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Jüdisches Volksblatt · 1903-08-14 · 33 (14.8.1903) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
33 (14.8.1903)
Date
1903-08-14
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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R™*e 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 14. August 1903 Nr. 33 Nach dem Ableben des berühmten jüdischen Bildhauers Biarc Antokolski war von seinen freunden und Verehrern der Plan gefetzt werden, das Andenken des gretzen Künstlers dnreh eine Stiftung zu ehren. Dieses Projektlvird demnächst zur Ausführung gelungen: die dafür gesammelten Gelder Huden bereits eine ansehnliche Lnmme ergeben. Man sucht nach einem passenden Platz für das Aittokokski-Justitut, das in der Vaterstadt des Künstlers, in Wilna, errichtet lverden soll. Dieses Institut soll in mehreren Abteilungen gegliedert tverden. ES lvird zunächst eine Kunst- und Gelverbesehnle enthalten, eilt Museum für ungeiveildete Kunst, tu dein ein besonderer Raum speziell dem Andenken Antokolskis gelvidmet werden, d. h. in deiil alles zusammengetragcn werdeit soll, lvas von den Werken des Verstorbenen, seinen Skizzen und Studien, zu crlangeit ist. Die Bibliothek soll eine reiche Sammlung von Zeichnungen und Mustern für alle Industriezweige enthalten; eine grotze Halle ist für Vorträge bestimmt, die alle Zweige der Kunst und des Handwerks betreffen und den in der .Kunstschule erteilten Fachunterricht dnreh umfassendere lvissensehaftliehe und theoretische Erörterungen berbollständigen. In dem Amtsblatt des Wieskcr Gouvernements lverden die Namen von 175 jüdischen jungen Leuten bekannt gegeben, lvelehe sich der Militärpflicht entzogen haben mtd bereit Angehörige darum se 80« Rubel zu zahlen haben. In eiitem Gouberltement betrageit somit die Strafgelder für ein Fahr nicht lveniger lvie 52 000 Rubel! Dabei handelt es sieh iit deit wenigsten Fällen um lvirkliehe Militärdienst-Entziehung, sondern zumeist uni „Defizite", lvelehe durch nachlässige Führung der Matrikel entstandeit sind. Nicht anders verhält es sich in deit übrigen Gouvernemcitts. Um dem Treiben der Londolter Missionsgesellschaft ein Gegengewicht zu bieten, hat sich dahier eilte „Anti-Jewish Mission Leagtie" gebildet, ivelche eine Zeitung in englischer und hebräischer Sprache herausgeben und eine Bibliothek gründen tvill. Das Unter-, uchmen verdient jedinögliebe llnterstützuttg. Mitglied köitneit Unbescholtene beiderlei Geschlechtes mit einem Jahresbeiträge boit Mark 2.60 lverden. Präsident des Vereins ist Herr Heitrp Bernstein. Briese, Geldsendungen imb Bücher sind an den Sekretär Herrn Eh. I. Persitz, London, 148 St. Pauls Road Highbury, zu richten. Die Lage der russischen Juden. Aus Odessa wird gemeldet: Ueber die Verhandlungen, durch welche die Mordtaten in Kischenew gesühnt werden sollen, wird allmählich näheres bekannt. Leider besteht wenig Hoffnung, daß bei diesen Verhandlungen rücksichtlos die Wahrheit aufgedeckt wird. Die Prozesse finden, wie ich erfahre, nicht in Kischenew, sondern in dem kleineren Städtchen Tiraspol statt, und zwar hinter verschlossenen Türen. Dadurch ist auch die Presse nicht in der Lage, mehr als die Tatsache der Anklage und das Urteil zu bringen, und die Regierung ebenso wie die Beamten, welche