Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 31 (31.7.1903)
- Date
- 1903-07-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Lrdxrtto»: n/3. Lropoldsgaste 49. »»r«AM«te»r Sa Mochottage« von 4 bi» 5 tlhr nachmittag». p.»ad«z,r «-NSdl-tt, «te», »,s. 9*rftVt>2ca>etx »egen HCT^airtet oder gor nicht erfolgter ellmig eröiüe» wir SaeftrM. *u$ dringend. - MeMttfevISte werde» Nicht Bopjpa»raff«n.«o»to »470»7. I» da» adonnement kann «an täglich eintretm. MM jedell Fmtlls XRtsx Mitwirkung der vom jArischrn VvLksvrrri» erwählten Prefsrmmnifston. Jnfernte übernehmen die Firmen: I. Danneberg, M. Duke», Haasen« Dein ck Vogler, Rudolf Moffe, A. vppelik, M. Pozsonht, «. Schalet in löten, ferner alle «nnonren-Expedittonen im SuSlande. Eirtzel-Nmrrmer i« Wie« I« Heller. Administration: n/B. Lropoldsgsyr 49. Te!ephon.Nr. 147»» AbouurmentSpreiSr TeleHhon-Nr. 147»» Für VSte« ». Oesterretch-Nttgarn sammt Franeorustellung. Gan-jährig Halbjährig vierteljährig Kr. 8.- " fc Für bnS gesmnmte AuSlmrv sammt Francozustellung. Ganzjährig . . . ig . ihrig . . . Jtt. 0- , ISO . SWS UM1HHHWIIUHU. WMWWB1I Ur. 31 Wien. 31. J«ti 1903 (V. Ad 5663). V. Jahrgang. ESiii^w—OTii»ni»w««flg»«i«üSgi1BraBHBfiOwWa Dokumente zur ruffischen Zeitgeschichte. Die Maffacres von K i s ch e n e w haben die russische I Frage wieder aufgerollt, da sie vor aller Welt zeigten, daß die Verhältnisse in Rußland so, wie sie heute bestehen, unhaltbar sind. Dies bezieht sich nicht nur auf die Lage der Juden. Dieses Gefühl beherrscht auch die intelektuellen Kreise der russischen, akademisch gebildeten Gesellschaft, selbst viele Offiziere sympathisieren mit der Idee einer Reform an Haupt und Gliedern. Unter dem Titel „Ein Dokument zur Zeitgeschichte" veröffentlicht der Berliner »Tag" einen authentischen Auszug aus einer Denkschrift des russischen Ingenieurs Demtschinsky an den Zaren. Demtschinsky, Herausgeber der Zeitung „Das Klima", wurde im vorigen Herbst in Livadia einige Male vom Zaren in Audienz empfangen, durfte sich ganz freimütig über die soziale Lage des russischen Volkes aus- I sprechen, und mußte seine Ansichten in einigen, nur für den Zaren bestimmten Denkschriften niederlegen. Die vorliegende dritte und letzte dieser Denkschriften gelangte erst vor zwei Monaten in die Hände des Zaren und ist bisher nur einem ganz kleinen Kreise hochgestellter Personen am kaiserlichen Hofe bekannt geworden. Demtschinsky schrieb in derselben unter anderem: „Keine menschliche Kraft vermag das Leben anzuhalten oder den lebendigen Organismus zu zerstören, darum erscheint es notwendig, daß alle Sorgen der Regierung darauf gerichtet sind, das breite Flußbett zu regulieren, in welchem der mächtige Lebensstrom dahinfließt. Leider geht unser Bau vollkommen zurück. Anstatt die Ufer zu befestigen, bauen wir nutzlose Dämme, rechnen nicht mit der mächtigen Strömung; natürlich werden jene Dämme leicht umgerissen und an ihre Stelle treten tiefe Abgründe, die die Gesellschaft immer mehr und mehr von der Regierung entfernen. Sollte man es wirklich nicht verstehen, daß die Striemen auf dem Körper der poltawischeu Bauern wohl schnell heilen und doch das Pfeifen der Ruten wie Sturmgeläute durch das mächtige russische Reich klingt? Das zweite Beispiel ist die schönste Illustration der tatsächlichen Lage und wurde bereits in meiner Denkschrift über die