Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 26 (26.6.1903)
- Date
- 1903-06-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Juni 1903 (1. Thamu; 5663). V. Jahrgang. Dp. Bloch/s Gesterreichische Wochenschrift. Zentrale für die vom Judenthum gesammelten Interessen u. Zinsen. Dr. Bloch, ein Märtyrer mit Ehren- Bersorgung, Ehren - Subventionen, Ehren-Pauschalien und Ehren-Geldgeschäften, kurz — eiuEhren-Märlyrer mit Strupfen. " Der Bize-Präsident der Wiener Kultusgemeinde erklärte in der Sitzung vom IO. Mai: „Nicht jedj:r ,fühlt die Kraft in sich, ein Märtyrer seines Glaubens zu sein und so ist es erklärlich, daß es ab und zu Leute gibt, welche ihrer Karriere wegen vom Judentume abfallen. Es mußjedochhervorgehoben werden, daß die Zahl der Uebertritte in Hinblick auf die ungünstigen Verhältnisse gering ist." Wir haben, anknüpfend an diese Aeußerung, in der Nr. 23 des „I. V." einen Artikel veröffentlicht, in dem wir diese Erklärung — unerklärlich fanden, und hervorhoben, daß die Zahl der Uebergetretenen durchaus nicht gering ist; dies bewiesen wir durch eine beiläufige Liste von abgefallenen Juristen. Wir waren uns über die Wirkung dieses Artikels klar. Er mußte in den Kreisen der Täuflinge einen panischen Schrecken und eine unbezähmbare Wut erregen. Das Erwartete trat ein. Aber auch etwas Unerwartetes. Denn das konnten wir nicht voraussetzen, daß bei aller Gegnerschaft ein jüdisches Blatt so ehrlos und charakterlos sein werde, in dem Momente, in dem wir einen Vorstoß gegen die Taufsucht - imtrrrruhme», uns utii^etitcm Kübol voll ttfirrnkenrr, lügnerischer und niedriger Beschimpfungen in den Rücken zu fallen. Diese Gemeinheit hat „Dr? Bloch's Wochenschrift" I unternommen, ein Blatt, das vorgibt, ein Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums zu sein. Die Täuflinge, diese an Geld und Einfluß so reichen Kreise, sind in Gefahr; deshalb auf, Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums und falle den Juden, die sie anzugreifen sich erkühnen, in die Arme! Aber lange hat es gedauert, bis Dr. Bloch sich gedrängt fühlte, etwas zu sagen. Wir griffen Bloch an, Bloch schwieg, wir griffen die Kultusgemeinde an, Bloch schwieg, wir griffen den Oberrabiner an, Bloch schwieg, wir griffen die Täuflinge an, da kann sichBloch nicht mehr halten, da ist endlich die geeignete Konjunktur gekommen, um sein schon lab-g^v erblaßtes Prestige, sein durch Zeit und Geschichte schon längst überwundenes und Lügen gestraftes Märtyrium wieder ein wenig aufzufrischen. Feuilleton. Einige Beulerknngen über die jüdische Einwanderung in England.*) Von Ed. Bernstein, Mitglied des Deutschen Reichstages. Trotz nahezu dreizehnjährigen Aufenthaltes in London habe ich nur wenig Gelegenheit gehabt, mich mit der Lage des jüdischen Proletariats daselbst genauer vertraut zu machen. Wohl habe ich wiederholt die speziell von jüdischen Proletariern bewohnten Quartiere des East-End aufgesucht, wohl auch von Zeit zu Zeit in dortigen jüdischen oder vorzugsweise aus Juden zusammengesetzten Arbeitervereinen Vorträge gehalten, aber bei solchen Gelegenheitsbesuchen gewinnt man keine Kenntnis der Verhältnisse, die über das in amtlichen Publikationen und sonst durch die Presse bekannt gegebene Material hinausreicht. Meine durch Arbeiten anderer Art in Anspruch genommene Zeit, örtliche Trennung — ich wohnte fast durchgängig in ziemlich weit vom East-End entlegenen Stadtvierteln Londons — und eine sehr unzulängliche Kenntnis des Dialekts oder Jargons, den die aus Osteuropa eingewanderten jüdischen Arbeiter und Kleingewerbetreibenden sprechen, ließen es zu einer intimeren Bekanntschaft mit deren Leben und Lebensgewohnheiten nicht kommen. Ich bemerke jedoch, daß ich mit einigen Führern der jüdischen A rbeiterbewegung des East-Ends immerhin häufiger zu- *) Aus den uns freundlichst zur Verfügung gestellten Aushängebogen der „Jüdischen Statistik". 