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Jüdisches Volksblatt · 1903-02-20 · 8 (20.2.1903) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
8 (20.2.1903)
Date
1903-02-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Lrdmckwn: H/3. Leopoldsgasst 49. GpreiHstMlAevr Sn YSochkMa«« von 3 8tS 4 Ntzr nachmtltagr. pvJUMifl»; SSB»H«(9 O»0lf3(ilati, «Sie«, H|8 Vesehwerde« vkgrn verspätet« oder .ut ulrtit erfolgt« kjustüünug «bittm wir INS dringend. - Momniertvte tnerSe« «ich* MküagrftÄit. -oftsparcafien««konto üi'ios'l :'*« fcn« rlbmrnernent kann rtui r-igliÄ «intrrtrn. GMM jrdeu Mas $M*x MtLwiLMmg der vom sttdisttzen VoUisverstti srwstzUen Prwss«onrruiMvn. N»sers*e übernehmen die Ftcmm: I. Danaeberg, M. Dukes. Haasen» Hta A «sqlrr, Mrdols Mostr. B. Oppelik. M. Pozsonyi, D. Schale! in Wien, ferner alle Annoncen-Sxpedttionen im BuSlande. GZ«zeL.Sr«MMer i» Wie« IG Heller. KdmintslrsSivn; n/3. Leopoldsgage 49. Telephon-Nr. 14788 AboNKemeNtöyreis r Telephou-Nr. 14788 Mix lkÄtes u. L)rsterx«ich-Unga«o lammt Ar-ireazufiellung. Sanzjährig Halbjährig KiertLljäbrig Kr. 8.- :fc Für baS gefammte Ausland sammt Francozustellung. DanzjShrig . Halbjährig . Vierteljährig .Kr. „ 4.50 .. 8.85 ssansss'Bnw^.esstft» sa Ur. 8 Wien, 20. Fedruar 1903 (23. Scheint 5663). V. Jahrgang. Zum fopaldemokratifchen Parteitag. Gewohnt, alle Tagesfvageu und Parteien vom Gesichtspunkte der national-sozialen Interessen unseres jüdischen Volkes ait beurteilen, sind wir auch zeitweise genötigt, die sozialdemokratische Partei zu kritisieren und speziell auch die Jrrtümer des M a r x i s m u s in Theorie und Taktik darzulegen. Wir sind aber weit davon entfernt, dern Sozialismus gegenüber als einer großen Kulturbewegung uns prinzipiell ablehnend zu verhalten oder etwa Schadenfreude darüber zu empfinden, wenn infolge der von uns wiederholt besprochenen theoretischen und taktischen Fehler der Marxisten, in der sozialistischen Bewegung eine Stagnation sich bemerkbar macht. Es 'ilftl dies umso wenigen der Fall, als wir in erster Linie ein Sprachrohr unserer arbeitenden Volksgenossen sind, keineswegs aber, wie einmal die „Volkstribüno" behauptete, ein- Organ des — kapitalisti - scheu Judentums. Immer und bei jeder Gelegenheit sind gerade w i r es, die die s o> z i> a l e Betätigung als einen wesentlichen Bestandteil nationaler Wirksamkeit betonen, und wo es sich um radikale soziale Reformen für unseren Mittelstand und unsere Arbeiterschaft handelt, stehen wir unserem Programme entsprechend in e r st e r Linie. Also keineswegs eine factiüse Gegnerschaft gegen den Sozialismus in allen seinen Schattierungen ülwehm,pü sondern nur die Verpflichtung gegen unser Volk und speziell gegen seine produzierenden Teile, auch! im s o z i a l d e m okratischen Lager das zu kritisieren, was morsch und unhaltbar iln Theorie und- Taktik geworden ist, bildet den Grund, warum wir mit d-er Kritik nicht bei den bürgerlichen Parteien Halt machenkönnen. -I- Der eben beendete Parteitag der niederösterreichischen Sozialdemokraten in S t. P ö l t e n ist es, der xm§> den Anlaß zu vorstehenden Betrachtungen! bieteti Eine arge Enttäuschung kam zum. Ausdruck über die Niederlage bei den letzten niederösterreichischen Landtagswahlen, ziemlich unverblümt wurde von Dr. V. Adler und Winarski zngestanden', man habe die eigene! Macht und die Stärke der verbündeten „Freisinnigen" überschätzt, -trotzdem will man aber an dieser unnatürlichen Koalitionnoch weiter festhalten. U n s hat das Resultat der Landtagswahlen durchaus nicht überrascht, wir waren