Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 23 (5.6.1903)
- Date
- 1903-06-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Lrd«rüm: H/8. Lropvldsgaye 49. 0|»te4ftKn»est Rn Wochentagen van 4 bis 5 llhr nachmittags. pafiOdeeffe r AS»tf«e» «-»SSlntt, Wie», II,S. Voschwerdr« »egen »er^ateier oder gar nicht erfolgter Lustellung SUtnd^ffti erbitten «1« eilt. uni dringend. - «MannirrtÄte «eerse» «tcht VoKIParcafsen-Lonto S470S7. I« das Rdonnement kann man täglich eintreten. Memt jedeü fteitafl «Mme MUwirKung dr« vom jkdiMrrn VoUrvdsrrw LLwStzwm MLssromurilston. Snferate übernehmen die Ktrmeir: I. Dannebrrg. M. DvkeS, Haafen. stein A Sogler, «udolf Moffe. R. Lippelik. M. Piqlonyl, A. Schale! in Wien, ferner alle Nnnoncon-Expeditionen im AuSlande. GZ»zeL.R«MWer i» Wie« I« Heller. AdwÄlMrstton: n/3. Leopoldsgaffr 49. TelephowNr. 14728 fibottUCnttUiöpVtW i Telephon-Nr. 14723 Wie« h, «esterretch«U»gar» samwt Nraueozustellung. «anziährig »Drig . 4ährig Äc. 8.— , 4.- Für baS gelammte sHaSIan* sammt Francozustellung. »anzjLhrig ... .Kr. HalbjäPtg.. 4.50 BlertrlMrig.* 2-25 feaomEmmtantm Ur. 33 Mir«, 5. J««i 1903 (10. Sima« 5663). V. Jahrgang. Wiener Marrannen. Der Vizepräsident der israelitischen Kultusgemeinde Herr Dr. Gustav K o h n hat laut der als offiziös geltenden Dr. Bloch'schen Wochenschrift in der öffentlichen Sitzung der israelitischen Kultusgemeinde vom 10. Mai 1903, anläßlich der Debatte über die Taufe einer Lehrerin, deren Schüler sich zumeist aus wohlhabenden jüdischen Kreisen rekrutieren, wörtlich folgendes gesagt: „Nicht jeder fühlt dieKraft in sich, ein Märtyrer seines Glaubens zu sein und so ist es erklärlich, daß es ab undzu Leute gibt, welche ihrer Karriere wegen vom Judentums abfalle n. Es muß jedoch hervorgehoben werden, daß die Zahl der Uebertritte in Hinblick auf die ungünstigen Verhältnisse gering ist." Diese Aeußerung eines fast an höchster Stelle der jetzigen Repräsentanz der zweitgrößten jüdischen Kultusgemeinde in Europa stehenden Mannes ist nach mehreren Richtungen hin sehr bemerkenswert. Zunächst muß es, gelinde gesagt, befremden, daß ein Jude überhaupt geschweige denn ein Vizepräsident einer jüdischen Kultusgemeinde es „erklärlich" findet daß jemand vom Judentums a b f a l l e, und notabene, nicht aus religiöser Ueberzeugung, sondern der — Karriere wegen. Geradezu unfaßbar ist es aber, daß der Herr Vizepräsident diese seine Aeußerung in öffentlicher Sitzung des Kultusgemeindevorstandes .kund gab und so, wollend oder nichtwollend, bewußt oder unbewußt, der Ahfallbewegung einen Erklärungsgrund und damit einen neuerlich kräftigen Anstoß gegeben hat. Wir glauben nicht fehlzugehen, daß es kein einziger, auch nicht der niedrigste, geschweige denn der höchste Repräsentant einer anderen Glaubensgenoffenschaft z. B. der'evangelischen, der altkatholischen rc. wagen würde, einen solchen Ausspruch, welcher den Abfall vom Glauben der bezüglichen Religionsgenossenschbft „erklärlich", findet in einer öffentlichen Sitzung des Kirchenrates zu enunzieren, und daß, falls er es doch tun sollte, er von der Entrüstung der ganzen Glaubensgemeinde sofort aus dem öffentlichen Leben der bezüglichen Glaubensgenoffenschaft weggefegt werden würde. Wenn man ferner bedenkt, wie die mächtige, nach Hunderten von Millionen zählende katholische Kirche die verhältnismäßig fühlbare Abfallbewegung in den Sudetenländern mit der größten Aufmerksamkeit und mit Bei Josef Israels. Von Heinrich Sonnwald. (Nachdruck verboten.) Cs ist rin eigentümliches Gefühl, dos Wohl jedermann beschleicht, der sich einer bedeutenden