Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 46 (14.11.1902)
- Date
- 1902-11-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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LrdsLhuK: n/B. LeopoldssaM 49. tfit Wochentagen von 3 bis i klhr nachmittags, p.flsdrsffer MisHeS «sttSdlatt» «Sie»» Ul» SeschrvLrvr» megrn '.'«ipSteter oder gar nicht erfolgter Zufiellung erbitten vir uns dringend. — SRmrafcxttrte Verde« Sicht zuruSgestellt. i-ostsparcasim-Conto S4,'0S7. In bar Abonnement kann man täglich eintreteu. MSMirrrmM ser dvvr jüdischen Volksverein KrwKWierr P.rrfssVZmrrifston. Zi!rf«e«1s übernehme» die Firmen: I. Tanneberg, M. Dukes, Haafen« S-iu » Bögler, Rudolf Moste, A. Oppelik, M. Pozsonyi, K. Schalek in Wien, ferner alle Annoncm-Expeditionen im kluSlande. WirNzsL-KNMMSN im Wierr ZG Heller. LdmüMwsltton; H/3. Leopoldsgaste 49. Telephon-Nr. 1473» AbonnementSpreiS: Telephou-Nr. 1472» •*- Sür Wien u. Nefterretch-Nugarn fammt Francoznsiellung. Ganzjährig . . Kr. 8.— vierteljährig. . , . S.— Für baS gesammte Ausland fanmtt Francozustellung. Äunzjührig Halbjährig vierteljährig .Kr. „ 4.5© »f S.S5 Ur 46 Wien- 14» Uovember 1N02 (14. Marcheschroan 5663). iv. Nahrgavg» L8L2KL riTT mm TU »U *A*1 Die jüdischen Kultusgemeinden sind die letzten Ueberreste der einstigen Selbständigkeit unseres Volkes. Es hiesse den eigenen Lebenswillen verneinen, wollten nicht alle gutgesinnten Juden ihr Möglichstes daran setzen, um selbst in dieser armseligen Selbständigkeit Wertvolles zu schaffen für die religiösen, geistigen und sozialen Interessen der Gemeindemitglieder. Eine schmerzliche Erniedrigung wird es immer für das österreichische Judentum bleiben, dass es die Verwaltung seiner Gemeinde oftGleichgiltigen und national Indifferenten anvertraute, die alle ehrwürdigen Zusammenhänge zerrissen und das lebendige Judentum zu einem leblosen Kultus herabdrücken möchten. Wir wollen eine jüdische Gemeinde, die neben der Befriedigung der religiösen Bedürfnisse auch für jene geistigen und wirtschaftlichen Aufgaben Verständnis hat, denen sie — selbst im Rahmen des bestehenden Kultusgemeindegesetzes vom Jahre 1890 — bei einigem guten Willen gerecht werden kann. Wir verlangen in erster Linie die Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes, zumindest jedoch schon für die allernächste Zeit die Kreierung des in allen modernen Vertretungskörpern bestehenden Intelligenzwahlrechtes. Heute besteht ein plutokratisches Kuriensystem, das jeden jüdisch Gesinnten aufs tiefste verletzen muss und einen Hohn auf die demokratischen Traditionen unseres Volkes bildet. Wie soll man es denn anders heissen, wenn in der jüdischen Gemeinschaft bloss derjenige seine Stimme erheben darf, welcher mindestens 20 Kronen, und zwar seit zwei Jahren, zahlt und auch dann nur Wähler zweiter Klasse bleibt, wogegen Steuerzahler von 200 Kronen aufwärts ein Drittel der Kultusrepräsentanz und der Bezirkskommissionen ernennen. Wir verlangen, dass die Wahlen bezirksweise erfolgen, weil nur 7i/‘diesem Falle die Gewählten in der Lage sind, mit Verständnis für die lokalen Verhältnisse den Bedürfnissen der Wählerschaft Rechnung zu tragen. Wir verlangen, dass die Steuereinschätzungen nicht willkürlich, sondern nach einem Selbstbekenntnisse, wie bei der Einkommensteuer, erfolgen. Die zur Prüfung berufenen Bezirkskommissionen jedoch sollen ausschliesslich aus gewählten Mitgliedern bestehen, nicht zur Hälfte aus ernannten, wie heutzutage, was ein gewisses Misstrauen gegen die vom Bezirke gewählten Vertrauensmänner zum Ausdrucke bringt. Aber die Bezirkskommissionen sollen nicht nur Besteuerungsmaschinen sein, sondern in erster Linie über die Angelegenheiten ihres Rayons entscheiden, zu welchen auch die Armenratstätigkeit dazuzukommen hat. Wir verlangen, dass die Vo rstand ssitzungen in der Regel öffentlich seien, da die Verwaltung einer jüdischen Gemeinde das Tageslicht nicht zu scheuen hat; dass die Jahresabschlüsse in Druck gelegt werden und das ganze Jahr für jedermann erhältlich seien. Wir verlangen, dass die absichtlich verwischte Grenze zwischen dem charaktervollen Juden und dem abtrünnigen wieder hergestellt werde, dass jeder Jude weiss, ob er einem Volksgenossen oder einem Verräter die Hand reicht, und deshalb begehren wir die öffentliche Behandlung der Austrittsanzeigen, eine selbstverständliche Forderung, über die man sich bisher aus begreiflichen Gründen hinwegzudrücken pflegte. Wir verlangen, dass die Funktionäre der Gemeinden für ihren aufreibenden Dienst würdig entlohnt und mit systerilisierten Bezügen, Alters- und Krankenversicherung nach vorhergegangener begrenzter Probezeit definitiv angestellt werden und dass deren Entlassung oder