Reform der höheren Lehranstalten Euer Kaiserlichen Majestät im März 1902 überreicht. Ich sagte darin, die Geschichte der Christenheit, die ganze Geschichte des Mittel- A alters lehre uns, daß der menschliche Gedanke sich weder in 8 ein Gefängnis sperren, noch auf einem Holzstoß verbrennen Feuilleton. Präger Iudrnfriedhof. Ein Tal der Tränen ist der Ort. „Durch Feuer starb der Tote hier. Gevierteilt ward der Tote dort"- Im Ohr nach klingt die Stimme mir Des Führers Stimme rauh und kalt, Und abseits lenk ich meinen Schritt, Wo diese Stimme längst verhallt. Ich weiß nicht, was der Tote litt. Ich weiß nicht, was der Grabstein sagt, Doch weiß ich, daß ein Mann hier ruht, Der unverdrossen, unverzagt Sein Leid ertrug mit Heldenmut. Und ruht hier eine Mutter aus, Von ird'schem Weh und bitt'rem Leid, So weiß ich, daß sie still zu Haus Ihr Leben hat dem Trost geweiht. Von stummer Trauer still geweint, Entringt dem Aug' sich eine Träne —- Nicht', weil der Tod sie schon vereint, Nein, weil den Geist der Helden tot ich wähne. Emil O b e r u i f. Im „Hause des Levens". (Eine Tisch'ah-Beab-Erzählung von Jakob Krauß.) Wortlos schreitet Jakob Weintraub mit seinem dreizehnjährigen Sohne die schmale, steile Straße zum Friedhofe hinan. Scheu blickt der Kleine von Zeit zu Zeit zu seinem Vater hinauf. Eine ganze Welt von Fragen läßt; je energischer die Mittel sind, die gegen den Gedanken oder die Idee in Anwendung gelangen, desto schneller verbreitet sich der Gedanke und desto größer wird die Zahl seiner Anhänger. Im August vergangenen Jahres machten zwei Mitglieder während der Sitzung des Woronesch'schen Landwirtschaftlichen Komitees, Martynow und Bunakow, von der Notlage der Landwirtschaft in ihrer verschiedenen Gestalt, die bereits einen außergewöhnlichen Umfang angenommen hatte, Mitteilung. Ein zufällig zusammengetretenes Komitee sei nicht kompetent genug, darüber zu beraten, dazu müsse eine Versammlung unter Garantie des freien Wortes und persönlichen Rechtes einberufen werden. Die Folge davon war, daß Martynow sowie Bunakow arretiert und irgendwohin verschickt wurden. Mit unglaublicher Schnelligkeit wurde das Woronesch'sche Protokoll in Tausenden von Exemplaren gedruckt, und bereits vier Wochen nach der Arretierung gab es fast keinen Winkel in Rußland, wo das Faktum nicht erörtert und Martynow wie Bunakow nicht als edle Märtyrer verehrt werden. Warum geschah das alles? Möge es bei diesen zwei Beispielen sein Bewenden haben. Wenn man alles sieht, was um uns geschieht, kommt man unwillkürlich auf den Gedanken, daß die Geschichte uns neue herbe Schläge vorbereitet. Auf einer Seite dringt die ökonomische Krisis immer mehr vor, auf der anderen — ein vollständiges Fehlen der Logik im inneren Leben." Nachdem Demtschinsky von der außergewöhnlichen Macht der Gouverneure gesprochen. als Aninkrate» »r;r*a. fiuvieres, 'fährt er fort t „Zum Minister gelangen verkümmerte Lebensstrahlen durch einen Stoß von Kanzleiforschungen, Berichten, Resolutionen u. s. w. verstümmelt, die Wahrheit verdunkelnd. Das Gouvernement Poltawa hat Bauernland zur Aussaat von 755.799 Deßjätinen bei einer Bevölkerung von fast drei Millionen Seelen, das heißt per Kopf s/4 Deßjätine. Vom logischen Standpunkte aus haben wir es hier mit permanent hungernden Menschen zu tun: kann es da wundernehmen, wenn jene Hungernden plötzlich