Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 9 (27.2.1903)
- Date
- 1903-02-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Axbsstton: ll/3. Leopoldsgaffe 49. <-rechftttttt»ttr s» NoÄ«mage» «ou 8 btt « Uhr nachmittag». fl---.br.«.! JSbNch«» «»«Shfefe. »fett, U S S,s0zferrdr» «.gm verspäteter oder gar nicht ersolgter gustellung erbitten mir tut« dringend. «• Mttttttsttwfe fettbett tttcht znrttSaeffeA. Popspareafsen-Souto S»7l>0?. I«, da» Sbonuement kam, man täglich eintrete». t&vü'it HHffertsfttmß der vom Mffchrn Volksverevr txto<lizn Prefsrommifffon. A«-tt«rs übernehmen dt« Mrmrnr g. »aiweberg, M. DuteS, Hassen. Sri» * Bögler. Rudolf Most«. «. Oppelik, M. Pozsonht, 0. Schalet in Wien, ferner alle Kn»o»ckN»Lxpeditionen im SuSlaude. M»z«i-N»MMsr in Wie» 1« Heller. Ldminiltratton: n/3. Lroxoldsgaffe 49, Lele-homNr. 14723 NboUUenreAtApreis: Teleph0tt-Nk. 14723 Für »fei. tu veftttretch'Uttgar» sammt Srattcozuftellung. Ganzjährig Halbjährig Bierteljäbrig ftt. 8.- :fc Kür baS gesannnte AuSlarr» sammt yrancozustellung. Ganzjährig . . . Halbjährig . . . Vierteljährig .... «r. " * £2 n 32S Ur. 9 Wien. 37. Februar 1903 (30. Scheint 5663). V. Jahrgang. Heber die Judenfrage in Galizien. (Bortrag des Neichsratsabgcordncten Ernst Breiter im „Indischen Bolksverein.".) Sehr geehrte Versammlung! Gerne habe ist der Einladung. Ihres geehrten Vereines Folge geleistet, aber ich kann nicht rnnhirr, schon jetzt zu bemerken, das; ich mit Rücksicht auf meine politische Tätigkeit und politische Kämpfe, die meine ggnze freie Feit in Anspruch netzmen, nicht in der Lage bin, so ausführlich über das heutige Theirna zrr referieren, als es notwendig Iväre rnrd ich muß offen, gestehen, daß ich fast unvorbereitet kormne. Ich habe dies vorausgeschickt, um mich selbst vor dein eventuellen Vorlvurf der Oberflächlichkeit zuschützen. Und mm, geehrte Versammlung, will ich über die I u d e n f r a g e in G a l i z i e n sprechen, und zwar nicht vom Starrdpnnkte eines PackeiMannes, sondern von dem Standpunkte eines fortschrittlichen, von jeden parteipolitischqn Doktrinen freien Mannes, dessen oberster Grundsatz lautet: „Politische Freiheit, Gleichheit und soziale Gerechtigkeit fiir alle Menschen!" Die Judenfrage in Galizien gehört! zu den wichtigsten vitalsten Fragen nicht! allein meine» engeren Vaterlandes, sondern auch des Judentums selbst. Wenn man Galizien ,;n dem alten Polenreiche histzurechnet, so findet man, daß die Anzahl der Inden ein Viertel der gesamten polnischen Bevölkerung beträgt, das heißt, daß in den Ländern des alten polnische n R e i ch e s m ehr als die .Hälfte aller Juden der Welt wohnt. In Galizien selbst beträgt! ihre Zahl nahezu ein Fünftel der Gesamik-Emwohner, das ist ungefähr 800 000. Daraus ersehen Sie, daß es für die Judenheit nicht gleichgiltig sein kann, wie sich die fernere Zukunft der galizi'schen Juden gestaltet. Die Zahl der Judenin Galizien ist so groß, daß sie iinstande Nüre, auf aflb Verhältnisse bestimmend einzn- Ivirken. Allein bevor, ich ans die gegenwärtigen Zustände eingehe, fei es miv gestattet, nur. einige markante Erscheinungen aus der Berg a n g e n h e i t zu erwähnen. Es ivürde zu lveii führen, wenn ich von dem kolossalen Unterschiede spräche zwischen deir unabhä,ngigen, später unter der Herrschaft der Römer leidenden. Juden, die nichts anderes, als Ackerbaueu, Kleinkrämer oder Handwerker waren — und zwischen diesen Juden, die zur Zeit der Völkerwanderung und noch später zu großen Kau f lenken unb Unternehmern und endlich in der neueren Zeit zu Bankiers in der ganzen Welt wnrden. Infolge der veränderten Lebensweise und durch die Vertreibung ans dein Urmilien hat sich auch ihr Charakter zum großen Teile geändert. Der einstige kleine Baller vom Jordanufer träumte nie, daß einst seine Nachkommen durch eineArt von „vis major" der historischen Zustände, im Welthandel und der Wollindustrie, sowie in der Kunst lmd Wissenschaft einen hervorragenden Platz einnehmen werden. Diefe Rolle wurde den Juden durch die Verhältnisse der Zeit, hauptsächlich aber durch den Antagon'ismns der Christen gegensie, förmlich aufg» drällgt und hat ihren