7. M. Jüdischer Verlag. Berlin SW. 47. Was er während einer langen Kampagne, ohne in den Mitteln wählerisch zu sein, erreichen wollte, glaubt er schon erreicht und die „Ellbogen frei zu haben" und wieder den Ehrenmann spielen zu dürfen, wie wenn alles in Ordnung wäre. Wir würden uns mit diesem Ehreu-Subventionisten gar nicht weiter ernstlich befassen, weil die Sucht, den politischen Irrtum anderer für seinen materiellen Vorteil auszunützen, sich selbst richtet. Die Politik Blochs ist schon lange tot; aber sie hat soviel Schaden angerichtet, daß Jahrzehnte langer Arbeit unerschrockener Kämpfer nötig sein wird, um die großen Schäden wieder gut zu machen, die die Bloch'sche Politik unter den Juden ange^ichtei hat, wofür er aber von einem Häuflein Unverbesserlicher>.zum lebenslänglichen Ehren-Subventionisten, mit Gewährung von-Taxen, ernannt wurde. Aber Dr. Bloch tut in seiner jüngsten Expektoration so, wie wenn er wirklich sittlich entrüstet wäre, wie wenn er überhaupt noch wüßte, was Prinzipien sind, die er nun zu verteidigen hätte. Und weil das Alter der Bloch'schen Phrasen viele Verblendete doch nicht vor Torheit schützt, müssen wir uns leider mit seinen Auslassungen beschäftigen. Zunächst läßt sich Dr. Josef Samuel Bloch „von befreundeter Seite" pur nobile fratrum einen Angriff gegen den Präsidenten des „Jüdischen Volksvereines", Richard Rappaport einsenden, in welchem die Enthüllung gemacht wird, daß dessen Bruder Felix aus dem Judentum ausgetreten sei, ein Austritt, dessen Nichtveröffentlichung in dem angefeindeten Artikel unserem Mitarbeiter zum Vorwurf gemacht wird. Nun konnte der Verfasser in einem Artikel, der sich ausgesprochenerweise mit den Uebertritten im juristischen Lager beschäftigt, beim besten Willen nicht diesen Austritt publizieren, da der Betreffend- < kein Jurist ist. Dies nebenbei. Deran^bliche .hat nickt den Mut, seinen Namen zu zeichnen und droht aus dem Hinterhalte seiner Anonymität mit weiteren „Enthüllungen", indem er ein angebliches Gespräch mit Herrn Felix Rappaport reproduziert und hinzufügt: „Der weitere Inhalt der Unterhaltung, der dann intim Persönlicher Natur wurde, braucht hier weiter vorläufig nicht erwähnt zu werden." Der Revolver des feigen Brigantino hat also noch einen Schuß in Bereitschaft. Heraus mit ihm, er wird ebenso auf den Abfeuerer zurückprallen, wie dieser Schuß. Wie — möchten wir mit mehr Berechtigung zur Emphase ausrufen, als Dr. Bloch — ein Mann, unabhängig nach jeder Richtung, der für seine selbstlose, ausschließlich dem Judentume gewidmete Politik zumindest so viele Opfer gebracht hat und bringt, als Dr. B I o ch für seine Politik erhalten hat und noch erhält — und das will viel sagen — soll von einem Menschen ungestraft angegeifert werden, den es bitter kränkt, daß diese Opfer nicht in seine Tasche gewandert sind? sammenkam, aber unsere Unterhaltungen betrafen mehr Partei- und gewerkschaftliche Organisationsfragen, als das Leben der jüdischen Arbeiter in seinen genaueren Einzelheiten, und außerdem waren die betreffenden Gesinnungsfreunde entweder selbst schon stark assimiliert oder auf dem besten Wege dazu. So kann ich dem so interessanten Artikel Halperns über die jüdischen Einwanderer Londons nur Eindrücke aus flüchtigen Beobachtungen, aber keine Ergebnisse selbständiger Studien hinzüfügen. Als ich Frühjahr 1888 nach London kam, war von einer spezifisch jüdischen Arbeiter- oder Einwanderer- Frage des Londoner East-Ends für das größere Publikum nicht viel die Rede. Halpern sagt ganz mit Recht, daß bei den Untersuchungen von 1888/89 über die Einwandererfrage antisemitische Tendenzen irgend welcher Art keine Rolle spielten, wie denn überhaupt derjenige Antisemitismus, der auf dem Festland Europas kultiviert wird, in England wenig Boden findet. Der Engländer ist dem Juden gegeüüber gleichzeitig abweisender und toleranter, wie etwa der Deutsche oder Russe. Das erstexe, weil er überhaupt gegen alles Ausländische spröder ist, wie der Festlandbewohner. Seine Sitten, seine Lebensgewohnheiteu unterscheiden sich in vielen Punkten schärfer von denen der Nationen des Festlands, als wie sich die betreffenden Sitten dieser untereinander scheiden —.eine Folge auf der einen Seite der insularen Lage des britischen Königreichs und auf der anderen Seite des Umstandes, daß in England die modern-bürgerliche Entwicklung am frühesten zur Entfaltung gekommen ist und am nachhaltigsten auf das soziale Leben zurückgewirkt, es sozusagen auch in den intimeren Beziehungen mit ihrem Geist erfüllt hat. Manche Differenzierung, die der länger andauernde Wie, ein Mann der trotz, oder vielleicht, wie schon unsere Alten sagen jVDJ Mn fix »Nur der Geprüfte kann weise sein" gerade wegen des Falles in seiner Familie den moralischen Mut hat, gegen die Entjudungsmanie