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Jüdisches Volksblatt · 1902-11-07 · 45 (7.11.1902) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
45 (7.11.1902)
Date
1902-11-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Vor jeder Wahl, sei es in den Gemeinderat, Reichsmt oder Landtag, treten gewisse Taschenkünstler auf den Plan und zaubern in den unterschiedlichen Zeitungen' der gläubigen Menge eine Fata Morgang vor. Wlie seinerzeit der Charlatan aus dem Markte, preisen sie jedesmal irgend ein Mittel in den höchsten Dithyramben ihren Getreuen an, durch das „unfehlbar" Lueger und! sein Anhang, die Strohköpfe, Strohmänner und Strohbäche, gestürzt würden. Jedesmal hat dieses „unfehlbare" Mittel bis jetzt die Hoffenden im Stich gelassen; aber diie Herde folgt noch immer dein Leithammel," hieß es weiter. Diese Kritik entsproß sicher nicht dem Bestreben, den Freiheitlichen« zu schaden; denn i m A ugU!stwarnochjZeik,Eiukehrimfortschri ttli chen L g ger zu h alten und die traditionellen Fehler diesmal zu unterlassen; diese Kritik hätte also für die Freiheitlichen sehr fruchtbar sein können, aber unsere Worte verflatterten in. den Wind und so mußte sich das Debacle der Freiheitlichen unaufhaltsam entstellen. Die „freiheitliche" Presse, d. h. die vereinigten liberalen Börsenzeitungen, marxistischen Allerweltserlöser, schönerianischcn Rituabnordlügner unddentschvolklichen 'Geschäftspolitiker ließen sich! natürlich nicht in ihrer Arbeit störert, und fuhren nach bewährtem Rezepte fort, „Stimmung zu machten". Die Stimmung war infolge dessen in den öffentlichen. Meinungsfabriken und ihren freiwilligen und unfreiwilligen Nachbetern die beste, als die Hiobs- Posten von dein Lande eintrafen. Doch so eine Kleinigkeit wie diie Nachricht, daß die Ch ristlich^Sozialen s ä m tliche e i it u n d z w a n z. i $ M a n d a t e erobert' haben, darf einen' Fveiheitsmann noch nicht in Verlegenheit bringen. Das ist der regelmäßige Abschluß jeder Wahl bei uns und, entsprechend dein „Answiegeln" vor der Wahl, kommt progranunatisch nach der Wahl das „Abwiegeln". Heißt es vor der Wahl: „Stegen wir nicht, so ist alles verloren!" so heißt es nach der Wahl: „Die Ehre ist gerettet, n i ch!ts ist verloren." Sonst wurde also der parteioffiziöse VeMuschnngsapparat in Szene gesetzt; man bewies haarscharf, daß die FeMeimr. „Iudenstaat" und „Altneilland". „Der Judenstaat" war die Verheißung, „Alt-Nein land" •'•) ist die Erfüllung. In beiden Büchern will Theodor H e r z l nur Dichter sein. Wenn er sich vom Schreibtisch erhebt, kehrlt er aus dem romantischen Lande der Träume in die rauhe Wirklichkeit zurück. Da sehen wir ihn auch all die Kleinarbeit des Agitators tun, wir sehen', wie gut er sich in diesem Labyrinth des Aktien- und Bankwesens anskennt, wir sehen, ihn, wie er ans so irdischen Mitteln eine so himmlische Sache machen will. Man muß sonach zwei Seiten seines Wesens streng auseiuanderhalten, wenn mau sich ein klares Bild von diesem Bäume machen' will. Wenn es einen Zauber der Persönlichkeit gibt, so kann man es ruhig von De. Theodor Herz! sagen. Wenn bei den Zionistenkoiigressen die Leidenschafteiii der Parteien gegen einander prallen und das Ganze in einem stürmischen' Chaos