Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 15 (10.4.1903)
- Date
- 1903-04-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ÄuriacüuB: II/8. LvopoldsgaWe 49. J Ka mn 4 btt 6 uyr mut&ittajtf. NvMSlstt, WlrB. I! 8 S’!j£ii »erjöfitftrr oder .^r utchr cr-'vl^rer nbtiUn?sr mi* tivtü'ifno. MemuierivSe koerbe» nicht zmÄk!gesteUt. KostiparcaffkN'S.onto iH?o»7. In bnS Arolmanenr kann s>aa tüftNA eintrels» EMemt jede« Freitag M»Sr»rLLurA« lrW. r-wv, V.SlLrs :.'*xefa m’tmtWmi ftsrr. Serif ssic üvncaehmr« Hl? Httmfn A. Liri.a«s»rg, SL Dukes, Haaieu- Ä S'o^ler. Kudolf?.7tyfie, 8. OM-ltk. T-' Äo^onlit, H. TSalek in Miri,. inner aN« -Linwuc««'^»,Editionen im ^uölande. iss Wts» 10 Heller. mnn; 11/8. Leopoldsgage 49. Telephon-Nr. 14723 NbovuemeutAyretA r Telephou-Nr. 14723 Mir irvte« u. ««rretch-Nngar» iarnmi toc«> o^utteflun«. San^jätzritz Halbjährig HierteliäSrig Kr. 8.— , 4.- , *- Fiir daS aetamrate AuSlaad lammt »rancozustellung. Gun,jährig . Halbjährig . vierteljährig Kr. S- , 4.50 ” 2.25 Uv. 15 Wien. 10. April 1003 (13. Uijfan 5663). V. Jahrgang. ir^i«nffiimagicyastes«SBg«gagrerestetta»gs^^ llilimiw %(HWWWi«WIWWW1»« Was wollen wir? Von Richard R a p p a p «o, r t.*) Meine Damen nild Herren! Was eine Partei will, das ergibt sich aus ihren Prinzipien, das besagt! ihr Programm. Ich habe vor etwa einem, Jahre Ihnen unser neugeschaffenes Programm von diesem Platze aus mitgeteilt und erläutert. Ich kann es als bekannt voraussetzen und brauche es nicht zu wwderholen^Mur einige Punkte,! die heute von, Wichtigkeit sind, will ich herausgreifen.! Unser Programm besagt in seiner kürzesten Form: Die Juden sind ein Volk, wollen unb müssen es bleiben. Unser erster Programmpunkt befaßt sich mit der Pflege unserer nationalen ,s> u l ti it r. Das ist ja der Brennpunkt einer jeden nationalen Bewegung, denn, was ist eine Nationalität anderes als der lebendige Träger einer bestimmten! Kultur. National sein heißt in erster Linie im Sinne einer nationalen Kultur wirken. Der zweite Punkt betrifft die sozialen Verhältnisse. Ist doch der gesellschaftliche Zusammenhang der Unterball eiiler jeden volklichen Organisation. In dieses Kapitel gehört auch das beliebte Thema von der Selbstachtung. Ein Volk, das sich selbst nicht achtet, hat keinen Anspruch auf die Achtung anderer. Bezüglich der wirtschaftlichen. Lage unseres Volkes konstatieren wir, daß es außer der allgemeineil wirtschaftlichen Not auch eine spezielle wirtschaftliche Judennot gibt. Unser Programm enthält Vorschläge für deren, Abhilfe. Ein spezieller Abschnitt befaßt sich mit den jüdischen Gewerbetreibendeil und Arbeitern. Auf politischem Gebiete verlangen! wir eine energische N ealpolitik int nationalen Interesse. Die Politik, die heute von unseren Vertretern getrieben wird-, liegt nicht in unsere in Interesse, sondern nur im Interesse anderer Volker. Insbesondere ist eine n a t i o il a l e A it tono m, i e zu erstreben, die es uns ermöglicht, unsere eigeneil! Angelegenheiten nach eigenem Ermessen zu gestalten. Wir wollen Herren inr eigenen Hanse sein. Wir finden, inr Programnl schließlich einen Punkt, der die wirtschaftliche Hebung Galiziens und der Bukowina verlangt. Kein anderer Teil der Monarchie beherbergt eine so große Allzahl von Juden, aber nirgends ist auch ihre wirtschaftliche Lage so traurig. Wir glauben, daß die Verbesserung der Lage unserer Stainmesgenosfeil in diesen beiden Ländern nur durch die Hebung des sozialen Niveaus der gesamten Bevölkerung möglich ist. Darauf hinzuwirken ist Pflicht aller Judei'l. Wir glauben, für dieses Verlangen auch in nichtjüdischen Kreisen Freunde zll finden. Ich habe schon voriges Jahr ausgeführt, daß ’!