Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 44 (31.10.1902)
- Date
- 1902-10-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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rrdkekion: u/3. Leopoldsgaffe 49. GpreHMMvest 6« Wochealaseu von 3 blfe 4 Uhr nachmittag-. p.fi«dr»si»r NSdifchev «slSSdlatt, Mte«. II.3 N«k-chtt»vrd«» rvegn, »r*ctliötcter oder gor nicht nlolQtn Anstellung erbitten wir MrrttNieriS?^ tvezim «iHt EÜÄaesteM. an# dringend. Postiparcoflen-Conto 447087. In hafl U-i.imimreiit 1<rr-u man täglich eiatreterc «Msr Mittoirkung de« VE ftivilchen Wolds verein erwatziren Peetsr^ wmls!tvn. Mferate kbernehmen die Firmm: I. Danneverg, M. Bukes» Haalen-- «sin A iSoglrr. Rudolf SLoffe. A. Ovpelil. M- Pof,!ouyt. 8. Schalek in Wien, ferner alle Armoncen-Äxpeditionen in« Ausland«. ü»ist Wie« 16 Heller. ■t V.- utraitöii; II/3. Leopoldogallv 49. Telephon-Nr. 14723 Ubo«neMer»;Ävrciöi Tclcphou-Sir. 1473» Kür Wie» o» L)eftrrret>i->Uu»axu >'ammt s?raneo/.ustrllvnq. Slin->;äl>rtg iiildjüyrig -':ittte'iädr'g »r.. «. - •4 - , 9.- t'iiir daS ucitiutiMte lJluSlnaD tnmmt Franco.,usleüung. /,--!!'.iährig . (.alljäiiviq . Si.r«eljÜi>riki Pr. » - „ stsi Ur. 44 Mi««. 31. Olttoder 1908 (30. Tischrt 5663). IV. JlchriAlMK. ^^M8EKM»»SW«»>W««SLAWtt»^vML.rr»^ «WSWWLSSMSSSLiLÄS teuer Ualrtzier. I. Jungst hörten wir eine köstliche Geschichte. Ein reicher Jude, von dem jeßt noch oft die Rede ist — die Mittels durch die er reich wurde, waren eben nicht sehr wählerische — wollte sich taufen lassen; insoweit war alles in Ordnung, dennes ist klar, daß ein Jude, sobald er den ersten Hunderttausonider erreicht hat, höchste Zeit hat, Christ zu werden. Hinzu kam, daß damals gerade jene Zeit herrschte, in der „jeder unserer „oberen Hundert" den Marschallsstab in der eisernen Kassa verwahrte". Dieser Spruch rührte davon her, daß der verstorbene Weihbischof Mar schall von der Pfarre zu St. Stephan die Spezialität aufwies, daß Schottenring und Quai sich bei ihm taufen ließen. Er nahm also beim damaligen Doni!- propste Unterricht und hätte cs sicher im praktischen Christentum recht weit gebracht, wenn nicht seine Gattin in einer Nacht auf einmal sehr schwere Träume gehabt hätte. Sie bezog dies auf den beabsichtigten Abfall und überredete ihren Gatten. Er blieb Jude und ließ sich, da er nun einmal diesem Judentum nicht entrinnen konnte, in den K u l t.u s v o'r st a n d wählen. Er sitzt jetzt nicht mehr in der Seitenstettengasse, vielleicht weil es sein Schwiegersohn, der den ominösen.Namen Marschall trägt und Katholik ist, nicht erlaubt. Doch nicht deshalb erzählen wir es, sondern! nur, um zu zeigen, aus welchem Holze unsere Kultusvorstände of!t> geschnitzt sind. Denn dieser Herr, der durch einen bösen Traum daran gehindert wurde, katholisch zu werden, 'ist ein Typus, einer von vielen, ein Typus jener, für die die Wahl in den Kultusvörstcmd nur das Mittel ist, um auf diesem Umwege Adel und Orden zu erhalten! und das Judentum los zn werden. Wenn die Bilder int; Sitzungssaale in der Seitenstettengasse reden könnten, die Bilder der Pereira, Arnstein, Eskeles, sie würden erbauliche Dinge erzählen. Nun, manchmal reden selbst leblose Dinge eine laute Sprache. Jimst^ ^britt ich durch die berühmte Mittelallee im Zentralfriedhof. Ich Null darüber schweigen, daß die Söhne eines I e l l i u e k getauft sind. Nein, aufgefallen sind mir die großenFamilieugrüfte ntit deir großen Gedenksteinen, die in sechs bis zehn'Quadrate