Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 52 (26.12.1902)
- Date
- 1902-12-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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<&■ Lrd«kwn: n/3. Lvopoldsgaste 49. Gprechft««-e»r An Wochmtage« »ou 3 Bi* 4 Uhr nachmittag». JSdilcheS Gol?S!i>ra«, Wir»- lljS. S»sLtt»r«dr» rvegm vrrspiiteter oder gar nicht erfolgter Ijnkttlltm» «bitten wir IN» dringend. — Mn»ri?rriöte seeedev nicht zmmrk-eftrltt. Poftsparraffm-Sonto SS?vS7. An daS Kvomrcuient kann man täglich etatrrt«,. TOM jedes MG imtzev MtUotGsms toim M-rp^en Vo!Ks- Iteefe! Äsrrr-WÄKNl PmrfkSEMM'rkm. Fasaütrte übsmihmsn die gttmm: I. Dmm»devL M. Dukes, Haafm» fltta A Dvgl«, Radoy ©1*15«, 8. VPP-l», M. P«zson>si, ». Sch»« in Kim, finster aEc LtMEM-Mn-Lüiimen im Ausland«. GdsKsLMöWsvrsr Äs Wito» L« Heller. KdviÄMvÄttrm; H/3. Lropvldsgaste 49. TelePho»°Str. 14723 MoU»eme«tSpreiSr Teicpho«-Nr. 14728 8ür Wie« k« Defterreich-Nttsar« smnmt Nrancoztrstellung. 4»- «mtzjShrtg HalbjSÄi« . Merteljähria. «r.8- » 4- Fttr baS gesummte RuSland sammt Francoznstellung. »anzMrig . . . -albfihrig . . . Bierteljährig . . . ,8t. O - - „ |.50 . . 8X5 luriii'i Uiiun iiijiiiiinnniTnTn»iTii aianrnvui n,n •wwyg'wwnamuww^aMoww.wwuwwwMwitiniiiiwBawyiS'j Ur. 52 Pit», 86. §tjmbet 1902 (26. Kiste« 5663). IV. Jahrgang. mmiVJi^M&fcmiirZüS£iStiv£*fcäääDn£rm3vrÖB>kra™rw*mrwHii*umvT~m*wt^'&™£^^ An unsere Leser! Am 1. Jänner 1903 beginnt ein neues Quartal und wir laden unsere Freunde zum Bezüge des „Jüdischen Volks bla tt" ein. Das .Jüdische Volksblatt' wendet sich an alle diejenigen, welche das jüdische Volk aus seiner Erschlaffung erwecken und die Selbftemauzipation der Juden auf national-sozialer Basis vorbereiten wollen. Es sind die politischen Idealisten, die wir rufen. Nach verhältnismäßig kurzer Zeit hat sich das „Jüdische Volksblatt" einen großen Kreis von Lesern und Freunden geschaffen. Aber noch immer stehen große Massen des Judentums beiseite, teilnahmslos, fremd gegenüber dem eigenen Volke. Das „I ü d i s ch e V o l k s b l a t t" ist kein auf Gewinn ausgehendes Unternehmen. Es ist ein Agitationswerkzeug für die nationale Eigenart, für die nationale Einigung unseres arg geschmähten Volkes; es ist eine Waffe — und wie es sich erwiesen hat — eine wirksame Waffe gegen unsere Feinde ringsumher. Das „Jüdische V o l k s b l a t t" hat stets das nationale Programm in seinem vollen Umfange und mit ganze m Freimute vertreten. Darum kann und soll jeder Freund unseres Volkes das „Jüdische Volksblatt" verbreiten helfen; jeder Leser, den er zuführt, ist bald eine Streitkraft für unsere heilige Sache. Eine Kampfgemeinschaft, die s ch o n f ü n f Ja h r e Sonnenschein und Sturm mi teinander getragen hat, tritt vor die jüdische L e s e r w e l t. Juden, leset und verbreitet das „Jüdische Volksblatt". Wir bitten alle diejenigen unserer Abonnenten, welche mit dem Abonnement im Rückstände sind, uns den Betrag freundlichst einzusenden, weil wir sonst gezwungen wären, die Zusendung des Blattes an d i eselben e i n z u st e l l e n. Das „Jüdische Volksblatt" eignet sich infolge seiner großen Verbreitung besonders zur Insertion. Wir sind auf Wunsch gerne bereit, mit Spezialofferten zu dienen. Administration des „Jüdischen Volksblatt". Der Geist der Makkabäer. (Chavnka-Betracht«ng)) J. Kr. Bei dem matten Scheine der bescheidenen Chanuka-Lämpchen begeht das Judentum sein schönstes, wichtigstes, nationales Fest. Das Chanukafest ist eigentlich nur insoferne^ein synagogaleS Fest, als die Synagoge überhaupt die Ankündigerin eines jeden irdischen Feiertages ist. Erst nachdem die ganze Gemeinde zusammen im Tempel das Fest angekündigt hat, kann und soll jeder Jude zu Hause im kreise seiner Familie das Fest für sich begehen. Am Chanukafeste ist die Arbeit nicht untersagt, es unterscheidet sich durch nichts von den übrigen Tagen, als durch die kleinen Lämpchen, die nicht profanirt werden dürfen, sondern nur gesehen und geschaut werden sollen. In früheren Zeiten, als der Jude, noch überall ins Ghetto gepfercht, von seinen lieben christlichen Mitbürgern ganz abgeschieden, sein kummervolles Dasein fristete, da