Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1903-07-24 · 30 (24.7.1903) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
30 (24.7.1903)
Date
1903-07-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2432763-2432970-2433000--2032-2435854
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

jRibtttiün: II/8. Leopoldsgaffe 49. Gp«echft»»»e»r Mn (Sodjentoaen von 4 6t« 5 Uhr nachmütag». «sMblnti, «,en» dj3. »,s0»v»rrdr« tatfleti verspätet« ob« gut nicht «folgt« Zustellung «öMen «tr un» dringend. - •tmmfttf&te »erbe» nicht znrnSaesteüt. Postspa««asien.routo St?0»7. In da» «vonnemrnt kann «an täglich eintrete«. Memt jeden Freitag mürr MtttotrKmrg der vom jüdischen Volks- Verein erwählten Prrfsrommifston. Nnfrvnte übernehmen die Firmen: I. »ann«b«g, M. Duker, Hassen- Sei, S So gl«, «udolf «offe. «. vppelik. M. Pozsonyi, «. Schalet in Wim, f«n« alle Annoneen-Lrpedilionen im SuSlande. Linzel'N»««er i« Wie« I« Heller. Adminiftrakion; n/3. Leopoldsgaffe 49. TelephomNr. 14VSS NboiMeWetttSprelS: Telephon-Nr. 147SS Für «te» n. Oesterreich-Ungar» lammt Francozustrllung. Ganzjährig vierteljährig. «r. 8.- :fc Für bas gefammte AnSlanb sammt Francozustellung. Ganzjährig . Halbjährig . vierteljährig .Kr. , „ *«5 Ur. 30 Wien, 24. Juli 1903 (29. Thamuz 5663). V. Jahrgang. Wir und die Deutschen, Wien, den 22. Juli 1903. Wir sind nochmals gezwungen, gegen die Politik der deutschen Abgeordneten scharfe und harte Worte der Abwehr zu gebrauchen. Es müßte auch in unseren Adern Milch anstatt Blut fließen, wenn wir gegenüber Provokationen, wie sie die I^ex-H erzog bedeutet, die von der Mehrheit der deutschen Abgeordneten unterfertigt wurde, kaltes Blut bewahrten. Aber die deutsche Politik beschränkt sich nicht nur auf solche gelegentliche Exzesse, sondern sie arbeitet systematisch, — das ist sogar für sie bezeichnend, — in judenfeindlichem Sinne. Man braucht nur einmal einen Blick in die deutschnationale Provinzpresse Böhmens, Mährens und Schlesiens zu werfen, um zu erkennen, daß diese Presse selbst in Gegenden, wo die Juden die größten Opfer für die Erhaltung eines künstlich konservierten Deutschtums bringen, von den rüdesten und gemeinsten Beschimpfungen und Verleumdungen des Judentums strotzt. Das ist der Dank der Deutschen. Zudem sind die Opfer, die die Juden ad majorem gloriam germanorum bringen, ganz fruchtlos. Die künstliche Herrschaft der Deutschen in den mährischen Landstädten wackelt in allen Fugen. Jüngst ist erst Mährisch-Weißkirchen gefallen. Und mit dem Siege in den Gemeindevertretungen wächst der Appetit der Tschechen nach bisher deutschen Landtags- und Reichsratsmandaten. Schließlich haben es die Deutschen mit sich selbst auszumachen. wenn sie anstatt alle Kräfte gegen den slavischen Gegner zu konzentrieren, eine Gemeinde nach der anderen an ihn verlieren, dabei aber sich den Luxus des Antisemitismus gestatten. Sache der Juden aber ist es, diese unglückliche Ehe mit den Deutschen, die ihnen nicht nur Schaden, sondern auch Spott eiubringt, endgiltig zu trennen. Allerdings hat es damit bei der großen Mehrheit leider noch seine guten Wege. Das zeigt das unwürdige Verhalten der jüdischen assimilatorischen Turnerschaft. Alle Kreise der deutsch-österreichischen Turnerschaft haben in ihren Statuten den Arier-Paragraphen, daß heißt die Bestimmung, daß nur Deutsche (Arier) Mitglieder der deutschen Turnerschafl sein können. Die jüdischen Turner quittierten diese moralische Ohrfeige damit, daß sie in den Turnvereinen, in denen sie über die ausschlaggebende Majorität verfügen und daher nicht ausgeschlossen werden können, ein „Deutschtum in sich und für sich" kultivieren. . Die Juden vom „Deutschösterreichischen Turnverein" und vom „Oesterreichischen Turnverein in Floridsdorf" garantieren sich gegenseitig ihr Deutschtum. So treiben es auch einige Turnvereine in Mähren und Böhmen, in Feuilleton. Jüdische Siedlungen. Von Dr. Franz Oppenheimer.