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Jüdisches Volksblatt · 1903-04-24 · 17 (24.4.1903) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
17 (24.4.1903)
Date
1903-04-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Lrd«tton: n/8. Leopoldsgafle 49. GPr«chft>»te»r A» »ochmtagm von 4 bis 6 llhr nachmittags, posiadnsi» r Mwifche« «Sie«, tt.S Bvsckwrrd»« «egm »ersviileter oder gar nicht erfolgter grttiellung erbitten wir »u« bringend. - mtautfatott »erde» Nicht -urüikaestem« Wofffpareasim-Lonto »170»?. An da» «bonnonent kan« «an täglich eintreteu. Erscheint jede« Freitag ««rer MttwtrKmrö der vom jüdischen Volks- Verein erwätzlren PerssroMMifston. Saftest* übernehme« bte Mrrnm i I. Danneberg, N. Dukes, Haasm« (Ma » Kogler, «udols Mosfe. «. OvPeltk. vt. Pozsonyt, «. Schalek in Sie», ferner all« Nimouten-SrpediUone« im vuSlande. «rrzel-Rrmmrer t» Wie» 16 Heller. »dministrstton; n/8. Leopoldssaste 49. Telepho«.srr. 1472» AhourremeutSpreiS: Telephou-Nr. 1472» Für Wie» «. Oesterretch'Uagar» sammt Francozustellung. Ganzjährig Halbjährig «ierteljährig Kr. 8 — - fc: Für baS gesaurmte UoSlaub sammt Francozustellung. Ganzjährig . 8Sä®fl’ Kr. 9 — ff 4.50 . . aas Ur. 17 Wien. 24. April 1903 (S7. Missa» 5663). V. Jahrgang. Eine Proskriptionsliste. Der sattsam bekannte Prager Abgeordnete Brzeznovsky hat in der Sitzung vom 21. d. M. eine Interpellation überreicht, als deren Zweck vorgeschützt wird, die Regierung auf die germanisatorische Tätigkeit des Professors Rauch be rg an der Prager deutschen Universität aufmerksam zu machen. Die Interpellation will die Art beleuchten, wie seitens der Prager deutschen Vereine auf eine gewaltsame Erhöhung der deutschen Bevölkerungsziffer hingearbeitet wurde. Der eigentliche Zweck der Interpellation ist aber ein g a n z anderer. Abgeordneter Brzeznovsky führt gegen 400 Prager jüdische Geschästsfirmen namentlich an, die sich durch den Druck der deutschen Vereine, sowie der Böhmischen Sparkasse bestimmen ließen, bei der Volkszählung das Deutsche als Umgangssprache anzugeben. Diese Liste wird in den tschechischen Mittagsblättern wörtlich samt Angabe der Adresse gedruckt und gewinnt so den Charakter eine Proskriptionsliste. Es handelt sich dabei augenscheinlich um das Bemühen der Jungtschechen einerseits, durch einen stärker betonten Antisemitismus die Gunst der radikalen Elemente wiederzugewinnen, andererseits um eine einfache Fortsetzung des bei der Böhmischen Sparkasse begonnenen wirtschaftlichen Kampfes. Die Prager jüdischen Geschäftsleute sind also in einer» gefährlichen Zwickmühle. Auf der einen Seite die deutschnationalen Institute, vornehmlich die Böhmische Sparkasse, die den Juden mit der Entziehung des Kredits drohen, wenn sie sich nicht als Deutsche bekennen, auf der anderen Seite die Jungtschechen, die mit Boykott oder einer kleinen Wiederholung der Schreckenstage vom November und Dezember des Jahres 1897 drohen. Scylla und Charybdis. Gibt es da keinen Ausweg? Mancher vernünftige Jude wird sich nicht erst anläßlich dieses Dilemna gesagt haben, daß es das wahnsinnigste Unterfangen ist, in dem nationalen Streite zwischen Deutschen und Tschechen sich mit dem einen oder dem anderen zu identifizieren. Die Politik unserer Erbweisen, die die jüdischen Schäfchen massenhaft bei den Wahlen zur Urne trieb, damit sie als Deutsche, Tschechen oder Polen