strafweise. Pensionierung nur in Fällen eklatanter Pflichtverletzung zulässig sei. Wir verlangen die Eröffnung von Bethäusern, in denen die Armen, ohne Platzgeld zahlen zu müssen, am Neujahrs- und Versöhnungstage einem würdigen Gottesdienste beiwohnen können, ohne dass Privatunternehmer aus dem Andaehtsbedürfnisse ein Geschäft zu machen Gelegenheit haben. Der unerhörte Zustand, dass man an den hohen Feiertagen die Andächtigen durch Po 1 i z e i g e w a 11 von den Toren der Gotteshäuser wegtreibt, muss ein Ende nehmen! Wir verlangen, dass der jüdische Religionsunterricht ein solcher sei, dass in die Schule jüdischer Geist einziehe. Bisher war der Religionsunterricht— so weit vereinzelte Lehrer nicht charaktervolles Judentum auf eigene Faust lehrten — eine Vorbereitung zum Abfalle, denn er tötete in den Kindern jeden Zusammenhang mit dem jüdischen Volke. Die heutige Auflösung ist zum grossen Teile au^ dieses Unterrichtssystem und die Gleichgiltigkeit der Gemeinde zurückzuführen. Zur Wahrnehmung der geistigen Interessen gehört die Hebung des jüdischen Selbstbewusstseins. Wir verlangen darum die eifrige Pflege des mit dem Religionsunterrichte im enjgen Zusammenhänge stehenden Geschichtsunterrichtes, um schon dem Kinde das Bewusstsein beizubringen, einer alten Kulturnation anzugehören, von deren Geistesschätzen so vieles in die Kulturen anderer Völker hinübergenommen wurde. Hierdurch würde nicht nur der Zusammenhang des Judentums mit seiner ruhmreichen Vergangenheit wiederhergestellt, nicht nur das Verständnis seines Martyriums für die höchsten Ideen der Menschheit verbreitet, sondern auch das Gefühl der Zusammengehörigkeit aller Volks- und Glaubensgenossen erweckt werden. Wir verlangen zur Befriedigung der geistigen Bedürfnisse auch der Erwachsenen die Schaffung eines jüdischen Volkshauses, die Ausgestaltung der Gemeindebibliothek und die Errichtung und Unterstützung von jüdischen T o y n b e e-H a 11 e n. In wirtschaftliche r Beziehung verlangen wir die Förderung des Genossenschaftswesens, insbesondere jüdischer Spar- und Vorschusskassen, die Ausgestaltung des Arbeitsnachweises in der Weise, dass neben den Unternehmern auch die Arbeiterschaft auf die Arbeitsvermittlung den ihr gerechterweise zustehenden Einfluss zu nehmen vermag. Hierdurch soll den ärmsten unserer Volksgenossen ein kräftiger Schutz gegen die wirtschaftlichen Verfolgungen durch antisemitischen Boykott und andere Formen der Bedrückung geboten werden. Die sozialpolitische Betätigung würde die Aufgaben der Gemeinde auf dem Gebiete der Woltätigkeit wesentlich erleichtern. Auch hier fordern wir wesentliche Reformen, so die Bestellung jüdischer Armenräte, die mit den Bezirks-Kommissionen in Verbindung zu bringen wären, die Errichtung eines jüdischen Kinderspitales, für dessen Schaffung bereits ein bedeutender Fonds unverwendet liegen gelassen wird, die Schaffung einer Krankenwärterinnen-Schule und die Ausgestaltung der schon jetzt bestehenden jüdischen Freitisch-Vereine, Volks- und Schulküchen, Wärmestuben, Asyle und Kindergärten, Waisenversorgungs - Anstalten, bei welchen humanitären Einrichtungen die Mitwirkung und Aufsicht der Bezirks-Kommissionen geradezu zum Segen gereichen würde. Wir halten dafür, dass eine wahrhaft jüdische Gemeinde die Sammlungen für den Jüdischen Nationalfonds zumindest nicht behindere, da dieser einmal dazu berufen sein wird, an dem S e 1 b s t b e f r e iu n g s w e r k e des jüdischen Volkes hervorragend mitzuwirken. Es soll insbesondere nicht Vorkommen, dass, wenn jemand beim Thora-Aufrufe für diesen erhabenen Zweck spenden will, er von irgend einem Funktionär oder Tempelgewaltigen daran verhindert wird! Wir verlangen viel, aber wir müssen es tun, weil die bisherige Kultusgemeinde so wenig von dem bietet, was sie in den vielen Jahren ihres Bestandes hätte erreichen können. Unser Programm kann nicht sofort verwirklicht werden, aber es soll richtunggebend sein für weitere Arbeiten und wenn ein entsprechender Zeitraum verstrichen ist, wird unsere Gemeinde dann jüdisch sein in der ganzen Bedeutung dieses umfassenden Begriffes — dann wird sie keine Gemeinde sein, die nur den Kultusinteressen einer nach der Steuerkraft abgegrenzten Minderheit dient, sondern eine jüdische Gemeinschaft, die auf demokratischer Grundlage auch für die geistige und wirtschaftliche Hebung ihrer Mitglieder Sorge trägt, ohne Unterschied der Fassion. Wer diese Forderungen für berechtigt findet, der schlösse sich uns an, erscheine am 23. November bei der Wahlurne und wähle die Kandidaten der vereinigten national-jüdischen demokratischen Parteien Wiens! der vereinigten oppositionellen Tempel-Vereine, der Zionisten und der Jüdischen Volkspartei.