unterzugehen scheint, da schafft schon das bloße Erscheinen dieses merkwüroigen Mannes Ruhe. Eine Obstruktion könnte nicht eine Stunde vor ihm bestehen. So groß ist die suggestive Machst seiner Persönlichkeit. So energisch, so absolut, so selbstherrlich er als Führer an stritt, so weich, so zart, so einschmeichelnd sonst ist er als Dichter — als jüdischer Dichter. Man lese den „Judenstaat" — da führt^er 'eine schlichte, einfache Sprache — die erhabene Sprache der *) „VI11 ii c u I « n b", Roman von Theodor Herzl (Leipzig, Hermann Seemanns Nachfolger). Christlich-Sozialen eigentlich lumpige zwei! oder drei Mandate gewonnen hakten. Dabei uirterschlageu die schönen Herren die Tatsache, daß vor nicht zu langer Zeit alle L a n d g e m e i n d e n .Niederösterreichs in den Händen der liberalen Parteien waren«. Doch davon Abgesehen; nach dieser Logik seid ihr ja eigentlich ganz aus dem Wasser. Demi da die Christlich-Sozialen heute sämtliche ländliche Mandate besitzen-, so können sie bei den n ä chste n Wahle n k e i n e mehr erobern! Komme, was da will, ihr könnt schon heute behaupten: Die Christlich-Sozialen haben in den Landgemeinden ausgespielt; sie werden bei den nächsten Wahlen kein einziges Mandat erobern und nur ihren Besitzstand behaupten. Man sollte meinen!, daß man mit solchen Mätzchen keinen Hund vom Ofen lockt; aber: das ist die Quintessenz der ganzen Weisheit, die die „freiheitliche" Presse seit Jahren ihrem geduldigen Leserpublikum versetzt. Wir wollen stall vieler Zitate nur die „Sonn- und Montagszeitung" zitieren, die schon feit Jahren erfolgreich an der Verblödung ihrer Leser: arbeitet; das „unfehlbare" Mittel, mit dem sie den Antisemitismus totschlägt, ist einerseits der Nachweis, daß alle Antisemitenführer — Juden sind oder von Juden abstaimnen und andEseits die jüdischen' „Lotzelechs", die den Juden als internationalen Klown erscheinen lassen. Doch, lassen wir den Edlen selbst zu Worte kommen. Er sagt am 3. November wörtlich: Es ist ja möglich, daß der scheinbare Erfolg (!) des Dr. Lueger in Niederöfterreich furchtsame und schwächliche Elemente in der fortschrittlichen Partei einsthüchtert. Man sprach vom beginnenden Niedergange der christlichsozialcn Partei unk» nun sieht man plötzlich Dr- Lueger ivie einen Triumphator von Erfolg zu Erfolg schreiwn. (Aber, edler'Snppr, soeben sagtest du, daß es nur s ch e i n b a r e Erfolge lväreu, und ans einmal schreitet Lueger von Erfokg zu Erfolg.) Darum ist es Zeit, daran zu erinnern, das; dieser Scheinerfolg den schon begonnenen Verfall der christlichsozialen Partei nicht mehr «ufzuhalten vermag. Die alte liberale Partei beherrschte oreitzig Jahre das politische Leben; die christlich-soziale hat erst zehn Jahre eines verderblichen Wirkens hinter sich und schorr zeigen sich alle Symptome eines unaufhalts a m e it Niedergänge s. (Diese Symptome sind eben die glänzenden Siege in den Landgemeinden.) Datz dieser Niedergang sich nicht katastrophenartig als Zusmnnienbrilch vollzieht, liegt in der Natur jeder politischen Enttvicklung, die im Auf- und Abstieg der Parteien sich mit geschichtlicher Gelassenheit vollzieht. Der Sieg des Klcrikalismus in Niederösterreich ist kein Zeichen eines steigenden Anfschivnnges