Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 7 (13.2.1903)
- Date
- 1903-02-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Februar 1903 (16. Schrbat 5663). V. Jahrgang- WMl-lhMvWslhe md Mtuml< fofiole MM. Einer der Hauptgründe, warum in Oesterreich! das ü Nationa litätenproblern vielen so unlöslich und die Hertz stellung des inneren Friedens und geordneter parlamentarischer Verhältnisse fei unmöglich erscheint, beruht darauf, daß mau stets die sogenannten n a t i o u a l « n P a r - j t e i c n mit! den Nationen Oesterreichs verwechselt. Die meisten nationalen Parteien.des Donaureich.es wollen eben dem Staatswesen oder einzelnen Kronländern ein n a - t i o n a l e s Gepräge aufdrucken und begreifen noch immer nicht, daß der Reichsgedanke Oesterreichs kein nationaler! oder konfessioneller sein kann, sondern ein sozialer werden muß. Nicht! A u t. o n a nr i e des eigenen Volkes, sondern H e r r s ch a f t ü b e r a n d e r c Völker ist das Ziel dieser reaktionäv-irationalen, national - ch a u v i n i st i - scheu Politik der bisherigen „Volks"-Vertreter dies- und jenseits der Leitha. Nur infolge dieser nationalen Herrschaftsbestrebungen kann die Monarchie der Habsburger! nicht zur Ruhe kommm. Darum sind Zentralisten, Dualisten, Personaluniomsten und Länder antonomisten! gleichmäßig nicht imstande gewesen, auf Grundlage keiner der bisherigen Verfassungen — die jetzt bestehende eingeschlossen — die nationalen Wirren zu beseitigen; sie werden es auch in Zukunft nicht auf Grund dev von i h neu geplanten Vew fassturgsre formen vermögen, in Oesterreich den so ersehnten Völkerfrieden herzustellen. Die Furcht vor dem. nationalen Radikalismus im eigenen Lager treibt auch die sogenannten „gemäßigten" Elemente aller österreichischen Völkerschaften dazu, nationale Postulate aufzustellen, die unrealisierbar sind, den Kampf aller gegen alle in Oesterreich aber verewigen und die für das Gesamtreich und! die Gesam'd bevölkerung so dringend nötigen Sozial ri eso r n: e n verhindern. K o n k u r r e n z i nt nationale n C h a u v in r s m u s u n d U ti o p i s m :: s heißt hierzul a n d c N a t i o n a l p o l i t i k, und darin erschöpft s i ch a I l ei „n a 11 ona I e A r b e t t". Wie herrlich weit wir damit in Oesterreich gekommen sind, zeigt die Entwicklung der parlanrentarischei: Verhältnisse seit mehr als 20 Jahren, seit der deutsche Pseudo liberalismus Fischhof meuchelte und die Bildung einer ö st e r - r« i ch i s ch e n Volk s Part >e i verhinderte. Die Alttschechen wurden: unterdessen ganz durch die Jnngtschechen, die Altliberalei: f a st ganz durch die Chriistliehsozialen, Deutschvolklicheu ititb Alldeutschen verdrängt. Die Beivölkerung war der nur nationalen Phrasen - überdrüssig, sie lvollte national -soziale Resormarbeit und wandte sich von den Alttschechen und den Deutschliberalen ab, in der Hoffnung, daß ihre Erben eine diesbezügliche Tätigkeit inaugurieren werden. Bis nun hat aber die österreichische Wählerschaft in dieser Richtung eine bittere Enttäuschung erfahren; ihre jetzigeir Abgeordneten sind wohl nationalchauvinistischer als ihre Vorgänger, aber für eine national -soziale Politik haben sie ebensowenig Verständnis wie diese. D a r u irr kann man heute bereits dm Positionerr der jrmgtschechischeu Partei als erschüttert betrachten, und schon