Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 33 (14.8.1903)
- Date
- 1903-08-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ft Äsbttrfkm: II/3. Leopoldsgafle 49. SP»e-ftW«de«t Ha SSoc-mtagea ton 4 fitt 5 Uhr nachmittag». p--ad,.«,i S8»ff*«< «oHSVlatt, «te», li|8. W»schk»rrdru Segen »erspLteter oder gar nicht erfolgter Zustellung eröMen mir »n» dringend. — «eamfervte werde« nicht znrüSgefteüt. VoRiparcasim-Sonto Stvor?. In da- Sdonacmeni kann man liiglici einireten. Erscheint Be« Freitag tmits MikKrirKrmg ittv vorn füdMtzrn Volks- Verein erwählten Krefsrommifstou. V«f«r«te übernehmen die Firmen i I. Danneberg, M. Lute», Hassen« stein » Bögler, Budolf Moste, 8. vppel«, fflt Pozfonhi, A. Schalet in «im, ferner alle Nnnoncen-ikrpedittonen tm Uuülande. Ei»zel.R««mer i» Wie« I« Heller. Rdminiftrstion; n/3. Leopoldsgaste 49. Telepho«.srr> »47»» Vlborme«ei<tSpreiS: Telephon-Nr. 147»» Für «Sie« m« Oesterretch'Nngcrr« fcmmtt Srcmcozustellung. Sanziührtg lojährig eljährig Für baS gefammte AuSlcm» saumit Francozustellung. SanzjShrig . halbjährig . iierteljährig , 4.50 . . *J*5 Ur. 33 Wien. 14. August 1903 (31. Ab 8663). V. Jahrgang. Ein offener Brief an den rnffischen Minister des Auswärtigen, den Grasen von Lamsdorff. Exzellenz! Das „Deutsche Volksblatt" vom 12. d. M. bringt einen provokatorischen Artikel, betitelt: „Kischenew im Lichte der Wahrheit". Wir sind gewöhnt, in diesem Blatte die gröbsten Lügen zu lesen, und hätten ihm daher keine Beachtung geschenkt, wenn nicht das „D. V." behauptete, daß dieser Artikel eine wörtliche Uebersetzung einer amtlichen Denkschrift des russischen auswärtigen Amtes sei. Da dieser Artikel seiner ganzen Mache nach keine andere Tendenz hat, als durch Wiederholung der alten, schon oft widerlegten Lügen nnd Verleumdungen neue Massaeres hervorzurufrn, so nahmen wir zu Ihrer Ehre an, daß hier eine freche Mystifikation vorliegt. Wir konnten unmöglich annehmen, daß ein Minister eines europäischen Staates, um Massacre in seinem Reiche zu rechtfertigen, Massacre in einem Nachbarreiche durch eine gewissenlose Agitation Hervorrufen will. Wir fragten daher direkt bei der Wiener russischen Botschaft an, ob diese ungeheuerliche Publikation echt sei oder nicht. Man antwortere uns, daß Graf Kapnist befohlen habe, keinerlei Auskunft zu geben. Graf Kapnist findet es also nicht für notwendig, die Ehre des russischen Namens zu retten; er scheut sich nicht, indirekt die Hintermänner der Mordbrenner nnd Räuber zn protegieren. Es obliegt Ihnen, als dem obersten Chef der ruffischen Diplomatie, ein letztes Wort in dieser Angelegenheit zu sprechen und dem aufhorchenden Europa zu erklären, ob ein russischer Minister wirklich einer solchen Niedertracht fähig ist. Ihnen obliegt die Pflicht, eine reinliche Scheidung zwischen Ihnen und einer verbrecherischen Clique, die wir namentlich kennen und mit der wir uns demnächst beschäftigen werden, herbeizuführen. Wir haben in einer früheren Nummer festgestellt, daß russische Agenten in Galizien an der Arbeit sind, eine treue Kopie der Kischenewer Exzesse in Galizien zu liefern. Jetzt kommt dieser Brandartikel im „Deutschen Volksblatt". Exzellenz, die russische Diplomatie ist kompromittiert! Wir verlangen eine offene Antwort auf un¬ Feuilleton. Indenlrrarrch. Bon Moriz Reich. 1852. Wo eine Leich' liegt auf der Erden, Mit der sie soll vereinigt werden. Verhüllt man jedes Spiegels Schein, Weil einer brach, geschliffen fein! Zwei Scherblein legt man ans die Lider: Die Angen wurden Scherben wieder! Ein Eisenschloß kommt in die Gruft. Verschlossen sei die Todeskluft! — Drauf wird eilt Lämpchen angefacht, Weil dort der Geist zum Licht erwacht! An Salome. Emil O b e r n i k. Manchmal in Dämmerstunden leyt ein Gedanke seine Fesseln nur um mein ganzes Fühlen und schlügt mir wehe Wunden: Ich könnte sterben müssen und Du, Du könntest, dürftest nicht an meinem Bette sein und würdest von mir wissen. Und ungepflegt von lieben Händen würd' ich, nach Liebe lechzend, wie ich gelebt, mit der Sehnsucht im Herzen, in freinden Wänden einsam verenden- Dann fühle ich der Fremde Schmerzen ans meinen müden Wegen