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Jüdisches Volksblatt · 1903-06-12 · 24 (12.6.1903) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
24 (12.6.1903)
Date
1903-06-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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ÄsJiswJton: n/8. Lropoldsgaste 49. Sp«tzHMUlbe»r Mn Wochentagen von 4 bis 5 Kh, nachmittag», papadttfl»! SS»tf«e» «St«, »,». »,sthU»rrde» toegr« verivLtetei: oder gar nicht erfolgte« gustrllmig erbitten wir »ns dringenü. - WUaMfttVHt fvcttea nlAi »uritüarsteM« Postfpareasim-Soato 847087. In da» «Somument kann «an titglich eintrcteu. Erschmt jede« Kettas mrLZr MirwirÄMg der vsm jKdiMren Vollrsvrxsw rrwZWtM PrrfsrvMMisstV». übernehmen dir Firmen! ADamuberv, M. Dukes, Haas«« sttk S Kogl«. Rudolf Ktosfe. «. Oppelü. M. Pv^onyt. v. Schale! tu Kien, fenier alle Snnouctw-Sxpedttt»»« tm Ausland e. te Wie» IG HeÜer. KdmtniMeckwn: n/8. Lropoldsgaste 49. Telepho«-Nr. 147*8 AbormemeNtSpreiSr Telephon-Nk. 14798 Für «Sie« n. Oesterreiq»Uogar« fawmt Francozustellung. . . «r.8.- : - *1 Sanziahrig Für baS gefaunnte AuSlim» fammt Franeozustellung. Ganzjährig . . . »wtLSrtg . . . iertelMrig . . . Jbc. S — , ISO : «ns Nr. 24 Wien, 12. Juni 1903 (17. Sima« 5663). V. Jahrgang. Das Budget der Wiener Kultusgemeinde. (Wie es ist und wie es sein sollte.) Die Wiener Kultusgemeinde hat jüngst ihren Rechnungsabschluß für das Verwaltungsjahr 1902 herausgegeben. Wir haben auch seinerzeit berichtet, daß dieser Rechnungsabschluß in einer sehr kurzen öffentlichen Sitzung ohne viel Skrupel einstimmig genehmigt wurde. Sowohl die Kostenvorschläge, wie die Rechnungsabschlüsse der Wiener Kultusgemeinde — und man kann mutatis mutandis sagen, sämtlicher österreichischer Kultusgemeinden — sind nach einer alten Schablone angefertigt, sie sind schon stereotyp geworden. Und diese Schablone verrät auch den Geist, der die Verwaltung unserer Kultusgemeinden erfüllt, sie ist der Ausdruck der Auffaffung der Kultusleiter über den Zweck und die Aufgabe einer Kultusverwaltung. Wir glauben auf keiner Seite auf Widerspruch zu stoßen, wenn wir das Axiom aufstellen: Das Prinzip, von welchem eine jüdische Kultusgemeinde, sowohl in wirtschaftlicher, wie auch inHinsicht des Kultus geleitet werden soll, muß ein soziales sein. Der vorliegende Rechnungsabschluß der Wiener Kultusgemeinde, der ja zur Grundlage des nächstjährigen Voranschlages dienen soll, verstößt aber gerade gegen dieses Prinzip. Zunächst fällt im allgemeinen ein ungerechtes Verhältnis in der Entlohnung der Arbeit der einzelnen Angestellten der Kultusgemeinde auf. Während der Herr -Oberrabbiner, der Gott sei Dank es nicht notwendig hat, etwas zu tun, schon bei einem Jahresgehalte von 15.830'32 Kronen angelangt ist und sein Gesamteinkommen zumindest 50.000 Kronen jährlich beträgt, sehen wir in anderen verantwortungsvollen Aemtern Beamte, die, mit Arbeit überbürdet, seit Jahr und Tag in den Budgets mit denselben kleinen Gehalten, in derselben Rangordnung wiederkehren. Aber auch in den kleinen Aemtern sehen wir junge Leute, die noch wenig leisten konnten, plötzlich alte Beamte mit großen Familie« und vielen Dienstjahren in Bezug aufGehaltsstufe und Dienstrang überspringen. Wir enthalten uns vorläufig jeder Namensnennung, da wir den Uebergangenen nicht schaden und die Protögös nicht noch höher bringen wollen. Aber nicht unerwähnt können wir das beispiellose Vorgehen der Wiener Kultusgemeinde lassen, daß sie bei Kultuswahlen ihre eigenen Beamten für ihre Agitation zugunsten einer Partei honorierte, wie dies der