melden sich Agrarier, National-Soziale, R a d i k a l - F o r t! s ch r i t t l e r und Realisten als Erben. Auch im deutschen Lager! sind die Positionen des Restes der AlüLiberalen, sowie der deutschen V o l k s p a r t e i l e r u rr d A l l d e n t s chl e n erschüttert, und wenn diese Fraktionen länger ihre Mandate behalten sollten, so wird es nur darum der Fall sein, weil in Deutsch- Oesterreich noch innner eiire moderne nationalsoziale Gruppe fehlt, welche ans Grundlage der nationalen A u t o n o m i e den g l e : ch g e s i n n -!l e u Gruppen der übrigen Volksstämme Oesterreichs die Harrd zum F r i e d e n u n d B ü n d n i s reicht. So lange aber die heutigen national - ch a u v i n i' st is ch e n Parteien, das Produkt der unnatürlichen dnal i st i s ch e n Dezemberverfassung mit ihren unnatürlichen reaktionären Wahlordnungen dies- und jenseits der Leitha als Vertreter der Völker des Donaureiches fungieren, werden dieselben w e d e r u n f e r e 1 n a n d e r, n o ch, m i t — den Juden sich verständige n. Nun gibt es unter den I u d e n Oesterrelchis Vertreter der Anschauung, daß diese Verständigung nur eine — Verständigung gegendie Indien sein werde; sie erblicken die einzige Schutzwehr der Juden in einer religiösen Organisation. Die Vertreter dieser Meinung b e g e h enda b e i aber d e n I r r t u m, eilten Gegensatz zwischen zwei Dingen zu konstruieren, der nicht besticht. Eine nationalsoziale Organisation der österreichischen Jude n ist die beste Gewähr dafür, daß der Generalausgleich der österreichischeu Völker sich u i ch t gegen sie vollziehe, sondern auch aus sie er st r e ck e, ja noch mehr, die selbstst ä n d i g e j ü d' i s ch e O r g a n i s a t i o n, die Abstinenz der Juden im.Nationalitäteukampfe wird in allen gemischtsprachigen Ländern die national-chauvinistischen Fraktionen schwächen und die Anbahnung des nationalen Friedens beschleunigen. Dannaber ist die Umgestaltung des gesäurten österreichischen Parteiwesens nur eine Frage einer kurzen Zeit; an die Stelle der nationalen Parteigruppicrung wird eine politische und wirtschaftlich« treteir. ... Damit hat sich aber auchdie Situaüon für dre österreichischen Juden im allgemeinen und für die natioualsozial Gesinnten im besonderen verändert. So wemg sie an anders nationale Parteien sich anschließen können, für Erweiterung der politischen Rechte, für den Ausbau der w i r t s ch a f t l i ch e n Wohlf a h r t s g e s e tz g e b u n g einzutveteu, rst mcht nur selbstverständlich mit jüdisch - volk lh ch e!r Gesinnung vereinbar, sondern ein Hauptpostulat der u o u s ch e n M o d e r n e"! Die nationale Politik der Juden unterscheidet sich eben dadurch sehr scharf von der Nationalitätenpolitik anderer nationaler Pärteien, daß sie keine national-chauvtnistische sein darf, sondern eine national - s o z i a l e itrt Sinne N aumanns, Masaryks usw. sein muß. Die nationale Betätigung als I u den steht für uns in keinerlei Gegensatz mit unserer Wirksamkeit als m o - bctite Kulturmensch,en und als öfterr e i ch i s ch e S t a a t s b ü r g e v, wie haarscharf aus dem jüdisch-volklicheu Programm ersichAich ist. Da wir für die Wahrung der spezisischjen Jnb'iv i d u a l i' t ä t der Juden eintreten, sind wir n a t i o na l und' weil wir die freie Entfaltung jedes einzelnen unserer Volksgenossen i