*) Wenn mir zionistische Freunde die Frage verlegen, wie ich „nach meinen Ideen" eine Provinz einrichten würde, so muß ich autworteu, daß ich darauf keine Antwort weih. Meine Gedanken haben sich stets nur mn rein wirtschaftliche Organisationen gedreht, und ich bin Politiker nur insofern, als ich der unerschütterlichen Ueberzeugung bin, daß alle politische Organisation als naturgegebene Folge ans der wirtschaftlichen Grundlage tvächst, als der logische Oberball eines gegebenen Unterbaues, indem sich jener zu diesem verhält, wie die Konsequenz zur Prämisse. Ich ztveifle also nicht iin nliildesten darail, daß die von mir geplante Form der wirtschaftlichen Organisatioil int Laufe der Zeit auch eine eigene Art politischer Gliederung. erzeugen tvird: aber diese Auffassung verbietet mir völlig, «nit der politischeil Organisation beginnen zu ivollen, e inen Staat „f a b r i z i e r e n" z ll wollen. Der Staat ist ein Organismus, man kann ihn pflanzen und während seines Wachstums pflegen und schützen: aber »lau kann ihn nicht machen, inan muß ihn „wachsen lassen". *) Die llebernahme des Referates über „Ansiedlungen" durch Franz Oppenheimer Ivird in weitesten Kreiseil mit der Nachricht in Verbindung gebracht, daß die zionistische Partei nun an die praktische Kolonisation schreiteil werde. Wir begrüßen diese Nachrickst uinsomehr, als wir seit Gründung des Blattes für diese Idee eiutreten. Der Artikel Oppenheimers, den wir reprodliziereil, bildet die Einleitung zu einem Artikel, den „Die Welt" im Jahre 1001 publizierte. denen man die Juden gewähren läßt, weil sich sonst die Vereine aus Mangel an Mitgliedern auflösen müßten. Diese Vereine schloßen sich zu einem „deutschfreiheitlichen" Verbände zusammen. Von dem 8. deutschen Turnertage in Nürnberg erhoffte der Verband seine Anerkennung. Jedoch wurden seine Hoffnungen zu Wasser. Die Anerkennung der deutschfreiheitlichen Turnvereine als selbständiger Kreis wurde abgelehnt; der Turnertag in Berlin im Jahre 1904 wird eine definitive Entscheidung in dieser Frage treffen. Also Schutzjuden bis zum Jahre 1904 und dann endgiltiger Hinauswurf! Wie werden die Auch-Juden diese zweite moralische Ohrfeige quittieren? Der antisemitische Geist ist nämlich auch in die Turnerschaft des deutschen Reiches eingezogen. Dies beweist auch folgende Nachricht: Köln. Ein Vorfall, der so recht geeignet ist, davon Zeugnis abzulegen, wie weit der antisemitische Geist auch in die Kreise der Studierenden der Kölner Handelshochschule eingedrungen ist, hat sich dieser Tage ereignet. Der allgemeine studentische deutsche Turnerverband, der satzungsgemäß keine Juden aufnimmt, hat beschlossen, die Mitglieder des an der Hochschule bestehenden Turnvereines aufzunehmen. Damit scheiden von selbst die jüdischen Turner, die zudem noch alle Mitgründer des Turnvereins an der Kölner Handelshochschule sind, aus. Ein bedenkliches Zeichen unserer Zeit, zumal wenn man bedenkt, daß weder „Hansea", noch „Ubia", die beiden farbentragenden Verbindungen an der Kölner Handelshochschule. Juden aufnehmen. Wir stehen den Deutschen als Nation ganz objektiv gegenüber. Nichts liegt uns ferner, als eine prinzipielle Feindschaft.. Mit Recht können wir darauf Hinweisen, daß wir früher noch als die deutsche Presse in Oesterreich von der Bedrückung der Deutschen in Ungarn sprachen. Dazu gehörte eben mehr Mut, als( die Schreiberseelen in der österreichischen