Beginn zur Zeit der Westgoten in Spanien. Scholl damals hat man die Juden als niedere Geschöpfe Gottes betrachtet!; man hielt sie nicht für ebenbürtig, man hat ihnen alle Wege 311 öffentlichen Stellen abgeschnitten und sie nur auf das Gebiet des Handels beschränkt, des Handels, welcher für die Adeligen als etwas Diffamierendes betrachtet wurde. Was die Länder der p 0 l il i s ch e n K r 0 n e aubelangt, so haben wir Beweise, daß der Fllde als wandernder Kaufmann früher dort war, als die L e ch i t e n, später Pole ir genannt. Schon zlir Zeit der ersten polnischen Könige waren die Juden in diesen Ländern seßhaft und obwohl über sie in deir alten Chroniken nur sehr spärliche .Notizen sind, so haben sie doch eine gewisse Rolle gespielt, namentlich! als Kaufleute und Geldborger, ja zur Zeit des Königs M i e tz k 0 des Dritteir wurde das Bild seines finanziellen Retters, der ein Jude Ivan, auf den Münzen geprägt. Zur Zeit Kasimir sdesGroßen wurden den Juden gewisse spärliche Rechte eingeräumt, was teilweise ans den Einfluß einer Jüdin namens Esther beim König znrückzuführen ist. Aber schonvor deir geordneten Zuständen finden wir eine große Zahl dev Inden in ganz Polen, die als rührige Karrfleute Konkurrenten der deutschen Kaufleute Ivaren und ihre Waren! größtenteils ans dein fernen Osten, ans Asien usw. herbei brachten. Auch in Polenwurde den- Inden eine E i n - s ch r ä n k u n g ihrer Betätigung anferlegt, so daß sie auch hiev bemüssigt waren-, nur Kanfleute, Pächter oder Bankiers zuworden. Die polnische Geschichte spricht Ivenig über die Inden, sie erwähnt zwar die von Zeit zu Zeit sich wiederholenden Verfolgungen und übeuvulzt die Ursache derselben auf die Juden, welche sie als „Ausbeuter, Wucherer, Schwindler" kennzeichnet. Gewiß ist, daß das Betreiben des Handels einen gewissen, Grad von Schlauheit und Spitzfindigkeit erfordert, und wenn sich nun bei polnischen wie auch bei anderen Inden diese — vielleicht nicht lobenswerten — Eigenschaften in einem höheren Maße bemerkbar machen, als bei anberen Völkern, so ist dies lediglich nur dem Umstande zuzuschroibou, daß die katholischen Völker die Inden ans diese B a h n e n g e l e n f t h a b c n Ich frage jedoch, warum bei uns von der katholischen, christlichen Seite diese Eigenschaften! den Juden so übel angerechnet wird und warum die Inden deswegen beschimpft werden, wenn zur Zeit der polnischen Republik die erzkatholischen Bischöfe den Inden die Verpachtung der rnthenischen Kirchen förinlich ansgedrängt haben? Wenn also den Inden der Zutritt zu allen Aemtern, zum! Militärdienste und sonstigen Stellen verweigert wurde, wenn also ihnen der Betrieb des Ackerbaues, des Handwerkes verweigert wurde, wenn man ihnen nur eine Betätigung zugewiesen hat, die es mit sich briügt, daß man manchesmal Verstöße gegm die Ethik und die Moral begehen'muß, so sind dies die unausbleiblichen Folgeerscheinungen der Ansnahmsgosetze, unter denen die Inden standen, woraus man ihnen selbst keinen Voewnvs machen soll und nran nicht deduzieren darf, daß diese Eigenschaften in Fleisch und Blut der Jndenrasse nbergegangen sind! Mit dem Niedergang des großpollrischen Reiches sind Galizien und die dortselbst lvohnenden Juden an Oesterreich gekommen. Die Lage derselben hat sich durch einige Dezenniendadurch gav nicht geändert, erst mit den Freiheitskämpfen i m I a h re 1848. Es gehört nicht in den. Rahmen des heutigen Vortrages, darüber zu sprechen, welche Stellung, der Jude irr der österreichischen. Gesetzgebung eingenommen, har und heute einnimmt. Kurz nach! beji Freiheikskampsen des Jahres 1848 und dev dadurch erreichten Verfassung, welche die volle Gleichlberechjtigung den Juden in Oesterreich sichert — begann auch für die galizischen Inden eine neue Aera. Getviß wurden den Inden in der neuen Verfassung viele Rechte gegeben, sie konnten jetzt Grundbesitzer, Handwerker, Advokaten, Aerzte, Lehrer, ja sogar Beamte sein — also die Rechte, die sie früher nicht hatten, wurden ihnen jetzt eingerüumt, allein ein großer Teil derselben ist nur in der Theorie, am Papier erhalten geblieben. Doch ich will nicht davon sprechen, wie im großen und