Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1903-03-20 · 12 (20.3.1903) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
12 (20.3.1903)
Date
1903-03-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2432763-2432970-2432982--1870-2435674
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ÄeD«rtum: II/B. Leopoldsgastir 49. 4>fcte$flltNfctn r «« vvotyeittaam »rm 4 bis 5 Uhr nachmittag-. AlS»»sqe» «oNSblatt, Wie«, ll|3. ßtttuaa »»ichw-rdr« ata« tterföWeter oder gar nicht erfolgt« RN» dringend. - «eumlertSte wer»« nicht ' oMparcaffm-Cont» S470»7. In da» «domrement kann «an tSglich eintret«». AHM jede« Mag ssKfriwc MtMdrKung tsne* vom MckVüxen VolR»" ’ontrzta Trvtäk^kmr PrrfsrovrmtsMrn. Bnfme«4e übrrrremnrn die gtrmrn: I. Danneberg. M. Duke», Haajen» jtrin 6 Bögler, «udolf SSofle. «. Oppelik, ffl. Bozsonhi. kl. Schäkel io Wim. ferner alle Kunoncm-Expedttianen tm Nichlande. i&tstmmes te Wie» 16 Heller. <.bmiKtflx«tton: H/3. Leopoldsgallv 49. Lelephon-Nr. 147»» AbonnementSpreiS: Telephon-Nr. 1472» Mir «Vien tu «efterretch.Ungarn lamm« Francozustellung. Ganzjährig Halbjährig BierteliäLrig Kr. 8.- „ 4-- . ».- Für daS gelammte Ausland lamm« Francozustellmig. Sanzjährtg . . . Halbjährig . . . Vierteljährig . . . .Kr. ».- „ 4.50 : *Ä5 iwM'Hwwwj^'iww^wMiwwiwwiwaa Ur. 13 Ikn, 30 März 1903 (31. Adar 5663). V. Jahrgang. — «.W....... . JA.»,.rV«WJ sätSSä/mmemsKom Koerber, der Siegreiche. Was ist Oesterreich? Habemus Bismarck schallt es von allen Setten in der Wiener offiziösen Presse; und welches Tageblatt ist heute nicht offiziös? Es ist kein Wunder, daß dieser reichlich gespendete Weihrauch Seiner Exzellenz selbst in de»! Kopf steigt. Seine Reden atmen eine solche Selbstzufriedenheit, daß man wirklich ein altöfierreichischer Nörgler sein muß, uni ein Haar in der Suppe zu finden. Ko erber ist kein österreichischer Bismarck; er ist einfach Taaffe redivivus. Dieser Staatsmann wurde von der Wiener Presse weit unterschätzt. Es ist daher bei der Gedankenlosigkeit dieser Blätter nicht weiter verwunderlich, daß sie den Mann, der in allem unß jedem seinen Lehrer kopiert, überschätzt. „Koerber, der Ueber- Taaffe" müßte das neueste Kapitel der österreichischen Geschichte heißen. Es sind dieselben Künste und Künsteleien, dieselben Mätzchen und Komödien, dieselben Mittel und Mittelchen; der Unterschied besteht nur darin, daß Koerber etwas freigebiger sein muß wie sein Meister und daß die Opposition auf deutscher und tschechischer Seite viel von ihrer Sprödigkeit im Laufe der Zeit verloren hat. Versprach Taaffe Gymnasien, so verspricht Koerber Universitäten, bot Taaffe einen Landmannsminister aus, so bietet er gleich drei aus, versprach jener Hunderttausende, so oerspricht Koerber Millionen als Subvention. So hat er glücklich die Obstruktion gebrochen. Damit bewies Koerber aber nur, daß er die österreichischen Abgeordneten kennt, noch lange aber nicht, daß er die österreichische Frage erkennt. Denn in Bezug auf diese läutet seiner Weisheit letzter Schluß: Es wird fortgewurstelt. . Herr von Koerber verkündete mit großer Emphase, daß. Oesterreich ist; und ob dieser Antwort des Kandidaten Koerber herrschte eitel Freude im patriotischen Lager. Nun ist es allerdings eine unleugbare Tatsache, daß Oesterreich existiert. Nur handelt es sich unserem Ermessen nach nicht um die Konstatierung einer Tatsache, die niemand bezweifelt. Sondern der Ministerpräsident sollte sich den Kopf darüber