diesen Nationen zum Siege verhelfen, hat verdientermaßen endlich und endgiltig Bankerott gem a ch t. Denn der Sieger vergaß nach der Arbeit an den unbequemen Bundesgenossen oder stellte sich, als ob er vergessen hätte. Dankbarkeit ist eine seltene Tugend, Dankbarkeit in der Politik die allerseltenste. Der Unterlegene aber sah in dem Juden nicht den politischen Gegner, sondern den nationalen. Und der Dank dafür, daß Feuilleton. Die Jungfrau Israels. Mit Stolz ich auf die Nachbarvölker blicke. Weil uns der Herr zu seinem auserwählet. Und Judas Flammenschwert, mit Kraft gestählet, Zu bändigen der Heiden freche Tücke. Die Blume reiner Frömmigkeit ich pflücke Und uns kein Segen der Verheißung fehlet: Drum Davids heil'ger Harfe laut vermählet Zum Dank empor ich meine Stimme schicke. Wenn auch zerstört sind Zions Tempelmauern, Und wir, zerstreut in allen Ländern, trauern, Doch edler Stolz in unserem Busen glühet. Denn bis zur Weltzerstörung Zorngerichte Doch in der völkerwägenden Geschichte Rein, unvermischet unser Zwölfstamm blühet. Wilhelm von Humboldt. Ein gräßliches Verbrechen. Von N. P r u f ch a n s k y. Frei nach dein- Russischen von Julie G o l d b a u in. (Schluß.) Eine Grabesstille war die Antwort. Aller Allgen glänzten fieberhaft und waren auf Sender gerichtet, welcher Ulit weißgewordenen Lippen und tief gesenktem Kopfe unbeweglich ivie eine Stäche dastand. die Juden regelmäßig für ihre Freunde die Kastanien aus dem Feuer holten, war, daß die Versprechungen, die in der Hitze des Wahlkampfes gemacht wurden, nie eingehalten wurden. Die Juden ließen es sich ruhig bieten, wenn hinter ihrem Rücken unwürdiger Schacher mit ihren vitalsten Interessen getrieben wurde, wenn dem nationalen Antisemitismus Konzessionen aller Art gemacht wurden. Sie lernten alle politischen Ehrbegriffe gewaltsam ersticken und degradierten sich damit selbst zum gefügigen Stimmvieh und willenlosem Objekte politischer Geschäfte. V o r der Wahl zwangen sich die „Liberalen" zu einer überströmenden Judenfreundlichkeit, nach der Wahl trugen sie voll nobler Lässigkeit antisemitischen, pardon — asemitischen Anstrich zu Schau. Aus diesem politischen Verhalten der Juden haben nur diejenigen gewissenlosen jüdischen Führer einen Vorteil gezogen, die etwa in einem Wahlausschüsse oder in einem Bezirksvereine eine Stelle ergatterten; der wirtschaftliche Boykott, der gegen die armen und ärmsten Juden gepredigt wurde, ließ sie ruhig schlafen. Wirtschaftlicher Niedergang und moralische Krebsschäden waren die Erfolge der bisherigen unjüdischen Judenpolitik. Von diesem Blatte gingen die ersten Rufe zur Umkehr aus. Und die Schäden der bisherigen assimilatorischen Politik lagen zu offen zutage, als daß sich diese Erkenntnis, wenn auch nur langsam nnd unter vielen Mißverständissen nicht Bahn gebrochen hätte. Die Masse will nicht mehr den alten Schlagworten Gefolgschaft leisten, die reichen Juden weigern sich, ihr Geld für unmögliche Wahlkämpfe hinauszuwerfen. So ist es kein Wunder, daß die Heerführer der Assimilation aus der Not eine Tugend machen. Ein „österreichisch-israelitischer" Verein, der Haupttrompeter im Wahlkampfe und Organisator vieler Wiener Niederlagen, will sich grollend vom Schauplatze zurückziehen. Wir begreifen es vollkommen, daß die Träger der bisherigen Politik, die verantwortlichen Leiter der Wahlen endlich das Bedürfnis