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Jüdisches Volksblatt · 1903-03-13 · 11 (13.3.1903) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
11 (13.3.1903)
Date
1903-03-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Lrdttliorr: H/8. Lropol-sgasse 49« Gprechftssdesr 8r Mocheutaa« «on 4 dt» s Uhr nachmittag». papadnß,, Kttbttche» «VNVdllM. «le». II» Brschwrrdrn «egen »eMäleter oder gar nicht erfolgter Lustellmrg erbitten mir an» dringend. - MnnnfertSt« »erde« Sicht zttritckaesteM« Noßfpareafse»«Lonto ««70»7. In da» Sbonnement kann «an tSglich etntreten. Erscheint jeden Mag smtLL HMtoftfmttft drr vom Mdilrtzrn VolK»- vrrrtu rrwSHUrn Prefsrommisstou. Asfrrale »dervehmen dt« Firmen: J.Danneberg, M. Duke», Haafen» Pein » Kogler. Rudolf Mofle. 8. Oppelch. M. Pozsonht. fL Schale» in Men, ferner all« Aunonom-SxprdMonoi im Ausland«. Eirezel-Nmermer i» Wie» I« Heller. AüMtnMratton; H/8. Lroxoldsgaste 49. Tel«ph-«.srr. 14788 UbonuemmtSpreiSr Telephon-Nr. 14788 Mir Wien tu Oesterreich-Megarn lammt Franeozustellung. ♦* Ganzjährig Halbsährig ^lertcljäbrtg Er. 8 — ' £~ Für baS gelammte Ausland sammt Francozustellung. Mt, »an,jährig Halbjährig Sierteljährig 4.80 888 Nr. 11 Mir«, 13. Marx 1903 (14. Adar 8663). V. Jahrgang. Das Testament Riegers. In Franz Ladislaus Rieger verliert das böhmische Volk nicht bloß einen treuen Sohn und Kämpfer; Rieger bedeutet m ehr für die Tschechen. Er und Palacky haben das böhmischst Volk erst aus seinem '„Veilchendasein" überhaupt zu politischem und kultuellem Lebenerweckt. Sie haben das böhmische Volk geschaffen. Und wir wären schlechte Söhne unseres Volkes, wenn wir nicht an dev Bahre dieses Mannes unsere Ehrerbietung bezeugenmöchten, wenn er auch nie f ü r d a s jüdische Volk eingetveten wäre, obzwar er später gegen uns auftrat. Als es sich im Jahre 1848 im Reichsrat zu Kremsier darum, handelte, den Juden die freie Ausübung ihrer konfessionellen und politischen Reckste zu gewähren, war R i e» fl e x einer von denen, die mit wahrem Feuereifer für die Emanzipation einttaten. Wi-ri entnehmen diesen Teil der Verhandlungen dem in nächster Zeit erscheinenden Werke: „I ü d i s ch e Z e i t g e s ch i ch t e" von Dr. A. Frankl- Grün. Als die Abgeordneten Straffer und Ingram zum §13 das Amendement einb rächten: „Zur öffentlichen Ausübung eines in der Gemeinde noch nicht öffentlich bestandenen Kultus bedarf es der Zustimmung der Gemeinde" und damit die ganze Emanzipation in Frage stellten, antworteile ihnen der dreißigjährige Rieger: „Nim, ich möchte dann wissen, wo denn in der Welt die Juden eine Gemeinde errichten könnten: sie müsztcu nur in den Mond gehen. Es ist dies selir human, den Juden gleiche Rechte einzu räumen, die für sie wenig Früchte tragen. Ich frage, wo geht denn dieser Absatz hinaus, er will nichts anderes sagen, als das; die Inden nicht zngelassen werde,,. Ich glaube, da hätten die biederen Männer Tirols besser getan, dies in klaren Worten ailszudrücken: tvir wollen die Inden nicht emanzipieren. Wenn das der Zweck war, so werden Sie beim Paragraph 16, wo diese Frage zur Sprache koinmt, Gelegenheit finden. Ich habe den Antrag der Kommissionen, ivclcher unbedingte Religionsfreiheit ausspricht, zu verteidigen. Fast sollte ich glauben. Vas; es überflüssig sei, dies zu tun; aber die Amendements, die ich soeben gelesen habe, überführen mich, das; das Prinzip der Religionsfreiheit noch lange nicht allgemein anerkannt ist. Sollte es wohl nötig sein, die Gedankenfreiheit erst zu beweisen? Und ist etiva die Religionsfreiheit ctlvas anderes als die Gedankenfreiheit in ihrer Anwendung auf die erhabenen Ideen des Menschen, auf seine Vorstellung bon der Gottheit? Jede Religion, wie sie auch heis;e, macht den Anspruch, einzig und allein die