von jeher der Anschauung, Feuilleton. Wiener Eindrücke. Von S. L u b l i n s k i. (Na ch d ruck v erb o te n.) Das Rätsel und das Phänomen von Wien ist die „innere Stadt" — wenigstens für jeden psychologischen Grübler, der sich über die „Volksseele" oder auch die „Stadtseele!" seine besonderen Gedanken macht. Ihm ist es merkwürdig, datz jener Stadtteil intinncin iwch besteht, ohne eine Ruine oder eine archäologische Merkwürdigkeit zu sein. Wohl umfängt uns in diesen alten, und eng aneinander gedrückten Straßen mit den seltsam anheimelnden Namen der Volle Hauch des Ncittelalteirs. Ich Inn in der Geschichte Wiens nicht bewandert und kann darum nicht sagen, ob schon, inder Zeit der Babenberger oder ersten Habsburger diese Straßen, das Leben dc-r ehrbaren mittelalterlichen Zünfte geschaut haben-. Aber ich könnte es nur denken,. Zu. dieser vertraulichen und dämmernden Engigkeit passen, die überhängenden Giebel mittelalterlicher Häuser ganz ausgezeichnet, lind diese gemütlichen Heilten Plätze, wo Markt abgehalten wird, scheinen weit! mehr jener fernen Zeit anzugehören, die von Weltverkehr noch nichts lvußte, sondern nur von den wirtschastlichen, Bedürfnissen der allernächsten Umgebung. Diese „innere Stadt" nimmt sichnicht aus wie, das Zentrum einer Metropole von, Millionen undeines großen Reiches: sie fchieint nur zu ihrer allernächsten Landschaft zu gehören: zu Niederösterreich Untre fast schon, zu viel gesagt. Es fehlen nur noch die Mauern und Türme, um. die Illusion, als wäre mau in das fünfzehnte Jahrhundert mit feinen Zünften und Buden, engen Gassen und gotischen daß ein, lvenn auch vorübergehendes Bündnis zwischen Internationalisten und deutsch-volklichen sowie alldeutschen Chauvinisten, zlvi scheu „Juden"liberalen und Rassenantisemiten, zlvischen kap i ta l ist isch-liberalen Bourgeois und sozialdemokratischen Proletariern, mit den Prinzipien des internationalen Sozialismus theoretisch unvereinbar und auch praktisch nicht geeignet ist, die christlichsoziale Partei mit Erfolg niederzuringen,. Wenn aber auf dem sozialdemokratischen Parteitag in St. Pölten Werr W i - n a r s k i meinte: „Als wir im vorigen Jahre zusammenkamen, da hat ganz Niederösterreich! widerhallt von den Versicherungen dev verschiedenen Freisinnigen, die erklärten, daß sie die C hr i st l i ch - S o z i a l e n vernicht e n werden, und! dis behaupteten, daß das ganze Land schon von den Christlich-Sozialen abgefallen sei. Aber als die Wahlen kamen, da zeigte sich, daß die angebliche Macht der bürgerlich -freisinnigen Parteien eitel Flausenmacherei sei!," so hat er! wohl unbedingt recht, ebenso mit dieser -Klonstatierung, daß die Christlich-Sozialen nicht schwächer, sondern stärker aus dem Wahlkampfe hervorgegangen sind- Ja, was ist aber damit gewonnen, wenn die E i n - s i ch t erst n a ch der Schlacht! kommt und man nicht einmal den festen Entschluß faßt, d>i'e gemachten Fehler n i ch t zu wiederholen und in Zukunft nicht so unnatürliche Bündnisse zu schließen. Eine solche Taktik, die n i ch t das werbende Wirts ch a f t! liche Moment, sondern den „Antiklerikalismus" als Wahlparole ausgibt, kann in den produzierenden Ständen keine neuen Positionen erzielen, den C h r i st l ich -Sozialen keine Mandate wdgnehmen undhöchstens Freunde in der liberalen, j ü - d i s ch e n B o u r g oi s i e -erwerben. Aber auch! in der großen Masse der Arbeiterschaft muß die Fortsetzung der gegenwärtigen Taktik eine Mißstimmung erzeugen, die teilweise bereits vorhanden ist. Daß zahlreiche Organisationen in Wien und d-elv Provinz