geteilt sind; w viele Sprossen, zählte das Geschlecht, als ihr Begründer starb. Doch> die Tafeln werdenn i e m a l s die 'Namen der Nachkommen tragen; ewig werden sie leer bleiben, denn die Söhne oder Enkel sind — g -et tauf t. So sieht es in der Wiener jüdischen! Bourgeoisie aus. Es ist nicht der Neid des Plebejers, der ans diesen Wohl wissen wir den Wert eines Volks- Feuilleton. IghrzMicht. Ein heiliger Schauer durchs Zimmer weht . . . Im Fenster das Glas mit dem Oele steht. Die Schwester. die brannte das Lichtlein an Und wandte ihr blasses Gesicht sodann-— Es leuchtet das Lämpchen in mattem Schein — So war ja des Mütterchens ganzes Sein: Kein Glänzen, kein Strahlen — ein einfach Herz, Das sattsam gelitten des Lebens Schmerz . . . Du Leuchten des Lämpchens so wnndermild. Wie bist du so traulich der Mütter VildI . . . W i e n. Karl Steine r> 11 ose U Von Georg Znla w s k i. Uebersetzt von S. H o ui owitz (Krakau). Mittag stille. Der azurblaue, wolkenlose Himmel speit Feuer und ruht auf dem Horizonte wie eine Kugel. Und linter dem Himimelszelte ist die Luft unbeweglich, wie eingeschlnmntert. Kein Hauch kühlt die Mitkagsglnt, kein Baum gelnährt Schatten vor deut Sonnenbraitde: Eine Einöde. Inmitten dieser glühenden R a um fläche winlinelt es iln Wüstensanve lvie ein Ameisenhanfell. Die Männer Israels! Es sind bereits vierzig Jahre, daß sie, Moses Führung folgend, Egyptens Bergen Valet gesagt! haben. Heute martert sie der Durst, sterbend rufen sie: '„O Gott, Wasser!" bewußten P atri> zie r t n m s zu würdigeit. Denit m a n k a nn s i ch; k eiit besseres Syst>e m ausd e n k e n, u m d i e Z n k u n f t> d e r R a s s e z u s ch ä - d i g e n u nddieMachtst e l l rr it geinesVolk e s 3 u untergraben, a l s diese fortgesetzte E n t f r e nt düng v o n I u d i v i d u e n , w e l ch e a rt g e b o r e n e B o r z ü g e besitze n. Dieses Ereignis i st a b e r d i> e F o l g e dessen, daß u n s e r e R eichst c it u nt leeren F l i Jtl t e r u n d T a n d i h v e P f l i ch t e n d e r R a s s e g e g e u über v e r n a ch I ä s s i g e n v! d e r s i e d i r ei k t v e r r a t e u. Nimmer rastend produziert unser Volk stets neue Individuen, staitok sie inst den besten Vorzügen an Geist aus, hebt sie tu die höchsten Sphären, damit diese Jndividum, oben aitgelangt, lvo sie ihren Erzeugern den Dairk abstatten; könilsen, i h r Volk v,e r r a t e n. Ist die Lebeilskraft unserer Nasse lvirklich so unerschöpflich, daß sie das Spiel llvch lange ertragen kann? Wir ho.ben^ seinerzeit darauf hingewiesen, daß die sogenannten v e r j u d e - t e it Geldi n st i t it i c cs eigentlich waren, welche den 8t n t i s e m i t r s m ns g r o ß g e z o g e n und stark gemacht haben, sie haben diese Natter ainit ihrem Bnsen^ genährt. Ohne die reichen Pauschalien der Judenbanken! und Jlldenbahitcn hätten die antiseutstischcn Blätter nicht Wurzel fassen könrn'it . und N;ichi Auslagen erzielt, die die der judenliberalen Blätter übertreffen. Der antisemitische Blätterwald ist durch die Schweiggelder der arg verlästeriteit Judenbankea so üppig gewachsen, daß seine Spitze bis in den Himmel zu reichen scheini. Herrn N i t t e r v. T a u s s i g , der neben seiner Stellung im. Knltnsvorstairde auch Präsident oder Vizepräsident etlicher Banken, Bahnen und Jndnstrieunnrnehmungen ist, kann mait nicht den Vorwurf ersparen, daß er, wenn auch nicht direkt, so doch indirekt, ein Z ü ch t e r der a n t i s e in i t i s ch e n P reßliga