Fall B r u n erwiesen hat; hierin hat die Kultusgemeinde auch die Magnat und Jude. (Eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu.) Nach einer Skizze des „Pesti Hirlap" von Jakob Krauß. Vor ungefähr 25—30 Jahren geschah es — wenn es überhaupt geschah — daß der Gutsherr von Taltos eine große Soiree gab, zu welcher sämmtliche Wähler des Dorfes, soferue sie einen Namen hatten oder einen Einfluß besaßen, eine Einladung erhielten. Und das will viel sagen, denn der Gutsherr gehörte zu jenen steinreichen Magnaten mit uraltem, weithin klingendem Namen, die sonst auch ihren Dorfpfarrer nur selten einer Ansprache würdigen. Seine Gäste rekrutierten sich in der Regel ans hohen Magnaten gleichen Ranges und vornehmen Engländern. Allerdings hatte es seinen guten Grund, warum der Gutsherr plötzlich für die Bürgerschaft einen Abend veranstaltete. Die Ursache bestand darin, daß der Schwager des Gutsherrn für das Neichsratsmaildat des Bezirkes kandidierte, demzufolge der Kandidat der llnabhängigkeitspartei um jeden Preis niedergernngen werden mußte, obgleich dieser im Volke sehr beliebt war und den Bezirk bereits seit vielen Jahren vertrat. Unter den Geladenen befand sich auch das Oberhaupt der orthodoxen K n l t n s g e m e i n d e, den die Israeliten von Taltvs und Umgebung geradezu dergötterten. Und da sich einmal sein Name ans der Liste der Einzuladenden befand, so braucht es nicht erst gesagt zu werden, daß er die ehrenvolle Einladung nicht ziirückwies. Er erschien zur vorgeschriebenen Zeit und postierte sich bei jeder sich ergebenden Gelegenheit in der Nähe des Hausherrn, um stets zur Hand z» sein. Die übrigen Gäste gaben sich vollauf damit zufrieden, daß sie bei guter Speise und noch besserem Tranke Tagespolitik treiben durften. Er aber, der in einem Hanse, das nicht koscher war, nichts genoß, hatte ganz andere Gelüste. Ihn lüstete es darnach, Kommune Wien übertrumpft. Ob aber ein solches Vorgehen schon deshalb jüdisch ist, weil es es selbst die christlichsoziale Kommune Wien unterläßt, bleibe dahingestellt. Ein ferneres unausbleibliches Requisit der Budgets der Assimilations-Kultusgemeinden ist die Rubrik der Unterstützungen „an Vereine Institute interkonfessionellen Charakters". Ist es schon unklug, wenn in der heutigen Strömung der Jude als Privatmann zu sogenannten interkonfessionellen Zwecken sein Geld verwendet, bei welchen nur während der Annahme des Geldes die Konfession Nebensache ist, so muß man dies bei einer Kultusgemeinde umsomehr bedauern, weil sie nicht das Recht hat. das Geld der Steuerträger anderen als rein jüdischen Zwecken zuzuführen. Was hat die israelitische Kultusgemeinde in der „Gesellschaft der adeligen Frauen zur Beförderung des Guten und Nützlichen" zu suchen? Werden Juden von dieser Gesellschaft bedacht, oder hat eine dieser adeligen Frauen zu jüdischen Zwecken irgend etwas gewidmet? Nicht um die Summe von 50 Kronen, welche genanntem Zwecke zugeführt wird, handelt es sich hier sondern um das Prinzip, daß die Wiener Kultusgemeinde mit dem Beispiele vorangehen müßte, indem sie erklärt, daß der Jude nur den Juden unterstützen müsse, da er vom Nichtjuden keine Unterstützung zu gewärtigen habe. Eine Kultusgemeinde braucht nicht für interkonfessionelle Zwecke jährlich 3414 Kronen auszugsben, während so viele jüdische Vereine vergebens auf eine Subvention seitens der Kultusgemeinde warten. Man wende nicht ein, daß die meisten der unterstützten „interkonfessionellen" Vereine zum großen Teile aus Juden bestehen; dann haben diese erst recht nicht Anspruch aus die Unterstützung