sich an den Ausschreitungen beteiligt haben, find vor unliebsamen Enthüllungen in hohem Grade gesichert. Der Gerichtspräsident ist dann ferner in der Lage, da die Oeffentlichkeit ausgeschlossen ist, die Verhandlungen fast ohne Kontrolle zu führen, und man darf sicher sein, daß sie iu dem von der Regierung gewünschtem Sinne geleitet werden. Es kommen im ganzen 42 Personen vor das Gericht, welche des Mordes oder schwerer Körperverletzung angeklagt sind. Die Zahl ist außerordentlich gering, wenn man bedenkt, daß 47 Personen getötet, 90 schwer und viele Hunderte leicht verwundet wurden. Von den eigentlichen Anstiftern der Massenmorde war bisher nur der Notar P i s a r z e w s k i angeklagt, den man am Tage nach Erhebung der Anklage tot in seiner Wohnung vorfand. Die stark kompromittierten Kaufleute Stepano Po »in und Staatsbeamter Szerban sind heute noch nicht dem Gerichte übergeben' worden. (Diese Personen haben seinerzeit dem Deutschen Bolksblatt^ in Wien und der „Staatsbürger-Ztg." in Berlin das Material zu der erlogenen Darstellung der Ereignisse in Kischenew geliefert. Anm. der Red.) Die genannten vier Personen hatten, wie man uns mitteilt, regelmäßige Sitzungen, um das Massacre zu organisieren; die letzte fand zwei Tage vor dem Ausbruche der Exzesse statt.— Zu den amtlichen Persönlichkeiten, welche bemüht sind, die Wahrheit zu vertuschen, gehört vor allem auch der Chef der Gendarmerie in Kischenew, Baron Lewend ahl. Er hat in das Gefängnis einige seiner Agenten zu den angeklagten Räubern und Mördern einsperren lassen und läßt diesen vorschreiben, was sie aussagen sollen. Andererseits werden Zeugen, welche über die Beteiligung der Polizei bei den Unruhen Aussagen gemacht haben, auf die Polizei gerufen und dort mit Schmähungen und Drohungen überschüttet. Es ist bei den russischen Verhältnissen begreiflich genug, daß derartige Vorgänge die noch nicht verhörten Zeugen einschüchtern. So wird von verschiedenen Seiten dafür gesorgt, daß sich bei den Prozeßverhandlungen möglichst wenig Unanehmlichkeilen für die russischen Behörden ergeben. München. Ganz merkwürdige Dinge har man über die Beziehungen hiesiger prinzlieher Palais zn der aittisemitischen, d. h. christlich-sozialen Bewegung. Von eiitem dieser Palais lvird erzählt, daß es einen in neuester Zeit in Vordergrund getretenen aittisemitischen Streiter materiell unterstützte. Voi: einein andern Palais — hier soll die Dame des Hauses die treibende Kraft sein — erzählt man sieh, datz sie versucht habe, die österreiehischett christlich-sozialen Parteiführer vor de,t Reichstcigsivahlen hierher zu ziehen, um den hiesigen Christlieh-Sozialeit ans die Beine zn Helselt. Die Daine soll geglaubt haben, dainit den Sozialdemokraten Abbruch tritt zu können. Man lvird tunt die Differenzen, ivelche hier int Lager der Ehristlich-Sozialen entstaitden siitd tntd zn einer Voriviegend ans persönlichen Gründen bernhenden Spaltung geführt haben, vor Gericht znm Anstrag kommen sehen, denn Weugg, der Führer des alten Vereins, kündigt an, datz er gegen Kuhn, den Führer des neneit Vereins, Verlenmdnngsklage erhoben habe. Der heftige Kuhn, der schlüpfrige Wcngg, das kann eine interessante Verhandltmg lverden. Professor Schnegger, der Vorsitzende des neuen Vereines, ist ein Geistlicher und Professor a. D. Er war