Persönlichkeit gegenüber befindet. So erging es auch mir als ich Ende Februar d. I. das Hans Koningiln'ngracht Nr. 2 im Haag betrat, um bei unseren: groszen Inden Josef Israels vorzusprechen. Vormittags sendete ich ein Exemplar des „I. V.", enthaltend mein Feuilleton: „Studie über die Juden im nördlichen Europa" mit einigen höflichen Zeilen und schon nachmittags war ich im Besitze einer Postkarte von der Hand Israels, welche mich 311 ihn: beschied. Tags darauf, um 2 Uhr, stand ich vor dem HauStor des kleinei: Palais, zog die Glocke und schon trat mir in der Türöffnung die Gesellschaftsdame begrüßend entgegen, um mich zum Eintritt in den Salon einz)iladen. Kaum betrat ich die gastlichen Räume, geivahrte ich, ans einen: Sopha gemächlich sitzend, ihn, denn mein Beftlch galt. Nach den üblichen einleitenden Worten hieß er mich, ihn: gegenüber Platz zu nehme):, und schon nach wenigen Augenblicken befanden wir uns in der eifrigsten Unterhaltung. Welch interessante Persönlichkeit, die uns sofort durch ihre »»gekünstelte Treuherzigkeit und vornehme Bescheidenheit, die Eigenschaft der meisten hervorragenden Menschen, gefangen nimmt. Da saß der achtzigjährige schmächtige Mann in seinen: brannsamtnen Künstlerrock, den schwarzen Schlapphut ))achlässig seitwärts auf dem Kopfe, der von einem wvhlgepflegten, kurze», fast Weißen Vollbart umrahmt ist. Ger) Mund mnspielt fortwährend ein zufriedenes, die Ileberlegenheit verratendes Lächeln und hinter der goldenen Brille blicken uns zwei sprechende Augen an, tvelche das ganze Gesicht beleben. In der AusdrnckStveise klar, ruhig und bestimmt, gewinnt man gerechter Betrübnis über den Abfall verfolgt, so nimmt es sich, gelinde gesagt, eigentümlich aus, wenn der Repräsentant einer Judengemeinde, also einer Gemeinde des sowohl nach Zahl als auch durch Zerstreutheit in den verschiedensten Erdstrichen geringen Volkes oder Glaubens eine so mächtige Abfallsbewegung, wie sie die letzten zwei Jahrzehnte aufweist, als „gering" bezeichnet. Entweder kümmert sich der Vizepräsident der israelitischen Kultusgemeinde um diese wichtige Erscheinung gar nicht und spricht daher ganz uninformiert, oder aber er ist über die Abfallbowegung richtig informiert und hat trotzdem so gesprochen!? Daß der Abfall nicht nur kein „geringer" und daß es nicht bloß „ab und zu" Leute gibt, die vom Judentums abfallen, daß vielmehr der Abfall ein geradezu Schrecken erregend großer ist und einen jeden wahren Juden mit Besorgnis erfüllt, das wollen wir im nachstehenden durch Anführung von nur wenigen Daten beweisen. > Wir bemerken, daß uns keine wie immer gearteten offiziellen Liften oder Mitteilungen zu Gebote standen. Wir bemerken ferner, daß wir, da sich sonst die kolossale Abfallsbewegung in einem einzigen Artikel gar nicht bewältigen ließe, nur eine einzige besondere Schichte der Bevölkerung herausgenommen haben, und zwar jene, welche am wenigsten von der Ungunst der Zeit zu leiden hatte, und der verhältnismäßig noch die meisten Berufsarten zu Gebote stünden, nämlich die der I u ris-Doktoren. Wir lassen daher beiseite die Doktoren der Philosophie, der Medizin, die Techniker, die Industriellen, die Handels- und Gewerbekreise rc. Wir lassen ferner weg alle jene Taufen, welche schon vor der eingangs gedachten Periode geschehen sind, so z. B. Taufen des Exzellenz Dr. U n g e r, Hofrat I e i t e l e s rc.; wir lassen zur Seite die Abfälle jener, welche bereits verstorben sind, z. V. Exzellenz Dr. Glaser, Freiherr v. Friedb e r g, Hofrat H a l b a n rc. Wir lassen ferner weg jene, wo zwar die Famile ganz oder teilweise getauft ist, aber