rc i e b wede r Hinsich t, di e m at eri e l le Woh Ifahrt aller Glieder unseres Volkes erstreb «n, sind wir sozial im modernen S i n rr e. Als Angehörige rurseres Volkes aber wollen wer an der allen Kulturmenschen gemeinsamen Arbeit Mitwirken und wollen speziell darnach strebeir, daß O e st e rr e i ch e i n nr aber n e r Kult u r- und Wirts ch a f t s st a a t werde. Die Anschauung, daß die Juden ohne Verleugnung ihres Volkstums a nr k ul - t u rillen it u b s oziale n Fortschritte n r ch t Mitwirken können, ist ebenso falsch, wie d i e M e i n u n g, daß j e d e K o o p e r a t i o n m i t anderen Völkern zu diesem Zwecke eine S ch ä d i g n u g d e s jüdisch-itationalen Gedairkens oedeute. , „ _ Wir! Traben unsere eige n a r t: g e n Jnteresserr als jüdisches Volk, wie jede andere Nationalität. ^D a r u nt können wir keinen, a n d e r s n a t i o n^a l e Postulat^vertretenden deutschen, polnischen, italienischen, magyarischen usw. Orgauisationen uns anschließen. Jedoch haben wir als Kulturmenschen und als österreichische Staatsbürger mit deir auf dein Boden der nationalen Autonomie und moderner Sozialreform' fußenden Was lehrt uns LaMe?*) Von Dr. Leo Soselr. Meine Damen und Herren! Ich will zunächst Ihnen sagen, lvorüber ich irilcht spreche,: will. Ich will nicht Lassalles Lebensbeschreibnng geben, ich will nicht wühsam aus vier Biographien sorgsaiu eine fünfte zusauuueustelleu und scharssimlig aus ettvaige Jrrtüiner der Geivährsmännerf Hinweisen; das lväue eine überflüssige Arbeit. Die Lebeuslinie Lassalles liegt klar zutage; nur der Abend seines Lebens tveist dunkle Punkte aus; diese lverden aber Wohl nie aufgeklärt iverden, da der llnstern Lassalles es rvollte, daß die Vollstrecker seines letzten Willens nicht treulich ihres Amtes tveilteten. Doch ich beklage es nicht so sehr; Venn für die Nachjlvelt ist es nicht das wichtigste, genau über alle lviderstrebendeir Gefühle nnd Geschehnisse, Irrungen und Wirrungen unterrichtet zu sein, die den. tragischen Helden in schicksalsschwerer Stunde bewegen, ein neues Dokulueut _ zu haben, wie klein oft selbst' den Großen die Entscheidung trifft — nein, viel fruchtbarer nnd verllockender deuchte es mir, das Bleibende, Erhabene, Allgeineingiltige nnd Ewige zu entNnckeln, Lassalle zu zeichnen, frei vorn Zlvange des Augenblickes, nur unierlau seiueiu unsterblichen Geiste. Dies wäre ein Vortrag über Lassalle im Geiste Lassalles. Eine große Ausgabe, eine z it g n o ß e für einen Abend nnd einen Vortrag. Und obtvohl es gegenüber den Verdnnklnngsinanöveriy seiner Gegner vielleicht direkt geboten loäre, daraus hinzlNveisen,!vie inan offiziell im sozialdemokratischen Lager nur einen Gott kennt, der Marx heißt und von eifervollen Priestern belvacht tvird, ,vie aber *) Bottrag. gehalten int Festsaale des „Jüdischen Volkshereines". di>e Partei in der Tat notgedrungen inmrer mehr die illopische Plattform Marxens verläßt und die realen Forderungeu Lassallcs, das Streben rrach politischer Macht, nach lvirtschaftlichen. RefornreN auf ihre Fahne schreibt, ohne allerdings seine ideologische Begründung zu teilen, obwohl es sehr leicht, wäre, zu zeigen, )vie glänzend die Entivicklnng der Tagespresse das vernichtende Urteil Lassalles üben sie gerechtfertigt hat, obwohl es lveiter sehr dankbar wäre, die Verfassungstheorie Lassalles gerade