahre 1389 unter den Prager Juden angerichtete Blutbad, dem mehrere Tausend Bekenner des Talmud zum Opfer fielen, darunter viele Kinder, Greise, Frauen und Jungfrauen. Und wie oft noch wiederholten sich ähnliche blutige Greuel! Nur einmal im Laufe der Jahrhunderte fiel auch in das Dunkel des Prager Ghettos der Strahl fürstlicher Gnade: das war im Jahre 1571, als Kaiser Maximilian II. und seine Gemahlin, gefolgt von dem ganzen Hofstaat und den höchsten Würdenträgern des Reiches, die Straßen der Judenstadt zu Fuß durchschritten und von den Aeltesten der Gemeinde, an deren Spitze der Rabbiner mit der heiligen Thora sich befand, ehrfurchtsvoll begrüßt wurden. Aehnliche Huld ist den armen Prager Juden später niemals wieder zuteil geworden, und wenn auch die Verfolgungen allmählich aufhörten, so lernten sie das Elend doch in anderer Gestalt kennen, indem Brände und Ueberschwemmungen wiederholt ihre Wohnungen verwüsteten. Die heutigen Bewohner des Judenviertels passen in ihrer äußeren Erscheinung so recht zu dem Bilde des Vnrfalls und der Armseligkeit, das ihre Behausungen gewähren. Es sind elende, heruntergekommene Gestalten, deren Physiognomie die Merkmale jahrhundertelanger Knechtung ausgeprägt sind. So hocken sie ans den Schwellen ihrer ruinenhaften Häuser, deren wunderlich gestaltetes Innere auch bei hellichtem Tage in ein Nembrandt'sches Halbdunkel gehüllt ist, oder lungern an den Straßenecken ihres Viertels, eifrig nach einem kleinen Verdienste spähend. Wie abstoßend und doch wiederum wie malerisch reizvoll sind die Bilder, die sich hier dem Ange auf Schritt und Tritt darbicten — diese engen, schwarzen Gassen, in denen die Trödler ihre Kostbarkeiten ausstellen, diese pittoresken Spelunken mit ihren verwilderten Gestalten, diese einsamen, verwitterten Höfe im Schatten einer alten Synagoge, auf beiten zerlumpte, vor Schmutz starrende Kinder sich tummeln. Das Hauptinteresse im Prager Judenviertel nimmt eine Reihe von Bauten in Anspruch, die gewissermaßen die vielhnndertjährige Geschichte des Judentums in der Hauptstadt Böhmens verkörpern. Da ist zunächst die in ihrem Aeußern so befremdlich amnutende Alt-Neu-Synagoge, über deren Alter nichts Gewisses festgestellt werden konnte, die aber zweifelsohne keine Vorgängerin in Prag gehabt hat. Auf einer Treppe von neun Stufen steigen wir hinunter in das Innere dieses seltsamen Gotteshauses, etwas Mystisches und Geheimnisvolles erfüllt den nur mäßig großen Raum mit seinen dunklen Ecken und Nischen. Alles ist hier alt und verbraucht, die Patina der Jahrhunderte bedeckt diese Mauern und Wölbungen, und die steinernen Sitze sind ausgehölt vom langen Gebrauch. Mit besonderem Stolze wird eine am Emporium befestigte kolvffale Fahne in den österreichischen Farben gezeigt, die führen zu dürfen den Juden Prags von Kaiser Karl IV. als eine besondere Auszeichnung verliehen wurde. Weniger durch ihre Bauart, als wegen der ihnen anhaftenden historischen Erinnerungen sind unter den 23 jüdischen Tempeln Prags noch bemerkenswert die Pinkas- und Klaus-Synagoge. Dagegen tritt uns in dem jüdischen Rathanse mit seinem malerischen, mit hebräischen und arabischen Zifferblättern versehenen Uhrturm ein Bau von entschieden architektonischem Interesse entgegen, der, ehemals Sitz der selbständigen richterlichen Behörde der Judenstadt, seit Bereinigung der letzteren mit der Hauptgemeinde im Jahre 1649 zu Kultuszwecken benutzt wird. Die Perle der Sehenswürdigkeiten des Prager Ghettos aber bildet der von der israelitischen BeerdigungS-Brüdcrschaft verwaltete Jndenfriedhof, ein ehrfurchtgebietender Ort. Hier liegen sie, die Lehrer, Priester und Führer ihres Volkes, die weisen Rabbis, die gelehrten Int rpreten des Talmuds, die frommen Vorsteher der Synagoge, alle die Dulder, die in den Tagen der Heimsuchung ihre gramerfüllten Gesichter im Gebet zu Jehovah emporwandten. Eng, ’ wie ihnen im Leben der Raum zugemessen war, liegen sie auch im

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