zerbrechen, was die Bürgschaften für den Bestand Oesterreichs sind. Auf diese Frage geben wir mit F i s ch h o f die Antwort, daß nur die national - autonomistische Umformung Oesterreichs die Garantie für seinen Bestand bietet. Zu dieser Erkenntnis ist aber Koerber noch nicht vorgedrungen. Herr von Koerber hielt anläßlich der Budgetdebatte eine programmatische Rede, die ihm pflichtschuldige Bewunderung eintrug. Er sagte: „Wir (die Regierung) sind redlich bemüht, unbegründete Härte», mögen sie welche Nationalität immer betreffen, schon im Interesse, des Der arme Iankele. Eine tragikomische Skizze. Von Abraham Halberthal - (Berlin). Noch ehe der Morgen graute, verließ er das Haus — der arme Hausierer Iankele. Sein Geschäft erforderte es . . . Und doch trug er dieses ganze Geschäft auf der Schulter . . . Also ein großes Warenhaus war es nicht, trotzdem seine Last den armen Mann fast niederdrückte und er keuchend imd stöhnend dahinging, wie unter einer Last von Zentnern ... Als er sortging von Weib und Kind, lächelte er noch . . . Etwas von Sabbath-Stimmung prägte sich noch in seinen Zügen ans . . . Aber in der kalten nebligen Luft verlor sich dieser Ausdruck . . . Ihn fröstelte ... Es war kalt . . . Zwei Tage vor den Feiertagen imb er „ging noch aus" . . . Das tat er nur in den seltensten Fällen — wenn das Nötigste fürs Fest fehlte . . . Und das war jetzt der Fall ... In seiner kleinen Wirtschaft herrschte gähnende Leere . . . „Wenn Gott wird helfen, werde ich es jetzt verdienen," tröstete er sein geliebtes Weib, als er fortging. „Aber nur nicht weit gehen," warnte sie mit Tränen in den Allgen. „Zu Jomtow sollst du zu Hause sein ... ich würde sonst . , ' „Ja, ja gewiß, Nuthleben . . versicherte er, „was hätte ich für Oneg-Jomtew*) in der Fremde ...?" Darauf küßte er die Mesusa am Türpfosten, lächelte zum letzteumale und ging davon . . . Am Bahnhöfe der Station F . . . machte er Halt. Es war derweilen Tag geworden. Er stellte seine Sachen auf eine *) Festfreude. prompten Dienstes zu beseitigen". Nun, wir erlauben uns einige unbegründete Härten, welche d?n jüdischen Volksstamm betreffen, Eurer Exzellenz in nachdrückliche Erinnerung zu bringen. Dre Deutschen klagen über die Bevorzugung der Tschechen, diese über die Bevorzugung der Deutschen bei Besetzung von Beamtenstellen. Wir erheben aber die Anklage, daß die Juden systematisch vom Staatsdienste ausgeschlossen werden! Bei der Bewerbung wird ihnen das Taufbecken vorgehalten! Der Abgeordnete Strauch er hat seinerzeit im Parlamente wegen dieser offenbaren Verhöhnung der Staatsgrundgesetze den Ministerpräsidenten interpelliert; die Antwort scheint aber Seiner Exzellenz in der Kehle .stecken geblieben zu sein. Ist es dem Ministerpräsidenten als Leiter des Justizministeriums bekannt, daß die Prüfungs- Kommission bei den Oberlandesgerichten in Lemberg und Krakau prinzipiell die jüdischen Advokaturs-Kandidaten fallen lassen, so daß dieselben gezwungen sind, in Wien oder Brünn die Prüfung zu machen? Sind ihm die antisemitischen Exzesse im Wiener Gemeinderats und im niederösterreichischen Landtage bekannt? Oder hat er die Stirne, den Juden den Rat zu geben, ihre Beschwerde dem Lueger oder dem Strobach vorzubringen, so wie er den Ruthenen riet, ihre Klagen der Szlachta zu unterbreiten? Echt Taaffe! . , Herr von Koerber fleht die Südtiroler an, die „Schlagworte" zu begraben und nach realen Mitteln zu einer Lösung der Südtirolersrage