Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 22 (29.5.1903)
- Date
- 1903-05-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2432763-2432970-2432992--1960-2435774- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
^Jp4 4 Erscheint jeden Freitag n/8. Leopoldsgaye 49. v — < «wtrr Mlttvlrkrmg der vom jüdischen Volks- AdMinillLattou: H/3. Leopoldsgaye 49. Gf»rschftmr»r»r An Mocheatagen von 4 bis 6 llbr nachmittag». verein «rivStzlien PrepsroMmifston. Telephon-Nr. 14733 NboNUemerrtövreis * Telephou'Nr. 14723 peflatnff«: J8Stf»k» «»«Sbl-tl, Wie», 1IIS iS»frr»1e übernehmen die Firmen: I. Danneber g, M. Dulrg, Haafea» 8ür Wie» ». jWrsterretch'Nagirru Für da« gefammte AuSlmr» Beslhwrcvr» «egm »ertoOtetet obre gar nicht erfolgter Zustellung erb tuen wir Mit dringend. - Mamverwte Werbe» »Icht s»rL »gestellt. »ritt * Vogler, Rudolf Moff«, A. Oppelil, M. Pozsouht, N. Echalek tu lammt Krancozustellung. sammt Arancozustellung. Me«, ferner alle »nuoncell-Lrpedtttonen im Luilande. «anzjährig . . er. 8 — Ihaazjährig ... .Kr. Halbjährig._ 4.50 Vierteljährig.. 3A5 Vostjparrasten-Conto «470»?. Ja da» «bonuemeut tan» «an täglich eintreten. »-•. —--4. MRzel»R«MMer ta Wie» 16 Heller. Halbjährig . . „ 4.— VIerteliSbrig, . . , „ Ur« SS Wien, SS. Mai 1S03 (3. Siman 8663). V. Jahrgang. Wahre und falsche Freunde. Die Beratung über die Regelung der Sonntagsruhe bot eine prächtige Gelegenheit, die wahren und die falschen Freunde der Juden bei der Arbeit zu beobachten. Man braucht nur die Rede des Exjuden Dr. Ellenb ogen — nicht etwa mit der Rede des wackeren Breiters, sondern mit der Rede — Axmauns zu vergleichen, um zu erkennen, wie kalt und arrogant der Abgeordnete der Leopoldstadt der Judenfrage gegenübersteht. Warum nimmt sich auch der Abgeordnete Breiter der »polnischen Juden" an? Die „Arbeiter-Zeitung" wirst ihm dafür in ihrem infernalischen Hasse allerlei Schimpfworte an den Kopf. Schließlich spielt sie ihren Haupttrumpf aus. Sie sagt: „Herr Breiter wird niemandem etwas weißmachen; es ist ihm ja nur um die jüdischen Wähler in Lemberg zu tun." Schrecklich! Herrn Breiter geschieht ganz recht; warum nimmt sich dieser Abgeordnete nicht ein Beispiel an Daszynski und Ellenbogen? Diese erlauben den Juden großmütig, für sie bei der Wahl zu stimmen: nach der Wahl aber existieren in ihrem »Gesichtskreis" die Juden nicht. Abgeordneter Breiter aber ist so naiv, obwohl viele Juden gegen ihn stimmten, aus Gerechtigkeitsliebe für sie einzutreten. Das ist ein Verbrechen in den Augen der Wiener sozialdemokratischen Regierung; diesen Mann muß man vernichten. Wir lassen nachstehend die Reden Breiters, Axmanns und Ellenbogens folgen, damit sich jeder Leser selbst ein Urteil über den Charakter dieser Männer bilden kann. Abg. Breiter tritt für die internationale Regelung des Ruhe-' tages ein und beantragt eine Resolution, in welcher die Regierung aufgefordert wird, in offizieller Weise die Jniatibe zur Abhaltung einer bezüglichen Enquete, zu welcher sämtliche Kulturstaaten eingeladen werden sollen, zu ergreifen. Die Vorlage bedeute mehr einen Rückschritt als einen Fortschritt. Weil man dem Gesetze einen kirchlichen Charakter aufpräge, entstehen bei der Durchführung Schwierigkeiten. Nicht die