früher Neligionslehrer an eiitem Gymnasium. Ter Palästinensische Hilfsverein Lemnltn Zion in Frankfurt am Main hat, lvie wir dem 15. Rechenschaftsbericht entnehmen, in gewohnter Weise tind mit belvährtent Erfolg auch im Jahre 1002 sich um die Linderung leiblicher tntd geistiger Not in Palästina bemüht. In seiner Klinik wurden 28 528 Kranke behandelt, von denen 10 787 angenteidend lvaren. Für Rechitung des Vereines lvnrdeit von sechs Aerzten 802!» Krankenbesuche gentacht und hierfür 820 Karten zn 2 Piastern (80 Pf.), 4482 zn 1'/« Piaster (1« Pf. i und 2717 gratis nusgegeben. Die Spesen der Klinik und der Apotheke betrugen 7100 Frcs., die Zahl der ansgefertigten Rezepte 872P Für den Arzt in Hebron wurden 125, für ärztliche Hilfe in Safed 812 Frcs. beivilligt. Ganz besondere Pflichten erivuchsen dein Verein, als Ende Oktober die Cholera in Palästina ausbrach, sich Jerusalem näherte und die Folge der Ouarautäue in einer grotzen Steigerung der Lebensinittelpreise sich knndgab. Die infolge des alsbald erlassenen Aufrufs eingegangeiten Spendeit beliefen sich in den Monaten Nobember und Dezeinber auf mehr als 20 000 Mark, denen weitere Gaben int Jahre 1008 folgten. Dank der grotzmütigen Spende voit 5000 Mark, Ivelche Frau Baronin Edinnnd von Rothschild-Paris dein Verein durch Herrn Grand Rabbin Zadoc-Kahn zugehen liest, konnte die erste Hilfe den von der Cholera Bedrängten bereits Anfangs November zngcführt lverden. Frau Generalkonsul Max Goldschinidk von Rothschild s. A. spendete sodann 2000 Mark, der Hilssperein der deutschen Inden in Berlin 1000 Mark, Herr Charles Hallgarkeit 500 Mark tislv. Um möglichste Sicherheit für die richtige Verlvendung der Gaben zn erlangen, lvnrde dieselbe einem Spezialkoinitce unter dem Vorsitze des Chacham Baschi Eljasehar übertragen, lvelcheS an 0 Stellen Teeküchen errichtete, wo an alle Petenten ohne Unterschied Tee und Zucker, teillveise auch Brot gratis verabreicht lvurdc. Wie wohltätig diese Einrichtung lvirkte, zeigt die Tatsache, datz in der inneren Stadt täglich bis zu 500 Glas Tee ve-absolgt tlvuvden. llnt das Auftreten der) Cholera in Jerusalem selbst möglichst zn verhüten, lvurden von dem Kontitee zwölf Beamte augestellt, welche zu jedem Kranken zu eilen tmd die Art seiner Krankheit sestzustelleu hatten. Da für Lebensmittel horrende Preise verlangt lvurden, sendete der Verein 75 Sack Weizenbrotmchl und 75 Sack Weizenmehl nach Jerusalem; ferner lvnrden für Heizmaterial 1500 Frcs. beivilligt; an barem Gelde lvurden zirka .8500 Frcs. verkeilt und 1180 Frcs. dem Verein Esrath Nascyim überwiesen. Die Unterstützung beschränkte sich jedoch nicht auf Jerusalem; vielmehr lvurden auch nach Tiberins 1750, „ach Hcbroit 1250, nach Safed und Jaffa je 1000 Frcs. gesendet. Jin Monat Februar konnte diese Hilfsaktion ciugestellt werden, da im heiligen Lande tvieder normale Verhältnisse eingckehrt waren. Für die allgenteinen Zlvecke des Vereins gingen 7645 Mark ein, lvovon für Darlehen 2484, für Unterstützungen 2177, für Lehrgeld au 50 Lehrlinge 1210, für arabischen Unterricht in Jerusalem und Hebron, für Handwerker-Abendkurse und für die Schule in Mrah- Schrarim bei Jerusalem, die in diesem Jahre vom Verein neu eingerichtet - worden ist, sowie für die Schule in Gaza 1888 Frcs., für die Ansiedlnng in Ramleh 698 