wahre Art der Gottesverehrnng zu lehren. Jede Kirche macht Anspruch darauf, den einzig wahren Weg zur Glück- Wir wollen warten . . . Von Max Eisler. Wir wollen warten, bis die Bäume, Dte wir mit opferfrohen Händen In unseres Volkes Erde scheu. Sich! frühlingsstark zur Sonne wenden. Mir wollen warten, bis die Zweige Die ersten Blütensprossen zeigen, Von unserm Werderuf geboren Die ersten Früchte niederneigen . . . . Dann wird ein heilig Stnrmesahnen Jm Volke liegen — bis das Licht, Das wir so lange schon! ersehnten. Aus schwarzen Massen glänzend bricht: Dann nehmen tvir die blanken Waffen, Die längst schon still bereitet waren, Und führeir unter alten Zeichen Die neuert Makkabäerschpren. Bon Dr. M a x S t e i f. Es mag nicht ganz ohne Interesse [ehr, den mannigfachen Urteilswa»dlnngen nachzngehen, denen getvisse geschichtliche Gestalten, im Laufe der Zeiten unterworfen sind. Zwar das äußere Charakterbild derselben, soweit es in ihren Taten, lind Handlungen ztme Ausdrucke gelangt, ist nnd bleibt einmal durch die vorhandenen geschichtlichen Dokumente für immer schiert und fest umrissen. Aber neben diesem äußeren Charakterbilde gibt es bekanntlich auch ein sogenanntes in ne-ries, das mehr dem Menschen als solchem gerecht wird. Und dieses letztere ist seligkeit, zum Heile zu führen. Meine Herren! Nicht alle können den wahren Glauben haben, wir alle sind Mensche»!, »vir alle können irren, unfehlbar ist nur der eine. Unsere Kirche feiert mit heutigen Tage ein sinniges Fest; bestreuen auch »vir uns mit Asche, sprechen auch wir unser „Memento mori!" Gestehen wir es uns zu, das; wir vor den Augen Gottes nichts sind, das; vor seinem Angesichte alles eitel ist, was!vir sind, vielleicht sogar auch eitel, was Ivir glauben, das; vielleicht selbst unsere Ansicht von Gott mehr unserer Fassungskraft angepasst als seiner Erhabenheit, vor seinen Augen nicht mehr Wert hat, als die kindische Weltanschauung des kleinen Knaben vor den Augen eines wahren Lehrers; bedenken wir das; nur Gott allein über uns allen steht, unfehlbar und unvergänglich. Durch feinen Willen geschieht es, daß die Menschen verschiedene Wege gehen und jeder seinen Schöpfer nach seiner Art zu verehren sucht; Gott hat das Streben darnach selbst in unsere Brust gelegt, er hat die Freiheit dazu uns allen gleich gegeben; wir aber, wir schwachen Menschen, sollen den Schöpfer nicht meistern, wir sollen diese gottgegebene Religionsfreiheit den Menschen nicht verkümmern, uns nicht tvidersetzcn den unerforschlichen Ratschlägen Gottes." Anders sprach Baron Ladislaus Rieger. In einem Interview tnifl dem Redakteur der jung-klerikalen Zeitung „Rozkve" bekannte er sich An Jahre 1901 zu einer Art antisemitischer Anschauung. Er nennt die Juden ein zersetzendes Element, deshalb habe er nie gewünscht, daß sich das jüdische Element mit seinem. Volke verschmelze. „Wir haben rms in unseren ärgsten Zeiten ohne sie beholfen, wir werden uns weiter ohne sie behelfen!" Baron Rieger machte für den Feldzug gegen den Klerikalismus und Feudalismus im tschechischen Volke, insbesondere soweit ev von der r e a l i st i s ch e n tschechischen Volkspartei unter Führung Professor Masaryks ausgiag, die Juden verantwortlich. Die Realisten bringen durch ihren Haß gegen den Katholizismus eine Zersetzung ins Volk und das ist — eine jüdische Eigenschaft. Die Geschichte zeigt uns, daß das Judentlun nie vereinigend, stets zersetzend gewirkt hat." Wir sind so objektiv, znzngeben, daß Riegers Ueußerimgen, soweit sie das a s s i m ilat! oris ch c Judentum betreffen, eine gewisse Berechtigung haben, obwohl wir natürlich, insoweit sie das gesamte Judentum betreffen-, sie entschieden zu rückweisen. Wir sind ferner so objektiv, zuzugeben, daß der greise Staatsmann andererseits