das Familienoberhaupt Jude noch geblieben ist, so z. B. Dr. B a u e r, I. L. B r u n n st e i n, Julius L ö w, M. Peters, Viktor R o s e n f e l d rc. Und auf diesem äußerst eingeschränkten Gebiete werden wir Daten über die Abfallsbewegung anführen, die geradezu erschreckend sind, wie folgt: a) getaufte Juris - Doktoren in der Beamte n° b r a n ch e (jene Beamte, welche nicht Doktoren sind, sind ebenfalls unberücksichtigt geblieben): Sektionschef Dr. Ludwig Freiherr v. Doczi. Sekbald die Ueberzeugung, de)) Mann des abgeklärten Vorstandes, den Philosophen vor sich zu haben. Den Arn: ans die Lehne gestützt, gewahren wir nun die außerordentlich kleine Hand, die so meisterhaft Pi))sel rn)d Feder führt. — „Also Sie sind aus Wien; da kennen Sie auch meinen Freund SonnenthalI" „Gewiß, Meister!" „Ich treffe ihn immer im Sommer m Scheveningen." „Letztes Mal kam er gerade vom Meere herauf, da rief er mir zu —" hier folgte ein hebräisches Zitat, das ich mir nicht-merken ko))nte. Er fragte niieh mit seiner weichen, holländischen Anssprache: „Sie verstehe)) doch Hebräisch?" Zu meine)» Bedauern u)ußte ich ihm erklären, daß der österreichische Dnrchschnittsjude mit knapper Not hebräisch beten kann rind gerade noch de)) Sinn der Gebete versteht. Da))k unseren) Oberhirten, der mitschuldig ist a» der sträflichen Vernachlässigung der heilige)) Sprache, haben wir es jetzt schon so weit gebracht, daß nur ein kleiner Teil der jüdischen Schüler das Gebetb)ich von rechts nach links lese» kann und über einige gestotterte Brocken kommt keiner hinaus. Dieses beschämende Geständnis mußte ich einem Israels machen, der Talmudist durch und durch ist. I)» La)ife des Gespräches kamen wir auf die innerpolitischen Verhältnisse Oesterreichs zu sprechen )lnd da bemerkte ich leider, daß Israels in ziemlicher Unkenntnis derselbe)) war. Es wollte dem alten Heren nicht einleuchten, daß ivir, nach Luegers neueste))) Ausspruch, auf dieser „glückliche)) Insel" entrechtet sind )lnd lvar er für die Argumente der Hervorkehrung des Nationalismus fern») zugänglich. Sofort lerne)) wir aber Israels Auffassung verstehen, wenn ivir bedenken, daß er, als geborener Holländer, im Lande der wirkliche)) Gleichberechtigung aufgelvachsen ist und statt den Notschrei der Rechtlose)), )mr ei)) dumpfes Grollen vernahm, wie ei» Gewitter, welches in der Ferne vorüber zieht und unsere Gauen verschont. Nein, vom Kampf lvill er nichts wissen. „Ruhe! Ruhe!" ist seine Devise. Ich aber sagte ihm: „Meister! Was Sie in Ihren Landen bereits besitzen, tvorüber es keine Diskussion mehr gibt, dafür müssen ivir noch lauge einen erbitterten Kampf führen, dann» tionsrat Dr. Hugo B a ch, Regierungsrat Dr. Emil L ö b l, Ministsrial-Vizesekretär Dr. Egon Zweig, die Universitätsprofessoren Dr. Adolf Menzel, Dr. Karl G r ü n b e r g, Dr. Armin Eh r en z w e i g, Dr. Alexander Löffler, Dr. Julius Landesb e rg er, Privatdozent Dr. Rudolf Pollak, die Oberlandes - Gerichtsräte Dr. Moriz Reiser, Dr. Josef Friedländer, Dr. Georg Sigismund N e u m a n n. Landesgerichtsrat Dr. Alfred Bloch, Staatsanwaltsubstitut Dr. Wilhelm Wald stein Edler v. Heilwehr, Gerichtssekretäre Dr. Viktor Fröhlich, Dr. Alois Michael H eller, Dr. Albert W e h l i, Dr. Robert Emil W e i l l, Sekr. Dr. Bruno Ritter Frankl von Hochwart, Gerichtsadjunkten Dr. Max Leopold Ehrenreich, Dr. Alfred Pick, Dr. R. Winterstein (der Beamten der X. nnd IX. Rangsklasse gar nicht zu gedenken) rc. b) Hof- und Gerichtsadv okaten (die Advokaturskandidaten ebenfalls gar nicht berücksichtigt): Dr. Alfred B o s k o v i t s, Dr. Eugen B r e t t a u