lasten. Und möchte fröhlich heimwärts pilgern an Mutters ntnunermüden Herzen rasten. — seren offenen Brief; wie immer die Antwort ausfällt, das jüdische Volk wird sie gebührend würdigen. Die Redaktion. P. S. Diejenigen Zeitungen, die nicht im Solde der russischen Regierung stehen, werben ersucht, diesen Brief nachzudrncken. -__ Der Gemeinderat der Stadt Proßnitz and sein Kamps gegen die deutsche Landes-Overrealschule. (Ein freimütiges Wort ausjüdisch -nationalen Kreise n.) Proßnitz, im August 1903. Der Gemeinderat der Stadt Proßnitz hat vor einigen Monaten einen Kampf gegen die dortige deutsche Landes- Oberrealschule eröffnet, welcher, wie nunmehr offenkundig wird, einzig und allein die Vernichtung dieser Mittelschule bezweckt. Eine willkommene Handhabe hierzu wurde in der jüngst provozierten Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes gefunden, die der Gemeindeverwaltung das Recht gibt, unabhängig von der für Staatsmittelschulen bestehenden Verordnung, mittellosen Schülern, wenn dieselben auch allen vom Gesetze vcrluiigtcn Vcvlncjttligcn }tU eine >Vll)Ulget00esretUNg entsprechen, diese zu verweigern. So ist auch denn beschlossen worden, in Hinkunft ausnahmslos alle Gesuche um Schulgeldbefreiung an dieser Mittelschule abzulehnen, ja, nicht genug daran, wurde das Schulgeld selbst auf eine für Bedürftige geradezu unerschwingliche Höhe hinaufgesetzt und, um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, wird nunmehr über eine Dislokation der Anstalt beraten und diese voraussichtlich auch in der Weise durchgeführt werden, daß der Lehrkörper und die Schüler in Kürze von der Anstalt weggeekelt werden dürften. Diese offenbar den niedrigsten chauvinistischen Motiven entspringenden Maßnahmen treffen in ihren Folgen nicht so sehr die Deutschen, sondern hauptsächlich die Proßnitzer Juden. Speziell die Jüdischnationalen unter ihnen, welche in der letzten Zeit an der Anbahnung eines freundlicheren Verhältniffes zn den Tschechen in Mähren gearbeitet haben, erblicken darin einen Affront; denn, gewöhnt die Sachlage nüchtern zu beurteilen, haben sie in dem Bestehen und der Bildung von Schulen und Lehranstalten mit dieser oder jener Unterrichtssprache einzig und allein Pflegestätten zur Bildung und Erziehung der Heranwachsenden Jugend, nicht aber Stätten Von Ignatz Kohn. Die kleine Lotti Schreiber. Ach ja, das war ein Mädchen. Meine kleine, wilde Barbarin aus Galizien, mit den leuchtenden schwarzen Augen, aus denen der Sehnsucht stille Flammen glühten. Wenn sie den Arm um meinen Hals geschlungen hielt und mich so voll anblickte aus ihren Augen: „Hast mich lieb .. . hast mich wirklich lieb? ..mir wurde so wohl und warm, da war ich ganz glücklich, wirklich ganz glücklich. Und immer konnte sie lachen, immer. „Die Welt ist nicht wert, daß ich weine/ sagte sie. „Nicht wahr, ich Hab recht? Man muß lachen können/ Sie konnte es, sie war dieser Kunst auf den Grund gekommen. Wenn sie auf der Gasse ging, schien es, als träumte sie von Hellen Dingen, als sehnten sich ihre roten Lippen nach der Süße des Kusses. Und in den Hüften wiegte sie sich ein wenig, nur ein klei.. .n ... klein wenig. Meine Freunde, die nämlich, die sie kannten — und deren gab es viele, denn über die kleine Lotti Schreiber erzählte man sich im ganzen Bezirke und darüber hinaus allerhand abenteuerliche Geschichten und Geschichtchen — die Freunde also waren der Meinung, daß dieses Wiegen in den Hüsten nicht gerade schön zu nennen sei. Ich aber weiß es besser, mögen sie nur lachen diese Superklugen, mögen sie sich immerhin über mich lustig machen. Ich weiß, daß darin der Rythmus ihrer Kinderseele lag, Das war so lachend, so lockend, so voller Verlangen nach Liebe.. ..! Nun ist sie längst wieder da droben in Barbarien, ist Frau vielleicht und Mutter, hat Sorgen und nicht Zeit genug an all das zu denken, was früher war. An mich so wenig als auch die andern, die vor mir waren. erblickt, an denen auf Kosten der Bildung und Erziehung di Jugend unterwiesen wird, welchennationalenGötter sie opfern soll. Demgemäß betrachten wir den Bestan der deutschen Landes-Oberrealschule in Proßnitz nicht als einen