Sonntagsruhe, sondern ein vierundzwanzigstiindiger, beziehungsweise sechsunddreitzigstündiger Ruhetag sollte in der Woche eingeführt werden. Durch die Handhabung der bestehenden gesetzlichen Bestimmungen werde die Sonntagsruhe für viele Geschäftszweige illusorisch gemacht. Das Recht der Landesbehörden zur Regelung der Sonntagsruhe sollte aris dem Gesetze tzärizltch eliminiert werden. Redner kommt hierauf auf die Petitionen der jüdischen Gewerbetreibenden in Galizien zu sprechen. In Galizien wird von den jüdischen Geschäftsleuten der Sabbat als Ruhetag beobachtet. Wenn nun auch an Sonntagen die Geschäfte geschlossen gehalten werden m ü s s e n, so käme für diesen Teil der Bevölkerung Feuilleton. Kischenew. Die Sonne zieht sich scheu zurück. Es sammeln sich dunkle Horden, Und gierig schreit es aus jedem Blick: Auf! Auf! die Juden zu morden!! Die saßen ahnungslos im Haus Und wehrlos wie die Tauben, Da stürmt die Schar mit wildem Graus Zu töten und zu rauben — Man riß der Mutter das Kind aus der Hand, Zerknickte die zarten Knochen Und schleudert es fluchend an die Wand — Der Vater lag dort erstochen... Es sträubte mein Haar zu Berge sich, Und alles, was sie erlitten, Die Brüder, jeder Schlag und Stich Hat schmerzlich ins Herz mir geschnitten. Es kocht mein Blut, es jagt mein Puls, Und meine Nerven zittern .. . Ich wollt', ich wär ein Donnerkeil, Die Feinde zu zersplittern! Die Feinde? Die Feinde? Großer Gott! Sie sind ja wie Sand im Meere. Und Rache? Rache? Das klingt wie Spott, Die Liebe ist nur die Wehre. Die Liebe zum Bruder, die Liebe allein, Ich fühl' ihre Schwingen sich regen- Wir wollen fürwahr unser Leben weihn Uns armen Verfolgten zum Segen. mehr als ein Drittel des Jahres in Wegfall, da außer an Sabbaten auch an jüdischen Feiertagen und an den gebotenen christlichen Feiertagen die Geschäfte geschlossen bleiben sollen. Redner findet es unmoralisch und unchristlich, wenn das Staatsgrnndgesetz, das affen Nationen und Konfessionen Gleichberechtigung gewährt, durch das Sonntagsruhcgesetz umgangen würde. Redner stellt den Antrag, den Gesetzentwurf mit dem Anträge an den Ausschuß zurückzuleiten, eine vollständigere Revision des Sonntagsrnhegesetzcs vorzunehmcn und in kürzester Zeit einen neuen Entwurf vorzulcgen, in welchem ein sechsnnddreißigstündiger, beziehungsweise vierundzwanzigstünd'lgcr Ruhetag in der Woche cingeführt wird. Abg. Axmann (Christlich-Sozialer) erklärt, cs müsse die gesetzliche Verpflichtung zur Einhaltung der Sonntagsruhe ausgesprochen werden. Von diesem Gesichtspunkte sei kein Unterschied zwischen manuellen Arbeitern und Handlungsgehilfen 31t machen. Die Kräfte der Handlungsgehilfen werden unter Umständen in noch viel höherem Maße in Anspruch genommen, als die' des manuellen Arbeiters. Die jetzige Sonntagsruhe sei nur eine Sonntagsruhe auf Raten. Der Ersatzruhetag habe gar keinen Wert, denn unter hundert Angestellten wird es kaum zwei geben, die, falls sie den Ruhetag nicht bekommen, ihren Chef der politischen Behörde denunzieren. Der Mg. Breiter habe die Petition der jüdischen Kanfleute anfgcgriffen und gemeint, es sei unchristlich, wenn man in einem Staate, in welchem die staatsbürgerliche Freiheit den Nationen und Konfessionen nach allen