e r, Dr. Ludwig Gilbert Edler v. Bronn eck, Dr. Otto v. Bronne ck, Dr. Sigmund Wolf Epp in g er, Dr. Richard Fried, Dr. Otto F r i s ch a u e r, Dr. Max Fuchs, Dr. Max Fürst, Dr. Erwin Gold reich Edler v. Bronneck, Dr. Theodor G u t m a n n, Dr. Gustav Harpner, Dr. Isidor Ingwer, Dr. Leopold Felix Karplus, Dr. Leopold Katz, Dr. Karl Linke, Dr. Max Anton L ö w, Dr. Rudolf M a n h a r d, Dr. Jakob Meist, Dr. Gustav Morge nstern, Dr. Max Renda, Dr. Simon Popper, Dr. Josef Reitzes, Dr. Simon S 0 m a r y, Dr. Rudolf S ch a l e k, Dr. Josef Schmidt, Dr. Theodor S ch u l o f f, Dr. Max S t i g l i tz, Dr. Siegfried Ti etze, Dr. Daniel Thum, Dr. Moriz Zw eibrück rc. Indem wir bemerken, daß sich diese Aufzeichnung nur auf die Stadt Wien bezieht, daß zu dieser Aufzeichnung wir keine besonderen Erhebungen gepflogen haben, keine offiziellen Liften besaßen, weshalb vereinzelte Jrrtümer nicht ausgeschlossen sind, und schließlich nur die an Intelligenz und Ansehen höheren Personen genommen haben, so wird man wohl zugeben müssen, daß die Abfallsbewegung eine verhältnismäßig kolossale ist und daß es die größte Sorge der Repräsentanz der israelitischen Kultusgemeinde sein sollte, dieser Abfallsbewegung entgegenzutreten, keineswegs aber dürfte durch die eingangs angenagelte Aeußerung des Repräsentanten der jüdischen Kultusgemeinde diese Abfallsbewegung nolens volens noch befördert werden. unerbittlich vorwärts!" Zufrieden blinzelten bei diesen Wprtenseine Augen und als ich ihm erzählte, wie ich, erst einige Tage vorher, solch ei))em Ausgestoßenen an der holländischen Grenze beisprang, da kam er wieder mit einem hebräischen Satz, der auf die Bedrückung Israels in Aegypten Bezug hatte. Streifen wir mm das künstlerische Gebiet und betrachten wir das Schaffen Israels, so haben wir zwei Stoffe vor uns, die er souverän beherrscht. Kein zweiter moderner Maler erreicht ihn in der Darstellung des holländischen Fischerinterieurs und der Düne. Hier ivurzelt die Kraft seines Könnens. Draußen in seinem lieben Schcveningen belauscht er die Volksseele und bildet aus der unscheinbarsten Staffage ein ergreifendes, gemaltes Gedicht. Die armselige Einfachheit einer solche)) Fischerstube, darinnen das Netze stopfende Weib, das spielende Kind, die alte, gebrechliche Frau; oder ein krankes Weib z)l Bette, au dessen Ende der wettergebräunte Ma))» besorgt sitzt, während zwei kleine Würmer mit großen fragenden Auge)) um ihn hocke)). Typisch ist seine auf der Düne sitzende Frau, die ))ach dem Fistcherbote auslugt, welches den Mann hennbringen soll. Von seine» zahllosen Bilder)) seien hier erlvähnt: „Genesung", „Am Grabe der Mutter", „Abend vor der Trennung", „Frauenlos", „Der Schiffbrüchige" (Museum Haarlem), „Wenn man alt wird". Es soll nicht Aufgabe dieser Zeilen sein, einen Essay über Israels Kunst z)i bringen, ))ur sein Wese» soll aus seine» Werken heraus erklärt werde». 2 Seine zweite Unerreichtheit sind die jüdischen Genreszenen. Während die meisten jüdischen Maler solchen Sujets ängstlich aus dein Wege gehen, sehe)) ivir bei Israels, daß er der Maler seines Volkes ist. Die Modelle holt er sich aus den Judenvierteln Amsterdams und Rotterdmns. Schon die Titel, die er seine)) Bilden) gibt, legen Zeugnis ab von der tiefen A))fsassung seines Judentums. So z. B. „Ein Sohn des alten Volkes". Der vor der Ladentüre nachdenklich sitzende Jude, der nichts sein Eigen ))ennt, als den alten Kram, der um ihn Hern») lagert. I)) seine») Atelier belvunderte ich sein letztes Werk, an dem der noch immer rüstig schaffe))de Acht- KV Gedenket der Opfer mi Kischenew! "MW im