‘) Vortrag, gehalten im Festsaale des „Jüdischen Volksverein". dieses innere Programm, aus zwei Gründen nicht' ausreichend erscheiilt: aus einem örtlichen und einem zeitlicheil; aus einem örtlich e ll, denn es reicht nicht für jene Juden aus, die unter der Despotie Rußlands mld Rumäniens schmachten, alls einein z e i t l s ch e n , denn lnan muß mit der Möglichkeit von Katastrophal rechnen. Für solche Zeiteil müssen lvir eine sichere H e i in ft ei 11 e haben, die naturgemäß nur: in P er l ä st i n a liegen kanil. Dies ist der Inhalt des fünften, seither noch ergänzteil Punktes unseres Programmes. Ich möchte nun fragen: „Ist ein gutes Programm auch alles, bietet es allein eine genügende Gewähr des Erfolges?" Ich glaube ilicht. Ich habe von jeher ein gewisses Mißtrauen gegen Programme. So ein Programm ist cii’n Stück Papier, das man ruhig nach Hause tragen kann-; die es gehört haben, fühlen sich recht beruhigt unb glauben, der Allst wird sich schoir von selbst machen. All Politik denkeil sie höchstens, wenn es Wahlen gibt. Mit Verlaub, meine Herren, das ist viel zu wenig. Mit bloßer Anhällglichkeit kann dem Programm kein praktischer Allsdruck gegeben werden. Damit ist noch gar nichts geschehen. So manche unserer Forderungen, wie Hebung unserer nationalen Kultur, sozialer Zusammenschluß unseres Volkes, lassen sich auf dem Wege von Parte'i- Beschlüsseil gar nicht durchsetzen, sie können nur erlangt werden, wenn jede jüdische Familie, jeder einzelne Volksgenosse kräftig initwirkt. Und erwählte Funktionäre, seien es Gemeinderäte, Abgeordnete oder Kültnsvorstände, können auch allein nichts machen, sie müssen sich auf die öffentliche Meinung breiter Schichten st ü tz e n k ö n ll e ll. Das Programm! allein ist mithin! nicht ausreichend, es muß noch ein! mächtiger Faktor dazu treten, und dieser Faktor hat im Programm keinen Platz, sonst hätten lvir ihn sicher hineingenommeu. Welches ist'nun dieser Faktor? Der Historiker, der durch! die Einführung neuer Methoden in die Geschichtsschreibung großes Aufsehen erregt hat, hat in einein Artikel gesagt: Historische Verändernngen sind die Folge psychologischer Massenwirkungen. Das heißt: damit die Dinge wesentlich anders werden, genügt llicht die Aenderrmg der ^äußeren Verhältnisse, es muß ein anderer Geist in die Bien sch,eil ein zieh eil. Was für die Geschichte gilt', gilt riatürlich iwch mehr für die Politik. Ist doch die Veränderung bestimmter menschlicher Verhältnisse ^ief und Zweck aller Politik. Auch bei liiis haiidelt es sich darum, einen n c n e n G e i st hcrvorzurnfen. Welcher Geist ist das nun? Nun, ich glaube, wir können unser halb erstarrtes Judentum mtr danil tvieder grünen unb blühen machen, wenn es uns gelingt, den alten jüdischeil Geist, der unser. Volkstiinr geschaffeil und erhalten, der der Welt die größten, Kulturschätze geschenkt, wieder zll beleben. Was wir also brauchen, ist die Renbelebung des jüdischen Geistes. Ich spreche dabei llicht von jenem jüdischen Geiste, der, von Osten ausgehend, das Judeiltum tvieder belebt! hat, der hebräische Tagblätter, jüdische Theater und so vieles aridere geschaffen hat. Wohl ist es jene Strömung, von der tvir die Neubetebuug