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Jüdisches Volksblatt · 1902-12-05 · 49 (5.12.1902) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
49 (5.12.1902)
Date
1902-12-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Beide enthüllen sie drastische Bilder aus dem Sumpfe der antisemitischen Preßkamarilla, nur mit dem kleinen Unterschiede, daß in diesem Prozesse Wolf der Jagdhund war, während in jenem er das Wild ist. Wir wollen nicht bei dem Nächstliegenden Gedanken verweilen, woher denn diese antisemitische Presse das Recht nimmt, sich auf dem kurulischen Richterstuhle breit zu machen und über das jüdische Volk vager ecfai umen, fertiges Bßtteinsiitze, Flanelldecken, Kastenbetten, itzo, Kinderbetten. fr. 1. oben* 8 zu Gericht zu sitzen, obwohl sie korrupt bis in das Mark irstrasse 17. fl ist — wir wollen vielmehr einer anderen Frage näher- >teiie.) B treten, die durch die von der Seitenstettengasse gegen das „Jüd. Volksbl." allerhöchst befohlenen Hetze aktuell geworden ist. Das „Deutsche Volksblatt" sprach einmal über die Juden ohne sie zu beschimpfen. Wir sind diesbezüglich immer aus dem Standpunkt gestanden, daß es uns herzlich gleich bleibt, ob uns das „D. V." l 0 b t o b e f 1 a b e 11; wir gehen unbeirrt unseres Weges. Da aber die Offiziellen gar soviel Aufhebens machen und mit ihren fadenscheinigen Argumenten sogar manchem Schwachkopf imponieren, so wollen wir zu Nutz und Frommen der Wahrheit folgendes konstatieren. Als die nationale Bewegung begann, da bewiesen uns die damaligen Leuchten in Juda sonnenklar, daß durch sie die Gegensätze zwischen Juden und Ariern verschärft würden und daß die antisemitische Presse aus dem offenen Bekenntnisse zum jüdischen Volke neuen Haß schöpfen würde. Wie wir nun einmal verstockte Sünder sind, wollte uns diese Konsequenz absolut nicht einleuchten. Und die Geschichte hat uns recht gegeben. Es hat sich gezeigt, daß das jüdisch - nationale Programm allein die Möglichkeit einer ehrlichen Verständigung von Volk zu Volk bot. Nun bilden wir uns darauf nichts ein ttboden, entiliert, ade der W rrr, 6» Dezember 1902 (5. gwhv 5663). und wir wiederholen, daß der Beifall oder Mißfall der Nichtjuden keine Triebfeder unseres Vorgehens bildet. Wir handeln nach dem Prinzipe: „Tue recht und scheue niemand^. Aber einen Vorwurf darf man uns daraus doch nicht machen, daß wir bewirkt haben, daß die große Mehrheit der christlichen Wiener, die nun einmal im christlich-sozialen Lager steht (denn dies werden wohl selbst die Herren Deutschfreiheitlichen von der Seitenstetlengasse bemerkt haben),einmaldieJudenfragenicht aus der Sch neid er'schen Perspektive betrachtet, sondern vom Standpunkte einer Verständigung auf Grund gegenseitiger Konzessionen. Daß die Weisen aus der Seitenstettengaffe uns nicht verstehen, wundert uns allerdings nicht, sie sind doch nicht umsonst bei den Deutschliberalen in die Schule gegangen, die es durch ihre bornierte Politik und ihre bornierte Presse glücklich dahin brachten, daß die Völker Oesterreichs sich fremder als Antipoden gegenüberstanden; so können ihre Schüler unter der bewährten Führung des Dr. Alfred Stern dank ihrer zielbewußten Politik befriedigt darauf Hinweisen, daß die Juden Wiens von der Mehrheit der christlichen Bevölkerung in Acht und Bann getan sind. Glücklich haben sie es erreicht und durchgesetzt; da bieten sich Spuren einer Verständigung; stugs wird die ganze Reptilienpresse aufgeboten, damit zur höheren Ehre der deutschfreiheitlichen Koalition die Kluft zwischen Christ und Jud nicht überbrückt wird. Man wirft uns vor, daß das „Deutsche Volksblatt" uns lobt. Ja du lieber Gott, wir wollen uns nicht überheben, aber wir teilen dieses Schicksal mit den Größten in Juda, die allerdings nicht mevr der Zensur der Seitenstettengasse unterstehen — mit d e n Propheten. (Lebten sie noch, würden sie ebenfalls von den ledernen Catos verfolgt und ebenso „Antisemiten" gescholten werden und Dr. Gü bemann würde ebenso gegen sie predigen, jene Feuergeister würden aber ebenso oder noch ganz anders die Schale ihres Zornes über die modernen Baalspriester