Frcs. verausgabt wurden. Bedauerlicherweise sind die Jahresbeiträge merklich zurückgegaugen: während sie in früheren Jahren gegen 5000 Mark betrugen, verminderten sie sich im Jahre 1899 auf 4100, im Jahre 1902 auf 8755 Mark. Vorsitzender des Vereins ist Rabbiner Dr. M. Horovitz. Petersburg. Der Bischof von Kischenew lvies auf Anordnung des Obcrprokurators des heiligen Synods die Geistlichkeit an, durch Predigten in der Kirche und autzerhalb derselben durch Belehrung auf die orthodoxe Bevölkerung eiilzliwirkeil, damit der religiöse Hatz gegen die Juden schtvindc. New-Iork. (Jüdische Studierende.) In dieser Stadt, dessen jüdische Bevölkerung fast so groß ist lvie die des ganzen Deutschen Reiches, wird das Gynmasium der City von 2100 Schülern besucht, von denen nicht weniger wie I960 Inden sind. Das ist nicht mehr eine bedeutende Minorität, sondern eine bedeutende Majorität. Was sagen die New-Uorker dazu? Hören wir die „Sun": „Die jüdischen Eltern in New-Uork nehmen ein lebhafteres Interesse an dem öffentlichen Unterricht als die jedes anderen Volkes, indem sie mit grötzerer Sorgfalt als die anderen darauf sehen, datz ihre Kinder die Schulen besuchen und mit Eifer alle Vorteile des Unterrichtes sich aneignen. Dadurch erklären sich die raschen Fortschritte, welche .jüdische Familien in New-Uork machen. Wenn auch ein grötzerer Prozentsatz der jüdischen Einwanderer als aller anderen (mit Ausnahme der italienischen) bei ihrer Landung nicht schreiben und lesen kann, so sind sie doch voll voit dem Verlangen, ihren Kindern amerikanischen Unterricht zuteikwerden zu lassen. Intellektuell sind selbst die ärmsteit und anscheinend vcrwährlosestcn russischen Jndeit so ausgerüstet, datz sie tüchtig lernen und besonders gute Schüler sein können." Eine Amerikmterin über die Greuel in .Kischenew. Mrs. Richard Henry Sabage, die Gattin des amerikanischen Schriftstellers Obersten Savage, der unter anderem den bekannten, in Rutzland spielenden Roman »Die offizielle Frau" geschrieben hat, begab sich von New-Uork zum Besuche ihrer Tochter uach Kischenew. Ihr Schlviegersohn, ein früherer Kammerherr des Kaisers Volt Rutzlaitd, ist dort Adelsmarschall. Ueber die Eindrücke uitd über die Anfsassung, die in deit Adelskreisen Bessarabiens über die Judcnkrawalle in Kischenew herrschen, schrieb die Dame ait den Schriftsteller Dr. John Lehmantt einen Brief, dem lvir folgendes entnehmen: „Meine Tochter hat alle Juden, die sich aufs Schlotz flüchieteit, iu ihrem Wciitkeller versteckt. Es wareu über vierzig an der Zahl. Die Dienerschaft aber, etwa 20 Persoiten, geriet in grotze Augst und bat, man möchte die Juden doch hinansweisen, da sie fürchtete, datz der aus Rattd und Baud geratene Pöbel sich gegen das ^Schloß lvenden mtd es niederbreinten ivürde. Das; tnein Schwiegersohn seil vielen Jahren le marechal de la Noblesse war ttnd dem Vater des jetzigeit Kaisers von Rutzland laitge Zeit als Kammerherr diente, hätte ihm wierbei wenig genützt. Mein Schlviegersohn sieht in den'Vorgängen, die sich in Kischenew nblvickelteit, eine Art Hochverrat. Es ist hier nientandent ziveifelhaft, datz der ganze Krawall boit Petersburg atls nicht allein erlaubt, sondern angeordnet worden ist. Er entsprang auch nicht der Stadt, trotz der wütenden Verhetzungen, die tltit Erlaubnis der Regierung hier