in fremden Küchen erscheinen? Die Gemeindeorganisation hätte ihrem Monarchen die Sachlage in diesem Sinne dargestellt und Gnade für die Hungernden erfleht. Vom Gesichtspunkte der Beamten aber sind diese Küchenexkursionen Empörung und Aufruhr, ja dort in Poltawa bildet sich womöglich eine neue Republik! Jene durch Titel und Orden verblendeten Leute können die einfache Wahrheit nicht begreifen und leisten so dem monarchischen Prinzip nur Bärendienste. Ich flehe Eure Majestät an, stürzen Sie die Mauern, die Sie vom Leben trennen, zerbrechen Sie die spiegelt sich auf dem kleinen, verdutzten Gesichtchen wieder. Warum ist Vater heute so traurig? Warum pilgert heute Alles in den Friedhof? Aber hauptsächlich konnte er sich das Eine nicht erklären: Warum durfte er heute morgens nicht einmal seine Tesillin anlegen, auf die er sich jeden morgens so sehr freute? Seine ganze Umgebung trägt seit gestern abends ein eigenartiges finsteres Aussehen zur Schau: „Sind sie etwa auch aus den lieben Gott böse, daß sie ihm nicht dieselben Ehren erweisen, wie an jedem Wochentage? Und Wochentag ists ja, denn die Geschäfte in der Gasse sind ja offen?" So spukten in dein kleinen Hirnchen des Knaben die verschiedenartigsten Gedanken. Co oft er sich durch eine Frage das Herz erleichtern wollte, traf sein Blick das düstere Antlitz seines Vaters, unb er ward selbst traurig und mutlos. So schritten sie denn weiter nebeneinander. Das schwarzgestrichene Tor der Leichenhalle war schon sichtbar, da faßte der Knabe Mick unb griff eine der vielen Fragen, die sein kindliches Herz bedrückten, heraus: „Vater, warum muß ich heute aus den Gottesacker?" Erschrocken blickt der Vater auf sein Kind. Diese einfache, offene Frage seines Kindes kam so unerwartet, hatte ihn so jählings aus seiner Träumerei gerissen, daß er es erst jetzt merkte, daß sein einziges Kind, sein Salomon, neben ihn: geht. Ja, er hatte es ganz vergessen, daß er nicht allein ist. Er war seinen Gedanken nachgegangen, die ihn in eine ferne Vergangenheit zurückführten. Willig follgte er seiner Führern:, der Erinnerung. Er sah sich als kleinen Knaben, wie er auf der Landstraße, geführt von seinem älteren Bruder, hinter seinen Eltern herlief. Hinter ihnen marschierten zwei Gendarmen mit aufgepflanztem Gewehre. Es war Hochsommer, der Tag ging schon zur Neige, aber die Sonne brannte noch immer so stark, daß es ihm schien, Prismen, die Eurer Majestät die Lebensstrahlen in verstümmelter Form zeigen. Ich gestehe, daß ein solcher Schritt ungeheuer schwer ist, er verlangt einen furchtbaren Willen und Anspannung aller Kräfte. Doch für das Wohl Rußlands, das dem Herzen Eurer Majestät so nahe liegt, muß der Schritt getan werden. Nehmen Sie das Beil zur Hand und durchschlagen Sie den Weg, der beide Seiten überwuchert, hier den Herrn selbst, der heute vollkommen isoliert dasteht vom Leben und dort ganz Rußland, durch undurchdringbare Pfade von seinem Zaren getrennt. Die Vereinigung des Herrschers mit seinem Volke ist der einzige richtige Schritt zur Rettung Rußlands, er kann sich nur erfüllen bei weiter Entfaltung der Gemeindeorganisation. Bei Todesstrafe versichere ich, daß auch nicht ein Schatten von Unwahrheit in dem von mir Gesagten zu finden ist. Das heiligste Gefühl eines jeden von uns — die Verehrung und Ergebenheit zu seinem Zaren — ist von den Usurpatoren