der christlich-sozialen Partei, sondern ein Zeichen ihres vollständigen Aufgehens in den Verband der reaktionären klerikalen Gemeinschaft und darum ist dieser Sieg nicht geeignet, die Städter zu verblüffen. Dr. Lueger ivcitz am beste», daß solche Siege für ihn geradezu ruinös sind, denn sie enthüllen die Tatsache, dag nicht die Bolksgunst, sondern die Gunst der „Schivarzen" ihn emporgetragen hat. Lueger steht und fällt mit seinem klerikalen Anhänge; darum käinpfcn beide einen — Verzweiflungskamps. Amen! Anstriacus. Die letzte Hoffnung der „Freiheitlichen" war der Ausfall der Städtewaylerr. Dcis^ Ergebnis ist bekannt nnb niederschmetternd für die freisinnigen Wahlmacher. In Wiien drangen sämtliche christlich-soziale .Kandtdaien durch bis auf eine Stichwahl in Favoriten; gegenüber diesem Resultate verschwinden vollkommen die vereinzelten Erfolge der DeutschvolklichM auf, bem Lande. Der moralische Eindruck, daß g a n z W'i> e n und sämtliche Landgemeinden unter der einheitlichen christlich-sozialen Flagge stehen und die Liberalen so gut wie ecrasiert sind, ein Ereignis, das wir allerd-ings voraussagt e n , wiegt diese vollkommen auf. Wir hören zwar schon heute die liberaleir Wahlresnltatfälscher das ganze Ergebnis auf Wahlrechtsfälschungen, klerikale Umtriebe und allerhand Zufälle zurückführen; hörten wir aber doch mit eigenen Ohren in einer Bersanimlung des „Politischen Aufklärungsverein" im Alsergrund, wie ein sozialdemokratischer Agitator namens Bauer ganz ernsthaft versicherte, daß die Juden — für die Antisemiten gesllmmt hätten. Wir teilen dieses Wort nur deshalb mit, um zu zeigen, daß auf fortschrittlicher Seite nicht einmal der geringste Ansatz vorhanden ist, sich über die Lage klar zu iverden. D e r D a n k d a f ü r , d a« ß d i e I u d e n i n d e n bedrohten Bezirken für d i e fovtschjrittl i ch e n Kandidaten, b ii e ausdrücklich e r - klärten, daß sie keine jüdischen Interessen kenne n!, sich m i t H i n t a n s e tz u n g i h r e r I n t e r e s f e n a l s o o p f e r t e n , b e x a n f dafür, daß die Fo rtschritt li ch en nur in dem st a r k von I u d e n d u r ch s e tz t e n e r st e n, z w e i t >e n u n d neunten Bezirk überhaupt K! a n d i d a t e n a u f z u st e l l e n wagten, b e - steh t also darin«, d aß man die Juden v erl eum bet un d b es chi mpft. Da n k pon d en Liberalen! Wir resümieren: ,'fo i r haben die Verlogenheit der l i b e r a l c m Pi resse, d i e Fe h l e r bei der A u s st e l l u n g d e r f o r t s ch r i t t l i ch e n K a n d ibaten, di e K l i quenUti r t s ch. a. st i n n e r halb b e n s o z i a l dem o k r a t i s ch> eir Führerschaft, di e an d i e schönst e n- Z eii en d er liberalen P a x t e i e r innert u n d' d e n B a u> derSoziald e m o k r a t i e u n t e r m i n i e r t, rückhaltlos gegeißelt. Wir f a n d e n k e i n e A n e r k e u - n u'n g d afür , sonde r n nurheftigen T ad e l. N u n e r n t o n die K o a l i c rten d i e F r ü ch t e i h r e r B o r n ie r t h eit. Für die Juden eniisteht aber die ernste Frage: W a s n u n? Die Träume von der Wiedeveroberung Nieder- Bibel. Was er erzählt? Den Auszug der Juden aus Egypten — ins Moderne übersetzt. „Alt-Neuland" — das liest sich wieder wie jene