stetig betrieben lvurden, sondern er war sozusagen importiert. Aber das ist sicher, datz der Kaiser nichts damit ztl tun hat. Teilt hiesigen Gouverneur lvareit, lvie man allgemein sagt, durch Befehl die Hände gebunden. Voit wetit aber dieser Befehl ausgiug, darüber lvill hier niemand etwas lvissen, und ich kann es nicht herausfinden. Jeder in den besten Kreisen hier hat deit Eindruck, datz tttntt diese Judenhetze planmätzig veranstaltet hat, tntd zwar aus politischelt Ursachen. Sicher uitd zlveifelkoS ist es, datz diese Greuel sehrleicht hätten verhindert lverden köitnen, lvenn die Befehlshaber des Platzes nur die geringste Energie hätten anivenden lvolleit, oder sagen lvir besser: dürfeit. Eilt eiltziger Offizier hielt mit Vorgehaltetter Pistole 80 bis 40 Bestien zurück; drei von seinen Soldaten deckten auf der anderen Seite der Stratze seinen Rücken. Das zeigt, lvas getan lverden konnte, lvenn turnt gewollt hätte. Die russische Negierung meint, durch die Veranstaltung solcher Inden- Hetzen dem Volke ein Opfer zn geben nnd es von Nihilisinns tmd Sozialismus abzuhalteit. Aber gerade das Gegenteil ist der Fall. Wenn das Volk erst nufäiigt, die reichen Juden zu beranben nnd geraubtes Geld tntd Blut schmeckt, so sind auch die wohlhabenden Adeligen ihres Lebens nicht mehr sicher. Dies ist eine Meinung, der man hier vielfach begegnet. Ich sagte, datz, wenn ich die Macht gehabt hätte, zu befehlen, bititit hätte ich einfach die ganze Feuerivehr anfahren und die Wasserschläuche auf die Angreifer richten lassen. „In," aittlvortete mir ein General, „das wäre vielleicht sehr gut gelvesen; nur haben lvir hier nicht viel Wasser und auch nicht viel Feuerwehr." Ich sagte aber den Herrschaften, datz es für mich feststeht, datz kein einziger Mann in Kischenelv lvar, sortdern mir Scylafutüyeii oder schlechte Menschen, sonst hätte man in jedem Falle diese Greuel verhindern müssen, die, lvie Sie sagen, eilt Schandfleck für das ganze Jahrhundert sind. Man glaubt tnid hofft hier, datz der neue Gouverneur, Prinz Urussolv, eilt tüchtiger uitd energischer Mann ist. Nun ztir Petition Noosevelts. Diese Petitimt lvird hier absolut keilten Effekt haben. Sie lvird, so viel ich lveitz, den Kaiser gar nicht erreiche», und ich glaube überhaupt nicht, datz der Kaiser etlvas davon erfährt. Die Antlvort^lautet, datz inan sich nicht in die Angelegenheiten eines fremden Staates »tischen darf, tnid auch lvir Amerikaner lvürden tnts eilte Eiitmischintg verbitten. Ich habe meinen tiefen Abscheu vor den Bestialitäten iu Kischenelv ausgesprochen, aber ich mutz auch sagen, datz ich diese Einmischnng AuterikaS für nicht richtig finde. Man. mutz eben auf dem Standpunkte stehen, datz jedes Volk innerhalb seiner. Grenzen seine eigenen Greuel begehen darf. Weint doch die Regierung iit Petersburg, die in mitzverstandener Politik so viel Menschen geopfert hat, daran denken möchte, datz mait »ichl ntik dem Fetier spielen darf." Die „I. Pr." erhält aus Tripolis folgende Mitteilung: Kaum ist der Arabcr-Rumor, welcher im Frühling dieses Jahres infolge des Militärpflichtgesetzcs uttd einiger Grundstcucr-Reformen ansgebrochen und auch in der europäischen, ganz besonders in der italienischen Tagcsprcsse sehr erheblich über Gebühr gewürdigt wollen war (zumal derselbe mit einem einzigen Scharmützel