schon im Keime vergewaltigt, deren Befehle noch über dem allerhöchsten Befehle stehen' Darf es wundernehmen, daß alle Gedanken eines nur halbwegs intelligenten russischen Bürgers darauf gerichtet sind, diese Mauer zu zerstören, irgend eine Bresche zu schlagen, um zu dem zu gelangen, der uns retten kann, dem wir unsere gequäelte Seele offenbaren können! Da sich vor mir durch allerhöchste Gnade nur eine enge Spalte jenes undurchdringlichen Panzers auftut, rufe ich im Namen aller meiner Mitbrüder: Errette uns, Herr, durch dein mächtiges monarchisches .wiv fiufe 'OTv&vCii-w «uc9 * xcuncn" ucxncr nächsten Diener." Als einzigen Ausweg aus diese» unhaltbaren Zuständen empfiehlt Demtschinsky die Erweiterung, der den Semstwos zustehenden Rechte und Aufgaben, unter Beseitigung der jetzt Rußland alljährlich einehalbeMilliardekostendenBureankratie. Die Denkschrift schließt: „Wann begründen wir den Fe ft tag einer Auferstehung Rußlands?" Dem gegenüber wehrt sich die Bureaukratie nach Leibeskräften. Ihr eigentlicher Repräsentant ist, nachdem Pobedoneszew in den Hintergrund getreten ist, Herr v. P l e h w e, der Protektor K r u s ch e w a n s. Ueberall sind seine Agenten an der Arbeit, durch eine feile Presse die russischen Verhältnisse zu beschönigen. Wir haben erst jüngst das Treiben der russischen Preßagentur in Paris beleuchtet. Dasselbe spielt sich in den Berliner und Wiener antisemitischen Blättern ab. Ein Streiflicht auf diese Verhältnisse wirft ein im „Neuen Wiener Tagals trete er mit seinen nackten Füßchen auf glühende Kohlen. Er hörte, wie seine Mutter laut schluchzte und da mußte er mitweinen. Doch manchmal mußte er auch lachen, wenn er zaghaft hinter sich schaute und sah, wie die Gendarmen schwitzten und sie fluchen hörte. Sein Vater sprach nichts und weinte nicht. Er war krank und-, bewegte sich nur langsam vorwärts; oft mußte ihn die Mutter oder der ältere Bruder stützen. Sie kamen eines weiten Weges, sie waren Flüchtlinge. Ihre Geschichte war so einfach! Sie lebten kümmerlich in einem russischen Städtchen und eines nachts wurden sie von einem wüsten Geschrei aus ihrem Schlafe geweckt: „Man mordet die Juden!" Sie wußten, was das bedeutet. Der Alte war entschlossen zu warten, sich zu widersetzen, oder sich in sein Schicksal 51t fügen, wie es Gottes Ratschluß sein wird. Sein Vater hatte es vor zehn Jahren auch so getan und wurde niedergemacht. Aber seine Frau jammerte, bat und flehte ihn an, doch an sie und die Kinder zu denken und die Flucht zu versuchen, vielleicht gelingt es. Und gelingt es nicht, nun, dann — in Gottes Namen! Und die Flucht gelang! Doch kaum waren sie. der wilden Horde entwichen und jenseits der Grenze angelangt, da fielen sie der Zivilisation in die Arme. Denn die'Zivilisation hat wunderbar ausgedachte Gesetze und diese Gesetze haben sehr bewegliche Arme, und diese Anne der zivilisierten Gesetze trieben die Flüchtenden von Ort zu Ort ohne Rast unb Ruh; sie wurden durch die Zivilisation sozusagen weitergeflüchtet. So kamen sie schwach und müde am Abende vor Tisch'ah-Beab unter Eskorte in das kleine Städtchen mit einer namhaften Judengemeinde. Jakob erinnerte sich noch, wie sie damals gerade ihren Einzug in die Judengasse hielten, als man aus der Synagoge kam, in welcher man die Klagelieder über die Zerstörung des Tempels remitiert hatte. Es bildeten sich