ausgießen.) Also, sowohl Prinz Loisl, der künftige Landmarschall von Niederösterreich, als auch das „Deutsche Volksblatt" als auch die „O. R." und die „D. Z." beuten gelegentlich die Strafpredigten des Propheten gegen das heutige Judentum aus, ohne daß selbst die weisen Thebaner, die bezahlten und die unbezahlten, von der Vorstandspartei den Mut hätten, gegen die Gesandten Gottes aufzutreten? Weshalb also der Lärm gegen uns? Was steht den Herren zu Diensten? Jene Splitterrichter mögen uns die Grundlosigkeit unserer Angriffe Nachweisen und wir IV. Kahrgams. werden sie mit Bedauern zurückziehen; aber uns einfach die Tatsache, daß die antisemitische Presse uns gewöhnlich gefälscht und zusammenhanglos zitiert, als Verbrechen anrechnen, das heißt wirklich die Masse mit vergifteten Schlagwörtern verblöden. Aber jene Verteidiger der Offiziellen, deren Verstand erst durch Subventionen geschärft werden muß. wissen recht wohl, was sie tun, wenn sie sich über uns ihr ungewaschenes Maul zerreißen; ihnen wäre es sehr recht, wenn die Korruption im Innern des Judentums üppig in dle Halme schösse — denn dabei fallen immer schöne Perzentchen ab — das Judentum selbst aber, durch den albernen Antisemitenkrieg hypnotisiert, gar nicht merkte, was für Prachtexemplare von Lumpen sich in seiner Mitte befinden. Es ist der alte Gaunertrik. „Halt's ihn auf l“ schreit der Dieb, damit die blinde Menge nicht merkt, daß er selbst der Dieb ist. Um eine ehrliche Selbstkritik zu verhindern, füttert man das liebe jüdische Publikum mit Verganew, Schmul Leeb K o h n, Biographien von Börsen- und Kommerzialräten, Lotzelech und Beschimpfungen der Nationaljuden. Das „Deutsche Voiksblatt" zitiert uns; nun, dabei hat es höchstens den Vorteil, daß es ein paar Kreuzer Zeilenhonorar erspart und seinen — jüdischen Lesern statt der breiten Betteljnvpe seinen Beschimpfungen einmal eine ehrliche Kritik vorsctzt. Aber davon leben kann es nicht. Dagegen wagen wir dreist die Behauptung, daß die ganze antisemitische Presse, so wie sie in Wien besteht, nrcht existieren könnte, wenn sie nicht aus den Reptilieufonds der Taussigs, Nothschiids und Gesinnungsgenossen gefuttert würde. Erkennst du endlich, du blindes jüdisches Volk, wem du dafür zu danken hast, daß du viermal täglich in Wien Ritualmordbeschuldigungen lesen kannst? Das verdankst du deinen Großen, sei es, daß sie sich nun wirklich herablaffen,im Kultusvorstande zu sitzen oder ob sie sich nur vertreten lassen, wie Rothschild. Und angesichts dieses himmelschreienden Verbrechens, unter dem das ganze arme jüdische Volk ächzt, kommen diese Käseblätter, ob sie nun „Wochenschrift für dis vom Judentum gesammelten Interessen und Zinsen" oder „Lüge" heißen und wollen uns in die Arme fallen! Wir schütteln diese Zuhälter mit einem Ruck ab, wir haben nichts mit ihnen gemein; ihr Tadel ist unser Lob, ihre Feindschaft ist unser Stolz. Wir habeu für ihre tarifmäßige Kritik nur ein Lächeln der Verachtung und werden uns, wie bisher, durch dieses Gelichter nicht in unserer Arbeit stören lassen. rrcks. — 1. Stock, tsort. für «f, eben* Tournale. UL 6. etidre. Ma Tom« . . .! Von Max Eisler. Aus schwarzen Gassen, wo das Trübsal weint, komme ich zu dir in dein Haus, um Licht zu trinken aus ewigen Quellen. Wo ich war, da war Nacht und keine Liebe; mich aber dürstete es nach Licht. Nun ist eS gut: ich schaue in schwacher Demnt deine Herrlichkeit und mein Auge hängt mit Bangen an der Schönheit deines Thrones, Wie prächtig bist du, Löwe Israels, lagernd an den Stufen der Allmacht: Von deiner Mähne rinnt weißer Glanz, der wie der Stern des Abends leuchtet, aufflammend über Gibeon. In deiner Stirn dräuen die Falten der Kraft; du zerreißt ja mit deinen scharfen Klauen den braunen Widder, der stark ward in den Bergen, den die Felsen gesäugt mit Grimm. Zittert vor dem Löwen Israels, wenn er erwacht und mit schallendem Schritte die Zweige bricht! Er steht auf ragenden Felsen und schaut in die Wüste. Er hebet die Stimme mit Macht, und sein Schrei läuft wie das Grollen des Meeres ir.'s Land. Es beben die Völker vor dem Löwen Israels und Amalek läßt ab von seinem Grimm. Dann