zwischen deit unzufriedenen Kologghlu-Stämmcn und einer Militärpatrouille scineit Höhepunkt erreichte) glücklich zu Ende gcgattgen, so herrscht augenblicklich aus ähnlichen Gründen innerhalb der hiesigen jüdischen Gemeiitde eine ziemlich lebhafte Unzufriedenheit gegen die türkische Regierung. Bisher haben von allen übrigen nichtmohammcdanischcn Untertanen des Sultans, Griechen, Bulgaren, Albanesen tntd Armettiern, die Israeliten eigentlich immerhin noch am allerwenigsten über ihr Los geklagt und füglich im allgemeinen auch kaum einen triftigen Grund dazu gehabt. Sie siud seitens der Türkei stets bott allen änderet! am glimpflichsten behandelt worden, zu welcher Begünstigung sie durch manche ihrer speziellen Eigenschaften, besonders ihre widersprttchslose Fügsamkeit, selber nicht tvenig mit beigetragen haben. Gegenwärtig aber glaubt die Judenschaft Tripolitcmiens, lvie bereits gesagt, eine triftige Veranlassung zur Klage gegen die Regierung gefunden zu haben, und sie ist hierbei, lvie lvir gleich vorlvcg bemerken wollen, nicht gmtz im Unrecht, obwohl auch diese Ungelegenheit, wie eben jedes andere Ding auf Erden, seine zwei verschiedenen Seiten hat. Der ottomanische Staat fordert bekanntlich von seinen nichtmohammedanischen Untertanen keinerlei persönlichen Militärdienst, hebt aber als Aequivalent-Leistung hierfür die sogenannte Kopfsteuer (türkisch: Haradsch) ein. Die Höhe derselben ist nach der Summe bemessen, mit welcher der Loskauf vom persönlichen Militärdienst auch für moslemische Rekruten, die das Los gezogen haben, zulässig ist: 50 türkische Goldlira (1160 Francs) im Verhältnis von je 1 Mann zu 135 Individuen der Bevölkerung. Seit etlva sechzig Jahren jedoch ist für diese Ablösungssteuer von der Judengemeinde in Tripolis ein auf insgesamt 6000 Francs festgesetzter Pauschalbetrag eingehoben lvordeu. Diese Summe wurde stets willig gezahlt, obwohl die Forderung, genauer betrachtet, ein flagrantes Unrecht bedeutete. Denn seit der Einverleibung Tripolitaniens in das türkische Reich (1836) hat diese Provinz das Privilegium völliger Militärfreiheit genossen, und wenn die Mohammedaner keine Soldaten zu stellen hatten, so sollte nach Recht und Gerechtigkeit auch von den Juden keinerlei Ersatzleistung für eine tatsächlich nicht bestehende Pflicht gefordert werden. Im Frühling dieses Jahres lvurde seitens der hohen Pforte diese alte Vergünstigung für Tripolitanien aufgehoben; die mohammedanischen Einwohner werden künftighin zum aktiven Militärdienst herangezogen, und darnit erhielt auch die Forderung der Kopfsteuer von den Andersgläubigen ihre rechtliche Grundlage. Der jüdischen Gemeinde wuäie nun die unliebsame Ueberraschung zuteil, datz der bisher von ihr geleistete Betrag von 6000 Francs ans nahezu 40 000 Francs erhöht worden jst. Die Regierung begründete dieses immerhin nicht unerhebliche Anziehen der Steuerschraube mit der Tatsache, datz die Gesamtzahl der jüdischen Einwohnerschaft Tripolis seit dem Jahre 1863 sich nahezu verzehnfacht hat, und datz daher natnrgemätz eine entsprechend höhere Haradsch-Quote auf sie entfällt. Das erstere ist nun Wohl allerdings richtig, und gegen die sich hieraus rechnungsmäßig ergebende Folgerung wäre formell gleichfalls nichts weiter einzuwenden. Doch liegen die materiellen Verhältnisse derart