monate- und jahrelang die Steuer schuldig bleiben, trotz aller Mahnungen, ist eines unter vielen Symptomen. Aber auch andere Anzeichen liegenvor, Stimmen in Blättern und Broschüren (wohlgemerkt sozialistischen), welche dieselben Uebelstände — wie wir, nur weit schärfer — inder sozialdemokratischen Partei kritisieren. Da erschien z. B. in Klagenfurt unter dem- Titel: „Proletarische Ziele von einem! Arbeiter", aus dessen Vorwort wir folgende Stellen zitieren: Schon seit Jahren vollzieht sich in der Arbeiterbewegung ein Prozeß, welcher dahin fühlt, diese Volks best e g u n g allmählicht m Sande verla u f -e n zu lassen. Die ernsten Studien Bernsteins in England Kirchen zurückversetzt, vollständig zu machen. Ein wundervolles Ueberbleibsel, eine kostbare Reliquie, eine prachtvolle Ruine — so könnte man meinen! Aber das Merkwürdige ist eben, daß diese Meinung durchaus nicht zutrifft. An der Stefanskirche rollen moderne Droschken und Omnibusse vorüber und ein schwarzer Strom eifrig beschäftigter und hastender Aken scheuwindet sich unaufhörlich an diesen steil ansteigenden Straßen -empor und flutet über die umfriedeten kleinen Plätze hinweg, von denen Um: anzunehmen glaubten, daß sie für den engen, allzuengen Binnenverkehr der nnmittelbaren Landschaft geeignet wären. Jedoch ein Großstadtleben, ein richtiges modernes Großstadtle'ben lvirft hier seine hohen Wellen, und es erscheint uns doch nicht wie Unnatur, keineswegs als eine barbarische Stillosigkeit, und das ist eben das Ncerkwürdige, der ganz seltsame Reiz der inneren Stadt. Alle Jahrhunderte, die an diesem Bezirke Vorüverrauschten, richteten sich dort eine Zeitlang häuslich ein und ließen Spuren zurück. Man sieht Fassaden im Rll'naissance- und Barock- und im allerjün-gsten Sezessionsstil. Wohl hörte ich Klagen von patriotischen Wienern, die über das Auftauchen neuer Häuser und das Verschwinden von älteren trauerten und zuiveilen schon von eiiner Dissonanz sprachen. Der Fremde aber muß aussprechen, daß alles in allein die Harmonie lveitans überwiegt. Aeltestes und Modernstes schließt sich zu einer natürlichen und organischen- Einheit zusammen. Diese „innere Stadt" ist eine Ueberlieferung aus ferner Zeit und zugleich lebendigste Gegemvart. In Mitteleuropa lvird sich schlverlich sonst noch in irgend einer Stadt solch vollkommene Verschinelznng uachlveisen lassen. Mir Nult scheinen, als ob in dieser Beziehung eine Art Ver- U'audtschaft zwischen Wien- und dem ganz anders gearteten Venedig vorli^egt.?A'icht nun der großstädtische Verkehr, auch die großhabeu das Resultat ergeben, daß die Avbsiiterschaft durch die Verheißungen ihrer Führer irregeführt wurde und um^ sonst tausende von Existenzen sich aufopferten f in dem Wahne, es müsse bald anders lverden. In seiner Verelendungstheorie weist Bernstein nach, daß der Mittelstand n i ch t verschwinde, sondern überall straft und Existenz auflveise. Damit schlug er alle Führer und sozialdemokratischen Größen von Nt a r x an bis zum letzten herunter, lvelche stets von dieser B>egeistevung gelebt haben, ins Gesicht. Nachdem auf diese Weise das Ideal in die weite Ferne gerückt wurde, geht das Trachten der Führer dahin, wenigstens für sich schätzenswerte Vorteile erringen; zu diesem Zwecke lvird die vertrauende Arbeiterschaft verleitet und mißbraucht. So schleicht sich immer unverhohlener ein ungesunder Bureaukratismus in die eemalige frische Be w e g u n g ein und erstickt mit seinen Fangaivinen j e d e f r e i e B e w e g u n g der G e i st e r. W e h e d e m, w e l ch e r sich e r l a u b