zu kämpfen, soll hiefür unter dem Schutze der offiziellen Vertreter des Judentums von ihrem, wie es scheint, zur Popularisierung der Taufen und Beschimpfung der Opposition subventionierten Organ räuberisch überfallen werden dürfen?!! Und welche intime Beichten der Täuflinge Bloch publiziert! Dr. Somary gehört nahezu 20 Jahre (vielleicht hat er dir sogar das Datum gesagt?) der katholischen Kirche an; ja noch mehr. Dr. Otto F r i s ch a u e r ist schon bei seiner Geburt getauft worden. Schau, schau! Wir sind so objektiv, zuzugeben, daß Dr. Blochs Geschäftsblatt über die. Täuflinge genauer orientiert ist, wie wir. Allerdings mit dem Unterschiede, daß sie ihre Kenntnisse dazu benützt, um sie zu verschweigen. Was er weise verschweigt, zeigt den Meister der — Geschäftspolitik. „Dr. Blochs Wochenschrift" meint: „Es bedarf großer Geistesstärke, energischen. Pflichtbewußtseins, um in einer solch bösen Zeit treu bei der Fahne auszuharren, den Lockungen und Zureden verräterischer „Freunde" zu widerstehen". Fürwahr, wir wissen wirklich nicht, ob wir über solche Banalitäten eher lachen oder weinen sollen. Wir wollen nicht den Schatten der Märtyrer des Mittelalters die Schande antun, sie in einem Atem mit dem feigen Anonymus der „Dr. Blochs Wochenschrift" zu nennen. Aber ist es nicht wirklich himmelschreiend, daß in den Tagen K i s ch e n e w s, wo Juden sich eher in Stücke reißen ließen, als ihrem Glauben untren zu werden, das von der Wiener Kultusgemeinde mit einer neuerlich erhöhten Subvention bedachte. „Zentralorgan ffür die vom Judentum gesammelten r Interessen." «s waaen darf. LU erklären., daß es in Wien * „großer Geistes stärke, energischen Pflichtbewußtseins bedarf, um Lockungen und Zureden verräterischerFreunde zu wid ersteben" und daß „man sich sogar wundern muß, daß solch „ungünstige Verhältnisse, wie Herr Dr. Gustav K o h n sich zart ausdrückte, und angesichts der zahllosen Hindernisse, welche jedem Juden in seiner Karriere (sie!)sich entgegenstellen, dieZiffern 'der Abfälle nicht noch höher (sie!) steigen lassen". Wenn das nicht heißt, Propaganda für bic Taufe machen und Entschuldigungen für die Täuflinge stammeln, so wissen wir wirklich nicht, wie das offiziöse Kultusorgan dies anders anstellen könnte. Der Ekel steigt einem auf vor diesem billigen und selbstgefälligen Märtyrertum, das sich sowohl in der Kultusstube als auch im öffentlichen jüdischen Leben heute breit macht. Anständigkeit wird als Verdienst und Treue gegen sein Volk als besonderer Heroismus angesehen. Druck des Feudalismus und später des Militarismus beim Volk nicht recht hat aufkommen lassen, hat sich hier ungehindert vollzogen, während zugleich die formale Gleichheit Fortschritte machte. Nichts charakteristischer in letzterer Hinsicht, als die Form der Anrede im täglichen Leben. In England redet sich alles, vom ärmsten Proletarier bis zum höchststehenden Aristrokaten, gleichmäßig an; aber die Anrede ist nicht das urwüchsig familiäre oder proletarische Du. auch nicht das höfischfeudalen Sitten entsprechende Sie, sondern das zwischen beiden stehende, mehr bürgerliche Ihr. Die stärkere Gleichheit heißt hier nicht stärkere Verschmelzung, sondern stärkere Individualisierung. Jeder Eigenart das gleiche Recht. Die jüdische Eigenart erregt in England weit weniger Anstoß, als auf dem Festland, trotzdem sie hier der nationalen Eigenart ferner steht, als dort. Allerdings ist der Jargon des osteuropäischen Juden für den Engländer etwas ganz anderes, wie zum Beispiel für den Deutschen. Er ist ihm von vornherein so gut eine fremde Mundart, wie irgend eine andere Sprache und verletzt daher sein Sprachgefühl nicht im geringsten. Radebricht aber der aus Rußland, Galizien rc. kommende Jude das Englische, so ist der ästhetische Effekt auf den Engländer nicht wesentlich anders, wie wenn ein mit starker Dialektsärbung sprechender Deutscher englisch radebricht. Wenn also zum Beispiel bei den großen Maidemonstrationen der Arbeiter im Hyde-Park der für das „Jiddisch" bestimmte Redner in seinem Jargon sprach, so war das für das englische Publikum eine durchaus ernste Sache, während ein Jargon sprechender Redner in einer Versammlung von Deutschen auf den größten Teil dieser komisch oder abstoßend wirken würde. Indes ganz abgesehen von diesem Punkt, wo der größere Sprachunterschied die natürlich wirkende