Richtungen gewährt ist, den Juden, lveil sie am Samstag vollkommen gesperrt halten, keinen Ersatz gibt, daß sie mit jüdischem Personal cm Sonntagen ihr Geschäft führen können. In Galizien seien unter 7 Millionen Einwohnern nur 900 000 Juden. Von einer Mehrheit sei also keine Rede, und dann stehe doch sicher fest, daß Oesterreich nach ein christlicher und vorwiegend katholischer Staat ist, und daß für einen allgemeinen Ruhetag unter allen Umständen der Sonntag die Priorität habe. Es geht absolut nicht an, daß die Christen am Sonntag zugesperrt, die Inden aber offen Halten. Cs wäre dies eine Benachteiligung der Christen, und die Herren polnischen Inden müssen die Härte, die mit ihrer Religion verbunden ist, auf sich nehmen. Mg. Dr. Ellenbogen führt aus, cs feien ihm vom Berichterstatter die Petitionen der galizischen Juden gewissermaßen vorgeworfcn worden, als ob er damit irgend etwas zu tun hätte, und er sei gefragt worden, warum er nicht dazu Stellung nehme. Er habe bereits erwidert, daß für ihn gar kein Anlaß dazu vorliege, da er sich klipp und klar, ohne irgend einen Zweifel übrig zu lassen, für die ganztägige ausnahmslose scchsunddreißigstündige Ruhe ausgesprochen habe. Von einer nicht geschätzten Seite wurde bemerkt, daß diese Erklärung sehr wichtig sei. Ich halte das nicht für so wichti g, weil m e in Gesichtskreis nicht so sehr von de n I u d e n b e h e r r s ch t tu i r d, wie der des Mgeordneten Stein. (Traurig, aber wahr. Anm. d. Red.) Inzwischen habe ich von den Petenten ein Telegramm erhalten. Die Loyalität gebietet, zu konstatieren, daß sie durchaus nicht gegen die Sonntagsruhe sind, sondern nur für eine ihrer Meinung nach ihren religiösen und lokalen Verhältnissen entsprechende Regelung der Sonntagsruhe eintretcn. Obwohl nun für einzelne Orte, die vielleicht überwiegend oder ausschließlich von Juden bewohnt sind, tatsächlich in der vorgeschlagenen Regelung der Sonntagsruhe eine gewisse Ungerechtigkeit (I) enthalten sein mag, können wir auch Wir wollen rufen durch Not und Nacht, Uns sammeln und schützen und schirmen Und ziehen zur Sonne, die mütterlich lacht, Aus all diesen finsteren Stürmen! Im Mai 1903. M. Scherlag. Ghettobildchen. Von Hermann Sternbach. I. Mutter fitzt still in der Kammer, In den Händen ruht ihr Haupt, Schaut aufs harte, arme Lager, Wo ihr Sohn gebettet liegt. Mutter weint nicht in der Kammer, — Heut ist heil'ger Ruhetag — Schaut durchs eingefallne Fenster In die bitterschöne Welt. Mutter sitzt still in der Kammer: „Heute, heut' bist Du noch mein — Morgen kommen Totengräber, Schleudern dich ins kühle Grab." II. Morgens kamen Totengräber — Axt und Spaten schon bereit. Eine Handvoll schwarzer Erde Und eilt kleines, kühles Grab. Auf den schauerstillen Friedhof Tragen sie den toten Sohn — Fiel aufs Grab die letzte Scholle, Schien die Sonne noch so schön . .. gegenüber dieser Kategorie von Bewohnern Galiziens eine Ausnahme nicht zugeben, weil dadurch eine Verwirrung eintrcten würde. Könnte Bielohlawek schneidiger sich über „gewisse Ungerechtigkeiten" einer gewissen »Kategorie von Bewohnern" gegenüber, wie sich Dr. Ellenbogen errötend ausdrückt, hinwegsetzen? Die liberale Wiener Publizistik. Das »Neue Wiener Tagblatt", das aus einem