liilserer Kultur und damit die Sicherung unserer nationalen Existenz zu erhoffen habeil. Doch will ich ihre Vertretung berufenen Männern überlassen. Ich meine damit jenes P f l i ch t b e w u ß ts e i n, das jedem! einzelnen I u d e n sag e n muß: Wenn ich Jude bin und volksbewußter Jude fein tvill, daiin erfülle ich meine Pflicht llicht damit, daß ich vielleicht einmal wöchentlich iß. den Tempel gehe oder einem Vereitle angehöre, oder mit andereil solchen Einzelheiten, fonbexn die Pflicht gegen mein Volk hat meilr gailzes Leben zli durchdringen, ich habe nicht nur hie und da, sondern durch alle 24 Stunden des Tages hindurch Jude zu sein. Proben für die Wirksamkeit dieses Geistes will ich nicht aus unserem Programm, heraussuchen, sondern mich mit einigen Beispielen aus dem Leben begnügen. In dem Bezirke, in dem wir uns befinben, ist ein- Theater, in dem an federn Abend eine Operette aufgeführt wird, in der ein Jli.de eine recht klägliche Rolle spielt. Ich habe das Stück ilicht selbst gesehen, aber selbst ein bekanntes antisemitisches Blatt hat: seine Entrülftung darüber ausgesprochen-, daß ein Volk in solcher Weise auf der.Bühne verhöhnt wird. Das muß ja ein recht sauberes- Stück sein, wenn es selbst einem ailtiseiilitischen Referenten Zll arg wird. Wer füllt. aber dieses Theater und ernlöglicht eine schier endlose Serie von Aufführungen? Natürlich unsere Stanunesgenossen, die sieh bei der Verhöhnung, die sie doch auch trifft, recht wohl zll unterhalten scheinen. In der berüchtigten „Klabriaspartie" bin ich. seinerzeit gewesen und mit einem Gefühl weggegangen, das ein Gemisch von Zorn und Ekel war. Aber es waren tvieder Jliden, die stürmisch Beifall geklatscht und dem Machitverk zll Hunde-rten. von Aufführungen Verholfen Haben!; freilich an ein jüdisches Theater, wie es nicht llur inr Osteil, sonderil auch im Westen. (London, New-Pork) so viele gibt, ist in Wien nicht einmal zli denken. Und wie verhalten sich die Juden! zu Werken, die von tvahrhaft jüdischelli. Geiste dllrchweht sind? Hie und da. wird das Werk eines echt eil Dichters aufgeführt, der, ohne Jude zu sein, doch den jüdischen Geist tiefer erfaßt hat, als nlailcher jüdische Schriftsteller. Ich meine Otto Ludwig und sein W!erk, „Die Makkabäer". Da hat mall aber von einem Massenbesuch des jüdischeil Publikunls rioch nichts gehört! So sieht der moralische Erlist lmserer Stanimesgenossen in Bezug auf das Theater aus. Sprechen wir nun von der P r e s s e. Ta schallt sofort die Ailtloort zurück: „Was bralicheil lvir eine besondere mS'iiMV," ansm h:’.’ fn'ifinnini' s4src'ffiv! Die Fmilletmz. Vom Wege. Ihr, die ihr in der Wüste seid gefalleil Uild deren Herzen nun das Licht erfüllt Der Ahnung, Flaiilmelr rot und nachtmilhüllt. Und Sehiislichtsrufe, die limsonst verhalleil, Seid ihr. Es ward das Gotteswort zur Tat. Da habt aus tausend Weh unb Finsternissert Ihr euer Erbe ohne Furcht gerissen' Und säetet Nlächtig eurer1 Liebe Saat. Wo ihr gefallen, tvill ich gerne weilen Und nleilles Fluges letzte Höhe seh'n In Stlmdeil, die mit Trälimemligen späh'm Und tvill der Heinlat bann entgegeneilen, Das Wortz.il küildeil unb im Kolli Pf zll steh'll klnd siegreich mit deni Feind die Bellte teilen. Wien-. Ignatz K o h n. Weint sder fingt er? Voll Nachün B e ll m o s e s. „,Helljahr hier, übers Jahr im Lande Israels; Helljahr K'nechte, übers Jahr Söhne der Freiheit!" d So sang Reb Schlojine in jenenl althergebrachten