Vorteil des Deutschtums oder einen Schaden des Tschechentums, vielmehr spielt in dem Wunsche für die Fortexistenz dieser Lehranstalt einzig und allein das praktische Interesse für das Fortkommen unserer jüdischen Jugend die Hauptrolle. Von diesem Standpunkte aus hat aber die deutsche Landes- Oberrealschule in Proßnitz nicht allein uns Juden, sondern auch den sie jetzt befehdenden Tschechen Nutzen gebracht, die es nur mit Hilfe der deutschen Bildung zu Ansehen und Stellung gebracht haben. Wir erlauben uns, speziell diese Herren zu fragen, ob sie etwa durch den Besuch deutscher Bildungsanstalten ihrem Volkstu me untr-u geworden, oder ob sie nicht gerade mit Hilfe deutscher Bildung für die E n t w i ck l u n g dieses, ihres V olkstu m e s mehr geleistet haben, als ihre Konnationalen. die sich darauf beschränkt haben, bloß tschechische Schulen zu besuchen. Die Abneigung der Juden speziell vor dem Besuche tschechischer Volks- und Mittelschulen liegt nicht in der Aversion gegen das tschechische Volk, dem wir Jüdischnationale niemals feindlich. gegenüber getreten sind, sondern sie liegt einzig und allein darin, daß wir nicht vom parteipolitischen, sondern vom praktischen Standpunkte aus darauf achten, daß die jüdische Jugend mit jenem Maß von Wrffen und Bildung ausgerüstet sei, welches es ihr ermöglicht, speziell in den Berufen der technischen Wissenschaften den Kampf gegen die besser geschulten Konkurrenten auf dem Weltmärkte mit Erfolg aufzunehmen. In neuester Zeit verweist man von tschechischer Seite auch darauf, daß das Weiterbestehen der deutschen Landes- Oberrealschule von der Gemeinde unverhältnismäßig hohe finanzielle Opfer erheischt. Abgesehen davon, daß dies einfach nicht wahr ist, da das Schulgebäude bereits längst amortisiert, die Beheizung. Beleuchtung und Reinigung des Schulgebäudes viel weniger kostet als die Gemeinde bisher an Schulgeld eiugenommen hat, so sind wir der Ansicht, daß die Juden, welche dem Stadtsäckel so na nt hafte Abgaben zuführen, die so Namhaftes auf humanitärem Gebiete der Stadt freiwillig geleistet haben und noch Leisten, welche durch ihre geschäftliche und industrielle Tätigkeit an dem Aufschwünge von Proßnitz redlichen Anteil nahmen, die Rücksicht verdienen, daß die Gemeindevertretung auch für sie ein Opfer bringe, wenn man überhaupt die Erhaltung einer Bilduvgsanstalt ein solches nennen kann! Sind O liebe und schöne Leserin! Bitte rümpf' nicht dein Näschen, da du dies liesest, über meine kleine Lotti. Sie verdient es gewiß nicht. Und hättest du sie gekannt, wie ich sie gekannt habe.... Ach Gott, ja ....! Einmal-warte-ja doch, ja — einmal nur Hab ich sie weinen sehen. Wir waren von einem Spaziergange heimgekehrt. Es war ein wunderbarer Frühlingstag, licht und leicht und voll von Tönen. Sie warf den Strohhut, die braunen Zwirnhandschuhe und den Schirm auf den Tisch und trat an das Fenster, das offen stand. Die Sonne floß in einer dicken Woge über ihr schwarzes Haar, daß es bläulich schimmerte. Und sie selber im hellen einfachen Kleidchen, an das sich die feinen Formen schmiegten. Ich trat zu ihr hin und legte meine Hand um Up Mitte. Sie lehnte den Kopf an meine Schulter. So standen wir blickten hinaus, hinein in den Frühlingstag. Und die Jugend dehnte das Herz und schlug darin. „Die Welt ist doch schön", sagte sie leise. „Ja," sagte ich. „Die Welt ist schön. Ein Gotteswerk, aus unseren Träumen geschaffen. Sie schloß die Augen und als sie sie öffnete, da sah ich eine Träne an den Wimpern glitzern. „Aber die Welt, die ich jetzt vor mir sehe", setzte sie ihre Rede fort. „Eine gibt es, die ist häßlich und voller Weh". Ihre Stimme zitterte leise. „Wenn Du wüßtest, wie es da droben aussieht, bei uns in Galizien. Da ist Jammer und Not zuhause. Du weißt nicht was das heißt, kannst es gar nicht wissen. Heute bin ich froh, daß ich draußen bin ... Aber weißt Du .. . ich muß ja doch zurück, ich gehör ja dorthin. Bald kommt ein Brief von meinem Vater, der mich nachhause kommen heißt und dann . . . dann werde ich bald heiraten nnd da uv ist alles aus. Für immer." Nun lachte sie wieder. „Wenn Du aber hier blei bst, hier heiratest?"