empfinden, vom politischen Schauplatze zu verschwinden. Wir hätten nur das eine auszusetzen, daß sich die Herren so spät dazu entschlossen. Wir begreifen auch, daß die Wähler, denen noch bie Schlagworte von gestern in den Ohren klingen, daß die große Masse der assimilatorischen Judenschaft, überdrüssig ihrer Führer und von der Aussichtslosigkeit der bisherigen Politik überzeugt, den kommenden Wahlkämpfen apathisch gegenübersteht. Es ist vielleicht sogar notwendig, daß die jüdische Wählerschaft durch die Schule der Abstinenz geht, bevor „Ah, du schweigst, du Lump?" schrie der Rabbiner, welcher sich nidjjt länger zurückhalten konnte. „Du kannst dich also nicht rechtfertigen! „Rabbessai (Meine Herren)!" wandte er sich zu den Umstehenden. „Hier seht ihr einen Menschen, welcher ein großes Unheil auf unsere Köpfe heraufbeschwören wird, um dessentwillen unschuldige Seine/ linge sterben werden. Scheusal, Verruchter!" schrie er Sender an., „Wie kaimst du den Mut finden, ein so gräß, liches Verbrechen sir begehen?" „Scheusal, Verruchter, Abtrünniger!" widerholte mit furchtbarem Geheul die Menge. Sender hob den Kopf in die Höhe, blickte fest den Rabbiner an und bewegte die Lippen, als wollte er sprechen. Wären die Anwesenden durch ihren Zorn nicht so verblendet gewesen, sie hätten in der Tiefe von Senders zaghaftein und flehentlichem Blicke jenen charakteristischen Funken entdecken können, welcher auch im- Auge eines an die Wand gedrückten Hundes aufblitzt und welcher deutlich sagt, daß er nicht gesonnen sei, die Schlage ohne Widerstand entgegenzunehmen. „Scha, scha," sagte der Rabbiner, mit der Handfläche über ein vor ihm liegendes Buch schlagend, „er will sprechen! Wollen wir hören, was er uns zu sagen hat!" „Ich werde sagen," begann leise und zaghaft Sender, „daß ich! vor Gott in der Tat gesündigt habe, Ihnen aber, ineine Herren, habe ich nichts zuleide getan; ich habe gesündigt und ich selbst werde vor Gatt meine Sünde verantworten ..." „Ach, du frecher Bursche, du Verwegener!" qnitschte der Rabbiner, mit einem Satze zu Sender springend und ihm eine schallende Ohrfeige versetzend. „Hört ihr, Rabbessai, was er sagt? Er wagt es noch, zu antworten? Als ob von ihm die Rede wäre! Ja, weißt du denn nicht, daß es bei uns Indem nicht tvie bei den Gojim ist, wo keiner sie das nötige Verständnis und die nötige Energie für eine kräftige jüdische Politik gewinnt. Sicher ist mit dem Abtritte der bisherigen Führer etwas, aber noch nicht alles gethan. Sicher ist die Abstinenz ein Fortschritt gegenüber der assimilatorischen Politik, aber sie ist nicht der Weisheit letzter Schluß. , Wir haben erst jüngst darauf hingewresen, daß die Aktion des Dr. Strauch er ein glänzender Beweis dafür ist, daß man jüdische Politik nicht nur betreiben soll, sondern auch betreiben kann. Die österreichische Regierung sah sich durch diese Interpellationen veranlaßt, die nötigen Erhebungen zu pflegen über die Folgen der rumänischen Judenauswanderungen. Diese Frage kann nicht mehr totgeschwiegen werden. Diese gefährlichste Klippe ist glücklich umschifft worden. Dieselben Erfolge könnten aus allen Gebieten des jüdischen öffentlichen Lebens erzielt werden, wenn sich diese einzig gesunde und von allen anderen Völkern schon längst befolgte Methode weiter Bahn bräche. Wenn man sich aber in den Winkel zurückzieht, so verurteilt man sich