k, s eine freie M e i n u n g d u r ch W o r t und S ch r i f t z u ä u ß e r nz der w i r d u n b a r m - herzig verfolgt, bis er schwö rt: „Ja, es gibt nur einen Gott in Oesteioreich-, und dies ist Dr. Viktor Adler!" Dieser Mann mit seiner vererbten Rassenveranlagung als Israelit hat mit der dieser Rasse eigenen Raffiniertheit es vierstanden, die Bewegung der Achtzigevjahre bemalt zu vermauscheln, daß dieselbe heute als Produkt der Erhaltung seiner Nassengenossen sowie einiger Dutzend anderer, welche seinen- Plänen nicht zuwiderhandeln, angesehen luerden kann. Es sei hier gleich konstatiert, daß ich a l I -ei K o, n f e s s i o n e n g l e i cha ch t e, daher kein A n t i s e m i t bin, aber durch, den jahrtäusende langen- Zwang, w e l ch e -r! a u f d e m israe- I i t t f ch e n V o l ö s st a m m e l a st e t e u n d denselben n u r d e m Handel in i t s e i n e m W u ch e r überließ, w u r d e n d i e e d l e n T r i e b e d i e s e s Volkes derart er st i ck t, da ß i h n e n die II e b e r l i st u U g anderer z u r z lveite n- N a t u r g e!o o v d e n." Der Verfasser der Broschüre, Josef Harrich, erklärt, kein Antisemit zu sein, jedoch> „antisemitelt" er, wie viele andere, mit der „jüdischen" Führung der Sozialdemokratie llnzufriedene. Wir haben diese Broschüre zitiert, um immer lvieder den Nachlveis zu liefern, wie sehr gerade die Jude n, die sich blindlings der marxistischen Sozialdemokratie hingeben, durch die Fehler der marxistischen Orthodoxie getroffen werden. Darum habengerade Juden, die national sozial fühlenden Judenein Interesse daran, daß der R e v i s i o n i s m u s im sozialistischen Lager durchdringe. Allerdings beginnt die Restädtische Eleganz fiüdet in der inneren Stadt Gelegenheit, sich auszuleben und zu entfalten. Wenigstens hat mich der „Graben", diese ehrwürdige Straße mit dem alten.Namen, von Zeit zu Zeit ein wenig an die Linden in Berlin erinnert, und zwar an den Teil der Linden, der umnittelbar vor dem Brandenburger Tor liegt. Dort hat sich allmählich, nameutllich an- Sonntagen, etwas wie ein Korso ent- Unckelt, lvo man sich am Gelvimmek erfreut und, wennman eine schöne Frau ist, seine Toilette zu zeihen versteht. Ich möchte nun nicht sagen, daß der Graben ein moderner Korso lväre, weil ich dann gefaßt sein müßte, von allen richtigen Wienern ausgelacht zu lverden. Ich sage nur, daß etwas lvie ein Hauch und Duft davon darüber liegt, den vielleicht nur der Fremde, und auch dieser nur in den ersten Tagen, voll verspüren mag. Bei Friedrich Naumann las ich eimnal, daß man gewisse Dinge nur gleich das erstemal sieht, später nicht mehr, weil dann unsere Sinne für diese feinsten! stmd flüchtigsten Reize berZits abgestumpft sind. Daran erinnere ich jeden humoristisch gestimmten Wiener, lvenn ich versichere, daß mir der „Graben", als ich ihn zum erstenmal zu Gesicht bekam, durch!- aus den Eindruck eines Korso machte. Aber freilich eines von ganz, besonderer Art. Der kleine Raum, der seltsame Name und dieser alte Stadtbezirk, der ihn ringsher einschließt, das alles dämpfte und milderte den ganzen Eindruck zu einer Art von Innigkeit! und Intimität heanb, die sich mit dem eleganten Großstadttreiben innig vermählte. Man mag mir nun glauben oder nicht, aber dieser Spaziergang ans dem „Graben" hat mich die iistime Kunst eitnes Hofmannsthal und der anderen Jnnglviener n'och besser verstehen gelehrt. Noch! immer, obgleich ich mich daran gelvöhnt haben könnte, wirkt der llebergang aus der inneren Sistdt zu den

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