an der Hand der üsterveichischen Tagessmgeir zu erörtern, Nüll ich all dies unterlasseu, da es nüch zu lveit führen würde. Ich Null heute nnterstiiehlen, )vas L a s s a l l e uns I n d e ir l e h r t oder was Lassalle uns Nationaljuden ist. Glauben Sie aber nicht, daß ich Ihnen vielleicht beweisen will,^daß Lassalle ein Astrtionaljude war, ein Versuch, der bei Heine erfolgreich uuteriroimueir )vnrde. Bei einem Marx, dieser kalten Bücherseele, käme man gar, nicht auf diesen Gedanken; jedes^nationale Gefühl tvar ihn: fremd; er sah ii^ihnr gemäß seinen: Schema nur die verkappten Klassenbestrebnngen der Bourgeoisie. .Nicht so Lassalle. Bei ihn: lvar das nationale und soziale Elenwnt in einer glücklichen Harmonie vereinigt, er Wan der erste National- Soziale; die marxistischen Maildarinen rrrogeir sich drehen und winden,!vie sie lvollen, sie mögen deuten nnd verdrehen, so viel sie können, die Schriften Lassalles sprechen eine zu. laute nnd zu deutliche Sprache, zmual sie nicht in der a b s i ch t l i ch gesuchten und geschraubteir Bildersprache eines Marx ab gefasstsind. Auch it: Bezug ans ben naiwrialen Punkt folgt vie sozialdemokratische Partei hellte faktisch den Lassalle'schei: Ideen, lvemr auch langsam nnd lviderstrebend. Lassalle fühlte also national, aber d e u t s ch - Nation a l. Und so will ich zun: Schlüsse der Frage ' lrähertreten: W a ru nr lva r L ass al l e, der als I :: d e g e b o r e n lv u r d e u n d als I:: d e starb, d e r e i n l e b h a f t e s N a t i o u a> l g e s ü h l h e g t e, k ein N a t i o n a l j u d e? Bei einer Untersuchung der nationalen Idee müssen wir uns zuerst über deir Begriff „Volk" klar fein. Im Anschlnsse an Fichtes Philosophie beantlvortet Lassalle die Frage wie folgt: „Ist ein noch so großer, überall Herl versammelter Haufe von, Leuten ein Volk? Gewiß nicht. Zu einen: Volke ist viel inehr erforderlich, daß dieser Haufe in ursprünglicher Weise voir demselbeir ideutischeir und beftimmten. Geiste beseelt sei, der einem Volke eben durch' dl a s s e u a b st a m m n tr g, Traditio n u n d G eschichte vermittelt lvird. Dies ist ein Volk, aber n::r e r. st a n s i ch. Das Volk ist dam: zti vollendeter Wirklichkeit gelaugt oder das Volkseii: ist dann, lvie F i ch t e sagt, in seir: Belvußtseiu und sein lvahrhaftes Sen: übergegaugeu, lvenu es dieser: geiueinsehaftlichel: eigeuei: ursprüuqlicheu Geist mu: auch selbst h e r a u s setzt u n d e r: t lv i ck e l t. A l l e Ges cb i cb t e it n b aller D r a n g e i n e s V o l k e s b e st e h t i u n i ch ts, a l s i n d e r V e r lv i r k l i ch u n g d i e s e s G e i st e s. Ein Volk ist! f r e i, \mvn es diese Selbstverlvi.vklichui:g seiner bewußt ausführen kann. Ein solches Volk läßt sich daher nie erobern oder zu den: Anhängsel eines anderen machen, lveil es dann, statt lvie bisher sich selbst zu verwirklichen, einen: anderer: und fremden Geist« nnd Willen hingegebeu ist rmd sornit, jetzt ivahrhafi beherrscht, aus Freier: in. Sklaven verwandelt wäre. Dieser Gegensatz ist der prinzipielle und daher ein so blritiger und mrversölnrli'cher, daß, so lar:ge die Geschichte steht, noch nie ein tvahrhaft freies Volk von außen nnterjochi tvorden ist, Vielrnehv durch di« Errergie, nickst von sich ablassei: zu luollei: und dies gar nicht 31t fön n e n, selbst unter der: ungünstigsten