ganzen sich die Stellung der Juden in Oester-reich verhält, sondern Null mich lediglich auf G a l i z i e n beschränken. Fast die gesancke jüdische Bevölkerung Galiziens lebt vom Handel lind zwar entweder als Handels- und Gewerbetreibende, Pächter, oder Realitätenhändler. Die gesamte jüdische Intelligenz, bestehend ans Advokaten, Aerzten, Lehrern und Beamten, beträgt nicht über 10 000, das ist etwas mehr als 1 Perzent der gesamten jüdischen Bovölkerung Galiziens. Zirka 80 000 sind Hans- oder. Grundbesitzer. Die Zahl der Pächter, Ackerbautreibenden und der unbestimmten Berufe beträgt rund über .100 000. Mehr als 160 000 sind P-vopinationspächter und nahezu 400 000 widmen sichdem Handel nnd Gewerbe. .Nach diesen Zahlen zu urteilen, nrüßte inan onneh- Feuilleton. Mae Macher Frühe Todeskinder. Ich sah die Blätter von deir Bäumen fallen Geräuschlos sinken, ohne Widerspruch, Die Luft durchzog ein widriger Geruch - Dasselbe Schicksal schien beschieden allen. Zerstückt! Zerborsteni van des Todes Krallen, Herausgerissen aus des Lebens Buch, Ein Zeugnis der Verwesung, elviger Fluch: Reis oder nicht — ins Leere zu verhallen. Manch grünes Blatt flog hin im Wirbelwind lind hält' es eine Seele, Ivürd's lvohl fragen Wannn 's zur Welt kaiu, da es so geschlvind Der .Hanch dev Zeit ins Schnttenlmrd getragen. Ein grünes Blatt — ein frühes Todeskiud Sank mir aufs .Herz. — Wird es wohl lang noch schlagen? — . - Mlmffer bezahlen. Was heißt das: Maaffer bezahlen? Schlage Die Bibel aus; die löst deine Frage. Im fünften Mose, fünfzehn, Vers sieben; Da steht über Einkommensteuer geschrieben: Von großem Prosit und Zins auf Zins Ein Teilchen opfre deines Gewinns Dem Armen, bevor er sein begehr'; Denn du in Egypten warst arm wie er; Und wuchert nun in Edom dein Gut, Und schickt dir Arnalek seinen Tribut, Groß ist der Herr! Die uralte Steuer: Maasser bezahlen, nennt man sie heuer. Der Rabbi Mayer an seinem Pult Mit großem Eifer und großer Geduld Führte die Bücher der Gemeine; Die Witwenkassen, die Krankenscheine, Die Beitragsgelder fürs Siechenhans Und die Posten für Arme zog er aus Und neigte die Stirne sorgenvoll: Gott weiß, wie der Not ich wehren soll! Der Kleiderhandel geht zurück, Das Hasenfell bringt auch kein Glück, Die Knochen, die Lumpen, das alte Eisen, Die Betten, darum sich die Wanzen reißen, Und höchstens ein lebensmüdes Klavier — Treibt das den Winter uns von der Thür? Da tritt herein, gekrümmet von Gicht, Doch helle Freude im Angesicht, Der alte Hörschel von Stintengang, Sein Bart war gekämmt, sein Vorhemd blank, Der Duft von hundert verwitterten Hosen Des Ladens mit Döringseife begossen. Kurz: lauter Glück nnd und Sonnenschein Kam mit dem Alten zur Tür herein. „Herr Doktor! Herr Doktor!'' Hub er an. „Gotl's Wunder! Ich glückseliger Mann! Der Herr hat gewaltet über mir: Ein altes rumänisches Wertpapier — Fast hatt' ich's vergessen und aufgegeben — Ist ausgelost, und sie zahlen mir eben Bei Sally und Söhne den ganzen Quark, Eintausendzweihundert nnd fünfzehn Mark. Ich Hab' sie schon bar in der Tasch' und mein' Sie werden verstehn — Sie werden verzeihn — Nun möcht' ich Maasier bezahlen — ich dacht' An zehn Prozentchen, Herr Doktor, das macht Hunderteinundzwanzig nnd fünfzig Pfennig." ^„Mein guter Herschel, weiß Gott! Das nenn' ich Ein Herz, — den Armen ihr Teil zu gönnen! Ich weiß genug, die es brauchen können/^ — „Ich auch, Herr Doktor; doch einerlei Jst's vor dem Gesetz, wer der Arme sei; Nun bitt' ich: richten Sie's doch so ein, Daß es möchte der alte Mansche! sein; Ein alter Mann, ein ehrlicher Mann, Der kaum sein Paket noch tragen kann; Er läppert sich mühsam vorbei am Bankrotts Und ich, ich habe den Segen von Gott! Nicht wahr. Herr Doktor, Sie sch'cken's ihm Mit verstellter Handschrift und annonym'?" Am andern Tag, da der Rabbi Mayer Sich wieder den Kopf ob der Armensteuer Und Krankenkasse zermartert, blickt Der Manschet herein und lacht so entzückt, Als habe der Herr ihm über Nacht Die Hasenfelle zu Zobel gemacht Und alle Hosen, die er erhandelt, In wertvolle Antiquitäten verwandelt. ^Herr Doktor! Herr Doktor! Gottes Segen Kam über mich, ein golhner Regen;