selbst zum Unrecht ertragen und setzt sich selbst ins Unrecht. _ Wir behaupten aber, daß eine konsequente Absffnevzpolitik nicht nur schädlich, sondern direkt unmöglich ist. Wir verweisen auf die famose Interpellation mit der Proskriptionsliste. Die jüdischen Kaufleute in Prag können sich nicht einfach der Angabe ihrer Nationalität enthalten; hier heißt es Farbe bekennen. Sich als Deutscher oder als Böhme bekennen, ist gleich unheilvoll. Nun wohlan, ist es nicht beschämend, daß erst durch den Zwang der Verhältnisse die Juden sich entschlossen, sich endlich zur Wahrheit zu bekennen, daß sie nämlich Juden sind, und mit der bisherigen lügnerischen Methode zu brechen? Man halte uns nicht entgegen, daß die Volkszählungslisten nicht nach der Nationalität, sondern nach der Muttersprache fragen. Der Sinn der Rubrik ist, die Nationalitäten statistisch abzugrenzen; in diesem Sinne wird auch die Rubrik politisch wissenschaftlich und amtlich ausgebeutet. Diesem Sinne genügen nun die Juden allein dadurch, daß sie die betreffende Rubrik, mag sie wie immer betitelt sein, mit dem Wort „Jude" ausfüllen. Dadurch entgehen sie auch dem Dilemma, das wir im Eingänge unseres Artikels schilderten. Im übrigen ist es ein Wunsch aller nichtdeutschen Parteien, daß mit dem bisherigen Usus gebrochen werde und daß nicht nach der Muttersprache, sondern nach der Nationalität geforscht werde. Eine Agitation in dieser Richtung im Parlamente würde also sicher einen Erfolg erzielen. Dieselbe Situation stich um dorr anderen kümmert? Bei uns ist einer für den anderen verantwortlich. Und tun unterstehst dich zu sagen, du lvürdest selbst deine Handlungen' verantworten? Auf diese Weise kannst du dich ja auch mit Schlveinefleisch aufressen und wirft du im sagen, es ginge niemanden etwas au?! ..." Sender fühlte, wie in ihm unter dem- Einflüsse den unverdient erlittenen Schinach und des psychischen Schmerzes jene dumpfe Entschlossenheit heranreifte, welche, wenn auch nur selten, sich bei scheuen und zaghaften Menschen bahnbricht. „Ja," sagte er leise, aber entschieden, „wenn ich auch Schweinefleisch essen sollte, auch das ginge niemanden an!" Diese Worte waren mit einer solchen Kühnheit und Entschloffenheit gesagt lvorden, der Gedanke an nnd für sich war so neu, so nnerwacket, daß alle Anwesenden vor Ueberraschung sich einige Augenblicke wortlos anstarrten. „Er ist ja ein Vollständiger Apikanres (Ungläubiger)," sagte endlich Wulf der Batlon. Diese Worte wirkten wie ein in ein Pulverfaß geworfener Funken. Im Nu waren alle in Bewegung, die Ausrufe: Apikanres, Schweinefresser, Gottloser, Abtrünniger, Auswurf des menschlichen Geschlechtes, flössen ineinander und bildeten mit dem Geschrei, Geheul und Zähneknirschen einen ohrenzerreißenden Lärm. Und mitten im Wirrwarr trat ganz unerwartet Brame, welche bis jetzt seitwärts gestanden' hatte und ganz, leise schluchzte, hervor. Als die Aufregung der. Menge eine solche Höhe erreicht hatte, daß die empörten Menschen pem allen Seiten mit drohenden Bewegungen auf Sender eindrangen, da stürzte sie sich plötzlich unter die Menge nnd kreischte: „Er ist kein Schuft! Ihr alle seid Schufte, nnd er ist ehrlicher als ihr alle zusammen! Gotiesfürchtig seid ihr? Ihr beschwindelt und betrügt auf jedein Schritte, nnd ihr sagt, daß ihr gottesfürchkig seid! Er

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