einer jüdischen Kommune, wenn sie nicht den Mut haben, sich zu einem offenkundig jüdischen Verein zusammen zu tun. Die Kultusgemeinde soll doch einmal Nachsehen, wie viel diese „interkonfessionellen" Vereine von den katholischen, protestantischen rc. Gemeinden erhalten? . Interessant ist auch das Kapitel: „Diverse Ausgaben". Hier finden sich jene verschämten Summen, die mitunter eine unverschämte Höhe erreichen, die nicht detailliert wurden. Hier findet sich auch die Post 5504 Kronen 26 Heller für „Remunerationen und Ehrengaben an Angestellte bei besonderen Anlässen". Wenn man bedenkt, "daß im Jahre 1902 die Kultuswahlen waren, so wird die Höhe dieser Summe nicht überraschen. Es bleibt auch unerfindlich, mit welchem Rechte die Kultusgemeinde ein Geschäftsunternehmen der „Union" (Herausgabe ihres Kalenders) mit 180 Kronen subvendaß der adelige Hausherr ihm kräftig die Hand schüttle, ihn um seinen Rat befrage und in freundschaftlichem Tone seine Unterstützung erbitte zu Gunsten des Kandidaten. Im Uebrigen wünschteer sich dies alles nicht deshalb, weil er nach einer Auszeichnung lechzte, sondern damit sein Ansehen bei seinen Glaubensgenossen noch größer werde. Leider kam es anders; wonach er sich gesehnt, blieb aus. Der Hausherr, der jedem einzelnen seiner Gäste gegenüber herablassend war und vor Liebenswürdigkeit überstcömte, hatte für den Führer der Israeliten während des ganzen Abends auch nicht einen einzigen Blick, ja. er wich ihm bei jeder Gelegenheit aus, was ein umso größeres Kunststück war, als der Herr Israelit es verstand, mit staunenswerter Behendigkeit dem Hausherrn in die Quere zu kommen, wobei er ihm instinktiv seine Hand entgegenstreckte. Ans diese Weise mußte es alsbald allgemein auffallen, daß der Hausherr unserem Israeliten mit Absicht aus dem Wege gehe; so ist es keiir Wunder, daß tags darauf sowohl in der Gemeinde, als auch in deren weiterem Umkreise von nichts anderem die Rede war, als davon, was dem Führer der Kultnsgemeiude bei der Soiree des Gutsherrn abends zuvor zugestoßen war. Zunächst war es der Betroffene selbst, der dafür sorgte, daß man über seinen „Fall" spreche und verabsäumte er auch hierbei keine einzige Gelegenheit, öffentlich zu erklären, daß er nunmehr für den Kandidaten der unabhängigen Partei stimmen und agitieren werde. Natürlich haben die Israeliten von Taltos und Umgebung den ihrem Führer widerfahrenen Affront zu ihrem eigenen gemacht und erklärt, alle wie ein Mann die Unabhängigkeitspartei nnterstützen zu wollen. Der Kandidat der liberalen Partei, der Schwager des Hausherrn, hat die Nachricht von dieser ihm feindlichen Bewegung alsbald in Erfahrung gebracht und war sich sofort im tioniert. Interessant wäre es auch zu erfahren, welchen Beamten die Vorschüsse in der Gesamthöhe von 20.000 Kronen in einem Jahre gewährt wurden, und welchen Vorschüsse in der Höhe von 4912 Kronen abgeschrieben wurden. Man würde hier manches Protektionsstückchen kennen lernen. Zur selben Kategorie gehören auch die Gehaltserhöhungen („außertourliche Avancements (!) und Neuanstellungen") 10.629 Kronen 94 Heller. Wir könnten diese Liste noch lange fortsetzen, haben aber heute absichtlich jene Posten genommen, die nicht mit Namen in direkter Verbindung stehen, aber auch aus diesen geht es zur Genüge hervor, daß eS mit der berühmten „Wirtschaft" auf welche sich die jetzige Majorität im Kultusvorstande so gerne beruft, nicht weit her ist, wenn nicht die gute Ausnützung der Macht den Beamten gegenüber eine gute Wirschaft genannt werden soll. Was die Art und Weise der Budgetierung und der