ist. Hunderttansende werden der antisemitischen Preßnlente in den Nachen geworfen, ohne daß ein anderer Erfolg erzielt wird, als daß man, so lange die Bestechung noch frisch ist, anstatt gegen die reichen gegen, die armen Juden hetzt und, sobald der antisemitifch!e Geldbentcl an Ebbe leidet, wieder mit dem Gekläffe gegen die Neichen beginnt. In dasselbe Kapitel gehört die Wohltätigkeit unserer Patrizier; wie seltcu ist eine Spende für jüdische Zwecke. Eine Million schenkte Baron v. Rothschild der Poliklinik; lehr schön. Aber weiß er nicht, oder nässen es die Berater der Familie, z. B. der Kultnsvmstand Horner, nicht, daß es eine ganze Anzahl von jüdischen Wohlfahrtsinstituten gibt, denen, mit einigen tailscnd Kronen geholfen wäre und die diese Summe nicht aufbringen können? Wir nennen nur von den vielen deit jüdischeit Lehrlingsverein, der jedes nanvaiaMiKDi Und Moses, der Wüsten-Löwe, schweigt ... In einiger Entfernung Limit Volke steht er hinbrütend auf einem. Sandhügel: „Der Herr ist gut, aber die.Station ist von Sünde befleckt — soll ich >es wageit, wieder um ein Wunder 51t flehen?" Er senkte den Blick zu Boden., zog die Braneit kraus und die geballte Rechte erbebse; Ziveifelsncht und Verzweiflung nahmen seinen Geist gefangen. Er erblaßte: seiner ztlgeschnürtcn Kehle lvollte keine Bitte sich ent rin gen und er starrte ins Leere. Soweit der Blick reichte, lvarcn Zelte und in den Zelten lauerte der Tod. Die verdursteter Kamcele liegen inmitten von Mcnschenleichen. Männer, Weiber und Kiirder beklagen sich mit gebrochener Stimme vor Gott. — Moses wendete den Blick. Die heiße Sandfläche dehnte sich wie ein Todessee ans — und es wimmelt von, Leuten. Ein Schrei entreißt ihnseinem Hinbrüten. Er blickt um sich: dort liegt ein Franenleichnant — darüber gebeugt beißt sich der Akann wirreir Blickes in die verdorrten! Lippen und ein weinendes Kind klettert an dein frischen Leichnam der Mutter empor. Der Vater starrt tmstet ins Leere, die Tränen siitd ihm bereits versiegt. Der Lö!ve dev Wüste erbebte, schwere Seufzer schwellten seine Brust; er richtete den Blick gen Himmel mid starrte, mit von geheimnisvollen Kämpfeli aufgeregtem! Antlitze aufs Himmelszelt. Er richtete die Arme Hudie Höhe; und doch, vielleicht wird Gott ntich erhören! Seine Augen füllten sich blitzschnell mit Tränen, sein Bart erbebte und er stöhnte: O Gott! Das Stöhnen ertönte lnie das Echo eines fernen Donners: Wird Gott erhören? Wird er. Tvost spenden? — Stille . . . Einem schrecklichen Tage folgte eine noch schrecklichere Nacht. Man schlief nicht. Das Volk harrte des Todes oder derErlöstmg. Es erfolgte aber nichts vonBeiden. Weder lindert die Nacht die Glut noch stillt sie die furchtbaren Qualen des Durstes. Moses schläft nicht und sinnt nach. „Nstlß man also schon sterben? Wird niemand von uns das ver- Jahr eine große Zahl von jüdischen Lehrlingen znrüaweisen muß,' lveil seine Mittel nicht reichen, wir nennen den Verein, zur Unterbringung jüdischer Lungenkranker, der noch immev kein Heim auf dein Lande errichten kann; da gäbe es Gelegenheit für echte Wohltätigkeit, denn wir Juden haben keine Orden! und keine Prädikate zu vergeben. 