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Jüdisches Volksblatt · 1903-03-06 · 10 (6.3.1903) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
10 (6.3.1903)
Date
1903-03-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Merteljährig .Kr. > , 4.50 . „ 225 Ur. 10 Mir«. 6. Mär; 1903 <7. Adar 6663). V. Jahrgang. Stanezykenherrschast. Der deutsch-tschechische Streit, sowie die tonangebende Stellung des Polenklubs im Abgeordnetenhause haben längere Zeit die Aufmerksamkeit von den galizischen Verhältnissen abgelenkt. Während die deutschen und tschechischen Fraktionen sich herumbalgten, beherrschte der Polenklub nicht nur Galizien, sondern die gesamte Westhälfte des Donaureiches. Für Konzessionen förderte der Polenklub deutschzentralistische und tschechisch-autonomistische „liberale" und „konservative" Politik; dafür wurde er auch noch als Hauptstütze des Reiches, nächst den Magyaren geraume Zeit als bedeutendste Säule der dualistischen Dezemberverfassung angesehen. Nun bereitet sich aber eine Wendung Vor. Die Unzufriedenheit, welche mit der Stanczykenwirtschaft in Galizien herrscht, wohlgemerkt nicht nur unter den Ruthenen und Juden, sondern auch unter den produzierenden Gchichten der polnischen Bevölkerung Galiziens, sucht nun die herrschende Fraktion in Galizien mit denselben Mitteln zu bannen, wie die magyarischliberale Partei Ungarns; durch Auspeitschung des nationalen Chauvinismus und Größenwahns. Von Seite eines ansehnlichen Teiles des Polenklubs wird offen die allpolnische Propaganda und das Hauptpostulat der Allpolen, die Sonderstellung Galiziens, gefordert. Diese Sonderstellung, welche nicht etwa nur die vollständige Abdikation der österreichischen Staatsidee in Galizien, sondern auch die vollständige Erdrosselung der galizischen Juden und Rulhenen, ja sogar aller freidenkenden Polen bedeutet, mußte in Galizien zum Kampfe auf Leben und Tod zwischen den drei Galizien bewohnenden Volksstämmen führen. Es ist daher begreiflich, daß Ruthenen und Juden gleich entschieden gegen jede Erweiterung der galizischen Landesautonomie Stellung nehmen müssen, und es ist kein Zufall, daß parallel mit der um sich greifenden allpolnischen Propaganda nun der Ruf nach einer Sonderstellung Galiziens, die ruthenische Gegenagitation für Zweiteiluug Galiziens, für nationale Autonomie der dieses Kronland bewohnenden Volksstämme immer intensiver erschallt. Dieser ruthenische Standpunkt ist auch historisch vollkommen begründet. Galizien und Lodomerien wurden im Jahre 1772 nicht als Bestandteile Polens, sondern mit Zustimmung des Königs und der Republik Polen als Rotpreußen auf Feuilleton. „Merk' dir's, Israel!" Von Jakob Krausz. Dev siebente Adar ist ein Freuden- und Trauertag des Judentums. Nach der Ueberlieferung wurde an diesem Tage der große Lehrer Israels, der Prophet Mose, geboren und nach hundertundztoanzigjähriger segensreicher Tätigkeit als „Diener Gottes", als Organisator eines seit seiner Entstehung unverwüstbaren Volkes, als Begründer einer bis heute noch nicht überwundenen Religion, starb er an der Schwelle seines heiß ersehnten Zieles am siebenten Adar. Es ghövtl zu den« Merkwürdigkeiten der jüdisch-religiösen Einrichtungen, daß dieser Tag nicht zu den allgemeinen jüdischen Festtagengehört, daß sich seiner eigentlich bloß die feit uralter Zeit in den jüdischen Gemeinden bestehenden sogenannten „heiligen Gesellschaften", die „Chewmi Kadischa", bemächtigt haben. Und auch diese Vereine, zu. denen, ehedefmallerdings jedes Geineittdemitglied gehörte, feiern an diesem. Tage nicht die G e b u r t, sondern betrauern den Tod Mosis. Der siebente Adar wurde so allmählich zum Gedenktage für die im abgelaufenen Jahre verstoirbeuen Inden überhaupt. Das Leben und Wirken, unseres „unnachahmlichen" Propheten, hat vor demjenigen! der Begründer anderer Religionen zunächst den. ivesentlichen Charakterzug voraus, daß er selbst nicht die Gottheit dar 'st e l l t , sondern sie nur v e nn i t t e l t. Er. ist das ausübende Organ einer unsichtbaren- Macht, die sich durch ihn-, ihren bescheidensten-, gefiigigsten Diener, der Menschheit offenbart. Er ist nicht rinmal der Prophet tu dem Sinne der späteren Epochen; er verkündet mit geringen Ausnahmen nichts aus sich selbst heraus, sondern ist nur das Sprachrohr