Abschließung der Jahresrechnung betrifft, ist dieser beinahe aus lauter Kaufieuten bestehende Kultusvorstand noch immer nicht so weit, diesen eine modernere Form zn geben. Wir begegnen in diesen Aufstellungen Posten, welche von Jahr zu Jahr dieselben bleiben, oder höchstens durch ihre Zinsen steigen, mit dem eigentlichen Kultusbudget eigentlich nichts zu tun haben und lediglich zu einer fiktiven Endsumme des Gesamtbudgets führen. Es sind dies die als durchlaufende Posten behandelten Stiftungen, die vorläufig unter Aussicht des Vorstandes augmentiert werden, aber zu Zwecken der Kultusgemeinde nicht verwendet werden dürfen. Ebenso unverständlich, unmodern und buchhalterisch unrichtig ist, wenn im Rechnungsabschluß von Zuschüssen und Überschüssen in den einzelnen Ressorts die Rede ist. Die Gemeindeverwaltung ist, oder soll wenigstens sein, ein organisch ganzer Körper. . Die Gesamteinnahmen der Kultusgemeinde sollen nur wieder für Zwecke der „Kultusgemeinde" und nicht für die einzelnen Kommissionen, Abteilungen rc. ausgegeben werden. So klar auch diese Anschauung ist, hat sie in der Seitenstettengasse noch nicht durchdringen können. Diese Zuschuß- und Ueberschußfiktion hat auch in einzelnen Ressorts die unglaubliche Anschauung gezeitigt, daß weil dieseAbteilung, sagen wir dasMatrikenamt,Bethaus rc.sichaus seinen eigenen Ausgaben nicht erhalten kann, so müsse man bei Beamtendotierungen, Lokaladaptierungen dieser Aemter rc. sparsamer sein, als bei anderen Aemtern, die sich „selbst erhalten, oder gar einen Ueberschuß haben". Nun hat aber ein einzelnes Amt keine eigenen Einnahmen, sondern seine Einnahmen sind nur ein Theil der Gesamteinnahmen der Kultusgemeinde. Wenn wir nun alle diese Gesichtspunkte zusammen- Klaren darüber, daß, wenn er die Stimmen der Juden verliert, unbedingt unterliegen müsse. Er lief daher zu seinem Schwager, dem Magnaten, der die Soiree veranstaltet hatte, und machte ihm die bittersten Vorwürfe. „Wenn ich falle," sagte er vorwurfsvoll, „so wirst nur dn allein die Schuld daran haben." Erst jetzt erfaßte der Magnat die Situation und kratzte sich verlegen den Kopf. Dann aber lachte er hell auf und sagte, daß er die Angelegenheit in Ordnung bringen werde. So kam es, daß am darauffolgenden Sabbat, als die Juden aus dem Tempel kamen und in einzelnen Gruppen stehenbleibend, die „Affäre" besprachen, der stolze Magnat an dem Tempel vorbeipromenierte. Und als ihn die Israeliten mit ihrem Führer ans das Ehrerbietigste grüßten, winkte Seine Exzellenz das Oberhaupt der Kultusgemeinde huldvollst an sich heran. Dann nahm er ihn unter den Arm und führte ihn vor dem Angesichte und zur großen Freude der Gemeinde mit sich. Als sie sich aber soweit entfernt hatten, daß sie von den Uebrigen nicht gehört werden konnten, sagte ber Gutsherr zu seinem Israeliten: „Ich höre, daß Sie Ihre Nase hängen lassen und gegen meinen Schwager arbeiten wollen. Ich höre ferner, daß auch die anderen sich zu Ihnen gesellt haben und gegen mich zu demonstrieren beachsichtigen. Wohlan denn, ich sage es euch,, wenn sich nur einer von euch untersteht, mir zu trotzen, so werde ich in e r st e r. N e i h e dich aus dem Lande abschieben lassen und sollte ganz Jerusalem zu deiner Verteidigung kommen." Hierauf ließ er ihn stehen und ging weiter. Der Führer der Kultusgemeinde blieb eine Minute lang verblüfft stehen, dann warf er seinen Kopf zurück und kehrte stolz und selbstbewußt zu seinen Genossen zurück, wie einer, mit dem ein hoch- WM- Gedenket der Opfer von Kischenew! "MW

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