zu ^suchen, die zu finden sein müssen. Dem antisemitischen Schlagworte, die Juden seien überall das „Karnickel/s tritt er aber nicht entgegen. Die Dalmatiner apostrophiert Herr v. Koerber, ihr schönes, von der Natur reich ausgestattetes Land auf jene Höhe zu heben, welche es seinerzeit innehatte, und verspricht hierbei die werktätige Mithilfe, der Regierung. Warum in die Ferne schweifen, liegt doch- Galizien viel näher. Daselbst läßt man hunderttausende Juden am Hungertuch nagen und in. Elend verkommen. , . Die Ruthenen versichert Herr v. Koerber, daß sich die Regierung ihren Beschwerden gegenüber nicht „Baumwolle in die Ohren stecke," gegenüber den Beschwerden des jüdischen Volkes hat man aber taube Ohren. Herr von Koerber schwört einen heiligen Eid, er laffe sich bei der Ernennung von Richtern ausschließlich von der Qualifikation leiten, wie verhält er sich aber bekanntlich gegen jüdische Bewerber? Ja, Bauer, das ist was anderes. Herr v. Koerber wendet sein Augenmerk auch einzelnen Fragen der Verwaltung, namentlich dem Verhältnisse zwischen Staat und Gemeinde zu, allein auch hier läßt ihn sein Gedächtnis im Stiche. Wik! Bank in der Nähe des Schalters und ging sich eine Karte holen. Um ihn war ein lebhaftes Treiben. Fabriksarbeiter und -Arbeiterinnen standen und saßen rings umher. In den meisten Fällen kauerten sie müde und schläfrig auf den Bänken. Der Schlaf lag ihnen noch ■ in den Gliedern ... Als der Jude eintrat mit seinen: merkwürdigen Kram, dem Gemisch von alten Kleidern und schlechten Korallen, vergilbten Stoffen und ans der Form gebrachten Hüten — richteten sich aller Blicke auf ihn. „Oho — der Iankele!"- Der Schalter wurde eben geöffnet. Ein dickleibiger Herr stand als erster vor dem Fenster. ' „Jaroslau ..." rief er dem Beamten zu. Dann kam der Jude. „Neustadt," sagte er mit seiner quiekenden, etwas heiserzittrigen Stimme. „Am Rhein — an der Elbe — oder Boston —" fragte der Beamte scherzend. Der arme Jude wurde verdutzt. „Wo näher ist —" erwiderte er — und als fürchte er, von dem Beamten mißverstanden zu werden, fügre er leise hinzu: „Welches billiger kostet ..." Eit: laut schallendes Gelächter rings umher . . . „Immer derselbe," sagte der dicke Herr. „Der Jude!" schimpften andere, „nur billig ..." Niemand von ihnen ahnte, daß in diesem armen Juden das Herz bebte, er könne sich zu weit enffernen von seiner Heimat, von seinem Weibe, von seiner stillen Behausung ... Und der Jvmtow stand doch vor der Türe . . . Der arme Iankele! Er teilt dieses Mihverstandenwerden mit vielen, vielen seiner Brüder . . . qualifiziert er das judenfresserische Verhallen des Magistrates und des Gemeinderales der Haupl- und Residenzstadt Wien? Um Antwort wird gebeten. Herr v. Koerber will Bresche legen in die Vielregiererei und Vielschrerberer und führt als krasses Beispiel den Fall an, daß jemand, der einen Rauchfang auf sein Haus aufsetzen wollte, drei Jahre auf die Bewilligung warten mußte. Wir können ihm mit einem noch. krasseren Beispiele auswarten. Der Wiener Magistrat „verzettelte" den Bau der Synagoge im achten Wiener Bezirke durch fünf Jahre, ohne daß seitens der Staaiballerei als Aufsichtsbehörde den Magistratsherren der Kopf zurechtgesetzt worden wäre. .. Herr v. Koerber ist stolz auf das seinem Ministerium gegebene Epitheton „Beamtenministerium," denn dadurch sei der Regierung jenes „Recht auf Unbefangen» heit und Unparteilichkeit" gesichert, ohne welches jede