mißlich, datz die nunmehr verlangte Kopfsteuer in praxi als wesentlich zu hoch gegriffen bezeichnet werden muß. Beiläufig siebzig Perzent der hiesigen jüdischen Bevölkerung sind bitterarnte Leute, die mit harter Mühe notdürftig ihr elendes Leben sortzufristen vermögen und wirklich völlig autzerstande sind, auch nur einige Heller für den Kopfsteucrbeitrag zu erübrigen. Dagegen haben beinahe sämtliche hiesigen reichen und wohlhabenden indischen Kaufleute im Lause der Zeit irgend eine ausländische Staatsangehörigkeit erworben, so datz sie seitens des türkischen Staates zufolge der sogenannten Kapitulationen zu keiner wie immer genannten direkten persönlichen Besteuerung herangezogen werden können. Es wäre nun recht edel von diesen Begünstigten gehandelt, wenn sie freiwillig zur Entlastung ihrer armen Stammesgenossen ein Scherflein mit beitragen möchten, wozu sie aber leider auch nicht die geringste Lust ztt haben scheitle». Was dann außer diesen beiden Kategorien, den völlig Mittellosen und den begüterten wohlhabenden „Ausländern", noch übrig bleibt, ist eia Häuflein kleiner Händler, Gewürzkräuter und sonstiger armseliger Gewerbetreibender, welche nun diese verhältnismäßig hohe Steuerlast allein zu tragen hätten und in der Tat von derselben nachgerade erdrückt werden müssen. Immerhin ist jedoch in der Angelegenheit noch nicht das letzte Wort gesprochen: es wird darüber hin und her verhandelt, und schließlich dürfte auch die Kopfsteuer- Suppe, gleich allem anderen in der Türkei, nicht so heiß gegessen werden, wie sie gekocht wurde. Einer jüdischen Dichterin, Frau Emma Lazarus, die im Jahre 1887 in ihrer Vaterstadt New-Uork im Alter von mir 38 Jahreu starb, ist soeben am Piedestal der riesigen Freiheitsstatue auf Bedloes Island im Hafen von New-Uork eine Gedächtnistafel aus Bronze mit ihrem Namen und dem Sonnett, das sie 1885 schrieb und der Statue lvidmete, errichtet wordett. In diesem Gedicht ruft sie den Schutz der Freiheitsgöttin für die wenige Jahre zuvor aus Rußland vertriebenen, nach bett Vereinigten Staaten ziehenden Juden an. — Die Zahl der Ellnubeitsgenossen in Massaua, dem Hauptorte der italienischen Kolonie Erythräa (Ostafrika), ist derart angelvachsen» datz dieselben eine eigene Synagoge zu errichten beabsichtigen. Unter den ersten Spendern figuriert der Kriegs minister Ottoleitghi, welcher 50 Lire votiert hat. Eingesendet. Zum Zlvecke der Erzielung eines gemeinsamen Vorgehens der gleichgesinnten Kongretzdelegierten in Fragen, ivelche uumitlel bar oder mittelbar die Kulturarbeit innerhalb des Zionismus be treffen, erlauben sich die Unterzeichneten, diejenigen Kongretzdele gierten, lvelche ans dem Boden des politischen Zionismus u u d der tiatioitaleu Kulturarbeit stehen, zn einer Freitag den 21. A u g u st, 0 U h r nt o r g e it s, int K ongretz h a u s e itt>- ztihaltenden V o r b e s p r e ch n n g höflichst einzuladeu. Die De legierten, welche an der Besprechung teitnehmen lvollen, lverden ersucht, ihr Erscheine,, an die Adresse: Jüdischer Verlag f ü r K u l t ti r - V o r b e s p r e ch n n g, Berlin SW., G r o tz b e e r e n st r a tz e 75, bekaiintztigeben. Warschau, Sofia, Wien, Aufaug August 1903. N. S o k o l o lv. Tr. M. E h r e u p r e i s. M a r t i >t B u b e r.

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