Presse ihn besitzen. In Oesterreich, wo sie am Ruder sind, wollen sie den anderen Nationalitäten die Gleichberechtigung versagen. Aber über Ungarn, wo die Deutschen eine schutzlose Minorität bilden, kuschten die „teutschen" Helden solange, bis der Skandal zu offenkundig war. Das „I. V." steht also den Deutschen sicher objektiv gegenüber. Aber eben von unserem objektiven Standpunkte aus rufen wir den Juden zu. daß es einfach eine Pflicht der Ehre und der Selbstachtung ist, nicht mehr innerhalb der deutschen Volksgemeinschaft zu verharren, sondern sich selbständig auf jüdischnationaler Grundlage zu organisieren. Das Einzige, was von diesem Standpunkte aus der besonnene Volkswirt Vorschlägen darf, ist der Plan einer rein privatwirtschaftlichen Organisation, die zunächst nur eine beschränkte Anzahl von Gesellschastszellen, das heißt von Familien umfassen darf. Diese Organisation hat in dem Falle, der uns hier beschäftigt, wo es sich um die Expatriierung und soziale Versorgung von hnnderttausenden elendester und unglücklichster Menschen handelt, eine ganze Anzahl von schwierigen Bedingungen zu erfüllen: sie muß zunächst als Grundlage jeder lveiteren Entwicklung, die Gewähr privatwirtschaftlichen Gedeihens besitzen: sie muß zweitens damit rechnen, von Menschen betrieben zu werden, deren körperliche Leistungsfähigkeit, deren pshchische Widerstandskraft und schließlich deren Vorbildung auf einem sehr niedrigen durchschnittlichen Niveau stehen; sie muß drittens die Möglichkeit gebe», mit verhältnismäßig geringen Anfangskapitalien einen breiten Rahmen 311 spanne», der allmählich dicht mit Menschenmassen ausgefüllt werden kann, ohne daß die sozialen llebelstände auch nur einer „relativen Uebervölkerung" eiutreten; und eS müssen die für die Ausfüllung dieses Rahmens erforderlichen ganz ungeheuren Kapitalien gleichzeitig mit der immer dichteren Besiedelung innerhalb dieses Rahmens geschaffen Iverden können, oder, was dasselbe ist, es mutz hier eine Kreditbasis von gesunder Tragkraft gebildet iverden, um beträchtliche Teile dieser nötigen Kapitalien zu mäßigen Bedingungen auf dein allgemeinen Kapitalsmarkt erlangen zu können; und viertens muß nun allerdings die zugrunde liegende privatloirtschaftliche Organisation auch insofern öffentlich-wirtschaftlich sein, daß aus ihr in organischem Wachstum ein eigenes „Staatswesen" entstehen kann, wobei natürlich zunächst die äußere RegierungSform mit» die Form der Abhängigkeit von bestehenden politischen Gewalten völlig gleichgiltig ist. DaS sind schwierige Bedingungen; sehen wir, wie weit es möglich ist, ihnen zu entsprechen. Juden als Feldarbeiter. Bon CH. N. Reichenberg. Im Sommer des Jahres 1881 unternahm ich von Lemberg aus meine erste Geschäftsreise durch die kleineren galizischen Städte mittels Wagen (dazumal war das Eisenbahnnetz noch nicht so dicht wie gegenwärtig in Galizien verzweigt). Auf dieser Reise passierte ich nacheinander Dorfgemeinden, Marktfleüe und dann Städte wie Buczacz, Zaleszcyki, Kalusz und Nadworna in Ostgalizien, Dembice, Dukla, Mielec, Lezajsk und Oleszyce in Westgalizien, Unwillkürlich drängten sich mir zur Zeit meines Berweilens in solchen Städten die ökonomischen Verhältnisse unserer Volksgenossen auf. In einer solchen Gemeinde wohnen zirka 2000, 3000 bis 4000 Seelen jüdischen Glaubens. Die wirtschaftliche Lage derselben präsentiert sich wie folgt: Etwa 40 Prozent der jüdischen Bewohnerschaft daselbst beschäftigt sich mit dem Handel im großen, kleinen und ganz unansehnlichen Maßstabe. Die ersten zwei Kategorien von Geschäftsinhabern kämpfen ununterbrochen, um das den Verhältnissen dieser Städte gemäße Auftreten bewahren zu