ewig schönen biblischen Jdylleuftwn Boas Werben« um die schöne Ruth. Da sind wir auf dem alten heiligen Boden, der wieder von Milch und Honig üüerfließt. Wir sind heimgekehll, die zerstreuten Söhne, zu ihrer Mutter. Und herrlich entrollt sich das Bild des alten und doch so neuen Landes. Diese zwei Bücher werden die Bibel der Zionisten situ und ich zweifle nicht, daß einst schwärmerische Verehrung sie das neueste Testament nennen wird. Die Handlung „Alt-Neuland" ist m.it wenigen Worten erzählt. Dr. Friedrich Löwenberg — ein junger Wiener Advokaturskonzipieut — ist dieses Elends satt und folgt, der Einladung eines Mensü-errfeindes, der sich einen. Gesellschafter für ein einsames Leben auf einer weltvergessenen Insel auf dem großen Ozean sucht. Sie reisen' südostlvärts, werfen nock) einen Blick aus das seit bald 2000 Jahren« trauernde Judöa, um sich an derhKlagemauer mit Ekel von der Beitelindustrie des nationalen« Kummers wegzuwenden. Nach 20 Jahren— 1023 — kehren sie wieder. Me. gelvaltig hat sich Judäa verändert. Sie glaubeii sich an der italienischen Riviera' zu befinden. Haifa ist ein Welthafen geworden, Schiffe aller Flaggen« liegen vor Anker. Das alte schmutzige Nest! ist eine herrliche Stadt nach enropäischmr Stil. Eisenbahnen durchqueren das Land nach allen RichtungeiT, die Sümpfe sind ansgetrocknet, was Wüste war, ist fruchtbares Ackerlaich. Dorf schließt sich an Dorf, ein Städtchen ist reizender als das andere. Tiberias, Jericho sind Welt-Kurorte. Der Karmel, Libuwn, Hermon und!vie sie alle heißen, die heiligen Höhen und Berge sind mit reizenden Billen und. Schlößchen bespickt. Ackerbau, Weinzucht und .Handel blühen. Ein glückliches Volk lebt in einem glücklichen Lande. Da stehen loir vor Jerusalem. Nicht mehr sitzt sie.einsam trauernd, die einst Fürstin war .... Die Altstadt — das ist die wahre Gottesstadt. Friedlich sicht die heilige Grabeskirche der Christen neben, den Moscheen« der Mohamedvner und Synagogen der Juden. Mitten in der Altstadt erhebt sch der Friedenspalast! — ein .internationaler Sammelpunkt für alle wohltätigen Bestrebungen. Und dort^ans dein Berge Moria — der Tempel — ein Wald von Säulen im herrlichen Weiß und Gold ... Wach' ich oder träum' ich? fragte ich inich. Ich wachte und träumte inst denk Dichter jenen sehnsuchtsvollen Zionstraum, der uns alle die Jahrhunderte nnsäglichen Leidens Dr. Friedrich« Löwenberg ist von all dem, Ivas er in Judäa gesehen, überwältigt. „Wir sehen hier eine neue, eine glückliche Form des Zusamimmlebens von Menschen« ~~ wer halt das mm geschaffen?" fwgte er seine alten und neuen Freunde. Der alte Littwak sagte: „Die Not." 'Architekt Steinek sagte „Das lviedervereimgte Volk Kingsconrt sagte: „Die neuen VerkehrsmiUel." Dr.'Marens sagte: „Das Wissen." Joe Levy sagte: „Der Wille." Professor Steinek sagte: „Die Natmckräfte. TV-.- ptmfiWi.' Nnedioer .bovkins sagte: „Die gegenseitige Duldung." ' Reschid Bey sagte: „Das Selbstvertrauen." David Littwak sagte: „Die Liebe und das Leiden/ Der alte Rabbi Samuel aber stand feierlich ans und sagte: „Gott!" Der Dichter aber will sagen, daß alles zusammen zur großen Befreiung des jüdifcheu Volfts mitzlUvirken hat.

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