traditionellen Tone, welcher, ebenso tvie der Text selbst, l diese ullmlienhafte Heiligkeit ailgenommen hat, die allen Religionssatzlingeil mrd Bräuchen des jüdischen Volkes eigeil ist. Es ist ein eigentümlicher Ton, ein weinendes Singen lind siilgendes Weiileil. Eine große, traurige Geschichte birgt sich in diesem Toile. Es ist die Geschichte eines Menschen, eüles durch Alter, Unglück liird Lebenseinsamkeit gebeugtell Mannes, der iir frühen Jahreir fein Liebstes verlor. Nur die Er-! iilileruilgeil all jene fvoheil Jugendjahre sind ihm gebliebeu.! Süß uild tvoiulig war ihr Zusaulmeillebeil, aber ach, so kurz! — Jahre sind seitdem verflossen, viele, viele Jahre. Einsam unb verlassen schlug er sich durch die Welt. Seit Vielliebcheu gestorben, gibt es keine Heimat mehr für den armeil Manu. — Den Wauderstab in der Hand durcheilte er vieler Herreil Lällder. Er slichte Lindermlg für feinen ivlldeil Schmerz. Umsonst! Kieiir Wechsel der Verhältnisse, fein Leide», fein Kamps konnten ihn. vergesseil iilacheu, lvas.er verlorem — Wandelte fein müder Fuß in der kalten Zone des nördlichen. Eismeeres oder in den glühenden Gegenden des Aeguators, schifft«? sein ruheloser Geist über die Flllteir des Ozeans oder verloren sich seine Spuren im Sande der Sahara, immer stand sein Vielliebcheil vor ihlil. Vielliebchen mit seinen schlvarzen, iileerestiefeil Augen«. Sie scheint ihil zli« rufen. Sehilsüchtig lstreckt er seine Arme. Ariner Narr! Es war nur ein Schattenbild, Vielliebehen ist lällgst tot, längst begraben. -- Stöhnend rafft er sich auf, greift wieder zunl Wanderstabe. Ruhelos, rastlos durcheilt er die Welt. Hunger und Durst peinigen seinen abgehärulteil Körper. Fieberhaft sättigt er sich, an der wohltätigen Quelle stillet er seineil Durst. Ach, die uilschuldige Quelle bietet ihm mir neuen Schmerz. In ihrem klaren Wasser spiegelt sich sein Bild. Schnlerzlich stauilelld schüttelt er den Kopf. Ist das jener: kraftstrotzende, stolz vor Köiligeil. uild Fürsten einherschreit’eilde Jüngling, der sich eiilft! vermaß, die ganze Menschheit in andere Bahileil zli leilkeu? Ist das jener nnerschrockeue Held, der, trotz der ihn milgebeilden feindlicheil Horden, das Panter der Wahrheit hoch cmporhielt? Ach, fein Körper ist jetzt matt unb schwach, sein Aug' erloseheil, fein Haar verwildert, feine Kleider hängen ihm in Fetz eil vom Leibe, feine Füße sind wund. — Air der Quelle sitzet der Arme unb singt ein Lied, vom. verlorenen Liebchen, verloreileil Glück, verlorenen Lebert.- Und er singet, bis ihnftder Allborulherzige durch Tränen Liildermig verschafft. An der Olnelle sitzet er und lveinet und seine Tränen nlengeil sich mit dem klaren Wasserstrahl. Sieht Gott seine Träirerr und lvill er deiil Unglücklichen Liildernilg verschaffeil? — lieber den vom Weiileil Erschöpfteil fenfen sich die Fittige des lvohltätigen Schlafes unb er entsehtlnnnlert. Jedoch bevor sich seine mitben Angeillider schließen, murmelt er iloch den Nanleil seiner Geliebteil: „Jerusal e ul! I e r ll s o l e m!" Sein Schlaf ist fein süßer und lobender, sondern fieberhaft nild unruhig. Im Tremille sieht er seine (belieb ie. — Alich ihr Körper ist vernachlässigt, ihre Reize verschNmiideu. .Nur ihr meertiefes, hiilliillisch strahlendes Auge erinilert noch an die Einstige. Sehnsüchtig streckt sie ihm ihre Arme entgegen: „Geliebter! rette ulich, ich bin ilickli toi, ick? harre deiil. Bei jenem wilden Brande haben