8llso auf, Herr Horiter, zeigen Sie, daß es nicht wahr ist, daß Sie Ihre Stellung als 8llmosenier dahin auffassen, daß Rothschild nicht eine Krone zuviel für jüdische Zwecke ausgibt. ... Es herrscht aber eine rührende Uebereinstunmung zwischeit den Boeirgeois- und Sozialistenführern, Dr. Ellenbogeii ist konfessionslos (trotzdem er in einer Wählerversammlung das Gegentheil behauptet haben soll.) Dom Hage. Im Mittelpunkte der innerösterreichen Politik steht die Diskussion über den Ausfall der Landtagswahlen in den niederösterreichischen Landgemeinden. Die große „freiheitliche", „fortschrittliche" Tagespresse ist wieder einmal „überrascht" über den glänzenden Sieg der Christlich-Sozialen (die von 21 Mandaten 20 bereils erobert haben), soweit sie nicht, über die totale Niederlage der „freiheitlichen" Koalition schweigend, bloß die Tatsache verzeichnend, zur Tagesordnung übergeht. Wir sind wahrhaftig nicht überrascht und auch n i ch t nie d er ge s ch m e t t e rt von dem Wahlresultat, weil wir im großen und ganzen dasselbe vorausahnten. Wenn uns etwas verwundern könnte, wäre es höchstens die Haltung der „freisinnigen" Tagespresse, die nach der Wahl womöglich noch verlogener und dümmer sich benimmt, wie vorher. Wochen und Monate hindurch wurde gefasell von dem Zusammenbruche der christlich-sozialen Partei, von der Eroberung von mindestens 5—6 Mandaten für die angeblich „freiheitliche" Sache und das Resultat des großen Siegesznges der „freiheitlichen" Armee ist, daß die Christlich-Sozialen nicht nur fein SManboi verloren, sondern noch fünf neue Mandate eroberten. Nun erklärt man plötzlich, daß die „am Vorabend der Wahlschlacht in die Welt gejagten" Meldungen mehr Mittel zum Zweck, wie Zweck, d. h. mehr agitatorisch als informatorisch wirken . sollten!! „Niemand durfte erwarten, daß der Klerikalismus, der den niederösterreichischen Bauern so fest i m B l u t e s i tz st schon a u s z u t r e i b e n sei!" Sapienti sat. ■ ■ jimjw tf/mvaw w 1111 11 ■■■ wwwa»—ix» heißene Land betreten!? O Gott! Als du dich im bvcnnendeit Dornbüsche offenboriest, befahlst du, daß ich das jüdische Volk aus der Sklaverei erlöse und verhießest ihut ein üppiges Laub; ziehst du heutet deüt heiliges Wort zrirück, lvillst du deinen; auserwählteu ^tamm dem Verderbeit preisgebcn?" Ter Prophet ward von Zweifel- Seiu strahlendes Haupt: sank auf seine von Verztoeiflnug durchglühte Brust', die immer düsterer werdenden Gedauikeit durchbohrten feineans die Hand gestützte Stirne. Erl schlief ein. Ninjgsnut herrschte Stille. Eilt tödlicher Schleier bedeckte gemeinsaut Tote und Lebende. Mosts schlief. Da schien! es ihm, ats blitze es jäh aut Himmel ans und der Herr der Heerscharen erscheine int feurigen Regcubogeu, glorreich umgebeit von Eugelsscharelt und, seine Rie'chte über das Todestal arisbreitcud, ertönten seine Worte )vie Sturinesbrauseli: „Ich bin. euer Herr und Gott! Ich werde euch eine reine Wa sserqnelle anftlnt, auf daß ihr fürder meinen! Worten- Glauben schenket! Wisset, daß mein Herz mit euren Sünden Nachsicht übet! Erhebe dich, Knecht, schlage mit deinem Stabe an den Felsen —■ und ein Wasserstrahl wird hervorsprndeln!" — Und er verschwand. Rings trat dumpfes Schweigen ein und ein tiefer Schatten senkte sich. Mit dem- 8lngesichte zur Erde gebeugt, lauschte Älloses der göttlichen, Stimme. Olüvohl sie schon verhallt tvar, richtete er seilt Haupt noch nicht empor und Dankbarkeit, mit Verwundernug gepaart, erfüllte sein Herz, daß Gott, das Volk ans dein tödlichen 8lbgründe erlösen lvollte, das Volk, das den heiligen Bund nnzähligemal verletzt hatte. Eine bleierne Morgendänuuernug brach an; der Himmel tvar klar und tvolkenlos wie gestern. Ningsunr dehnte sich eine Sandfläche ans. Die Rudel wilder Hyänen, j!' _;■; ■!■ :l