jenes einig einzigen Grund der Anrechte der Krone Ungarns durch Maria Theresia revindiziert. Die Ruthenen, welche diese Revindikation als eine Erlösung von der polnischen Willkür mit Freude begrüßten und seither ihre unerschütterliche Anhänglichkeit an Oesterreich betätigten, wollen sich eben unter keinen Umständen noch mehr als bisher der polnischen Gewaltherrschaft beugen. Die galizische Sonderstellung aber bedeutet die Verewigung der Tyrannei der polnischen Schlachta und die künstliche Züchtung der moskowophilen antisemitischen Partei unter den Ruthenen. Jetzt bereits spinnen sich geheime Fäden zwischen dieser und der Schlachta. Was sagt dazu die Lemberger Statthalterei und was die Wiener Regierung? Will man durchaus dieselben Verhältnisse, die jenseits der Leitha einer immer gefährlicheren Krise zutreiben, auch in Galizien etablieren? Wer aber wird die Zeche zahlen, wenn in Ungarn-Siebenbürgen gegen die magyarischen und in Galizien gegen die polnischen Machthaber der Sturm losbricht? In erster Linie die — Juden. Die Juden sind aber blind und taub für die große Umgestaltung, die im Donaureiche, in Zis- und Transleithanien sich vorbereitet; sie sind zum Beispiel in Galizien — es ist unglaublich, aber doch wahr — Förderer der antisemitischen allpolnischen Heilslehre. Das allpolnische Organ „Slowo Polskie" fristet zum guten Teile von jüdischen Abonnenten seine Existenz; auf . die allpolnische Gefahr hat auch Abgeordneter .Breiter in einer glänzenden Rede, die er jüngst im „Jüdischen Volksverein" hielt, hingewiesen. Möge diese Warnung, die selbst von einem Polen — allerdings einem nichtchauvinistischen — herrührt, von den galizischen Juden gewürdigt werden! Die galizischen Juden haben mit ihrer bisherigen polonophilen Politik einen großen Teil der Ruthenen ins antisemitische Lager getrieben, welche erst seit dem Zeitpunkte des Entstehens und der Ausbreitung der jüdischnationalen Bewegung einer wohlwollenderen Haltung gegenüber den Juden sich befleißen. Die polnischen Parteien samt und sonders aber haben sich trotz der jüdischen Unterstützung auf allen Gebieten nicht zu einer ehrlichen Anerkennung der Juden als gleichberechtigtes Volk und als gleichberechtigte Staatsbürger aufgeschwungen. Gottes, dem. allein es zukommt!, das Kommende zu verkünden, eine Zukunft zu verheißen, die künftigen Geschehnisse zu erschauen. Moses selbst ist ebenso Mensch wie seine Brüder, die er aus dev dumpfen körperlichen und geistigen Sklaverei befreit. Er ist Mensch nnd fühlt mit feinen allzu menschlichen Mitbrüdern, begreift ihre Schwächen und Irrungen so sehr, daß, als Gott nach wiederholten Rückfällen Israels in seine allen Sünden es ausrotten will, plötzlich aus dem strengen Vertreter Gottes vor dem Volke ein milder, um Nachsicht bittender Anwalt des Volkes vor Gott wird. Wie rührend ist doch! die Szene, in welcher Moses nur die Berücksichtigung der menschlichen Schwächen nnd um« Nachsicht derselben bittet. Möge doch Gott die unbändige, starrsinnige Generation strafen, möge er sie allmählich aussterben lassen, aber die Existenz des Volkes, des Stammes, ist ihm wichtiger als seine eigene Existenz. Unter beit Fehlern, die dem schwachen Menschen anhaften, >vnr Moses das Rachegefühl am meisten, verhaßt. „Du sollst nicht Rache, üben und selbst niemandem ein an dir verübtes Unrecht nachtragen", lehrt! er. sein Volk, das die Blutrache kannte. Und wir möchten behaupten, daß — als Moses zu Gott für die Erhaltung Israels flehte — ihn auch der Gedanke leitete, das Rachegefühl müsse der Vollkommenheit fremd sein-, nicht sage der Mensch, daß die Gottheit aus Rachsucht! gehandelt habe. Und dennoch! Unter den Lehren, die Mose seinem Volke für die Zukunft, für die Zeit, da es die ihm verheißene Selbständigkeit erlangenwird, erteilt, finden wir eine, die dem Anscheine nach mit dem. Geiste der mosaischen Gesamtlehre in nnerklä'vlichem. Widerspruche, steht. Das ist die Lehre über das Verhalten Israels gegenüber A m. a. l e k. Während Al ose sonst keine Gelegenheit versäumt, Israel Liebe zum Bruder und zum- Fremden.