in einer Zuschrift an die „Cz. I. Listy" ehrenwörtlichdie Versicherung abgab, daß er von jeder Rassenfeindschaft gegenüber den Juden frei sei. Aber der Kommentar, den er seinen Worten hinzufügte, bewies, daß er den Juden kühl bis ans Herz gegenüberstand. Die Liebe Riegers richtete sich, wie die Liebe manches Bräutigams nach der Höhe der Mitgift! keineswegs zu allen Zeitendas gleiche geblieben, sondern hat je nach Umständen eine mehr oder minder große Wandlung an sich erfahren müssen. .Nicht immer war es aber der Parteien Gunst und Haß, die an einem derartigen Schwanken d!es Charakterbildes fchnldtrugen, zuweilen war es die Volksphantasie selbst, die sich desselben bemächtigt hatte und so lange umbildete und nimforimte, bis es mit seinem Urbilde fast! gar keine Achnlichkeit mehr auszuweisen hätte. Und man weiß es, daß, wo die Menge das Kritikeramt übernimmt, in ganz radikaler Weise vorgegangeni wird. daß ganz neue Charakterseiten hinzuersonnen und erdichtet, alle Farben dicker und stärker aufgetragen werden und der Forscher es schließlich mit einer Doppelgestalt zu tun'bekommt, mit der. ihm aus den Geschichtsurkunden überlieferten, wie mit der vom Volksmnnde überkommenen. Auch bei den Juden ist es die Volksphantasie, die allzu oft neben der geschichtUchen Tradition ihre eigenen Wege gegangen ist, selbständig nach geschaffen und nachgebildet hat, wo immer sich für ihre freie Entfaltung ein Spielraum geboten. Und wo hätte sich ihr der Stoff in reichlicherer Fülle aufdrängen können als in dem sogenannten. Estherbuche? Hier, in dieser dramatisch so bewegten Erzählung mit ihren unverhofften Wendungen, war ein Feld, wo sie unbeschränkt walten konnte, wo die ihr eigentümliche lebhafte, lebendige Gestaltungskraftsich so recht zu betätigen vermochte . . . Und was sie hier begreiflicherweise am meisten fesseln' 'mußte, war, wenn man so saget! darf, der Hanptheld des ganzen! Dramas, Ha man. Ein jeder kennt ihn ans der Megillahals den allmächtigen, grausamen- und dabei so ehrgeizigen ersten Minister und Günstling des Perserkönigs Achaselsiverosch. Was ist aber! im Laufe der Zeiten ans jener Figur im Volksmtmde geworden? Wir!oollenjetzt keineswegs von jenen zahlreichen sogenannten Puiuiimspielen sprechen, dereneigentlieltzr Ursprungs bis tief hinein ins Mittelalter oder noch weiter zurück zu, reichen scheint, in welchen der großmächtige Großvezker oft zu einer lächerlichen-, komischen Figur, zu einer Art Hanswurst degradiert wird. - Schott im Midrasch'und in der' Agadah Wollt« ihr Juden von uns geliebt lverden, erklärte Rieger, dann müßt ihr für unsere Nationalität eintreten, müßt ihr u u s e r e Interessen verteidigen, uns bei ben Wahlen unterstützen. — So hat auch er in dieser Frage seine Meinung geändert, wie der zweite große Tscheche, P a l a c k y, der Schöpfer des Losungswortes „Svuj k svemu" (Jedem das Seine), der, als man ihn auf den Widerspruch aufmerksam machte, in den er sich durch! diese Rechtsentziehung der Inden mit demvon ihm proklamierten Prinzip; der Gleichbevechtigung setze, zur Antwort gab: er sei nur konsequent, wenn es dein Vorteile der Partei diene.^ — Weshalb wir diese Erinnerungen heraufbefchwören3 Sicher nicht, um angesichts dieses großen Token ängstlich abzuwägen, ob er eher ein Philosemit oder Antisemit! War« Dazu schätzen wir ihn zu hoch. Nein, unsew Absicht ist es, unsere Stammesgenossen auf die erzieherischtz Bedeutung Riegers als Nationaler, im besten Sinne des Wortes, aufmerksam zu machen. Sie können von ihm lernen, toie man sein Volk vonganzem. Herzen und! von ganzem Gemüte liebt, frei von jeder Sentimentalität, frei! aber auch von jeder Ungerechtigkeit gegenüber den anderen Völkern, wie man nie an der Zukunft der Nation verzweifeln darf, sondern in bösen