österreichische Regierung unter ihrer Aufgabe bliebe. Er besitzt weiters das Selbstbewußtsein, der Gesetzestreue und konstitutionellen Gesinnung der Regierung das glänzendste Zeugnis auszustellen. Risum teneatis amici! Man weiß wahrlich nicht, soll man mehr die Naivetät oder die Unverfrorenheit anstaunen, die hier zum Ausdrucke gelangt. Ist die Zurücksetzung der jüdischen Bürger etwa ein Ausfluß der Unbefangenheit und Unparteilichkeit? , Ist e§ elwa Gesetzestreue, wenn dem jüdischen Volke seine durch die Staatsgrundgesetze verbrieften Rechte - vorenthalten werden? Herr v. Koerber befolgt gegenüber der brennenden Judenfrage die Taktik des Vogel' Strauß, der den Kopf in den Sand steckt, um die Gefahr nicht zu sehen. Dies wird sich für ihn bitter rächen, daran werden alle seine e h rlichen Bemühungen, den Frieden in dem schwergeprüften Vaterlande herzuftellen, scheitern. Herr v. Koerber gehe mit gutem Beispiel voran in der Befolgung der Staatsgrundgesetze gegenüber den Juden, in der Herstellung der Ordnung gegenüber den Judenhetzen, die Rhodus, hic salta. Begegnen die destruktiven Elemente erst dem ernsten Willen der maßgebenden Faktoren, der Regierung, so werden sie klein beigeben. Jnsolange sich aber Herr v. Koerber unter das Diktat der S ch n e i d e r, G r e g o r: g. G e ß>- mann u.s.w. stellt, werden diese geordneten Verhältnisse unmöglich eintreten können, das möge sich Herr v. Koerber gesagt" sein lassen und darnach handeln. Die Juden aber mögen sich merken, daß man im heutigen Oesterreich nur dann etwas erreicht, wenn man „Skandal" sä)lägt. So lange sie ruhig dem Raube ihrer Staatsbürgerrechie Zusehen werden, wird die Regierung ruhig die Juüenhetzer gewähren lassen. Rumänische Erinnerungen. (Der Berliner Kongreß. — Ein rumänisches M i n i st e r j u b i l ä u m.) Bukarest, Mitte März. Der auf Rumänien sich beziehende Passus des Berliner Vertrages lautet: „Artikel 43. Die hohen kontrahierenden Teile erkennen die Unabhängigkeit Rumäniens unter den in folgenden zwei Artikeln zusammengefaßten Bedingungen an: A r t i k e l 44. In Rumänien wird der Unterschied des religiösen Glaubens und der Konfession niemandem als ein Grund entgegengestellt werden können zur Ausschließung oder Unfähigkeit bezüglich der Erlangung der politischen und bürgerlichen Rechte, der Aufnahme in öffentliche Aemter, der Erteilung von Ehrentiteln oder der Ausübung der verschiedenen Professionen und Industrien in jeder beliebigen Ortschaft." (Der letzte Teil dieses Artikels und der nächstfolgende 45. interessieren uns bei der gegenwärtigen Besprechung nicht.) Diese Artikel wurden, nachdem die Vertreter aller Vertragsmächte (Waddington, Bismarck, Andrassy, Beaconsfield, Launay, Gortschakoff und die türkischen Bevollmächtigten) sich in der rumänischen Judenfrage in günstiger Weise ausgesprochen hatten, einstimmig angenommen. Nach dieser Beschlußfassung konstatierte noch der Präsident des Kongresses, Bismarck, daß die Bedingungen, unter welchen Rumänien die Unabhängigkeit gegeben wird, dieselben sind, wie die an Serbien gestellten. In der Tat, wenn man im Kongreßberichte zurückblättert, findet man für Serbien, nach einer ähnlichen Debatte einen fast identischen Beschluß wie für Rumänien. — Da die Rumänen sich aber als viel intelligenter und der Kultur näher stehend WW- Gesinnungsgenossen! Verlanget in allen Lokalen das „Jüdische Volksblatt“. -MU

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.