- zu predigen, den Haß gegen- Menßhen nnd andere Völker ans seinem Innern auszumerzen und zu erklären, daß der Mensch nicht berechtigt sei, selbst Rache an seinem Feinde zu Mit Ausnahme des einzigen Abgeordneten Ernst Breiter sitzt nicht e i n polnischer Deputierter im österreichischen Parlamente, der für die galizische Judennot ein Herz hat; keines von den sämtlichen Mitgliedern des Polenklubs und der übrigen polnischen Parteien hat auch nur einen Finger gerührt für die — galizischen Juden. Die Herren haben ja andere Schmerzen, sie kokettieren alle mehr oder minder mit dem Allpolentum, welches identisch ist mit der Verkörperung des galizischen Antisemitismus. Möge dieser immerhin als Antisemitismus weniger geräuschvoll als der Wiener Antisemitismus auftreten. Er ist weit gefährlicher; denn er bedeutet den wirtschaftlichen Ruin der Juden Galiziens. Es ist höchst merkwürdig, daß plötzlich das „Deutsche Volksblatt" die Entdeckung macht, die allpolnische Bewegung sei — im Niedergange begriffen! Diese Behauptung ist ganz willkürlich und die für den Mai geplanteallpolnische Demonstration dürfte das Gegenteil wohl beweisen. Aber man merkt die Absicht: Die allpolnische Bewegung soll allmählich vor der deutschen Oeffentlichkeit ihres nationalradikalen Charakters entkleidet und ins antisemitische Fahrwasser, in dem sie sich noch nicht vollständig befindet, gänzlich hinübergeleitet werden. Die Situation ist somit in Galizien sehr ernst und die Juden dieses Kronlandes haben nicht lange Zeit zu — überlegen. Die national-soziale Organisation der galizischen Juden muß mit aller Entschiedenheit schleunigst in Angriff genommen werden und durch eine zielbewußte, tatkräftige Agitation die galizische Judenschaft auf die allpolnische Gefahr aufmerksam gemacht werden. Man muß diesbezüglich sich auch über die Stellung des Polenklubs klar sein! Der Polenklub besitzt heute eine festere Position im Abgeordnetenhause wie einst und fürchtet im Falle einer möglichen deutsch-tschechischen Verständigung eine Erschütterung seiner Position in und außerhalb Galiziens. Für diesen Fall ist die allpolnische Partei die Erbin, weil keine andere populäre polnische Partei vorhanden ist. Mit dieser Tatsache rechnen zahlreiche Mitglieder des Polenklubs und auch anderer polnischer Parteien, sie wollen es sich daher mit dem Allpolentum nicht verderben. Daraus folgt auch für die Juden die Lehre, daß die anwachsende chauvinistisch-nationale und antisemitischallpolnische Bewegung für sie eine umso größere Gefahr nehmen, und sogar dort, wo -er die Vergeltung zugibt, daß dem Frevler nur d asselb e zu g escheh en h ab e, waseranseinenMitmenschenverbrochen hat, aber nicht m e hr, finden wir in Bezug auf Amalek den unauslöschlichen!, für alle Zeiten unversöhnlichen Haß, ja die vollständige Ausrottung dieses Volkes, als nachdrückliches Gebot hingestellt. „Denke daran, was dir Amalek getan, als diu aus Egypten anszogst, Wie er dich auf dem Wege überfiel uud die Schwachen unter dir erschlug, -eben da du verschmachtet undmüde warst. Und wenn die Zeit kommt, da der Ewige, dein Gott, dir Ruhe verschafft hat vor allen den Feinden rings um dich, in dem Lande, welches der Ewige, dein Gott, dir zum Erbgute gibt, uni davon Besitz zu ergreifen, rott e aus die ©rinne r u n g a n> A m a l e k aus der Erde, v e r g i ß e s n i ch, t! " Dieses Gebot ist nicht mit dem üblichen „und der Ewige sprach" eingeleitet. Es findet sich in dem- Vermächtnisse, welches Mose kurz vor seinem Tode seinem Volke verkündet. Moses spricht von. dem. gerechten Maße, verbietet jeden- Betrug in der Geschäftsgebarung und plötzlich, unvermittelt!, ruft er ihm das fürchterliche „Sochaur" zu. Diese Stelle hat den Bibelerklärern viel Kopfzerbrechens verursacht und die Gegner des Judentums und der Bibel versäumen es nie, den! Haß geaen. Amalek als Beweis dafür anzuführen, d>aß Mose der Prophet der Rache und das Judentum das Volk der Rache sei. Am deutlichsten zeigt sich die Verlegenheit, mit welcher schon die alten Bibelerklärer bei dieser Stelle kämpften, in einem« Ausrufe des Rabbi Berachjah: „Nicht wir sollen immerfort daran (an Amalek) denken, sondern du, o Gott; der Mensch vergißt, aber der Gottheit ist die Vergeßlichkeit fremd, sie kann in Ewigkeit daran denken, was Amalek verbrochen hat." (Pesikta zur Stelle.) Moses hat mit. dem Gebote Amalek, trenn der anachronistische Ausdruck gestattet ist, ein politisches Vennächt-

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