unerfindlichen Grunde die Devise am Kopfe trägt: „Demokratisches Organ", brillierte in der Sonntagsnummer vom 17. d. M. mit einem Artikel aus der Feder des sattsam bekannten Reichsratsabgeordneten Dr. Otto Steinwender. Das „Neue Wiener Tagblatt" ist bekanntlich nicht nur ein liberales Blatt par exeellence, sondern auch das offizielle Organ der deutschfortschrittlichen Partei. Der Reichsratsabgeordnete Dr. Ste inwender dagegen ist der Ur- und Nährvater des Antisemitismus. Er war den Juden schon spinnefeind, als es einen modernen Antisemitismus überhaupt noch nicht gegeben hatte. Dr. Otto Steinwender machte aus seiner judenfeindlichen Gesinnung niemals Hehl, im Gegenteil, er benützt jeden willkommenen und nicht willkommenen Anlaß, diese Gesinnung zur Schau zu tragen und ihr markantesten Ausdruck zu verleihen. So hat Dr. Otto Steinwe nder erst jüngst dafür gestintmt, daß die bekannte Lex Herzog einem eigene n Ausschüsse zur Vorberatung zugewiesen werde. Mehr kann man doch auch von einem in Wolle gefärbten Antisemiten nicht verlangen. Der im „Neuen Wiener Tagblatt" von Dr. Otto Steinwender veröffentlichte Artikel behandelt allerdings ein volkswirtschaftliches Thema, dies ändert aber nichts an der Sache. Es dient jedenfalls zur Charakteristik unserer auchliberalen Blätter. Hier gilt wohl der Satz: Wie die Liberalen, so ihre Organe — wie die Organe, so die Liberalen. Es besteht da ein unleugbarer Zusammenhang, es fehlt jedoch jede psychologische Erklärung hiefür, es wäre denn, daß man bereits allen Takt, jede Empfindung für Schickliches eingebüßt hat. Die pseudoliberalen Blätter Wiens haben sich insgesamt eine eigene Taktik gegenüber der Behandlung der Judenfrage zurechtgelegt. Die »Neue Freie Presse" bringt grundsätzlich keine Zeile für die Ver- III. Mutter kam verweint nach Hause, Kauert an der Schwelle still, Schluckt herunter heiße Tränen — Arm und elend und allein. Als die Sonne Untergängen Und der erste Stern erwacht, Lag schon überm frischen Grabe Schwüle, stille, tiefe Nacht. . Weint die Mutter in der Kammer, Schauet in die Nacht hinein: »Gestern tot und noch mein eigen — Heut für ewig nicht mehr mein .."— Sichere Anzeichen. (Szene aus einem Salon der sogenannten „besseren" jüdischen Gesellschaft, d. h. gar kein a r m e r Jude, einige verarmte christliche Adelige, einige Beamte, sehr viel Kommerzial-, kaiserliche nsiv. Räte jüdischer Rasse (teils „schon" getauft, teils „noch nicht" getauft), mehrere Advokaten, Aerzte nsw.) Ort: Ein Winkel im Salon, hochmodern, nur notdürftig durch eine Stehlampe erleuchtet (als Kontrast gegen den überbeleuchteten sogenannten zweiten Salon). Redende Personen: Eine s«gende, klavierspielende und schreibende Dame, noch jung und hübsch. Ein graumelierter Doktor. Ein jüngerer Doktor. Ein kais. Rat. D e r I ü n g e r e: Daß man Sie, Herr Doktor, den rassenstolzen Juden, in der Gesellschaft sieht? Der Graue: Lieber Freund, ein Fehler meiner Frau. Ich lvnßte nicht, daß es hier so stark nach „Abfall" riecht. Da ich aber einmal schon hierher geraten bin, so habe ich, was ick) immer und überall tue, mein jüdisch-nationales Programm gepredigt, und wie ich hoffe, mit bestein Erfolge, denn das Anfsteigen der Wb" Gedenket der Opfer von Kischenew! "WW