wird lohend der Hinnnel im Westen und um die Zelte Jakobs legt sich der Purpur des Abends. -Wie schön seid ihr Zelte Jakobs im Purpur des Abends! Was zitterst du, Moab, was bangt dir, Amalek? Die Kraft des Herrn wohnt in den Hütten Israels und sein Löwe erwacht. Ich komme aus schwarzen Gassen, wo das Trübsal weint, zu dir in dein Haus, um Licht zu trinken aus ewigen Quellen! Das Heilige und das Profane. Von Achad-Haam. Autorisierte Uebersetzung von Moses Horowitz, Stanislaw Zu den Merkmalen, die das Heilige vom Profanen unterscheiden, kann man folgende rechnen: Beim P r of a n e n wird uns das Mittel nur in dem Maße lieb, als es zum Ziele verhilft, und darum ändern und wechseln wir das Mittel dem Ziele gemäß und wenn letzteres aufhört, verschwindet zugleich ersteres; beim Heiligen aber wird auch das Mittel ganz heilig, so daß wir es nicht ändern oder wechseln und wenn das Ziel wegfällt, hört nicht das Mittel auf, vielmehr schaffenwir ein anderes passendesZiel. Mit anderen Worten: beim Profanen hüten wir die Form wegen des Inhaltes und werfen jene weg. wenn dieser fehlt, beim Heiligen dagegen verehren wir die Form gleich dem Inhalte und dies tun wir, wenn sogar der innere Gehalt wegfällt, nur geben wir ihr e i n e n neuen Inhalt. Die Egypter haben im Altertum an gewissen Feiertagen nur steinerne Gefäße gebraucht. Dieser Brauch wurde ihnen von ihren Ahnen überliefert, die in der „Steinzeit" lebten, in jener Periode, als die Menschen noch nicht andere Stoffe zu gebrauchen wußten und ihre Werkzeuge aus Stein verfertigten (Lubot). Wenn sie auch später die Kunst erlernten, die Werkzeuge aus besseren Materialien zu bereiten, wechselten sie zwar schnell im gewöhnlichen Gebrauche das bessere mit dem schlechteren Mittel, aber bei heiligen Zeremonien scheuten sie das Neue dem Alten vor- Anziehen, denn hier wurde das Mittel selbst heilig. Die egyptischen Priester suchten gewiß-und fanden dafür wichtige Gründe nach den dunklen Religionsgesetzen, d. h. sie suchten und fanden ein neues Ziel für das veraltete Mittel, einen neuen Inhalt für die leere Form. Und wir, warum schreiben wir die Bibel nur aus Pergament, warum schreiben wir sie und warum in der Form einer Rolle? Wozu denn diese große Mühe vierhundert Jahre nach dem Tode Gutenbergs? Weil unsere Ahnen (und die übrigen Menschen) alle ihre Bücher, während unsere Tempel existierten, auf diese Weise verfertigten, da die Menschheit damals noch über kein besseres Mittel verfügte. Wir gebrauchen zwar jetzt für unsere privaten Bücher die neuen besseren Mittel, aber bei den für h-ilige Zwecke bestimmten Büchern ist — alles heilig, sogar das Mittel zum Schreiben. » Diesen Unterschied finden wir auch bei den Büchern selbst. Die profanen Bücher (außer den poetischen, bei denen die Form sehr wichtig ist) sind nur ein Mittel, um durch sie den Inhalt zu erlernen, sie sind die Form für die in ihnen gesammelten Gedanken. Darum sehen wir. daß. je wehr der Inhalt bekannt wird, desto mehr gerät da^ Buch in Vergessenheit und die wichtigsten Bücher in der Kulturgeschichte der Menschheit, deren Inhalt allen Geschlechtern bekannt ist, liegen in den verschlossenen Schränken der Bibliotheken und werden nur selten gelesen. Die Lchren eines K o p e r n i k u s, Kepler und N e w : o n s werden in den öffentlichen Kinderschulen gelehrt, aber >ogar unter den Gelehrten sind nur wenige, die diese Lehren ans der ersten Quelle, den Büchern jener Entdecker ge'chövst haben. Die Werke Platons, dieses Meer, dessen W-sser wir noch heute durch verschiedene Ableitungen trinken, wer kümmert sich um sie und wer kennt ihre Namen? Fürwahr, eine stille Trauer erwacht in unseren Herzen, wenn nür sehen, daß auch die Kinder des Geistes nicht ewig sind, denn die Zeit macht alles vergessen, nachdem es seinen Zweck erfüllt und wir glauben, daß jene Autorenlot-mt es tu ihrer Macht wäre — eher wünschten, deh ihre Lehren nicht so bekannt seien, damit ihre Werke nicht so in Vergessenheit geraten. Dagegen kann man ub.’v niclns tun und tvenn es auch das Herz betrübt, der Verstand findet es

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