war es noch so. Am Eingänge des Chanukafestes, da erhellten plötzlich wie auf einen Nus alle Fenster der Judenhäuser, kleine Lämpchen wurden entzündet: die Judengasse illuminierte zum Andenken an die Heldentaten der Makkabäer. Weithin waren diese Flammenzünglein sichtbar und im Innern der niederen, dumpfen Stube saß die jüdische Familie, sch aute dieses kleine, bescheidene Zeichen der Erinnerung an die „großen BaiaixiDaxgtuttEiiMaKaiKflcnwKica im mrwj Wunder", schaute es nicht nur mit körperlichem, sondern auch mit geistigem Auge, sann über die Vergangenheit seines Stammes, über seine eigene Gegenwart nach und gar mancher mochte in sich den Mut eines Makkabi erwachen fühlen! Als dann die Ghettomauern fielen, die Juden von ihrem Rechte der Freizügigkeit immer mehr Gebrauch machten, die Fenster der Judenhäuser dem Gesichtskreise der Arier immer näherrückten, da begann auch die „Menorah" ihre traurige Wanderung anzutreten. Sie wandcrte vom Fenster auf den Tisch, die Fenster wurden sorgfältig verhängt: das Chanutalicht wurde immer weniger gesehen, aber noch immer geschaut. Die Assimilationsbestrebungen der Juden gewannen dann immer mehr und mehr Boden, der Jude glaubte, aus Dankbarkeit für die Anerkennung seiner Menschenrechte seine nationalen Pflichten opfern zu müssen, streifte allmählich alles ab, was ihn äußerlich zum Juden stempelte, der Christbaum hielt seinen Einzug ins Judenhaus und die „Menorah", dieses alte, früher in so hohen Ehren gehaltene Erbstück der jüdischen Familie, mußte den Weg in bic Küche, von dort in die Rumpelkammer und dann endlich den Flug auf die Gasse in den Kot mitmachen. Das Ehanukalicht wurde nunmehr weder gesehen noch geschaut, das Andenken an die tapferen Makkabäer war vollends erloschen. Und es schien, als sollte es schon immer so bleiben. Besinnungslos warf sich das Judentum in die Hochflut des falschen Liberalisnms, ohne zu bedenken, daß es stch da nie und nimmer werde aus der Oberfläche behaupten können, daß es dem sicheren nationalen Tode entgegengehe. Das Judentum schien dem Untergange geweiht. Mann um Mann versank in der politischen Sintflut, welche die letzten vierzig Jahre um uns herum alles verwüstete, als plötzlich der wieder lebendig wurde, eine beseelte, sie zum Kampfe führte zu Tode gehetzten Judentums, entflammte. Das Judentum mußte aus. seiner Agonie ins Leben gerufen werden. Es war ein Kampf mit einem Ertrinkenden, der sich mit dem Aufwand seiner Juda Makkabis anfangs kleine Schar gegen "die Feinde des ©in erbitterter Kampf immQaxnpswawpii iiii-iim hi——iii-hii—•» Feuilleton Zur Nachahmung empfohlen. Herr Philipp Kohn entstammte einer gutjüdischen Familie Mährens, brachte es durch seinen Fleiß vom Kommis zum Chef eines wegen seiner Rechtlichkeit geachteten Wiener Geschäftshauses und ward es ihm daher nicht schwer, den Seinen ein behagliches Dasein zu bieten, zumal seine Frau Frieda auch ihrerseits ein ganz respektables Vermögen in die Ehe brachte. Zwei schöne Knaben, wohlgeraten an Geist und Körper, erfüllten das Haus mit Leben und Freude. Frau Frieda hatte in der höheren Töchterschule nicht mir Bildung, sondern auch eine Freundin gefunden, an der sie treu hing, Leopoldine, die jedoch, von: Glücke minder begünstigt, an einen kleinen, dafür aber adeligen Staatsbeamten, den Herrn von Hungert, verheiratet war. Wenn auch die Freundschaft der beiden Frauen die herzlichste war, so blieben sich die Männer dennoch innerlich fremd; man sah sich nicht oft, doch war es eine zur Ueberlieferung gewordene Regel, den Weihnachtsabend iin Hause Kohn zu verbringen. Nachdem reiche Juden eine schmackhafte Küche,. kleine Staatsbeamte aber bei billigster Gelegenheit eine gute Gabel führen, so ist man trotz der Zeiten Wandel der alten Gepflogenheit treu geblieben und ivar es Frau Frieda nicht unwillkommen, vor ihren jüdischen Freunden mit einem echten Arier, noch dazu von unverfälschtem Adel, paradieren zu können. Diese nur künstlich erhaltene Harmonie sollte jedoch nicht mehr lange währen, denn es . blieb kein Geheimnis, daß Herr von Hungerl bei den letzten Landtagswahlen eine agitatorische Tätigkeit entfaltete, die nicht nach dem