Tagen sich rüsten muß für bessere. T-iesc Lehre predigte Rieger in herrlichen Wo-rten in seinem Testamente. Wir wollen! sie zu Nutz' und- Frommen unseres Volkes zitieren. Rieger sagt: Meinem Volke nun wünsche ich uns des Herzens Tiefe, das; es sickiwiic in Zaapnftiqkeil verlieren möge und auch nicht in Eiubilduna zu stolz werde. Ich rate ihm, das; es auf feinem Aaren und unparteiischen Rechte verharre, aber sich nicht durch Leidenschaft zum Unrechte c;ec;enüber einem anderen Volke verleiten lasse. Ich rate ihm, dag es hauptsächlich der e i g e n c n Kraft vertraue, natürlich bei rechter dlbschätznnc; derselben, das; es nicht seine Kraft überschätze und sich nicht in törichte Unternehmungen einlasse, ivelche seine Unabhängigkeit bedrohen, das; es stets dessen eingedenk sei, das; es sich nur durch rechtschaffene geistige und materielle Arbeit und mich hier nur sukzessive, aber sicher, eine bessere Zukunft gründen könne. Ich tvnnschc mir ferner, das; mein Volk nie die idealen Bestrebungen ans dem Auge lasse, die idealen, eivigen Regeln der Ehre, des Rechtes und der Menschlichkeit Hochhalte und sich vor allem nie seines Rechtes begebe, nie zur Gewalt nötige, wenn auch das augenblickliche Verlassen seines rechtlichen Standpunktes eilten momentanen Erfolg versprechen tvürde, und ferner, das; es dessen eingedenk bleibe, das; die allgemeine internationale Hochachtung der Völker untereinander die festeste Sehutzmaner der Völker ist. Hauptsächlich kleinen NaUonen kann es besonders gefährlich sein, ans des Talmud, die doch m gewissem Sinne als Echo der Volksmeinung, als Niederschlag der Volksphantaste angesehen werden können, begegnen wi'r beit ersten Ansätzen zu einer derartigen Auffassung der Hamansgestalt, einer?luffassung, wie sie vielleicht auch Grillparzer' in seinem Estherfragment vorgeschwebt haben mag, wenn er Haman als schmachköpfigen, mckgratlosen Höfling hinstellt, dessen Wort und Rat eigentlich beim- König lvenig Beachtung findet und der als Pantoffelheld sich von seiner Frau' gängeln und leiten läßt. — Freilich muß andererseits zugegeberr werden, daß die talmn-dische Agada-h, wie es ja in ihrer Art liegt, in Haman mehr ein Prototyp des Jndepfeindes zu. schaffen die Absicht hatte, bei! dem sicherlich auch andere Gestaltetr als dieser Modell gestanden haben mögen. So kommt es, wenn wir aus Hamans Munde jenes absichtliche Verdrehen und Mißdeuten jüdischer Satzungen und Gebräuche zum Zlvecke ihrer Herabschung und Verspottung ve-rnehtnen, wie sie wahrscheinlich in der damaligen Ieit bei den Judenfeinden gang und gäbe waren und zuweilennoch heute von solchenzum Muster genommen werden. Hören wir einmal, wie er den König hieniber belehrt: Sieh', wie gering die Ho'chpchtung und der Respekt ist, den die Inden vor der gelveihten Person eines Königs besitzen. Fällt! eine Fliege in ihren Weinbecher, damr lverfen sie die Fliege hinaus und trinken den Wein; w-ürdest aber dm, o- König, ihren Becher auch mir von außen berühren, dann tvürden sie den Becher nie inehr benützen. Da haben sie ferner ein Fest, Peßach nennen sie es, an dem sie sich jedes-tnal unbändig freuen über den Untergang Pharaos inr Meere, trotzdem doch gerade -er ihnen soviele Wohltaten erwiesen hat. Sie schaffen dann alles Gesäuerte ans ihren Häusern und sprechendabei: so möge Gott alle unsere Feinde lvegschaffen. In ihren Gotteshäusern beten sie zn threnr Gott um unsere Vernichtung und Uu'iiu sie ihre Thora aufrollen, stoßen sie Verwünschungen und Flüche gegenuns aits. Man sielst, ßhost um dieser lügnerischen Erdichinugen allein Nullen hätte Haman die Krone verdient, die zu twgen -er sich vom Könige in jener schlaflosen Nacht erbeten hatte. Alle?n die eigentliche

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