können; wenn nicht die Zahlungseinstellungen und Arrangements mit den Gläubigern, welche ein Kaufmann dieser Kategorien einige Male in seiner Laufbahn durchmacht vor sich gingen, wäre die Beibehaltung des Standpunktes ein Ding der Unmöglichkeit. Nicht angeborener betrügerischer Hang oder Befriedigung der Habsucht auf illegalem Wege sind die Ursachen, daß der größte Teil der Warenhändler solcher Städte einige Male im Leben fallieren muß, um zu existieren. Es sind dies die Kaufschwäche und wirtschaftliche Krankheit des Publikums, wie die heftige gegenseitig sich verzehrende Konkurrenz in diesen Städten. In einer mährischen oder böhmischen Stadt in der Größe von Buczacz existieren 6 Schnittwaren- und ebensoviel Galanteriewarenhändler; in Buczacz oder Kalusz gibt es solcher 30 oder vielleicht 40 an der Zahl. Die dritte Kategorie Geschäftsleute besteht aus Kleinkrämern, welche alle Warensorten in geringfügigen Mengen an das Bauernvolk weiter verkaufen. All diese vegetieren in Not und Elend, körperlicher und geistiger Verwahrlosung und allgemeiner Degenerierung; deren Kinder weiblichen Geschlechtes gehen scharenweise als Dienstmägde und Mädchen für Alles in die größeren Städte und zum Teile fallen diese auch in die Krallen der Mädchenhändler, von denen es in Galizien wimmelt. Etwa 20 Prozent der jüdischen Bewohnerschaft solcher Städte betreibt den Getreide-, Spiritus-, Mehl-, Viktualien- und Viehfutterhandel. Alle diese arbeiten im Schweiße des Angesichtes um das Fortkommen. Bei 10 Prozent derselben fretten sich durch schwere und mühselige Arbeit als Handwerker aller Branchen durch Wtd das weibliche Geschlecht der Nachkommenschaft derselben erreicht Daß die grundlegende Organisation nur eine landwirtschaftliche sein kann, versteht sich von selbst. Alle menschliche Kultur ist erwachse», aus der Urproduktion. Diese Weisheit steht am Anfang aller volkswirtschaftlichen Wissenschaft: „jj Wut clone cultiver le pieä cke l’arbre et ne pas borner nos soins ä gouverner les branches; laissons les s’arranger es s’etendre en liberte, mais ne negligeons pas la terre qui fonrnit les sucs necessaires ä leur vegetaticns et ü leur acroissement“: das schrieb der erste Schöpfer eines Ivissenschaftlichcn Systems der Volkswirtschaft, F. Ouesnay, der Gründer der Physiokratie,*) unÄ die Wissenschaft wäre weiter, wenn sie von diesem einzig tragfähigerk Boden niemals abgewichen iväre. Alle ihre Jrrtümcr bis auf den heutigen Tag lassen sich darauf zurückführen, daß sie seit Adam Smith in die Sackgasse der von mir so genannten „industriez e n t r i s ch e n" Auffassung geraten ist, eine Auffassung, die diesen Iviehtigsten Zusammenhang aller Volkswirtschaft, die dauernde Abhängigkeit aller Industrie von der Urproduktion, vergessen hat. Nun, bei der Begründung einer neuen Volkswirtschaft tvird itiemand iudustriezeutrisch denken können; hier zeigt sich auch dem Voreingenommenen ohne tveitercs, daß alle Industrie und aller Handel nur in dem Maße sich entfalten können, tvie die ftir diese sekundären Zweige der Wirtschaft verfügbaren Ueberschüsse der Urproduktion wachsen, und so ist die einzige eigentliche Aufgabe des Zionismus die Begründung jüdischer Batlernschaften; Industrie uitd Handel werden sich völlig von selbst einstellen, lumm jene gedeihen. Das ist also das Ziel; welches aber ist der beste Weg zu diesem Ziel? Was unter allen Umständen vermieden iverden muß, das ist dasjenige Mittel, durch tvelches in der heutigen Weltlage *) Oeuvres, herausgegeben von August Oncken, Fraukfurt «. M. und Paris 1888, Seite 208.! Verlange« in Men Lakale» das „Mische VolMlntt",!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.