Geschmacke des Herrn Kohn war. Da ein Unglück selten allein kommt, widerfuhr Herrn Kohn, der bis dahin ein ganz anständiger Mensch war, das weitere Malheur, in — wie soll ich sagen? — zionistische Gesellschaft zu geraten — es war dies beim schlvarzen Kaffee — und er sah zu seiner Verwunderung, daß einige der Herren nicht nur akademische Bildung, sondern auch eine talmudische Belesenheit verrieten, die selbst einem Kultusvorstande zur Ehre gereicht hätte. Sein gesunder Verstand erfaßte bald den sittlich-erhabenen Sinn der jungjüdischen Bewegung, in seinem Herzen erwachten längst totgeglaubte Gefühle, und — nach Hause eilend, beschloß er, sich unserer Würde besinnend, den Christbaum und mit ihm Familie v. Hungerl für immer abzuschaffen. Leider hatte er die Rechnung ohne Frau Frieda gemacht, die gewohnt war, zum Christkindl einen schönen Schmuck zu erhalten. Es kam zu einer häuslichen Szene! Seine Frau fand Argumente genug, um ihren Standpunkt zu wahren — vor allem die alte Freundschaft mit dem Ehepaare Hungerl, ferner den Hinweis, wie nötig es gerade jetzt wäre, durch Gastfreundschaft und Geselligkeit den Riß in der Gesellschaft zu verkleistern u. s. w. Die Freunde würden das Unterbleiben der Feier auf schlechtere Finanzen zurückführen und was würde erst die alte Köchin sagen, die an jenem Abende Komplimente und reiche Trinkgelder erhielt, und die Hausmeisterin, die den Kohn'schen Christbaum als berühmteste Spezialität des Hauses bezeichnete?!- Der arme Herr Kohn blieb auf dem Schlachtfelde — doch in seiner Verzweiflung sann er auf ein Mittel um wenigstens für das nächste Jahr und damit für immer dieser für uns Juden nicht geziemenden Gepflogenheit ein Ende zu bereiten. Wir nwllen sehen, ob er das Nichtige gefunden hat. Der Weihnachtsabend ivar gekommen, die zahlreiche Gesellschaft versammelte sich im Speisezinnner, es schlug gerade acht Uhr vom benachbarten Rathausthurme" her und Herr von Hungerl, Mitglied des MännerqesangvereineS, setzte sich ans Piano, um einen flotten Marsch recht und schlecht anzustimmen, denn der Lueger-Marsch, auf den er am besten eingespielt war, wäre in diesem Hause denn doch zu gewagt gewesen. Bei den letzten Tonen öffneten sich die" großen Flügeltüren des Salons, es erscholl ein Ah! in allen Tonarten der Bewunderung und man sah einen Christbaum hoch bis an die Decke, glitzernd in allen Farben moderner Beleuchtungseffekte, reichlich beladen mit Naschwerk und allerlei Zieraten. Mit bezaubernder Liebenswürdigkeit hatte die gütige Fee Frau Frieda Kinder und Gäste bedacht und als alle die Bescherung empfangen, Herr Kohn die ihn: bestimmten Zigarren mit seinem Kennerblick geprüft, kam der gewohnte Hauptschlager, das Geschenk des Herrn Kohn, bestimmt für Frau ^Frieda, an die Reihe. Schmunzelnd wie alljährlich griff Herr Kohn in die Seitentasche seines Nockes und übergab seiner Frau ein kleines Paket, doch diesmal etwas umfangreicher als sonst. Aller Augen hefteten sich auf dasselbe, in erster Reibe jedoch ivar das Ehepaar Hungerl darauf gespannt, was der „Protz" sich heuer leisten würde. Frau Frieda entfernte hastig die Papierhülle, öffnete das Etui — es enthielt — ja was, enthielt es denn — ein kleines jüdisches Gebetbuch, zierlich in feinstem Maroquin gebunden. Tableau!!! Jetzt war es das Gesicht der lieben Frieda, das die schönsten Farbeneffekte brachte, Um dieser peinlichen Szene in galanter Weise ein Ende zu machen, entschlüpfte das erste bewundernde Wort dem Munde des Herrn von Hungerl und ein gewisses Interesse affektierend, erbat er sich das „schöne" Buch, um den Druck zu besehen. Ein böser Zufall wollte es, daß sein Blick auf die deutsche Uebersetzung folgender Stelle fast am Anfänge fiel: „Halt' uns fern von schlechten Menschen, schlechter Gesellschaft und Umgebung." Das war der letzte Weihnachtsabend im Hause Kohn. P. S. Um dich, freundliche Leserin zu . beruhigen, habe ich nachzutragen, daß Herr Kohn aus dieser Affäre keinen Nutzen zog. Frau Frieda erhielt, allerdings erst zu Purim, eine wunderschöne Brosche in Form einer Harfe, geziert mit schönen, eck len Steinen, so echt — wie unsere Tränen!! H. F. Paris, am 19. Dezember 1902. I